„Wir haben überlebt“ – Wie Inge Auerbachers Puppe vom Zeugen zur Mit-Kämpferin wurde
- Vom Zeugen zum Kämpfer: Die Evolution der Puppe in der Überlebensgeschichte ⚔️
- „Trotz aller Schwierigkeiten“ – Die Untertreibung als Zeugnis
- Die Psychologie des „Wir“-Überlebens: Warum es einen Unterschied macht 🧠
- Die Puppe heute: Vom Überlebenssymbol zur Lehrerin für unsere Resilienz 🧸➡️🧘♀️
- Was dieses Zitat über den Kern von Heilung lehrt ✨
- Häufige Fragen zum gemeinsamen Überleben (FAQ)
- Fazit: Die Puppe ist der Beweis – und du bist es auch
„Aber trotz aller Schwierigkeiten haben wir beide überlebt.“ Dieser einfache, monumentale Satz von Inge Auerbacher über sie und ihre Puppe „Marlene“ ist eine der dichtesten Formeln für Resilienz, die es gibt. Er ist die logische, triumphale Fortsetzung des ersten Zitats. In dieser Analyse geht es nicht nur um ein Spielzeug, sondern um die Anatologie eines gemeinsamen Überlebens – wie ein Objekt zum Mit-Kämpfer, zum stummen Zeugen und zum lebendigen Beweis für den Sieg des Lebens über die Vernichtung wird.
Vom Zeugen zum Kämpfer: Die Evolution der Puppe in der Überlebensgeschichte ⚔️
Das erste Zitat beschrieb die Puppe als passiven Empfänger und Bewahrer („kennt meine Geheimnisse… erinnert sich“). Dieser zweite Satz vollzieht eine radikale Wandlung: Die Puppe wird vom Archiv zum aktiven Mit-Überlebenden. Inge Auerbacher sagt nicht „Ich habe überlebt“, sondern „wir beide“. Diese kleine sprachliche Verschiebung ist psychologisch von unermesslicher Bedeutung.
- Die Externalisierung der eigenen Widerstandskraft: Indem das Kind einen Teil seines eigenen Überlebenswillens und seiner Stärke auf die Puppe projiziert, macht es diese Stärke greifbar, sichtbar und teilbar. Man kämpft nicht allein; man kämpft für jemanden – auch wenn es eine Puppe ist.
- Die Schaffung einer Verantwortungsgemeinschaft: Das Überleben der Puppe wurde zur Mission. Sie zu schützen, sie zu verstecken, sie am Leben zu erhalten, gab dem eigenen Durchhalten einen konkreten, täglichen Sinn jenseits des abstrakten „Überleben-Wollens“. Die Sorge um ein anderes (selbst ein stellvertretendes) Wesen kann in extremen Situationen lebensrettend sein.
- Die Aufhebung der absoluten Einsamkeit: Im Lager war das Kind von Familie und vertrauter Umgebung isoliert. Die Puppe war die einzige konstante Beziehung, die blieb. Das „Wir“ schuf eine soziale Einheit, wo das System der Vernichtung absolute Vereinzelung anstrebte.
„Trotz aller Schwierigkeiten“ – Die Untertreibung als Zeugnis

Die Formulierung „trotz aller Schwierigkeiten“ ist eine beispiellose Untertreibung (Litotes) für das, was Inge Auerbacher erlebte: Deportation, Ghetto, Konzentrationslager Theresienstadt, Hunger, Krankheit, Todesangst. Diese milde Sprache ist kein Verharmlosen, sondern ein stilistisches Mittel der Reifung und Integration.
- Sie zeigt, dass das Trauma nicht mehr die allein bestimmende Macht über die Erzählung hat. Die Geschichte wird nicht vom Schrecken, sondern vom Ergebnis her erzählt: dem Überleben.
