Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Ib und die kleine Christine – ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen

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Ib und die kleine Christine - M├Ąrchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz

Bei Gudenaa, im Walde von Silkeborg, erhebt sich wie ein gro├čer Wall ein Landr├╝cken und am Fu├če dieses Landr├╝ckens nach Westen zu, lag und liegt noch heute ein kleines Bauernhaus mit einigen mageren Feldern; der Sand schimmerte allerorten unter dem d├╝nnen Roggen- und Gerstenboden hervor. Es sind nun ein gut Teil Jahre vergangen seitdem. Die Leute, die hier wohnten, bebauten ihren kleinen Acker und hielten drei Schafe, ein Schwein und zwei Ochsen; kurz gesagt, sie konnten recht wohl davon leben, wenn sie bescheidene Anspr├╝che stellten. Ja, sie h├Ątten es wohl auch dazu bringen k├Ânnen, ein paar Pferde zu halten; aber sie sagten wie die anderen Bauern auch: „Das Pferd fri├čt sich selbst auf.“ ÔÇô Es zehrt das Gute, was es schafft, reichlich wieder auf. Jeppe-J├Ąns beackerte sein kleines Feld im Sommer selbst und w├Ąhrend des Winters war er ein flinker Holzschuhmacher. Dazu hatte er auch einen Gehilfen, einen Knecht, der es verstand, die Holzschuhe zurechtzuschneiden, so da├č sie sowohl fest, als auch leicht und wohlgeformt waren. L├Âffel und Schuhe schnitzten sie, das brachte Geld; man konnte Jeppe-J├Ąns nicht zu den armen Leuten z├Ąhlen.

Der kleine Ib, ein siebenj├Ąhriger Knabe, das einzige Kind des Hauses, sa├č dabei und sah zu, er schnitzte an einem Stecken, schnitt sich auch wohl in den Finger; aber eines Tages hatte er zwei St├╝cken Holz zurechtgeschnitzt, die kleinen Schuhen gleich sahen. Sie sollten, so sagte er, der kleinen Christine geschenkt werden; das war des Schiffers kleine Tochter. Sie war fein und zart wie vornehmer Leute Kind. H├Ątte sie Kleider gehabt, die ihrer lieblichen Erscheinung angemessen waren, so h├Ątte niemand geglaubt, da├č sie aus dem Torfhaus in der Seiser Heide stamme. Dort dr├╝ben wohnte ihr Vater. Er war Witwer und ern├Ąhrte sich damit, aus dem Walde Brennholz nach Silkeborg, ja, oft noch weiter hinauf zu schiffen. Er hatte niemand, der auf die kleine Christine, die ein Jahr j├╝nger als Ib war, geachtet h├Ątte, und so war sie fast immer bei ihm auf dem Kahn oder zwischen dem Heidekraut und den Prei├čelbeerb├╝schen; und ging es einmal ganz bis nach Randers hinauf, so kam die kleine Christine zu Jeppe-J├Ąns hin├╝ber.

Ib und die kleine Christine vertrieben sich pr├Ąchtig die Zeit mit spielen und essen. Sie w├╝hlten und gruben, sie krochen und liefen, und eines Tages wagten sich die beiden allein gar auf den Landr├╝cken und ein St├╝ck in den Wald hinein. Dort fanden sie Schnepfeneier; das war eine gro├če Begebenheit.

Ib war bisher noch niemals aus der Seiser Heide fortgewesen, niemals war er durch die Seen geschifft bis nach Gudenaa aber nun sollte es geschehen; der Schiffer hatte ihn eingeladen, und am Abend vorher kam er mit zu des Schiffers Hause.

