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🙏 Eine Geschichte | ⏳ Lang, Lang ist’s her

Lang lang ists her - Kurzgeschichte

Um die Zeit, als es dort noch LeierkastenmĂ€nner gab, ging ich an einem schönen Sommerabend mit meinem Freunde, dem Musikdirektor Leonard Brunn, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, in den Tiergarten. Mitten im besten GesprĂ€ch nĂ€herten wir uns dem ersten der dort aufgestellten Orgeldreher, der Tag fĂŒr Tag an derselben Stelle seinen musikalischen Beruf ausĂŒbte. Indem er in auffallender Weise zur Andeutung seiner Blindheit auf der schon ganz blankgetasteten Wachstuchdecke seines musikalischen Kastens umherstrich und nach etwaigen Dreiern tappte, spielte er eine jener infamen Allerweltsmelodien, die zuweilen als eine Art von musikalischer Epidemie ĂŒber die Menschheit verhĂ€ngt werden. Zu meiner grĂ¶ĂŸten Verwunderung griff mein Freund Leonard Brunn, der sonst die Orgeldreher im allgemeinen und dieses Lied im besonderen ingrimmig hasste, in seine Tasche und reichte dem blinden Kollegen in fĂŒrstlicher Freigebigkeit einen Silbergroschen. Wir fuhren in unserem GesprĂ€ch fort und gerieten im Laufe dessen zu dem Denkmal Friedrich Wilhelm III., hinter dem der alte, freundliche Herr mit der MilitĂ€rmĂŒtze bereits seit der großen Vorzeit jeden Nachmittag „die letzte Rose“ von sich gab. Die an Verschwendung streifende Freigebigkeit meines Freundes wiederholte sich. Da er sonst ganz vernĂŒnftig sprach und mir soeben noch ĂŒber die Anwendung der Posaunen im Orchester einen lehrreichen Vortrag gehalten hatte, vermochte ich mir durchaus keine Vorstellung zu machen, wie diese abnorme Handlungsweise zu erklĂ€ren sei, und nachdem ich einige Zeit nachdenklich einhergeschritten war, sagte ich dies meinem Freunde. Da wir jedoch gerade in die NĂ€he eines melancholischen Trauergreises gekommen waren, der seine Orgel so trĂŒbselig drehte, als sei es ein Kindersarg mit einer Kurbel daran, antwortete Leonard einstweilen nicht, sonder schmunzelte nur etwas und blinzelte ein wenig mit den Augen. Und obgleich dieser traurige Mensch die Kutschkepolka in einem Tempo spielte, als wolle er ihre Brauchbarkeit bei BegrĂ€bnisfeierlichkeiten nachweisen, erhielt auch er seinen Silbergroschen. Als nun der gerĂŒhrte Leiermann auf seinem Trauerkasten ein anderes Register zog und uns dankbar „Röschen hatte einen Piepmatz“ im Tempo eines Chorales nachsendete, lĂ€chelte mein Freund Leonard wohlwollend wie ein VerklĂ€rter, der erhaben ist ĂŒber die Plagen dieses irdischen Jammertales.
„Lass uns in den zoologischen Garten gehen,“ sagte er dann, „dort suchen wir uns eine heimliche Bank und ich erzĂ€hle dir eine Geschichte.“

Von der Lichtenstein-BrĂŒcke her, wo ein behĂ€biger kleiner Invalide seine musikalische Wegelagerei betrieb und dem harmlosen Wanderer den Pass verlegte, schallte es nun von ferne herĂŒber: „Lang, lang ist’s her!“

Leonard’s ZĂŒge verklĂ€rten sich.
„Das ist das Rechte,“ sagte er, „der Mann versteht seine Zeit.“ Er griff in die Tasche und mit Schauder und Staunen sah ich ein blankes MarkstĂŒck in seiner Hand blitzen.

„Leonard!“ rief ich, „du wirst doch nicht?!“ Aber siegreich und heiter schritt er auf den Leiermann zu und vollfĂŒhrte den Akt wahnsinnigster Verschwendung, der mir jemals vor Augen gekommen ist. „Ihr seid ein tĂŒchtiger alter Kerl,“ sagte er und klopfte den fast erschrockenen Orgelmann auf die Schulter; „Ihr habt Talent.“

„Leonard,“ sagte ich, „bedenke doch, was der Mann fĂŒr einen gĂŒnstigen Posten hat hier an diesem Engpass, der ist möglicherweise reicher als du.“
„Schadet nichts,“ sagte er, „Höre nur erst meine Geschichte.“
Ich kann sagen, dass ich nicht wenig gespannt war, ein Erlebnis zu erfahren, das so sonderbare und unglaubliche Erscheinungen im Gefolge hatte.

„Ich erinnere mich sehr wohl,“ sagte ich, „deiner mannigfachen und gewaltigen ZornausbrĂŒche, die dir die Orgeldreherplage sonst entlockt hat. Du stelltest dir die musikalische Hölle vor wie eine unendlich lange Chaussee und an jeder Pappel einen teuflischen Orgeldreher in voller Arbeit, fortwĂ€hrend beschĂ€ftigt, den armen Musikanten, die dort in Ewigkeit zu wandeln verdammt waren, sĂ€mtliche Gassenhauer der ganzen Welt zu Gehör zu bringen. Wo ist hier Übergang und Vermittlung, wie willst du diese Dissonanz auflösen?“
„Jede Dissonanz lĂ€sst sich auflösen, teurer Freund,“ sagte Leonard, „und jedes Ding hat seine nĂŒtzliche und angenehme Seite. Nur bleibt sie oft dem beschrĂ€nkten Sinne verborgen. Ich habe mir frĂŒher auch nie trĂ€umen lassen, dass die himmlische Vorsehung sich eines Leierkastens zur Erreichung ihrer PlĂ€ne wirkungsvoll bedienen könnte.“

Wir waren im zoologischen Garten angelangt und hatten den seitlichen Gang zwischen den BĂŒffel -und Hirschgehegen eingeschlagen. Es war ein Wochentag und der Garten nicht sehr gefĂŒllt, so dass wir auf einer Bank am Wege ziemlich ungestört waren. Dort im Angesicht einiger friedlicher BĂŒffel, die, bis an den Hals im schlammigen Wasser stehend, behaglich schnauften, erzĂ€hlte mir Leonard seine Geschichte. Ich will sie in meiner Weise wieder erzĂ€hlen.