- Sie schafft eine Distanz, die es ermöglicht, über das Unaussprechliche zu sprechen, ohne von ihm überwältigt zu werden. Die Puppe wird zur symbolischen Brücke, über die diese Geschichte erzählt werden kann.
Die Psychologie des „Wir“-Überlebens: Warum es einen Unterschied macht 🧠
Die Neurowissenschaft und Traumapsychologie bestätigen die intuitive Weisheit in Auerbachers Satz. Das Gehirn in extremem Stress sucht nach Bindung und Sinn.
- Die Oxytocin-Achse: Sorge für andere (auch symbolische) kann die Ausschüttung von Oxytocin fördern, einem Hormon, das Stress (Cortisol) entgegenwirkt und Gefühle von Ruhe und Verbundenheit stärkt. Die Fürsorge für die Puppe war möglicherweise ein neurochemischer Schutzfaktor.
- Vom Opfer zum Beschützer – eine heilsame Rollenverschiebung: In einer Situation, in der man vollständig zum Opfer gemacht wird, schafft die Rolle des Beschützers (der Puppe) ein winziges Gefühl von Agency – von Handlungsmacht und Kontrolle. Dies ist fundamental für die psychische Integrität.
- Die Puppe als „selbstobjekt“ (Heinz Kohut): In der Selbstpsychologie ist ein Selbstobjekt ein äußeres Objekt, das Funktionen erfüllt, die das Selbst stabilisieren und erhalten (z.B. Beruhigung, Bestätigung). Die Puppe war ein perfektes Selbstobjekt: Sie spendete durch ihre bloße Präsenz und durch die in sie projizierte Zuneigung Kontinuität und Halt in einer sich auflösenden Welt.
Die Puppe heute: Vom Überlebenssymbol zur Lehrerin für unsere Resilienz 🧸➡️🧘♀️
- Identifiziere deine „Überlebens-Puppe“ (dein Resilienz-Symbol): Was ist der Gegenstand, die Erinnerung, die Beziehung oder der Glaube in deinem Leben, der dir das Gefühl gibt: „Damit habe ich schon so vieles überstanden. Damit bin ich stark.“ Es muss kein Trauma sein. Es kann der Lieblingspulli sein, den du in jeder Prüfungsphase trägst, das Lied, das dich aufbaut, oder der Spruch deiner Großmutter. Finde das physische oder mentale Objekt, das für dich Überlebenskraft symbolisiert.
- Formuliere dein eigenes „Wir haben überlebt“: Nimm dieses Symbol in Gedanken (oder in Händen) und sprich den Satz laut aus, angepasst an deine Geschichte: „Trotz [der Prüfung, der Krise, der schweren Zeit] haben [ich und dieser Glaube / diese Erinnerung / dieses Lied] überlebt.“ Dieser Akt der sprachlichen Verknüpfung externalisiert und bestätigt deine eigene Resilienz-Geschichte.
- Übe die „Sorge für dein Symbol“ als Selbstfürsorge-Ritual: Wenn dein Symbol ein Gegenstand ist, pflege ihn bewusst (wasche den Pulli, rahme den Spruch ein). Wenn es immateriell ist, „pflege“ es durch Wiederholung (höre das Lied, visualisiere die Erinnerung). Indem du für dein Symbol sorgst, sorgst du indirekt für den resilienten Teil in dir selbst. Du bestätigst: „Dieser Teil von mir ist wertvoll und schützenswert.“
- Erzähle die Geschichte des „Wir“ weiter: Teilen, wie etwas dir geholfen hat zu überstehen, ist mächtig. Erzähle einem Freund von deiner „Überlebens-Puppe“. Dies tut zweierlei: Es festigt deine eigene narrative Integration (du machst aus einem Erlebnis eine erzählbare, sinnvolle Geschichte), und es kann für andere zum Modell werden, ihre eigene Resilienz zu erkennen.