Auf den hochaufgestapelten Brennholzst├╝cken im Schiffe sa├čen die Kinder schon am fr├╝hen Morgen und a├čen Brot und Himbeeren. Der Schiffer und sein Knecht schoben sich mit ihren Staken vorw├Ąrts; es ging mit dem Strome in rascher Fahrt den Flu├č hinab, durch Seen, die ganz von Wald und Schilf umschlossen schienen; aber zuletzt fand sich doch immer eine Durchfahrt, ob auch die alten B├Ąume sich tief zu ihnen nieder bogen und die Eichen ihre trockenen ├äste ihnen entgegenstreckten, als h├Ątten sie die ├ärmel hochgestreift, um ihre nackten, knorrigen Arme zu zeigen. Alte Erlen, die der Strom vom Ufer gel├Âst hatte, hielten sich mit den Wurzeln am Boden fest und sahen wie kleine Waldinseln aus. Die Seerosen wiegten sich auf dem Wasser; es war eine herrliche Fahrt. ÔÇô Und dann kam man zu der Aalfangst├Ątte, wo das Wasser durch die Schleusen brauste. Das war etwas f├╝r Ib und die kleine Christine zum Schauen.

Damals war dort unten weder Fabrik noch Stadt, es stand dort nur das alte Geh├Âft mit dem Stauwerk, und die Besetzung war nicht stark. Der Fall des Wassers durch die Schleusen und der Schrei der Wildente waren damals fast die einzigen Laute, die das Schweigen der Natur unterbrachen. Als nun das Holz ausgeladen war, kaufte Christines Vater sich ein gro├čes Bund Aale und ein kleines geschlachtetes Ferkel, und alles zusammen wurde in einen Korb hinten auf dem Schiffe verstaut. Nun ging es stromaufw├Ąrts heim; aber der Wind kam von hinten, und als sie das Segel aufgesetzt hatten, ging es ebenso gut, als h├Ątten sie zwei Pferde vorgespannt.

Als sie mit dem Kahn bis an die Stelle im Walde gelangt waren, von wo der Knecht nur ein kurzes St├╝ckchen zu laufen hatte, um zu seinem Hause zu kommen, gingen er und Christines Vater an Land, nachdem den Kindern anbefohlen war, sich ruhig und vorsichtig zu verhalten. Das taten sie jedoch nicht lange; sie mu├čten in den Korb gucken, in dem die Aale und das Ferkel aufbewahrt waren, und das Schwein mu├čten sie herausnehmen und wollten es halten, und da beide es halten wollten, lie├čen sie es fallen, und zwar gerade ins Wasser. Da trieb es mit dem Strome dahin, es war ein schreckliches Ereignis.

Ib sprang ans Land und lief ein kleines St├╝ckchen am Ufer entlang, dann kam auch Christine. „Nimm mich mit“ rief sie und bald waren sie im Geb├╝sch verschwunden. Der Kahn und der Flu├č waren nicht mehr zu sehen; ein kleines St├╝ck liefen sie noch weiter, dann fiel Christine und weinte; Ib hob sie auf.

„Komm nur mit“ sagte er. „Das Haus liegt dort dr├╝ben!“ Aber es lag nicht dort dr├╝ben. Sie gingen weiter und weiter ├╝ber welkes Laub und d├╝rre abgefallene Zweige, die unter ihren kleinen F├╝├čen knackten. Nun h├Ârten sie ein starkes Rufen ÔÇô sie standen still und lauschten; ein Adler schrie, es war ein h├Ą├člicher Schrei, und sie erschraken heftig. Aber vor ihnen im Walde wuchsen die pr├Ąchtigsten Blaubeeren, eine ganz unglaubliche Menge; es war allzu einladend, um nicht zu verweilen, und sie blieben und a├čen und wurden ganz blau um Mund und Wangen. Nun h├Ârten sie wieder einen Ruf.

„Wir bekommen Schl├Ąge f├╝r das Ferkel“ sagte Christine.