Es ist eine Liebesgeschichte so gewöhnlicher Art, dass sie jeder, auch der ausgehungertste Novellist, wenn er sie so wie ein leeres, verbrauchtes Portemonnaie am Wege gefunden, einfach mit dem Fuß beiseite gestoßen hĂ€tte. Der gĂŒtige Leser, der geĂŒbt ist in solchen Dingen, und bei seinem tĂ€glichen Leihbibliothekenfutter bereits vor vielen Jahren das JubilĂ€um des tausendsten Bandes gefeiert hat, wird jetzt schon den ganzen Verlauf an den Fingern hersagen können, und wenn ich die Geschichte trotzdem erzĂ€hle, so geschieht es in dem Vertrauen auf die ewige Langmut und GĂŒte der Vorsehung und im Hinblick auf jene jungen und glĂ€ubigen Opfer, denen noch nicht die langjĂ€hrige Erfahrung aus den tausend fettigen LeihbibliotheksbĂ€nden zu Gebote steht.

Es ist in Dunkel gehĂŒllt, bei welcher Gelegenheit meinem Freunde Leonard zuerst auffiel, dass Agnes Bolten ein merkwĂŒrdig angenehmes MĂ€dchen sei. Diese Anschauung kam nicht plötzlich, sondern entwickelte sich so regelrecht, aus Keim und Knospe, wie man er nur wĂŒnschen kann. Aber eines Tages empfand er doch mit Überraschung, dass diese Angelegenheit zu einer merkwĂŒrdigen Klarheit gediehen sei, und dass er eine Neigung in sich verspĂŒre, jedem anderen jungen Manne, der Ă€hnliche GefĂŒhle gegen FrĂ€ulein Agnes zu hegen wage, den Hals zu brechen. Obgleich er aus den hundert kleinen Anzeichen, mit denen eine heimliche liebe hervorblitzt, wie ein Bach, der unter Kraut und Blumen verborgen einherrieselt, zu schließen wagte, dass seine Neigung nicht unerwidert sei, so dauerte es doch einige Zeit, bis seine ĂŒberlegene und maßvolle Natur, die zwar schwer von EntschlĂŒssen, aber hartnĂ€ckig in deren AusfĂŒhrung war, sich zu einem entscheidenden Schritt entschloss. Dieser Zeitpunkt trat jedoch endlich ein, und nachdem er sĂ€mtlichen Freunden und Verwandten die grĂŒndlichste Versicherung gegeben hatte, sich niemals zu verheiraten und als guter alter Onkel seine Tage zu beschließen, benĂŒtzte er einen der kĂ€ltesten Winterabende, an dem ihm das GlĂŒck zu teil wurde, FrĂ€ulein Agnes Bolten aus einer Gesellschaft nach Hause zu fĂŒhren, sie mit der Glut seines Herzens bekannt zu machen.

Wo zwei solche Flammen lange unterdrĂŒckt und heimlich genĂ€hrt ineinander lohen, durchwĂ€rmen sie auch die bittere KĂ€lte einer Winternacht, und das alte, schneebedeckte Gartentor der Villa Bolten wurde heute Abend Zeuge von Ereignissen, fĂŒr die man sonst die blĂŒhende Fliederlaube oder die schattige Sommerlinde allgemein als die passendste Örtlichkeit anzusehen gewohnt ist. KĂŒsse, Seufzer und TrĂ€nen, TrĂ€nen, die die bitterliche DezemberkĂ€lte sofort in Eis verwandelte, so dass neue KĂŒsse nötig waren, sie wieder aufzutauen. Sie galten einen wĂŒrdigen alten Herrn, der, wĂ€hrend diese Tatsachen an dem festgefĂŒgten Bau seiner schrullenhaften GrundsĂ€tze nagten, behaglich in seinem warmen Bette schlief, und zwar als gesunder Verstandesmensch grĂŒndlich und unbelĂ€stigt von dem unreellen Scheinwesen irgend eines Traumes.

„Wie soll es nun werden?“ sagte Agnes und sah angstvoll aus der weißen Pelzkapuze zu Leonard auf. „Papa ist so fĂŒrchterlich, wenn etwas gegen seinen Willen geht. Gegen mich ist er so gut, aber gegen dich wird er es nicht sein. Denn er hat einen Hass auf alle Musiker – nicht auf die Musik, aber auf euch. Er ist wohl streng, aber gegen jedermann gerecht, nur gegen euch nicht. Ich habe gekĂ€mpft dagegen, dich lieb zu haben, denn ich dachte, dass daraus nie ein GlĂŒck entstehen könne – nun ist es doch so plötzlich gekommen – wie soll es nur werden?“ „Morgen gehe ich zu deinem Vater,“ sagte Leonard, „da du mir gut bist, so soll mich auch keine Macht der Erde daran hindern, dich zu gewinnen.“ Sie sah ihn liebevoll, doch traurig an. „Du kennst ihn nicht,“ sagte sie, „aber wenn ich denke, wie du bist“ – ihr Gesicht hellte sich auf – „anders als die andern, so frei und klar und wahr, ich möchte fast Hoffnung fassen.“

Das Resultat dieses Abends war die Verabredung, dass Leonard am andern Tage bei dem alten Bolten, der, nichts ahnend, dies ganze Komplott verschlief, sein Heil versuchen sollte.

