- Wie Däumelinchen aus einer Tulpe geboren wurde
- Die Kröte entführt Däumelinchen
- Gerettet von den Fischen – die Reise auf dem Blatt
- Gefangen beim Maikäfer
- Ein einsamer Winter im Wald
- Bei der Feldmaus und dem Maulwurf
- Die kranke Schwalbe
- Die Verlobung mit dem Maulwurf
- Die Flucht in den Süden
- Däumelinchen wird Maja, die Blumenkönigin
- Was Däumelinchen bis heute so berührend macht
- Häufige Fragen zu Däumelinchen
- Wer hat Däumelinchen geschrieben?
- Ist Däumelinchen ein Volksmärchen oder ein Kunstmärchen?
- Wie heißt Däumelinchen am Ende des Märchens?
- Wovon handelt Däumelinchen im Kern?
Däumelinchen
Eine Geschichte über das Kleinsein in einer großen Welt – und darüber, wo man wirklich hingehört.
Manche Geschichten beginnen mit einem Wunsch, der so klein ist wie eine Blüte. Genau so beginnt Däumelinchen, Hans Christian Andersens berühmtes Märchen von 1835: Ein winziges Mädchen kommt aus einer Tulpe zur Welt und muss sich, Station für Station, durch Krötenmorast, Käferbaum und Wintersturm hindurchkämpfen – bis es endlich einen Ort findet, an dem es wirklich gesehen wird. Es ist eine Geschichte über Zugehörigkeit, über das Anderssein und darüber, dass Liebe niemanden kleiner machen darf, als er ist.
Wie Däumelinchen aus einer Tulpe geboren wurde
Es war einmal eine Frau, die sich sehr ein ganz kleines Kind wünschte; aber sie wußte gar nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: „Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben; kannst Du mir nicht sagen, wo ich das bekommen kann?“
„O! damit wollen wir schon fertig werden!“ sagte die Hexe. „Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie die, welche auf des Landmanns Feld wachsen, oder welche die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf, so wirst Du was zu sehen bekommen!“
„Ich danke Dir!“ sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge, denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn; und sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume, die sah aus, wie eine Tulpe; aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, gerade als ob sie noch in der Knospe wäre.
„Das ist eine wunderhübsche Blume!“ sagte die Frau und küßte sie auf die roten und gelben Blätter; aber gerade, indem sie darauf küßte, öffnete die Blume sich mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte; aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samengriffel ein ganz kleines Mädchen, so fein und niedlich! Sie war kaum einen halben Daumen hoch, und deshalb wurde sie Däumelinchen genannt.
Eine niedliche, lackirte Wallnußschale bekam sie zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihr Deckbett. Da schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranz von Blumen belegt hatte, deren Stengel in Wasser standen; darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren; zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah einmal wunderhübsch aus! Sie konnte auch singen, und so fein und niedlich, wie man es noch nie gehört hatte.
Die Kröte entführt Däumelinchen
Einst, als sie Nachts in ihrem schönen Bette lag, kam eine häßliche Kröte durch das Fenster hereingehüpft, in dem eine Scheibe entzwei war. Die Kröte war sehr häßlich, groß und naß; sie hüpfte gerade auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem rothen Rosenblatte schlief.
„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“ sagte die Kröte; und da nahm sie die Wallnußschale, worin Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durchs Fenster, in den Garten hinunter.
Da floß ein großer, breiter Bach; aber das Ufer war sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu! der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter! „Koax, koax, brekkekekex!“ Das war Alles, was er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Wallnußschale erblickte.
„Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!“ sagte die alte Kröte. „Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht, wie ein Schwanenflaum! Wir wollen sie auf eins der breiten Nixenblumenblätter in den Bach hinaus setzen …“
Draußen in dem Bache wuchsen viele Nixenblumen mit den breiten grünen Blättern, welche aussehen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser; das Blatt, welches am weitesten hinauslag, war auch das allergrößte; da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte darauf die Wallnußschale mit Däumelinchen.
Das kleine, kleine Wesen erwachte früh Morgens, und als sie sah, wo sie war, fing sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war Wasser zu allen Seiten des großen grünen Blattes, und sie konnte gar nicht an das Land kommen.
Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Fischblattblumen aus; dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zum Blatte hinaus. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: „Hier siehst Du meinen Sohn, er wird Dein Mann sein; und Ihr werdet recht prächtig unten im Morast wohnen.“
„Koax, koax, brekkekekex!“ war Alles, was der Sohn sagen konnte.
Gerettet von den Fischen – die Reise auf dem Blatt
Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte. Sobald sie Däumelinchen erblickten, fanden sie sie so niedlich, daß es ihnen recht leid that, daß sie zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Sie versammelten sich rings um den grünen Stengel, nagten mit den Zähnen den Stiel ab, und da schwamm das Blatt den Bach hinab mit Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.
Däumelinchen segelte vor vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen und sangen: „Welch liebliches kleines Mädchen!“ Ein niedlicher, kleiner weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder. Sie band ihn mit ihrem Gürtel fest, sodaß das Blatt viel schneller davonglitt.
Gefangen beim Maikäfer
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie und schlang augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken! Aber hauptsächlich war sie wegen des weißen Schmetterlings betrübt, den sie an das Blatt festgebunden hatte – er würde verhungern müssen.
Später kamen alle andern Maikäfer und machten Visite. Die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner: „Sie hat doch nicht mehr als zwei Beine! Sie hat keine Fühlhörner! Wie sie häßlich ist!“ Und doch war Däumelinchen das Lieblichste, was man sich denken konnte. Zuletzt glaubte der Maikäfer, der sie geraubt hatte, den anderen und wollte sie gar nicht mehr haben; sie könne gehen, wohin sie wolle.
Ein einsamer Winter im Wald
Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und pflückte das Süße der Blumen zur Speise. So vergingen Sommer und Herbst, aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel flogen davon, Bäume und Blumen verdorrten, und sie fror erschrecklich, denn sie war selbst so fein und klein: sie mußte erfrieren.
Bei der Feldmaus und dem Maulwurf
Dicht vor dem Walde lag ein großes Kornfeld. Da gelangte sie vor die Thüre der Feldmaus und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Mindeste zu essen gehabt. „Du armes Thierchen!“ sagte die Feldmaus, „komm herein in meine warme Stube und speise mit mir!“ Sie durfte den Winter über bleiben, sollte die Stube sauber halten und Geschichten erzählen.
„Nun werden wir bald Besuch erhalten!“ sagte die Feldmaus. „Mein Nachbar hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Sammetpelz! Aber er kann nicht sehen.“ Es war ein Maulwurf, gelehrt und wohlhabend, der die Sonne und die Blumen nicht leiden mochte, weil er sie nie gesehen hatte. Als Däumelinchen sang, verliebte er sich in ihre Stimme – sagte aber nichts, denn er war ein besonnener Mann.
Die kranke Schwalbe
Der Maulwurf hatte einen Gang gegraben, in dem ein toter Vogel lag. „Nun pfeift er nicht mehr!“ sagte er kalt. Doch als die beiden ihm den Rücken wandten, neigte sich Däumelinchen herab und küßte den Vogel auf die geschlossenen Augen. In der Nacht kehrte sie heimlich zurück, deckte ihn warm zu – und spürte plötzlich sein Herz klopfen: Poch, Poch! Die Schwalbe war nur betäubt vor Kälte, nicht tot.
Den ganzen Winter über pflegte Däumelinchen sie heimlich gesund, ohne dass Feldmaus oder Maulwurf davon erfuhren. Im Frühling bot die Schwalbe ihr an, mitzukommen – doch Däumelinchen wollte die alte Feldmaus nicht kränken und blieb zurück. „Lebe wohl, Du gutes, niedliches Mädchen!“, rief die Schwalbe und flog davon.
