Lotti und der Abend, an dem sie nichts mehr musste
Manchmal ist es genau das, was wir brauchen: einen Moment, in dem wir nichts leisten müssen.
Lotti saß an diesem Abend auf ihrer kleinen Terrasse und sah zu, wie die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwanden. Neben ihr stand eine Tasse Tee, vor ihr lag ein Buch, das sie schon seit Wochen lesen wollte, und auf ihrem Schoß hatte sich die Katze zusammengerollt.
Eigentlich war alles ruhig.
Und trotzdem hatte Lotti das Gefühl, dass sie noch etwas erledigen müsste.
Sie hatte den ganzen Tag Dinge getan. E-Mails beantwortet, eingekauft, auf Nachrichten reagiert, Termine organisiert und zwischendurch versucht, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Kaum war eine Sache erledigt, fiel ihr bereits die nächste ein.
Selbst als sie endlich saß, ging die Liste in ihrem Kopf weiter.
Das musste sie morgen noch machen. Dort sollte sie noch anrufen. Und hatte sie eigentlich schon die Wäsche aufgehängt?
Lotti seufzte und griff nach ihrem Handy.
„Nur ganz kurz“, sagte sie.
Die Katze öffnete ein Auge.
„Was denn? Ich schaue nur nach einer Sache.“
Eine Sache wurde zu fünf. Fünf wurden zu zehn Minuten. Irgendwann legte Lotti das Handy wieder auf den Tisch und stellte fest, dass sie in dieser Zeit eigentlich gar nichts Wichtiges gemacht hatte.
Sie sah zur Katze hinunter.
„Du hast es gut“, sagte sie. „Du machst einfach, worauf du Lust hast.“
Die Katze streckte sich, drehte sich einmal im Kreis und schlief weiter.
Lotti musste lächeln.
Vielleicht hatte die Katze ja tatsächlich etwas verstanden, das Lotti selbst ständig vergaß.
Sie nahm ihre Tasse und lehnte sich zurück. Die Luft war angenehm warm. Von irgendwoher hörte sie leise Musik. In der Ferne glitzerten die Lichter der Häuser und über ihr erschien langsam der Mond.
Zum ersten Mal an diesem Tag versuchte Lotti nicht darüber nachzudenken, was morgen erledigt werden musste.
Sie dachte auch nicht darüber nach, was sie hätte besser machen können.
Sie saß einfach da.
Und erstaunlicherweise fühlte sich das gar nicht falsch an.
Nach einer Weile stand sie auf, stellte die Tasse weg und holte eine Decke. Dann setzte sie sich wieder hin. Die Katze war inzwischen aufgewacht und hatte beschlossen, dass Lottis Schoß ein geeigneter Platz für den Rest des Abends war.
„Na gut“, sagte Lotti. „Dann bleiben wir eben hier.“
Sie nahm das Buch zur Hand, las zwei Seiten und legte es wieder weg.
Auch das war in Ordnung.
Lotti merkte, wie langsam die Anspannung aus ihren Schultern wich. Vielleicht musste ein Abend nicht produktiv sein. Vielleicht musste nicht jede freie Minute sinnvoll genutzt werden.
Vielleicht durfte man manchmal einfach müde sein.
Einfach sitzen. Atmen. Schauen. Nichts planen.
Als sie später ins Bett ging, war ihre To-do-Liste noch genauso lang wie vorher.
Aber zum ersten Mal störte sie das nicht.
Morgen würde sie sich wieder darum kümmern.
Heute war sie einfach nur da.
Für heute hast du genug geschafft. Jetzt darfst du einfach nur sein. ❤️