Lotti und der verregnete Tag
Manchmal findet sich selbst in einem schlechten Tag ein kleiner guter Moment.
Lotti hatte schon am Morgen das Gefühl, dass dieser Tag nichts Gutes mit ihr vorhatte.
Als sie aus dem Haus kam, begann es zu regnen. Nicht dieser angenehme Sommerregen, bei dem man sich über die Abkühlung freut, sondern dieser feine, hartnäckige Regen, der innerhalb weniger Minuten dafür sorgt, dass die Haare kleben und die Schuhe aussehen, als hätte man sie direkt in einen See gestellt.
Lotti zog ihren gelben Mantel enger um sich und spannte den roten Schirm auf. Kaum hatte sie die Straße erreicht, fuhr ein Auto durch eine Pfütze und spritzte ihr das Wasser bis zu den Knien.
Sie blieb stehen und sah dem Auto hinterher.
„Danke“, sagte sie trocken. „Wirklich sehr aufmerksam.“
Der Fahrer hatte davon natürlich nichts mitbekommen.
Auch der Bus kam genau in dem Moment, als Lotti noch auf der anderen Straßenseite stand. Sie winkte, lief los und schaffte es gerade noch hinein. Dafür blieb ihr Kaffee, den sie sich unterwegs gekauft hatte, beim Einsteigen halb auf ihrem Mantel und halb auf ihrem Schuh zurück.
„Das kann heute eigentlich nur noch besser werden“, murmelte sie.
Wurde es aber nicht.
Eine Nachricht, auf die sie seit Tagen gewartet hatte, blieb aus. Dafür kam eine andere, die sie lieber nicht bekommen hätte. Und als sie am Nachmittag endlich auf einer nassen Bank saß, hatte Lotti das Gefühl, dass sie diesen Tag am liebsten einfach irgendwo abgeben würde.
Neben ihr lag ihr kleiner Hund und beobachtete aufmerksam die Menschen, die mit ihren Regenschirmen durch die Straße liefen.
„Ich weiß“, sagte Lotti zu ihm. „Du findest auch, dass wir wieder nach Hause gehen sollten.“
Der Hund hob den Kopf.
„Noch nicht? Na gut.“
In diesem Moment bemerkte sie einen älteren Mann auf der anderen Seite der Straße. Er kämpfte mit einem viel zu kleinen Regenschirm, der sich immer wieder nach außen stülpte. Schließlich gab er auf, setzte sich auf eine Bank und begann zu lachen.
Lotti musste ebenfalls lachen.
Der Mann sah zu ihr herüber.
„Was gibt es denn da zu lachen?“, rief er.
„Ihr Schirm!“
„Der hat seinen eigenen Kopf.“
„Das kenne ich“, rief Lotti zurück.
Wenig später saß der Mann neben ihr. Sein Schirm war inzwischen zusammengeklappt und lag zwischen seinen Füßen.
Sie kamen ins Gespräch, erst ganz belanglos. Über das Wetter, über kaputte Schirme und darüber, dass Kaffee auf einem gelben Mantel erstaunlich gut sichtbar war. Dann erzählte der Mann, dass seine Frau vor einigen Jahren gestorben war und er heute eigentlich zum Friedhof hatte fahren wollen. Aber irgendwann sei ihm der Regen zu viel geworden.
Lotti wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte.
Also sagte sie einfach: „Manchmal ist einem eben alles zu viel.“
Der Mann nickte.
„Ja“, sagte er. „Aber manchmal sitzt dann plötzlich jemand neben einem.“
Lotti sah ihn an und lächelte.
Als sie später nach Hause ging, regnete es noch immer. Ihr Schuh war noch immer voller Kaffeeflecken und ihre unbeantwortete Nachricht war noch immer unbeantwortet.
Eigentlich hatte sich an diesem Tag gar nichts verändert.
Und trotzdem fühlte er sich plötzlich ein bisschen anders an.
Lotti zog den Hund näher zu sich und dachte, dass vielleicht nicht jeder Tag etwas Großes bereithalten musste.
Manchmal war es vielleicht genug, wenn man an einem schlechten Tag jemanden zum Lachen brachte. Oder selbst jemanden traf, der einen für ein paar Minuten daran erinnerte, dass man nicht allein ist.
Nicht jeder Tag ist leicht. Aber vielleicht findet sich selbst im schwersten Tag irgendwo ein kleiner guter Moment. ❤️