Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Eine gute Laune – ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen

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Gute Laune - ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz

Von meinem Vater habe ich das beste Erbteil erhalten, n├Ąmlich eine gute Laune. Und wer war mein Vater? Ja, das geht den Humor nichts an! Er war lebhaft und wohlbeleibt, fett und rund, sein ├äu├čeres und Inneres, stand mit seinem Amte g├Ąnzlich im Widerspruch. Und was war er seines Amtes und seiner Stellung nach in der b├╝rgerlichen Gesellschaft? Ja, wenn es im Anfange eines Buches gleich niedergeschrieben und gedruckt w├╝rde, so w├╝rden Mehrere, wenn sie es lesen, das Buch zur Seite legen und sagen, es sieht mir so unheimlich aus, ich mag nichts von der Art. Und doch war mein Vater weder Schinder noch Scharfrichter; im Gegenteil, sein Amt stellte ihn an die Spitze der r├╝hmlichsten M├Ąnner der Stadt, und er war dort ganz in seinem Rechte, ganz an seinem Platze; er mu├čte der Vorderste sein, vor dem Bischof, vor den Prinzen von Gebl├╝t ÔÇô und er war der Vorderste ÔÇô er war Leichenwagenkutscher.

Nun ist’s heraus! und das kann ich bekennen, da├č, wenn man meinen Vater dort hoch oben auf dem Omnibus des Todes sitzen sah, bekleidet mit seinem langen, weiten, schwarzen Mantel, mit dem schwarzgarnierten, dreieckigen Hute auf dem Kopfe, und dazu mit seinem Gesichte, welches leibhaftig aussah wie man die Sonne zeichnet, rund und lachend, dann konnte man nicht an Trauer und Grab denken; das Gesicht sagte: ┬╗es macht nichts, macht nichts, ÔÇô es wird viel besser, als man glaubt!┬ź

Seht, von ihm habe ich meine gute Laune und die Gewohnheit angenommen, gar oft nach dem Kirchhofe zu gehen: und das ist sehr am├╝sant, wenn man nur mit gutem Humor dorthin kommt, ÔÇô und dann halte ich das Intelligenzblatt, so wie auch er es tat.

Ich bin nicht jung, ÔÇô ich habe weder Weib, Kinder noch eine Bibliothek, aber, wie gesagt, ich halte das Intelligenzblatt, das ist mir genug, es ist mir das liebste Blatt, und war es meinem Vater auch; es hat seinen gro├čen Nutzen, und bringt Alles, was ein Mensch zu wissen n├Âtig hat: wer in den Kirchen, und wer in den neuen B├╝chern predigt; und dann die viele Wohlt├Ątigkeit, und die vielen unschuldigen, harmlosen Verse, die es enth├Ąlt! Ehen, welche gesucht werden und Stelldichein, auf welche man sich einla├čt! Alles einfach und nat├╝rlich! Man kann wahrlich sehr gut und gl├╝cklich leben und sich begraben lassen, wenn man das Intelligenzblatt h├Ąlt ÔÇô schlie├člich hat man am Ende seines Lebens so viel Papier, da├č man weich darauf liegen kann, wenn man es nicht liebt auf Hobelsp├Ąnen zu ruhen.

Das Intelligenzblatt und der Kirchhof waren immer meine, den Geist am meisten weckenden, Spazierg├Ąnge, meine beliebtesten Badeanstalten f├╝r den guten Humor.

Jeder kann nun f├╝r sich das Intelligenzblatt durchwandern: aber geht mit mir nach dem Kirchhofe; la├čt uns dorthin gehen, wenn die Sonne scheint, und die B├Ąume gr├╝n sind; la├čt uns zwischen den Gr├Ąbern wandeln. Jedes derselben ist ein geschlossenes Buch mit dem R├╝cken nach oben, man kann den Titel lesen, welcher besagt, was das Buch enth├Ąlt, und doch nichts sagt; aber ich wei├č Bescheid, wei├č es von meinem Vater und von mir selbst. Ich habe es in meinem Grabbuche, und das ist ein Buch, welches ich selbst zum Nutzen und Vergn├╝gen gemacht habe; dort liegen sie Alle beisammen, und noch Einige mehr!

Nun sind wir auf dem Kirchhofe.

Hier, hinter dem wei├č bemalten Stabgitter, wo einst ein Rosenstrauch stand, ÔÇô jetzt ist er fort, aber ein wenig Immergr├╝n vom Grabe des Nachbars streckt seine gr├╝nen Finger hinein, um doch ein wenig Staat zu machen, ÔÇô ruht ein sehr ungl├╝cklicher Mann, und doch stand er sich, als er lebte, wie man zu sagen pflegt, gut; er hatte sein gutes Auskommen und noch mehr, aber die Welt, das hei├čt die Kunst, ging ihm zu nahe. Sa├č er eines Abends im Theater, um mit ganzer Seele zu genie├čen, so war er au├čer sich, wenn der Maschinenmeister nur ein zu starkes Licht in eine der Wangen des Mondes setzte, oder wenn die Luftsoffiten vor den Kulissen hingen, wenn sie dahinter h├Ąngen sollten, oder wenn eine Palme im Berliner Tiergarten vorkam, oder Kaktus in Tyrol und Buchen hoch oben in Norwegen erschienen! Bleibt sich das nicht gleich? Wer k├╝mmert sich um so etwas! Es ist ja Kom├Âdie, bei welcher man sich am├╝sieren soll. ÔÇô Bald klatschte ihm das Publikum zu viel, bald zu wenig. ┬╗Das ist nasses Holz,┬ź sagte er, ┬╗es will heute Abend nicht z├╝nden!┬ź als dann kehrte er sich um, um zu sehen, was f├╝r Leute es w├Ąren, und dann sah er, da├č sie zu unrechter Zeit lachten, wo sie nicht lachen sollten; dar├╝ber ├Ąrgerte er sich, litt dabei, war ein ungl├╝cklicher Mensch, und nun ruht er im Grabe.