„La├č uns zu mir nachhause gehen“ sagte Ib, „Das mu├č hier im Walde sein.“ Und sie gingen und kamen auf einen Fahrweg, aber heim f├╝hrte er nicht; es wurde dunkel und sie f├╝rchteten sich. Die seltsame Stille ringsum wurde von dem dumpfen Schrei der Horneulen und anderen unbekannten Vogellauten unterbrochen. Endlich sa├čen beide in einem Busche fest; Christine weinte und Ib, weinte, und als sie beide wohl eine Stunde geweint hatten, legten sie sich ins Laub und schliefen ein.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie erwachten. Sie froren, aber dicht dabei auf dem H├╝gel oben schien die Sonne zwischen den B├Ąumen hindurch, dort konnten sie sich w├Ąrmen und von dort aus, meinte Ib, m├╝├čten sie auch ihrer Eltern Haus erblicken k├Ânnen. Aber sie waren weit davon entfernt in einem ganz anderen Teil des Waldes. Sie kletterten den H├╝gel ganz hinauf und standen nun vor einem Abhang an einem klaren, durchsichtigen See, in dem es von Fischen wimmelte, die in der hellen Sonne blitzten. Was sie sahen, war so unerwartet, und dicht daneben stand auch ein gro├čer Busch voller N├╝sse; und sie pfl├╝ckten und knackten und a├čen die feinen Kerne, die eben in der Bildung begriffen waren ÔÇô und dann kam noch eine ├ťberraschung, ein Schrecken. Aus den B├╝schen hervor trat ein gro├čes, altes Weib, deren Antlitz braun und deren Haare gl├Ąnzend und schwarz waren; das Wei├če in ihren Augen leuchtete wie bei einem Mohren. Sie hatte ein B├╝ndel auf dem R├╝cken und einen Knotenstock in der Hand; es war eine Zigeunerin. Die Kinder verstanden nicht gleich, was sie sagte. Da nahm sie drei gro├če N├╝sse aus ihrer Tasche, in einer jeden l├Ągen die herrlichsten Dinge versteckt, erz├Ąhlte sie, es seien W├╝nscheln├╝sse.

Ib sah sie an, sie war so freundlich, und dann fa├čte er sich ein Herz und fragte, ob er die N├╝sse haben d├╝rfe, und das Weib gab sie ihm und pfl├╝ckte sich eine ganze Tasche voll N├╝sse von dem Busch.

Und Ib und Christine sa├čen mit gro├čen Augen und sahen die drei W├╝nscheln├╝sse an.

„Ist in dieser ein Wagen mit Pferden davor?“ fragte Ib.

„Es ist sogar ein goldener Wagen mit goldenen Pferden“ sagte das Weib.

„Dann gib sie mir“ sagte die kleine Christine, und Ib gab sie ihr, w├Ąhrend die Frau die N├╝sse in ihr Halstuch kn├╝pfte.

„Ist in dieser hier, so ein h├╝bsches kleines Halstuch, wie Christine es hat?“ fragte Ib.

„Es sind zehn Halst├╝cher darin“ sagte das Weib, „auch feine Kleider und Str├╝mpfe und ein Hut.“

„Dann will ich sie auch haben“ sagte Christine, und der kleine Ib gab ihr auch die andere Nu├č; die dritte war eine kleine schwarze.

„Die kannst Du behalten!“ sagte Christine, „sie ist ja auch ganz h├╝bsch.“

„Und was ist in dieser?“ fragte Ib.

„Das allerbeste f├╝r Dich“ sagte das Zigeunerweib.

Und Ib hielt die Nu├č fest. Das Weib versprach ihnen, sie auf den rechten Weg nach Hause zu f├╝hren, und sie gingen, aber freilich gerade in entgegengesetzter Richtung, als sie h├Ątten gehen m├╝ssen. Aber deshalb darf man sie noch nicht beschuldigen, da├č sie es darauf anlegte, Kinder zu stehlen.

Mitten im dichten Walde trafen sie den Waldl├Ąufer Chr├Ąn, der Ib kannte, und durch ihn wurden Ib und die kleine Christine wieder nach Hause gebracht, wo man in gro├čer Angst um sie war. Aber es wurde ihnen verziehen, obwohl sie beide t├╝chtig die Rute verdient h├Ątten, einmal weil sie das Ferkel hatten ins Wasser fallen lassen, und sodann, weil sie davongelaufen waren.