Die starke Abneigung des alten Herrn gegen die Musiker lĂ€sst sich einigermaßen entschuldigen, wenn man eine gewisse Sorte von Virtuosen ins Auge fasst, die die TreibhauswĂ€rme einer unverstĂ€ndigen Musikliebe neuerdings in krankhafter Menge hervorgebracht hat. Wer diese blassen, nervösen Einseitlinge mit ihrem ewigen Beifallshunger und der monströsen Eitelkeit auf ihre Taschenspiele – und JongleurkĂŒnste kennen gelernt hat, der wird um so dankbarer die sehr wenigen glĂ€nzenden Ausnahmen anerkennen, die es glĂŒcklicherweise noch gibt. Es ist ihm aber nicht zu verdenken, wenn er alles, was die Firma Musiker fĂŒhrt, zuerst vorsichtig von ferne betrachtet, um sich zu ĂŒberzeugen, ob auch wirklich ein Mensch dahinter steckt und kein bloßer Bogen- oder Tastenbewegungsmechanismus. Herr Andresas Bolten musste aber noch tiefere GrĂŒnde haben, denn seine Abneigung gegen diese Menschenklasse streifte an Hass, und obgleich er der Kunst durchaus nicht abgeneigt war, so waren doch fĂŒr ihn ihre Vertreter mit einem Odium behaftet, wie es etwa im Mittelalter wandernden Musikanten anhing. Er hegte die feste Meinung, dass der ausschließlichen BeschĂ€ftigung mit der Musik ein demoralisierendes Element innewohne, geeignet, den vorzĂŒglichsten Charakter zu untergraben, und wies man ihn hin auf manche glĂ€nzenden Beweise gegen seine Theorie, die in der Stadt zu finden waren, so pflegte er die Achseln zu zucken und die Ansicht zu Ă€ußern, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben solle. Es gewĂ€hrte ihm eine gewisse Befriedigung, dass Mozart so leichtlebig und Beethoven so exzentrisch gewesen, denn es passte in seine Theorie, und von Paganini glaubte er die schwĂ€rzesten aller schwarzen GerĂŒchte, die ĂŒber dieses Monstrum aller Virtuosen noch immer verbreitet sind. Richard Wagner, sein Lieblingskomponist, war ihm ein unerschöpfliches Beispiel, und natĂŒrlich glaubte er jede Entstellung und jedes alberne MĂ€rchen, das diesem großen, aber rĂŒcksichtslosen und streitbaren Mann angedichtet worden ist.

Leonard ahnte kaum die StĂ€rke des Bollwerken, das er mit gutem Mute zu stĂŒrmen ging, weil er einfach keine Vorstellung hatte, dass eine solche Sinnesart möglich sei. Er war jung, heiter und glĂŒcklich in seinem Beruf, die Welt lag vor ihm in dem Sonnenschein, den ein aufsteigender Ruhm darĂŒber hinbreitet, ein angenehmes kleines Vermögen machte ihn unabhĂ€ngig von dem leidigen Streben nach Brot, das zwar manche stĂ€rkt und krĂ€ftigt, viele aber immer tiefer hinabzieht und den Überfluss von Talenten vernichtet, den die Natur auch auf diesem Boden wie ĂŒberall aussĂ€t. Er war einer jener glĂŒcklichen AuserwĂ€hlten, die dort finden, wo so viele ihr Leben lang mĂŒhevoll und fruchtlos gesucht haben, und am besten wird wohl seine glĂŒckliche Natur geschildert durch einige Verse, die ihm ein scheidender Freund einst zur Erinnerung aufschrieb:

Der AuserwÀhlte.
Wem hold sind die Götter,
Dem blĂŒht der Vollendung
Herrliche Blume!
Es mĂŒhen sich manche
Und streben vergebens,
Und nimmer erreichbar
In dÀmmernder Ferne
Sehen sie schimmern
Das goldene ziel. –
Doch er kommt geschritten,
Der AuserwÀhlte,
Mit freiem Antlitz
Und leuchtender Stirne –
Ihm schließen die Knospen
Duftend sich auf,
Ihm neiget das Schönste
Sich lÀchelnd entgegen,
Und siegreich und heiter
Schreitet er aufwÀrts
Die leuchtende Bahn! –
Wem hold sind die Götter,
Dem blĂŒht der Vollendung
Herrliche Blume! –

Der Liebling der Götter hatte also sehr wenig Ahnung von dem Kampfe, dem er entgegenging, und doch saß ihm natĂŒrlich das beĂ€ngstigende Etwas im Blut, das den wohltrainierten Examinandus schließlich selbst um das bringt, was er zu Hause noch so schön gewusst hat. Nachdem er die ĂŒbliche Verschniepelung und VerschwĂ€rzung mit sich vorgenommen hatte, ohne die unsere im Punkte der Bekleidung traurig verarmte Zeit sich einen feierlichen Akt nicht vorstellen kann, machte er sich um die ĂŒbliche Besuchszeit kĂŒhn auf den Weg.

