Herr Weiss hatte ein dickes Heft. Darin schrieb er alle Fragen auf, die ihm im Laufe des Tages einfielen. Warum der Himmel blau ist. Warum manche Menschen lügen. Warum er selbst manchmal unglücklich war, obwohl äußerlich alles stimmte.
Jeden Abend las er die Fragen noch einmal durch. Manche beantwortete er. Die meisten blieben offen. Das Heft wurde dicker, die Liste länger. Herr Weiss fühlte sich klug – und gleichzeitig immer unruhiger.
Eines Tages setzte sich seine Nachbarin zu ihm auf die Bank vor dem Haus. „Was schreibst du da immer?“
Er zeigte ihr das Heft. „Fragen. Ich sammle sie. Irgendwann werde ich alle beantworten.“
Die Nachbarin blätterte eine Weile. Dann sagte sie: „Und was machst du, während du auf die Antworten wartest?“
Herr Weiss stockte. „Warten. Nachdenken. Weiterschreiben.“
Sie legte das Heft beiseite. „Manchmal ist die bessere Frage nicht: Was muss ich noch wissen? Sondern: Was kann ich jetzt schon leben – auch ohne die endgültige Antwort?“
Herr Weiss sah auf die offenen Seiten. Zum ersten Mal merkte er, dass das Heft ihn nicht leichter gemacht hatte. Es hatte ihn beschäftigt. Das war etwas anderes.
Am nächsten Abend schrieb er nur eine einzige Zeile:
Heute habe ich den Sonnenuntergang angeschaut, ohne zu fragen, warum er schön ist.
Die Moral der Geschichte
Fragen sind wichtig. Aber wer nur fragt und nie ankommt, verbringt das Leben im Vorzimmer der Antworten. Manches muss man nicht erklären, um es zu spüren. Und manches wird klarer, wenn man aufhört, es zu jagen – und einfach da ist.
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