Christine kam heim in die Heide, und Ib blieb in dem kleinen Waldhaus. Das erste, was er dort am Abend tat, war, da├č er die Nu├č hervorholte, die das „Allerbeste“ enthielt. ÔÇô Er legte sie zwischen T├╝r und T├╝rrahmen, klemmte dann zu und die Nu├č knackte. Aber nicht einmal ein Kern war darin. Sie war mit einer Art Schnupftabak oder Torferde gef├╝llt; sie hatte den Wurmstich, wie man es nennt.

„Ja, das h├Ątte ich mir wohl denken k├Ânnen!“ meinte Ib. „Wo sollte auch in der kleinen Nu├č Platz f├╝r das Allerbeste sein. Christine bekommt ihre feinen Kleider oder die goldene Kutsche auch nicht zu sehen aus ihren zwei N├╝ssen.“

Und der Winter kam und das neue Jahr kam.

Es vergingen mehrere Jahre. Ib sollte Konfirmationsunterricht beim Pfarrer haben, und der wohnte weit entfernt. In jener Zeit kam eines Tages der Schiffer und erz├Ąhlte bei Ibs Eltern, da├č die kleine Christine nun aus dem Hause solle, um ihr Brot zu verdienen. Es sei ein wahres Gl├╝ck f├╝r sie, da├č sie in gute H├Ąnde k├Ąme, sie habe bereits eine Stellung bei recht braven Leuten. Sie solle zu den reichen Krugwirtsleuten in Herning, das weiter nach Westen lag, ziehen. Dort solle sie der Hausfrau zur Hand gehen und sp├Ąter, wenn sie sich schickte und eingesegnet war, wollten sie sie behalten.

Ib, und Christine nahmen Abschied voneinander; sie wurden jetzt als versprochen angesehen. Sie zeigte ihm beim Abschied, da├č sie noch immer die beiden N├╝sse habe, die sie damals von ihm bekommen hatte, als sie verirrt im Walde umherliefen; sie sagte auch, da├č sie in ihrer W├Ąschekiste die kleinen Holzschuhe aufbewahrte, die er als Knabe geschnitzt und ihr geschenkt h├Ątte. Dann schieden sie.

Ib wurde eingesegnet, aber er blieb in seiner Mutter Haus; denn er war ein geschickter Holzschuhmacher und bearbeitete auch im Sommer das kleine Ackerfeld, da├č es aufs beste gedieh. Seine Mutter hatte nur noch ihn, Ibs Vater war tot.

Nur selten, und dann durch einen Postboten oder durch einen Aalh├Ąndler, h├Ârte man von Christine. Es ging ihr gut bei dem reichen Krugwirte, und als sie eingesegnet war, schrieb sie an ihren Vater einen Brief mit einem Gru├če auch an Ib und seine Mutter. Im Briefe stand noch von sechs neuen Hemden und einem herrlichen Kleid, das Christine von ihrer Herrschaft bekommen hatte. Das waren wirklich gute Nachrichten.

Im n├Ąchsten Fr├╝hjahr, an einem sch├Ânen Tage, klopfte es an Ibs und seiner Mutter T├╝r. Es war der Schiffer mit Christine. Sie war f├╝r einen Tag zu Besuch gekommen. Es hatte sich gerade Gelegenheit zu einer Fahrt bis in die N├Ąhe und wieder zur├╝ck geboten, und die hatte sie ben├╝tzt. Sie war h├╝bsch und sah wie ein feines Fr├Ąulein aus. Und sch├Âne Kleider hatte sie an, die gut gearbeitet waren und zu ihr pa├čten. Da stand sie nun in ihrem vollen Staat, und Ib war in seiner alten Werktagskleidung. Er konnte gar keine Worte finden. Wohl nahm er ihre Hand, hielt sie fest und war so herzlich froh, aber den Mund konnte er nicht gebrauchen. Daf├╝r konnte es die kleine Christine um so besser, und sie sprach und hatte so viel zu erz├Ąhlen und k├╝├čte Ib mitten auf den Mund.