Wie zwei feierliche WĂ€chter mit AllongeperĂŒcken standen die beiden von wolligem Schnee bedeckten Gartentorpfeiler der Boltenschen Villa da. Leonard warf einen Blick auf einen Fleck neben dem einen Pfeiler, wo der Schnee von verschiedenen Fußpaaren, einem zarten und einem krĂ€ftigen, niedergetreten war. Er musste lĂ€cheln. Die war nun ein historischer Ort fĂŒr ihn. Er öffnete das Tor und ging durch den sauber gefegten Steig auf die Villa zu. Die Sonne schien und blitzte in den schneebepolsterten GebĂŒschen, vor einem Fenster lĂ€rmten die Spatzen um hingestreutes Futter. Hinter diesem Fenster ward ein blasses, liebes, verweintes Köpfchen sichtbar, nickte ihm zu und verschwand. Agnes machte ihm selber auf. „Ich habe ihn schon vorbereitet,“ flĂŒsterte sie, da ein Diener in der NĂ€he stand, „er war schrecklich – Jakob, melde diesen Herrn, Herr Musikdirektor Leonard Brunn, – er wollte dich gar nicht sehen, aber ich bestand darauf, er mĂŒsse dich empfangen, und schließlich gab er nach. Ich bin so voll Angst.“
Leonard drĂŒckte sie an seine Brust und kĂŒsste sie auf die Stirn. „Ich habe Mut,“ sagte er, „fĂŒr uns beide“.
Der Diener ließ sich hören und sie nahmen wieder eine Stellung achtungsvoller Höflichkeit gegeneinander ein. Die Hand aufs Herz gedrĂŒckt, sah Agnes dem Geliebten nach, als er mit festem Schritt die Treppe zu dem Zimmer ihres Vaters emporstieg.

„Sie sind Herr Musikdirektor Leonard Brunn und kommen zu mir, um die Hand meiner Tochter von mir zu begehren,“ sagte Herr Andreas Bolten, „haben Sie die GĂŒte, Platz zu nehmen und mir mitzuteilen, was Sie sonst noch hinzuzufĂŒgen haben.“ Damit deutete er auf einen gepolsterten Lehnstuhl von braunem Leder und nahm selber in einem gleichen Sessel Platz. Es war ein hĂŒbscher Anblick, diese beiden verschiedenen und doch wieder gleichartigen MĂ€nner einander gegenĂŒber zu sehen. Vor allem war ihnen gemeinsam, dass sie beide wirkliche MĂ€nner waren. Aber war in der Ă€ußeren Erscheinung des Ă€ltern mehr das Viereck ausgeprĂ€gt, so kamen bei dem jĂŒngern die sanften Linien des Ovals zur Geltung. In dem einen war mehr Charakter, in dem andern mehr Schönheit. Der Kaufmann hatte das klare, feste, graue Auge, das die Außendinge mit sicherem Blick umfasst und bewĂ€ltigt, in den blauen Augen des KĂŒnstlers war jene Klarheit, die auf eine sichere Beherrschung einer geistigen Innenwelt schließen lĂ€sst.

Leonard war nicht ĂŒberrascht durch das kurze und summarische Verfahren seines Gegners, er hatte eher Schlimmeres erwarten. „Ich habe wenig hinzuzufĂŒgen,“ sagte er; „da Sie von der Hauptsache bereits unterrichtet sind, so kĂ€men nur noch meine Ă€ußeren VerhĂ€ltnisse in Betracht. Die AusĂŒbung meines Berufes sichert mir eine nicht unbedeutende Einnahme, die, wie ich mit einiger Sicherheit annehmen darf, eine fortwĂ€hrende Steigerung erfahren wird, außerdem bin ich im Besitz eines Vermögens, das an und fĂŒr sich zur GrĂŒndung und Unterhaltung eines Hausstandes ausreicht. Was meinen persönlichen Charakter betrifft, so steht mir darĂŒber ein Urteil nicht zu, jedoch liegt mein Leben und öffentliches Wirken so klar da, dass es Ihnen nicht schwer fallen kann, darĂŒber NĂ€heres zu erfahren.“

„Soweit wĂ€re demnach alles in der besten Ordnung,“ sagte Herr Bolten; „wenn ich Ihnen nun dennoch die Hand meiner Tochter auf jeden Fall verweigere, so werden Sie die Ursache hiervon sicher nicht einsehen und von mir eine Darlegung meiner GrĂŒnde erwarten.“

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Leonard wurde etwas verwirrt durch die Schroffheit des alten Herrn. „Ich fĂŒrchte, Sie werden mich nicht ĂŒberzeugen,“ sagte er dann mit einem Anflug von Humor.

