Rainer Maria Rilke Es Treibt Wind Im Winterwalde - anschauliche Darstellung
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Rainer Maria Rilke: Es treibt der Wind im Winterwalde

Die Weihnachtszeit wird oft mit lauten Liedern und festlichem Glanz beschrieben. Doch Rainer Maria Rilke, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, findet in seinem Gedicht „Es treibt der Wind im Winterwalde“ einen anderen, einen magisch-stillen und zugleich erwartungsvoll-spannenden Ton. Dieses kurze, aber ungemein dichte Werk ist keine direkte Weihnachtsgeschichte, sondern eine Naturmystik der Erwartung. Es schildert, wie die winterliche Natur selbst auf das kommende Wunder der Weihnacht vorbereitet wird. Hier ergründen wir die tiefe Symbolik von Rilkes Versen und entdecken, warum dieses Gedicht eine perfekte, besinnliche Einstimmung auf das Fest ist.

Das gesamte Gedicht

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird.
Sie lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.
Rainer Maria Rilke

Eine Deutung: Die Natur als wartende Gläubige

Rilke vermenschlicht die Natur nicht nur – er macht sie zur Hauptfigur einer adventlichen Vorbereitung. Das Gedicht beschreibt keinen statischen Zustand, sondern einen dynamischen Prozess der Hinwendung und Verwandlung.

1. Strophe: Die Ahnung und innere Vorbereitung

  • „Es treibt der Wind im Winterwalde / Die Flockenherde wie ein Hirt“: Das erste Bild ist eines der sanften Führung. Der Wind ist kein Sturm, sondern ein „Hirt“, der die Schneeflocken (die „Herde“) treibt. Es herrscht eine geordnete, erwartungsvolle Ruhe.
  • „Und manche Tanne ahnt, wie balde / Sie fromm und lichterheilig wird.“: Der geniale Sprung! Nicht der Mensch, sondern „manche Tanne“ hat eine Ahnung. Sie spürt ihre eigene Bestimmung voraus: Sie wird nicht nur geschmückt, sondern sie wird „fromm und lichterheilig“. Die Verwandlung ist ein innerer Vorgang („fromm“) wie ein äußerer („lichterheilig“). Die Tanne ist sich ihrer Rolle als künftiger Christbaum bewusst.

2. Strophe: Die aktive Haltung der Erwartung

  • „Sie lauscht hinaus.“: Eine äußerst konzentrierte, passive Aktivität. Das Lauschen ist eine Haltung der völligen Empfangsbereitschaft.
  • „Den weißen Wegen / Streckt sie die Zweige hin – bereit“: Die Geste ist ein grüßendes, einladendes Ausstrecken. Die Wege sind „weiß“ – rein, unbetreten, bereit für den, der kommen wird. Der Gedankenstrich vor „bereit“ unterstreicht die Wichtigkeit dieser vollendeten Bereitschaft.
  • „Und wehrt dem Wind und wächst entgegen / Der einen Nacht der Herrlichkeit.“: Hier wird die Erwartung aktiv und widerständig. Sie „wehrt“ den ablenkenden Wind (Symbol für das Weltliche, Unstete) und „wächst entgegen“ – eine Bewegung voller Sehnsucht und entschlossener Hinwendung auf das Ziel hin: „Der einen Nacht der Herrlichkeit“, der Heiligen Nacht.
Die Tanne, die lauscht und der Herrlichkeit entgegenwächst – Rilkes Bild für adventliche Erwartung.

Die zentralen Symbole und ihre Bedeutung

  • Die Tanne: Symbol für den Gläubigen, der sich auf das Fest vorbereitet. Sie durchläuft einen inneren („ahnt“, „wird fromm“) und äußeren („streckt die Zweige“, „wächst entgegen“) Prozess.
  • Der Wind/Hirt: Eine gütige, vorbereitende Kraft (vielleicht der Geist Gottes?), der die „Herde“ der Schneeflocken – ein Bild für Reinheit – an ihren Platz weist.
  • Die „eine Nacht der Herrlichkeit“: Nicht einfach „Weihnachten“, sondern ein singularer, einmaliger, erhabener Moment des Durchbruchs des Göttlichen in die Welt. Rilke setzt damit einen Kontrapunkt zum oft banalisierten Fest.