„Kennst Du mich auch wieder?“ fragte sie. Aber selbst als sie beide allein waren und er noch immer mit ihrer Hand in der, seinen stand, war alles, was er sagen konnte: „Du bist ja eine feine Dame geworden! Und ich sehe so armselig dagegen aus. Wie oft ich an Dich gedacht habe. An Dich und die alten Zeiten.“

Und dann gingen sie Arm in Arm den H├╝gel hinauf und schauten ├╝ber Gudenaa nach der Seiser Heide mit den gro├čen Heideh├╝geln hin, aber Ib sagte nichts. Doch als sie sich trennten, war er sich dar├╝ber klar geworden, da├č sie seine Frau werden m├╝sse; sie waren ja von klein auf Liebesleute genannt worden und waren, so schien es ihm, ein verlobtes Paar, obgleich keines von ihnen selbst es gesagt hatte.

Nur einige Stunden noch konnten sie zusammen sein, denn sie mu├čte wieder dorthin, von wo am n├Ąchsten Morgen der Wagen abfuhr. Der Vater und Ib begleiteten sie. Es war heller Mondschein und als sie angekommen waren, hielt Ib, noch immer ihre Hand und konnte sie nicht loslassen. In seinen Augen stand sein ganzes Herz geschrieben, aber die Worte fielen nur sp├Ąrlich, doch jedes einzige kam aus innerstem Herzen: „Wenn Du Dich nicht zu fein gew├Âhnt hast,“ sagte er, „und Du k├Ânntest Dir denken, in unserer Mutter Haus mit mir als Deinem Ehemann zu leben, dann werden wir beiden einmal Mann und Frau ÔÇô aber wir k├Ânnen ja noch ein wenig warten!“

„Ja, la├č uns die Zeit abwarten, Ib!“ sagte sie; und dann dr├╝ckte sie seine Hand und er k├╝├čte sie auf den Mund. „Ich vertraue auf Dich, Ib!“ sagte Christine, „und ich glaube, da├č ich Dich lieb habe! Aber la├č es mich beschlafen!“

Dann schieden sie. Ib sagte zu dem Schiffer, da├č er und Christine nun so gut wie verlobt seien, und der Schiffer fand, da├č es so w├Ąre, wie er es sich gedacht h├Ątte; und er ging mit Ib nach Hause und schlief dort in einem Bett mit ihm, und es wurde ├╝ber die Verlobung nicht mehr gesprochen.

Ein Jahr war dar├╝ber vergangen; zwei Briefe waren zwischen Ib, und Christine gewechselt worden; „Treu bis zum Tode!“ stand als Unterschrift darin. Eines Tages trat der Schiffer zu Ib herein, er brachte ihm einen Gru├č von Christine; was er weiter zu sagen hatte, ging ihm ein wenig schwer von der Zunge, aber es war daraus zu entnehmen, da├č es Christine wohl gehe, mehr als wohl sogar, sie w├Ąre ja ein h├╝bsches M├Ądchen und geachtet und beliebt. Des Krugwirts Sohn w├Ąre zu einem Besuch zu Hause gewesen; er w├Ąre in Kopenhagen in einem Kontor besch├Ąftigt und habe dort eine gro├če Stellung. Er m├Âge Christine wohl leiden und sie f├Ąnde ihn auch nach ihrem Sinn, seine Eltern w├Ąren ebenfalls nicht dagegen, aber es lag doch Christine schwer auf dem Herzen, da├č wohl Ib noch immer an sie d├Ąchte, und so h├Ątte sie beschlossen, das Gl├╝ck von sich zu sto├čen, sagte der Schiffer.