„Darin haben Sie vermutlich recht,“ sagte Herr Bolten, „was jedoch die Darlegung meiner GrĂŒnde betrifft, sehen Sie, ich könnte Ihnen einfach sagen, es sei gegen mein Prinzip, meine Tochter einem Musiker zu geben. Es wĂ€re das Billigste. So ein Prinzip ist eine gute Streitart, sie jemanden vor den Kopf zu schlagen, der uns mit GrĂŒnden in die Enge getrieben hat. Mir fehlen die GrĂŒnde jedoch nicht, und ich will sie Ihnen nicht vorenthalten. Lebenserfahrungen unangenehmer Art haben meine Beobachtung geschĂ€rft und meine Blicke gerade auf Ihren Stand gerichtet, und ich bin dabei zu Resultaten und Ansichten gekommen, die Ihnen vielleicht unangenehm und ungerecht, mir aber als unabĂ€nderliche Wahrheit erscheinen. Die Musik ist von allen KĂŒnsten die lustigste Kunst, sie spricht zu und in unbestimmten Tönen und Wendungen, sie haftet am wenigsten an Dingen dieser Erde, ihr Wesen ist Ahnung und Sehnsucht. In das Innerste einer Kunst einzudringen, die sich in solchen subtilen Regionen bewegt, sie selber schöpferisch und mit Genie auszuĂŒben, erfordert eine FeinfĂŒhligkeit der Seele, die in Dingern des wirklichen Lebens zur großen Gefahr werden kann. Aus diesen GrĂŒnden erklĂ€rt sich das excentrische und oft haltlose Wesen der meisten bedeutenden Musiker, und endlich verweigere ich Ihnen aus diesen GrĂŒnen die Hand meiner Tochter, gerade weil Sie, wie ich wohl weiß, hervorragend und bedeutend in Ihrem Fache sind.“
Leonard hatte ungeduldig auf seinem Stuhle gerĂŒckt, als Herr Bolten seine krausen und seltsamen Theorien entwickelte. „Wenn ich Sie recht verstehe,“ fiel er jetzt ein, „so sagen Sie damit, jeder begabte Komponist ist vermöge seiner seelischen Anlagen, die große Reizbarkeit und EmpfĂ€nglichkeit bedingen, ein unzuverlĂ€ssiger Charakter. Sie vergessen, dass andere Eigenschaften vorhanden sein können, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie wĂŒrden mir vielleicht eine Menge von Beispielen fĂŒr Ihre Theorie aufzĂ€hlen können und wĂŒrden sorgfĂ€ltig verschweigen, was gegen sie spricht. Und wenn Sie recht hĂ€tten, wer sagt Ihnen denn, dass ich nicht auf die Welt gesendet bin als erste und einzige Ausnahme, nur um die Regel zu bestĂ€tigen?“

„Sie haben Humor,“ fĂŒgte Herr Bolten mit wohlwollender Strenge ein.
„Ich kann Ihre GrĂŒnde nicht wĂŒrdigen und annehmen,“ fuhr Leonard fort, „ich protestiere selbstverstĂ€ndlich gegen die Regel, aber selbst diese zugegeben, können Sie doch die Ausnahme nicht wegleugnen. Und das vernichtet all Ihre GrĂŒnde, denn da mein ganzes Vorleben gegen diese spricht, so dĂŒrfen Sie nicht im Hinblick auf das, was möglicherweise sein könnte, mir Ihre Einwilligung verweigern.“
„Setze ich in die Lotterie, so bin ich ein Thor,“ sagte Herr Bolten, „wenn ich mit Sicherheit auf das große Los hoffe. Übrigens glaube ich jetzt Ihnen gegenĂŒber meiner Pflicht genĂŒgt zu haben, ich spreche Ihnen schließlich mein Bedauern aus, dass ich in dieser Sache Ihnen nicht dienen kann, und bitte, die Angelegenheit hiermit als abgeschlossen zu betrachten.“

Leonards Blut war lĂ€ngst in Wallung geraten. In dem GefĂŒhl, dass dieser eingefleischten, schrullenhaften Theorie des alten Bolten mit GrĂŒnden nicht beizukommen sei, und mit dem festen Vorsatz, den Kampf nicht aufzugeben, griff er zu andern Mitteln. „Ich will von mir nicht reden,“ sagte er, „aber nehmen wir an, dass Ihre Tochter mich wirklich liebt mit der ganzen Kraft ihres Herzens, wollen Sie ihr ganzes LebensglĂŒck einer Theorie opfern? Wie wollen Sie das verantworten, was Sie jetzt tun, wenn Sie das Herz Ihrer Tochter gebrochen haben um einer Einbildung willen?“

Herr Bolten sprang auf, heftig und erregt: „Ich mag diese alte Phrase von den gebrochenen Herzen nicht hören, das ist nichts als phantastische Übertreibung. Ich kenne das wohl, man wird blass, man hĂ€rmt sich, das Leben ist eine Last, man will daran sterben. Aber es ist eine Krankheit, und sie geht vorĂŒber. Meine Tochter mĂŒsste wenig vom Blut ihres Vaters haben, – eine Bolten stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Ich will nun einmal nicht, dass meine Tochter das hangende, bangende, ewig ruhelose Leben teilen soll, das Ihnen unwiderruflich verhĂ€ngt ist, denn dies ist ĂŒberall, wo es gilt, einen Ruhm zu steigern und zu bewahren. Wenn Sie ein Mann wĂ€ren mit einer soliden, tĂŒchtigen bĂŒrgerlichen BeschĂ€ftigung, ich wĂŒrde Ihnen meine Tochter nicht verweigern, und wenn Sie keinen Pfennig im Vermögen hĂ€tten.“