Die Verlobung mit dem Maulwurf
„Nun bist Du Braut, Däumelinchen!“ sagte die Feldmaus. „Der Nachbar hat um Dich angehalten.“ Däumelinchen musste ihre Aussteuer nähen, obwohl sie den langweiligen Maulwurf nicht leiden mochte. Jeden Morgen stahl sie sich zur Thüre hinaus, um wenigstens einen Blick auf den blauen Himmel zu erhaschen. Als die Hochzeit näher rückte, weinte sie: „Ich will ihn nicht haben!“ – „Schnickschnack!“, sagte die Feldmaus. „Es ist ja ein schöner Mann, den Du bekommst!“
Die Flucht in den Süden
„Lebe wohl, Du helle Sonne!“ sagte Däumelinchen, als sie zum letzten Mal hinausdurfte. Da hörte sie über sich: „Quivit, quivit!“ – die kleine Schwalbe war zurückgekehrt. Als sie hörte, dass Däumelinchen den Maulwurf heiraten und für immer unter der Erde leben sollte, machte sie ihr ein Angebot: „Binde Dich mit Deinem Gürtel fest, dann fliegen wir fort, weit weg, über die Berge, nach den warmen Ländern!“ – „Ja, ich werde mit Dir ziehen!“, sagte Däumelinchen.
Däumelinchen wird Maja, die Blumenkönigin
In den warmen Ländern schien die Sonne heller, der Himmel war höher, und überall dufteten Citronen, Myrthen und Weintrauben. Auf Däumelinchens Wunsch setzte die Schwalbe sie in die schönste weiße Blume – und dort saß ein kleiner, gläserner Mann mit Goldkrone: der Blumenengel, König über alle Blumenwesen. Er verliebte sich sofort in sie, setzte ihr seine Krone auf und fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Sie sagte Ja – und erhielt ein Paar durchsichtige Flügel, mit denen sie fortan von Blume zu Blume fliegen konnte.
„Du sollst nicht Däumelinchen heißen!“, sagte der Blumenengel. „Wir wollen Dich Maja nennen.“ Die kleine Schwalbe sang zur Hochzeit, auch wenn ihr Herz schwer war – dann flog sie zurück nach Dänemark, zu dem Mann, der Märchen erzählen kann. Vor seinem Fenster sang sie „Quivit, quivit!“ Daher wissen wir die ganze Geschichte.
Hans Christian Andersen (1805–1875), „Däumelinchen“, zuerst erschienen 1835. Der Text ist gemeinfrei.
Was Däumelinchen bis heute so berührend macht
Däumelinchen wird in dieser Geschichte immer wieder verschenkt, verlobt und weitergereicht – von der Kröte über den Maikäfer bis zum Maulwurf. Jeder von ihnen will sie besitzen, aber keiner sieht sie wirklich. Erst bei der kleinen Schwalbe, der sie ohne Berechnung geholfen hat, und beim Blumenelfen, der ihr auf Augenhöhe begegnet, findet sie einen Platz, an dem ihre Größe kein Makel ist, sondern einfach ihre Art zu sein.
Vielleicht ist das der Kern, der dieses Märchen so zeitlos macht: Zugehörigkeit lässt sich nicht erzwingen und nicht ertauschen. Sie entsteht dort, wo jemand einen anderen so nimmt, wie er ist – und genau dafür verlässt Däumelinchen jedes noch so warme, sichere Zuhause, das ihr nicht wirklich gehört.
Häufige Fragen zu Däumelinchen
Wer hat Däumelinchen geschrieben?
Das Märchen stammt von dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen und wurde 1835 erstmals veröffentlicht.
Ist Däumelinchen ein Volksmärchen oder ein Kunstmärchen?
Es ist ein Kunstmärchen – eine literarische Originalgeschichte von Andersen, kein überliefertes Volksmärchen wie die der Brüder Grimm.
Wie heißt Däumelinchen am Ende des Märchens?
Der Blumenelf nennt sie Maja, weil er „Däumelinchen“ für einen zu unschönen Namen für die neue Blumenkönigin hält.
Wovon handelt Däumelinchen im Kern?
Von einer winzigen, verletzlichen Hauptfigur, die durch mehrere Zwangsverlobungen und Gefahren wandert, bis sie einen Ort findet, an dem sie frei und geliebt sie selbst sein darf.
Vorschau-Ansicht – zeigt nur den Stil. Der vollständige Beitragstext steht in der Gutenberg-Datei.