Ib sagte zuerst kein Wort, aber er wurde so wei├č wie ein leinenes Tuch; dann sch├╝ttelte er den Kopf und sagte: „Christine darf ihr Gl├╝ck nicht von sich sto├čen!“

„Schreibe ihr das in ein paar Worten!“ sagte der Schiffer.

Und Ib schrieb, aber er konnte nicht recht die Worte setzen, wie er wollte und strich durch und zerri├č, aber am Morgen war ein Brief an die kleine Christine zustande gebracht, und hier ist er.

„Den Brief an Deinen Vater habe ich gelesen und sehe daraus, da├č es Dir in jeder Beziehung wohl geht und Du es noch besser haben k├Ânntest! Frage Dein Herz, Christine! und bedenke wohl, was Deiner wartet, wenn Du mich nimmst! Was mein ist, ist nur geringe. Denke nicht an mich und wie ich es tragen werde, denke nur an Deinen eigenen Nutzen. An mich bist Du durch kein Versprechen gebunden, und hast Du mir in Deinem Herzen eins gegeben, so l├Âse ich Dich davon. Alles Gl├╝ck der Welt sei mit Dir, kleine Christine. Der liebe Gott wird wohl auch f├╝r mein Herz Trost wissen.

Immer Dein aufrichtiger Freund
Ib.“

Und der Brief wurde abgesandt und Christine bekam ihn.

Um Martini wurde sie in der Kirche in der Seiser Heide und in Kopenhagen, wo der Br├Ąutigam war, aufgeboten, und dorthin reiste sie mit ihrer Schwiegermutter, da der Br├Ąutigam wegen seiner vielen Gesch├Ąfte nicht so weit fortreisen konnte. Christine war, wie verabredet, mit ihrem Vater in einem kleinen Dorfe, das auf ihrem Wege lag, zusammengetroffen; dort nahmen sie voneinander Abschied. Es fielen dar├╝ber ein paar Worte, aber Ib sagte nichts dazu, er w├Ąre so nachdenklich geworden, sagte seine alte Mutter. Ja, nachdenklich war er, und deshalb kamen ihm auch die drei N├╝sse nicht aus dem Sinn, die er als Kind von der Zigeunerin bekommen und von denen er zwei Christine abgegeben hatte. Es waren wirklich W├╝nscheln├╝sse gewesen. In den ihren hatten ja ein goldener Wagen und Pferde und sch├Âne Kleider gelegen; es traf bei ihr zu. All diese Herrlichkeiten sollte sie nun dr├╝ben in Kopenhagen haben! Bei ihr ging es in Erf├╝llung. ÔÇô F├╝r Ib war in der Nu├č nur der schwarze Staub. „Das Allerbeste“ f├╝r ihn, hatte das Zigeunerweib zu ihm gesagt, ÔÇô ja, auch das ging in Erf├╝llung. Der schwarze Staub war f├╝r ihn das Beste. Nun verstand er deutlich, was das Weib damit gemeint hatte: die schwarze Erde, des Grabes Stille waren f├╝r ihn das Allerbeste.

Und es vergingen Jahre dar├╝ber ÔÇô nicht viele, aber Ib, erschienen sie lang. Die alten Krugwirtsleute starben, einer kurz nach dem anderen; das ganze Verm├Âgen, viele tausend Reichstaler, ging auf den Sohn ├╝ber. Ja, nun konnte Christine wohl eine Kutsche und sch├Âne Kleider bekommen!

Zwei lange Jahre hindurch, die nun folgten, kam kein Brief von Christine, und als dann der Vater einen bekam, war er nicht mehr in Wohlstand und Vergn├╝gen geschrieben. Arme Christine! Weder sie noch ihr Mann hatten es verstanden, mit dem Reichtum Ma├č zu halten, er verging, wie er gekommen war, es ruhte kein Segen darauf; sie hatten es selbst so gewollt.