Hier schlummert ein sehr gl├╝cklicher Mann, das soll hei├čen, ein sehr vornehmer Mann, von hoher Geburt, und das war sein Gl├╝ck, denn sonst w├╝rde nie etwas aus ihm geworden sein, aber Alles ist so weise in der Natur angeordnet, da├č es ein Vergn├╝gen ist, daran zu denken. Er schritt vorn und hinten gestickt einher, und war im Saale untergebracht, so wie man den kostbaren, perlengestickten Klingelzug anbringt, hinter dem immer eine gute, dicke Schnur, welche den Dienst verrichtet, h├Ąngt; er hatte auch eine gute Schnur hinter sich, einen Substituten, der den Dienst verrichtete, und ihn noch, hinter einem neuen, gestickten Klingelzuge, verrichtet. Alles ist weise eingerichtet, da├č man wohl einen guten Humor haben kann.

Hier ruht, ja, das ist nun freilich sehr traurig ÔÇô! hier ruht ein Mann, der siebenundsechzig Jahre dar├╝ber nachgedacht hat, wie er auf einen guten Einfall komme; er lebte nur um einen guten Einfall zu bekommen; endlich bekam er wirklich nach eigener ├ťberzeugung einen, und wurde so froh dar├╝ber, da├č er starb, vor Freude starb, ihn bekommen zu haben; Keiner hatte Nutzen davon, Keiner h├Ârte den guten Einfall. Ich kann mir nun denken, da├č er wegen des guten Einfalles nicht einmal Ruhe im Grabe hat, denn gesetzt, es w├Ąre ein Einfall, den man nur beim Fr├╝hst├╝ck sagen k├Ânnte, wenn er von Wirkung sein sollte, und da├č er als Toter, der allgemeinen Meinung nach, nur um Mitternacht erscheinen kann, so pa├čt der Einfall nicht f├╝r die Zeit, Niemand lacht, und der Mann kann mit seinem guten Einfalle wieder ins Grab steigen. Das ist ein trauriges Grab.

Hier ruht eine sehr geizige Frau; w├Ąhrend sie lebte, stand sie in der Nacht auf und miaute, damit die Nachbarn glauben sollten, da├č sie sich Katzen hielte: so geizig war sie!

Hier ruht ein Fr├Ąulein aus guter Familie; es mu├čte in Gesellschaften immer seine Stimme h├Âren lassen, und dann sang es: ┬╗mi manca, la voce!┬ź das war die einzige Wahrheit in ihrem Leben!

Hier ruht eine Jungfrau ÔÇô eines anderen Schlages! Wenn der Kanarienvogel des Herzens zu schmettern beginnt, dann steckt die Vernunft die Finger in die Ohren. Sch├Ân Jungfrau stand in des Ehestands Glorie ÔÇô! das ist eine Alltagshistorie ÔÇô aber es ist h├╝bsch gesagt: La├č die Toten ruhen.

Hier ruht eine Wittfrau, welche Schwanengesang im Munde und Eulengalle im Herzen trug. Sie ging in den Familien auf Raub nach Fehlern ihres N├Ąchsten aus, sowie in alten Tagen das ┬╗Reibeisen┬ź umher ging, um ein Rinnsteinbrett zu finden, welches nicht da war.

Hier ist ein Familienbegr├Ąbni├č; jedes Glied dieses Geschlechts hielt so im Glauben zusammen, da├č, wenn auch die ganze Welt und die Zeitung dazu sagte: so ist’s, und der kleine Sohn kam nun aus der Schule und sagte: ┬╗ich habe es auf die Weise geh├Ârt!┬ź so war die seinige die einzig richtige, denn er war von der Familie. Und gewi├č ist’s, da├č, wenn es sich so traf, da├č der Hofhahn der Familie um Mitternacht kr├Ąhte, so war es Morgen, wenn auch der W├Ąchter und alle Uhren der Stadt verk├╝ndeten, da├č es Mitternacht sei.

Der gro├če Goethe schlie├čt seinen Faust damit: ┬╗kann fortgesetzt werden,┬ź das kann unsere Wanderung nach dem Kirchhofe auch. Dahin komme ich oft, macht Einer oder der Andere meiner Freunde oder Nichtfreunde mir es zu bunt, gehe ich hinaus, suche einen Rasenplatz auf, und weihe denselben ihm oder ihr, irgend einer Person, die ich zu begraben w├╝nsche, dann begrabe ich sie sogleich, und sie liegen tot und machtlos da, bis sie als neuere und bessere Menschen zur├╝ck kommen. Ihr Leben und ihre Taten, nach meiner Art und Weise betrachtet, schreibe ich in mein Grabbuch, und so sollten alle Menschen verfahren, sie sollten sich nicht ├Ąrgern, wenn Jemand es ihnen zu toll macht, sondern ihn sogleich begraben, auf ihren guten Humor halten, und auch auf das Intelligenzblatt, auf dieses, vom Volke selbst oft mit ┬╗gef├╝hrter Hand┬ź geschriebene Blatt.

Kommt die Zeit, da├č ich selbst, sowie meine Lebensgeschichte, im Grabe eingebunden werden soll, dann setze man mir die Inschrift: Das ist meine Geschichte.

Hans Christian Andersen

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