Was dieses Zitat über den Kern von Heilung lehrt ✨
- Heilung ist oft ein „Wir“-Prozess: Auch wenn der Schmerz individuell ist, geschieht Heilung selten in absoluter Isolation. Sie braucht Zeugen (Therapeuten, Freunde) – oder, wie hier, einen symbolischen Verbündeten.
- Resilienz kann auf ein Objekt übertragen werden – und von ihm zurückgespiegelt werden: Die Puppe wurde durch die Projektion des Kindes zum Symbol der Hoffnung. Als Erwachsene kann Inge Auerbacher auf die Puppe schauen und in ihr ihre eigene, bereits geleistete Stärke gespiegelt sehen. Der Gegenstand wird zum Beweis der eigenen Fähigkeiten.
- Überleben ist ein aktiver, kreativer Akt: Es war nicht nur Passivität oder Glück. Es beinhaltete die aktive, kreative Schöpfung einer Überlebensgemeinschaft („wir beide“) und die Zuweisung von Bedeutung und Mission an ein simples Objekt. Das ist eine immense kreative Leistung.
Häufige Fragen zum gemeinsamen Überleben (FAQ)
Ist es nicht gefährlich, eine Puppe so zu vermenschlichen? Verhindert das nicht die Verarbeitung?
Im Gegenteil – in der akuten Extremsituation war diese „Vermenschlichung“ (in der Psychologie: Personifikation oder Projektion) ein lebenswichtiger Abwehr- und Bewältigungsmechanismus (ein sogenanntes „gesundes Abwehrmechanismus“ in der Trauma-Bewältigung). Sie half, die unerträgliche Realität erträglicher zu machen, indem sie Sinn und Verbindung schuf. Die spätere, nüchterne Betrachtung der Puppe als Objekt schließt das nicht aus; sie ergänzt es. Als Erwachsene kann Auerbacher beides sehen: das Stofftier und die ungeheuerliche Bedeutung, die es für sie als Kind trug. Diese Doppelsicht ist ein Zeichen gelungener Integration.
Ich habe kein solches Symbol. Bedeutet das, ich bin weniger resilient?
Überhaupt nicht. Die Frage ist nicht, ob du ein physisches Symbol hast, sondern ob du eine Erzählung des „Wir“ in dir findest. Vielleicht war es ein Gedanke („Ich muss für meine kleine Schwester durchhalten“), ein inneres Bild (die Vorstellung eines sicheren Ortes), eine Pflicht oder ein Talent. Resilienz zeigt sich in vielen Formen. Die Aufgabe ist, diese oft unsichtbare Stütze in deiner eigenen Geschichte zu identifizieren und für dich sichtbar zu machen – sie zur eigenen, inneren „Puppe“ zu machen, auf die du stolz sein kannst.
Fazit: Die Puppe ist der Beweis – und du bist es auch
Inge Auerbachers zweites Zitat vollendet den Kreis. Die Puppe, die einst die Geheimnisse bewahrte, wird am Ende selbst zum lebendigen Geheimnis des Überlebens. Sie ist der physische, berührbare Beweis dafür, dass das Unmögliche möglich war: Ein Kind und sein Spielzeug überstanden die Hölle.
„Wir beide haben überlebt“ ist daher mehr als eine Feststellung. Es ist eine Ehrung. Eine Ehrung der eigenen zähen Lebenskraft, die sich in ein Objekt kleidete, um nicht zu erlöschen. Und eine Ehrung der Puppe, die diese Projektion aushielt und trug – und so zu mehr wurde, als je vorgesehen war.
Schau auf dein Leben. Was ist deine „Puppe“? Was ist das Symbol, das bezeugt: „Trotz allem bin ich noch hier“? Es zu finden und anzuerkennen, ist nicht sentimental. Es ist die Rückeroberung deiner eigenen Geschichte als Geschichte eines Siegers – im großen oder im kleinen. Denn Überleben hat viele Gesichter, und jedes verdient seinen Zeugen.