Die Heide stand in Bl├╝te und die Heide verdorrte wieder. Der Schnee hatte manchen Winter ├╝ber die Heide gefegt und ├╝ber die Anh├Âhe, in deren Schutz Ib wohnte. Die Fr├╝hjahrssonne schien und Ib lie├č den Pflug durch die Erde ziehen. Da stie├č er damit, wie es ihm schien, an einen Feuerstein. Es kam ein gro├čer, schwarzer Hobelspan ├╝ber die Erde hervor, und als Ib ihn in die Hand nahm, f├╝hlte er, da├č er von Metall war, und an der Stelle, wo der Pflug daran geschlagen war, blitzte es blank. Es war ein schwerer goldener Armring aus dem heidnischen Altertum. Ein H├╝nengrab war hier geebnet worden und sein kostbarer Schmuck gefunden. Ib zeigte ihn dem Pfarrer, der ihm sagte, was das f├╝r ein herrliches und wertvolles St├╝ck sei, und von ihm ging Ib, zum Landrat, der dar├╝ber nach Kopenhagen berichtete und Ib, anriet, den kostbaren Fund selbst zu ├╝berbringen.

„Du hast in der Erde das K├Âstlichste gefunden, was sie Dir zu geben vermag!“ sagte ihm der Landrat.

„Das Beste“ dachte Ib, „Das Allerbeste f├╝r mich ÔÇô in der Erde. Dann hatte das Zigeunerweib also auch mit mir recht, wenn dies das Beste war.“

Und Ib, fuhr mit der F├Ąhre von Aarhuus nach Kopenhagen; es war f├╝r ihn, der bisher nur nach Gudenaa hin├╝bergekommen war, wie eine Reise ├╝bers Weltmeer. Und er kam nach Kopenhagen.

Der Wert des gefundenen Goldes wurde ihm ausbezahlt; es war eine gro├če Summe, sechshundert Reichstaler. Da wanderte nun Ib, aus dem Walde bei der Seiser Heide- in dem gro├čen, l├Ąrmenden Kopenhagen umher.

Es war gerade an dem Abend, als er mit einem Schiffer wieder nach Aarhuus zur├╝ckfahren wollte, als er sich in den Stra├čen verirrte und in eine ganz andere Richtung geriete als er eigentlich wollte. Er war ├╝ber die Knippelsbr├╝cke nach Christianshafen gekommen anstatt zum Walle beim Westtor. Er war ganz richtig nach Westen gesteuert, aber nicht dorthin, wohin er sollte. Nicht ein Mensch war in den Stra├čen zu sehen. Da kam ein ganz kleines M├Ądchen aus einem der ├Ąrmlichen H├Ąuser. Ib fragte sie nach dem Wege und die Kleine blickte auf. Da sah er, da├č sie heftig weinte. Nun fragte er sie, was ihr fehle; sie sagte etwas, was er nicht verstand, und als sie beide unter eine Laterne kamen, deren Schein ihr Gesichtchen beleuchtete, wurde es ihm ganz wunderlich zumute; denn es war leibhaftig die kleine Christine, die da vor ihm stand, ganz wie er sich ihrer erinnerte, als sie beide noch Kinder waren.

Und er ging mit dem kleinen M├Ądchen in das ├Ąrmliche Haus, die schmale, ausgetretene Treppe hinauf bis zu einer kleinen, verkommenen Kammer hoch oben unter dem Dache. Es war eine schwere stickige Luft darin, kein Licht war entz├╝ndet, und in einer Ecke seufzte es und m├╝hsame Atemz├╝ge drangen daraus hervor. Ib strich ein Z├╝ndholz an. Es war die Mutter des Kindes, die in dem ├Ąrmlichen Bette lag.

„Kann ich Euch mit irgendetwas helfen?“ sagte Ib. „Die Kleine hat mich auf der Stra├če getroffen, aber ich bin selbst fremd hier in der Stadt. Ist hier kein Nachbar oder irgend jemand, den ich Euch rufen k├Ânnte?“ ÔÇô Und er richtete ihr Haupt in die H├Âhe.