Wie du Rilkes Gedicht in deinen Advent einbindest

  1. Als meditativer Impuls am Adventssonntag: Lies das Gedicht langsam vor, vielleicht begleitet von ruhiger Musik oder beim Anblick eines Adventskranzes. Lass die Bilder wirken: Kann ich heute wie diese Tanne „lauschen“? Worauf wachse ich entgegen?
  2. Als Text für eine besonders stimmungsvolle Weihnachtskarte: Für literatur- und sinnsensible Menschen ist dieses Gedicht ein weit wertvolleres Geschenk als ein Standardgruß. Es zeigt Tiefgang und Geschmack.
  3. Als Gesprächsanstoß in der Familie: Frage: „Wenn du heute wie eine Tanne im Wald wärst – was müsste geschehen, damit du dich ‚lichterheilig‘ fühlst? Wohin würdest du deine Zweige ausstrecken?“
  4. Als Begleiter für einen winterlichen Spaziergang: Nimm das Gedicht im Kopf mit in den Wald oder Park. Sieh die Bäume mit Rilkes Augen: Welche von ihnen „ahnt“ vielleicht schon etwas?

Für wen ist dieses Gedicht ein besonderer Schatz?

  • Fur Naturverbundene und Sinnsucher: Die, die Weihnachten nicht nur in der Stube, sondern auch in der Stille der Schöpfung spüren.
  • Fur Liebhaber poetischer Sprache und tiefer Symbolik: Ein Beispiel für Rilkes geniale Fähigkeit, Stimmungen und spirituelle Zustände in bildhafte Naturverse zu gießen.
  • Fur Menschen, die eine alternative, stille Einstimmung suchen: Ein Gegenentwurf zum kommerziellen Trubel und lauten Weihnachtsliedern.
  • Fur Theologisch und philosophisch Interessierte: Das Gedicht bietet Stoff zum Nachdenken über die Sehnsucht der Schöpfung, über Erwartung und Verwandlung.

Häufige Fragen (FAQ) zu Rilkes Weihnachtsgedicht

Wann hat Rainer Maria Rilke dieses Gedicht geschrieben?
Es stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Rilke (1875-1926) veröffentlichte es in seinem Zyklus „Das Stunden-Buch“ (1905) oder in späteren Sammlungen. Es steht exemplarisch für seine lyrische Verknüpfung von Natur, Innerlichkeit und Transzendenz.

Ist „lichterheilig“ ein erfundenes Wort?
Ja, es ist eine typisch rilkesche Wortneuschöpfung (Neologismus). Sie verschmilzt „Licht“ und „heilig“ zu einem unauflösbaren, magischen Begriff. Die Tanne wird nicht nur mit Licht behangen, sie wird zum leuchtenden Heiligtum selbst. Es ist ein geniales sprachliches Bild für die Verwandlung.

Was ist der Unterschied zu traditionellen Weihnachtsgedichten?
Traditionelle Gedichte (wie von Mörike) erzählen meist die biblische Geschichte nach. Rilke erzählt die Geschichte der wartenden Seele (verkörpert in der Natur). Sein Fokus liegt auf dem inneren Zustand der Erwartung, nicht auf dem äußeren Ereignis. Es ist Weihnachten aus der Perspektive der Schöpfung.

Fazit: Die Kunst des erwartungsvollen Lauschens

Rilkes „Es treibt der Wind im Winterwalde“ ist eine Einladung zu einer anderen Art von Advent. Es lädt uns ein, nicht nur Plätzchen zu backen und Geschenke zu kaufen, sondern wie die Tanne im Wald zu werden: zur Ruhe zu kommen, zu „ahnen“, hinauszulauschen, unsere inneren „Zweige“ bereitzustrecken und uns allem Widrigen zum Trotz der „einen Nacht der Herrlichkeit“ entgegenzuwachsen. In seiner schlichten Größe erinnert es uns daran, dass das Wunder der Weihnacht eine Verwandlung erfordert – und dass diese Verwandlung schon im stillen Lauschen und bereiten Warten beginnt.

Möge dieses Gedicht auch in Ihnen das Gefühl wecken, ein Teil dieser wartenden, hoffnungsvollen Schöpfung zu sein.

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