„ich will Ihnen etwas sagen,“ fuhr er fort und pflanzte sich mit unterschlagenen Armen vor Leonard auf, „satteln Sie um, werden Sie Kaufmann. Sie haben das Zeug dazu. In einem Jahre lernen Sie unter meiner Leitung alles, was Sie brauchen. Vielleicht macht es sich dann mit der Firma Bolten und Brunn. Sie lĂ€cheln, ich wusste es wohl. Gut, ich habe meine Nachgiebigkeit bewiesen, ich bin mit dieser Angelegenheit fertig. So lange Sie Musiker sind, niemals!“
Leonard war auf das Äußerste gebracht und rief: „Gut, so hören Sie auch mein vorlĂ€ufiges Schlusswort in dieser Angelegenheit. Sie haben mir meinen Antrag aus GrĂŒnden zurĂŒckgewiesen, die keine sind. Sie opfern zu Gunsten einer Schrulle das GlĂŒck Ihres Kindes. Sie sind hartköpfig und starr, ich bin es auch. Sie wollen mir Ihre Tochter nicht geben, ich werde sie nicht lassen. Und wahrlich, das sage ich Ihnen, Ihre Tochter wird meine Frau mit oder gegen Ihren Willen, so wahr ich Leonard Brunn heiße!“
„Wo haben Sie Ihren Revolver, junger Mann?“ rief Herr Bolten, „das wĂ€re modern, das wĂ€re amerikanisch. Als letztes Mittel dem zukĂŒnftigen Schwiegervater die Pistole auf die Brust gesetzt: ‚Die Tochter oder das Leben!‘ Den Teufel auch, mein Herr, meine Tochter gehört mir, und Sie bekommen sie niemals, so wahr ‚ ich ‚ Andreas ‚“
Vom Hofe herauf klangen plötzlich die Töne einer Drehorgel, es war die Melodie des alten schottischen Liedes: „Lang, lang ist’s her.“
Herr Bolten vollendete seinen Satz nicht, es war, als ob diese Töne die Worte von seinen Lippen nĂ€hmen. Ein eigentĂŒmlicher, wehmĂŒtiger milder Zug verwischte den Zorn aus seinem Antlitz, er ging zu seinem Schreibpult, wickelte ein GeldstĂŒck in Papier, öffnete das Fenster und warf es hinaus. Dann fielen seine Blicke auf einen grĂŒnseidenen Vorhang an der Wand, der ein Bild zu verhĂŒllen schien, und hafteten nachdenklich darauf.
Leonard, der bereits an der TĂŒr stand, sah ihm verwundert zu. Dann wollte er sich zurĂŒckziehen, denn die Sache war einstweilen doch so gut wie verloren.
Der Alte bemerkte es. „Gehen Sie noch nicht,“ sagte er, und ein weicherer Klang war in seiner Stimme, „ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Wollen Sie mir versprechen, wĂ€hrend der nĂ€chtigen Zeit sich meiner Tochter nicht zu nĂ€hern und keinen Versuch machen, sie zu sprechen?“
„Wir leben im Kriegszustande,“ sagte Leonard, „alle Mittel gelten, ich verspreche nichts.“
„Sie werden es tun,“ sprach Herr Bolten mit fester Stimme, „wenn ich erklĂ€re, meine Worte von vorhin einstweilen zurĂŒcknehmen. Ich bitte mir bis morgen Bedenkzeit aus.“
„In diesem Falle, ja!“ erwiderte Leonard.
„Ich danke Ihnen, Herr Musikdirektor, also bis morgen.“
Eine stumme Verbeugung, und Leonard verließ den Kampfplatz.

Herr Andreas Bolten blieb eine Weile stehen und sag nachdenklich die TĂŒr an, durch welche der junge Mann verschwunden war. „Ein verfluchter Kerl ist er doch,“ murmelte er, „ein ganz heilloser Kerl, ‚es ist Rasse drin‘, wĂŒrde Baron Spornitz sagen.“

Unterdessen war der Mann auf dem Hofe noch immer beschĂ€ftigt, das empfangene Geld musikalisch abzuarbeiten, und hatte es mindestens zum zwölften Male schon „lange, lange her“ sein lassen. Er war ein ehrlicher Mann und wollte fĂŒr das große StĂŒck Geld auch ein entsprechendes Quantum von Musik liefern. Herr Bolten ging ans Fenster und winkte ihm ab.