Es war Christine aus der Seiser Heide.

Jahre hindurch war ihr Name daheim in J├╝tland nicht mehr genannt worden, es w├╝rde Ibs stillen Gedankengang aufger├╝hrt haben, und es war ja auch nichts Gutes, was Ger├╝cht und Wahrheit meldeten, da├č das viele Geld, das ihr Mann von seinen Eltern geerbt hatte, ihn ├╝berm├╝tig und leichtlebig gemacht h├Ątte. Er hatte seine feste Stellung aufgegeben und war ein halbes Jahr im Auslande umhergereist, dann kehrte er zur├╝ck, machte Schulden ├╝ber Schulden, der Wagen neigte sich immer mehr und endlich st├╝rzte er um. Seine vielen lustigen Tischfreunde sagten von ihm, es sei ihm nur nach Verdienst geschehen, er habe ja darauf los gelebt wie ein Narr. Eines Morgens war seine Leiche im Schlo├čkanal gefunden worden.

Nach seinem Tode ging Christine in sich; ihr j├╝ngstes Kindchen, im Wohlstand empfangen, im Elend geboren, war, nur einige Wochen alt, gestorben und ruhte im Grabe, und jetzt war es mit Christine so weit gekommen, da├č sie todkrank und verlassen in einer elenden Kammer lag, so elend, wie sie es in ihren jungen Jahren in der Seiser Heide wohl h├Ątte ertragen k├Ânnen; aber nun, da sie es besser gew├Âhnt war, f├╝hlte sie ihr Elend doppelt. Es war ihr ├Ąltestes Kind, auch eine kleine Christine, die Not und Hunger mit ihr litt und die Ib zu ihr herauf gebracht hatte.

„Ich habe Angst f├╝r das arme Kind, wenn ich sterbe“ brachte sie seufzend hervor, „wo in aller Welt soll es dann hin.“ ÔÇô Mehr konnte sie nicht sagen.

Ib brannte wieder ein Z├╝ndh├Âlzchen an und fand einen Lichtstumpf, den er anz├╝ndete, nun fiel der tr├╝be Lichtschein auf all das Elend in der Kammer.

Ib sah des kleine M├Ądchen an und dachte an Christine in ihren jungen Jahren. Um Christines willen konnte er ja an diesem Kinde, das er nicht kannte, Gutes tun. Die Sterbende sah ihn an, ihre Augen wurden gr├Â├čer und gr├Â├čer. ÔÇô Erkannte sie ihn? Nie erfuhr er das, kein Wort mehr h├Ârte er sie sprechen.

Es war im Walde bei Gudenaa in der Seiser Heide; die Luft war grau, die Heide stand ohne Bl├╝ten. Die Westst├╝rme trieben das gelbe Laub der W├Ąlder in den Flu├č und ├╝ber die Heide, wo das Torfhaus stand. Fremde Leute wohnten darin; aber am Fu├če des Landr├╝ckens, im Schutze hoher B├Ąume, stand das kleine Haus, wei├č und schmuck. Im Kachelofen in der Stube brannten Torfst├╝cken, in der Stube hier war Sonnenschein, er strahlte aus zwei Kinderaugen, Fr├╝hling und Lerchengezwitscher klangen aus dem roten, lachenden Mund, Leben und Fr├Âhlichkeit herrschten hier; es war die kleine Christine, die auf Ibs Knien sa├č. Ib war ihr Vater und Mutter, die beide von ihr gegangen waren, wie ein Traum vergeht. Ib sa├č in dem netten, reinlichen Hause, ein wohlhabender Mann; die Mutter des kleinen M├Ądchens lag auf dem Armenfriedhof in der K├Ânigstadt Kopenhagen.

Ib hatte Geld im Kasten, sagte man. Gold aus der Erde, und er hatte ja auch die kleine Christine.

Hans Christian Andersen
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