Dann zog er den Vorhang beiseite, setzte sich in den Lehnstuhl und sah das Bild an, das dahinter verborgen gewesen war. Es stellte seine verstorbene Frau dar in der Schönheit ihrer Tugend. Man kann nicht sagen, dass Herr Bolten sentimental war, aber er hatte eine SchwĂ€che, wenigstens nannte er es oft vor sich selber so, das war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Und diese hing unwiderruflich mit dem eben gehörten Liede zusammen. Auch der festeste Mann hat einen Punkt, den das hĂ€rtende Drachenblut nicht umpanzerte, weil ein Lindenblatt der Liebe darauf fiel. FĂŒr den Altern waren diese Erinnerungen gerade in dieser Stunde von besonderer Bedeutsamkeit. Das dies Lied in einem Augenblick ertönte, wo er schroff sein Wort gegen ein anderes Wort setzen wollte, hatte ihn wie eine geisterhafte Mahnung berĂŒhrt. Er war im Begriff gewesen, ein Versprechen zu brechen, das er einst in heiliger Stunde gegeben. Es war in Vergessenheit geraten; die lange Zeit, die dahinter lag, hatte es verwischt, er hatte auch niemals daran gedacht, dass einst eine Möglichkeit kommen könne, wo er es erfĂŒllen mĂŒsse. Nun kam zur rechten Stunde, im rechten Moment ein Lied, das wie der Auslöser in einer Uhr das RĂ€derwerk seiner Gedanken entfesselte, bis schlagkrĂ€ftig und bestimmt alles wieder vor seiner Seele stand. Seine Frau war schön und jung, als sie ihm die Hand reichte. Sie folgte nicht der eigenen Neigung, sondern dem Zwang ihrer Eltern, denn ihre Liebe gehörte einem jungen, talentvollen Musiker, der arm und ohne Stellung in der Welt war. Dieser verfiel nach ihrer Hochzeit, ist nicht aufgeklĂ€rt, aus welchen GrĂŒnden, ob um seinen Schmerz zu betĂ€uben, ob aus Haltlosigkeit, in ein wĂŒstes Leben und ging darin unter. Die junge Frau schrieb alles natĂŒrlich dem ersten Grunde zu, und anstatt sich mit Abscheu von ihm zu wenden, blieben die Regungen der Liebe und des Mitleids bis an sein Ende fĂŒr ihn wach. Sie unterstĂŒtzte ihn und Bolten wusste es. Er wusste aber auch, dass er seiner Frau vertrauen könne. Aber es trat eine Wendung ein, die von eigentĂŒmlicher Wirkung war, er fing an, seine Frau wirklich zu lieben. Diese Liebe steigerte sich zu einer Höhe, die ihn selber beĂ€ngstigte und die ihm die unertrĂ€glichsten Qualen schuf. Zu willen, dass dieser verkommene Mensch mehr Anspruch auf die Neigung seiner Frau habe als er, das trieb ihn oft fast zum Wahnsinn. Von dieser Zeit her schrieb sich sein ungerechter Hass gegen die Musiker. Er beschloss, seine Frau fĂŒr sich zu erwerben. Mit rastloser Geduld, mit nie aufhörender Sorge diente er um ihre Neigung. Und da seine Liebe echt und treu, und vor allen Dingen, da er ein Mann war, gelang es ihm. Alle Zartheiten und alle Liebe, der seine Natur fĂ€hig war, brachte er ihr entgegen und nach langem Werben ward sie sein. Wie die Sonne nach langem, regnerischem Wolkentag oft noch am Abend mit selig verklĂ€rendem Strahl hervorbricht, so ward ihm noch eine kurze und glĂŒckliche Zeit zu teil.
Ein Jahr etwa nach dem Eintritt dieser spĂ€ten Herzendvereinigung starb seine Frau nach der Geburt eines Töchterleins. In der letzten Stunde nahm sie ihm das Versprechen ab, bei dieser Tochter das zu sĂŒhnen, was an der Mutter verbrochen war, und ihr ein Gemahl zu geben, nach der freien Wahl des Herzens.
Dies alles rief das Lied zurĂŒck, das einst das Lieblingslied seiner Frau war. Sie hatte es oft gesungen im Schmerz ihres einsamen, verkauften Lebens, erst in dem letzten, glĂŒcklichen Jahre war es verstummt.
Herr Bolten saß lange in seinem Lehnsessel da, die Augen auf das Bild gerichtet und doch wie in sich versunken. Die DĂ€mmerung brauch herein und hĂŒllte es in Schatten, er schien es nicht zu bemerken, denn er sag mit den Augen seines Geistes. Dann stand er auf und ging mit gesenktem Haupt einige Male im Zimmer auf und ab. Er trat ans Fenster und schaute eine Weile in das kalte Abendrot, das ĂŒber den dunklen, entlaubten Wipfeln des Tiergartens stand. Der Diener kam mit Licht, setzte es schweigend auf den Schreibtisch und entfernte sich wieder. Herr Bolten sah noch einmal nach der TĂŒre, dann nach dem Bilde, setzte sich an den Tisch und schrieb. Als er fertig war, klingelte er: „Herr Musikdirektor Leonard Brunn sofort zu bestellen,“ sagte er, indem er dem Diener den Brief ĂŒbergab.

Diese denkwĂŒrdigen VorgĂ€nge ereigneten sich am 23. Dezember. Der Brief, den Leonard noch an dem Abend desselben Tages erhielt, hatten folgenden Inhalt:
„Sehr geehrter Herr Musikdirektor!
Wenn Sie die GĂŒte haben wollen, sich morgen, am 24. Dezember, abends 6 Uhr, zu mir zu bemĂŒhen, so wĂŒrden Sie mich sehr verbinden, da ich Ihnen noch einige Mitteilungen zu machen habe.

Hochachtungsvoll
Ihr
Andreas Bolten.“

Vor jeder Oase des GlĂŒcks streckt sich eine Sahara der Entbehrung und Erwartungen einher, geschmĂŒckt mit Spiegelbildern der Hoffnung und Sehnsucht. Dornenvolle KrĂ€uter waren es, durch die Leonards Gedanken in diesen vierundzwanzig Stunden ihren Weg nahmen.
Herr Bolten war heiter; er hatte MĂŒhe, beim Abendessen seine große Fröhlichkeit vor seiner Tochter zu verbergen. Sie wagte nicht zu fragen und heimlich hingen ihre Augen an den strengen ZĂŒgen ihres Vaters. Zuweilen war es ihr, als lĂ€chle ein kleiner, freundlicher Kobold, der seinen bescheidenen Sitz in dem vĂ€terlichen Mundwinkel hatte, ihr aufmunternd zu.

Leonard fand am andern Tage sich pĂŒnktlich ein. Herr Bolten stand mitten in der Stube, hatte die HĂ€nde auf dem RĂŒcken zusammengelegt und betrachtete wohlwollend einen langen, weißen Korb, wie man ihn zum Transport von kostbaren und empfindlichen Frauenkleidern benĂŒtzt.
Wie ein Blitz durchschoss Leonard ein Gedanke, als er diesen ungeheuren Korb sah. Zu einer Komödie der schĂ€ndlichen Verhöhnung hatte der Alte ihn bestellt und hatte das schmachtvolle Symbol der Ablehnung in einer seinem Hass entsprechenden GrĂ¶ĂŸe ausgewĂ€hlt. Der Zorn stieg dem Armen purpurrot in das Antlitz. „Herr Bolten, was bedeutet dieser Korb?“ rief er.

Den Alten belustigte diese Auffassung höchlichst, dies MissverstÀndnis war noch eine angenehme und humoristische Zugabe, auf die er noch gar nicht einmal gerechnet hatte.
„Der Korb ist fĂŒr Sie,“ sagte dieser boshafte alte SĂŒnder. Aber er kam dem Ausbruch zuvor, der sich bei Leonard ankĂŒndigte. „Ereifern Sie sich nicht, mein Lieber, der Korb ist nicht fĂŒr sie ein symbolischer Korb, sondern ein Korb in seiner eigentlichen Bedeutung, ein Futteral, eine Emballage. Wenn Sie mir den kleinen Dienst erweisen wollen, gefĂ€lligst hineinzuspazieren, so werden Sie mit den Folgen dieser Handlung sehr zufrieden sein.“ Damit hatte er den Deckel geöffnet und stand mit einladender Handbewegung da.
„Wissen Sie, was ein Julklapp ist?“ fragte er dann.
Leonard bejahte es unwillig.

„Nun, ich möchte Sie meiner Tochter als Julklapp werfen. Wollen Sie nicht, dann ist es auch gut, Sie bekommen sie doch, aber ich denke, Sie werden es mir nicht abschlagen. Eine Liebe ist der andern wert.“
Was sollte Leonard machen? Liebe, Zorn, Hoffnungen und BefĂŒrchtungen hatten ihn genugsam geschĂŒttelt und mĂŒrbe gemacht, warum sollte er am Ende nicht auch noch in einen Korb steigen?
Der Alte schloss den Deckel und klingelte Zwei riesenhafte Rollkutscher traten ein, nahmen den Korb und trugen ihn davon.

Agnes saß in dem glĂ€nzenden Weihnachtszimmer unter dem brennenden Tannenbaum mit traurigem Herzen. Herr Bolten trat ein, sie wischte eine heimliche TrĂ€ne fort und zwang sich, ihm mit frohem Angesicht entgegen zu gehen und ihm zu danken, fĂŒr so viele kostbare Geschenke. Da wurde plötzlich die TĂŒr aufgerissen, eine furchtbare Rollkutscherstimme rief „Julklapp“ und der bewusste Korb ward hereingeschoben. Agnes kannte schon dieses Möbel. Ihr Vater pflegte ihr an jedem Weihnachten auf dieselbe Weise ein kostbares Kleid zu schenken, allein sie fĂŒrchtete sich immer ein wenig davor, denn das Talent, die Schönheiten eines weiblichen Anzuges zu beurteilen, ging Vater Bolten ab, und es kamen bisweilen unsĂ€gliche Dinge aus diesem Korb zum Vorschein.

Herr Bolten bemerkte den Ă€ngstlichen, zögernden Ausdruck in ihrem Gesicht. „Nur Mut, Agnes,“ sagte dieser raffinierte alte Heuchler, „diesmal hab‘ ich’s getroffen, und wenn es dir doch nicht gefĂ€llt, darfst du’s nur umtauschen.!“ Zögernd schlug Agnes den Deckel zurĂŒck. In blaue Seide gehĂŒllt lag das Unbekannte vor ihr. Sie hob einen Zipfel auf. „Ein Tuchkleid!“ rief sie, denn ein StĂŒck von Leonards Ärmel kam zum Vorschein. Ihre Neugierde ward wach, denn Weib bleibt Weib, und ehe das Interesse fĂŒr ein neues Kleid aufhört, muss es arg kommen. Ein Schreck, ein Schrei, im Korb ward es lebendig und rappelte sich empor und fiel ihr um den Hals, und Vater Bolten und die ganze Welt versanken in einen Blauen Nebel des GlĂŒckes und waren eine Weile so gut wie gar nicht vorhanden.

Dem Alten wurde es so sonderbar und so flimmerig vor den Augen, er ging an das Fenster und starrte in die schwarze Nacht und schließlich musste er doch mit dem Gesicht an der Gardine einherfahren, und als das nicht völlig half, ging er leise hinaus, ĂŒber den hell erleuchteten Gang in sein Zimmer. Es war dunkel dort, nur das Licht der Straßenlaterne warf einen sanften Schimmer auf die Wand, an welcher das Bild hing. Er zog den Vorhang zurĂŒck, setzte sich in den Lehnstuhl und schaute auf das sanfte Antlitz, das in ungewissem Scheine aus dem dunklen Hintergrunde hervortrat. In seinen ZĂŒgen arbeitete es seltsam und seine Lippen zuckten:
„Bist du nun zufrieden?“ sprach er zu dem Bilde, „hab‘ ich es recht gemacht? Sie sollen ihren Willen haben, die Kinder, und ich will glauben, dass es das Beste ist.“ – Dem fest gefĂŒgtem Mann rannen die TrĂ€nen ĂŒber das zuckende Gesicht. „Warum gingst du so frĂŒh?“ fuhr er fort, „wir kannten uns doch kaum. Und nun, da dein liebster Wunsch erfĂŒllt wird, bist du fern, ewig fern, in jenem Lande, dahin wir alle kommen werden und das doch niemand kennt, und ich kann dein zufriedenes LĂ€cheln nicht sehen und den dankbaren Schein deiner sanften Augen. Du blickst auf mich herab wie immer still und friedlich und kannst mir kein Zeichen geben, dass du mir gut bist fĂŒr das, was ich heute tat!“

Der alte Mann hielt seine Augen fest auf das Bild geheftet und war es das Flackern des Lichtes, oder war es Wirklichkeit, es schien einen Augenblick, als ginge ein LĂ€cheln wie ein freundlicher Schimmer ĂŒber das stille Antlitz. Lange noch saß er, die Augen auf das Bild gerichtet, die Gedanken versenkt in jene Zeiten, die nicht wiederkehren: „Lang, lang ist’s her!“

Heinrich Seidel 

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