Jeden Donnerstagnachmittag saß Frau Meier auf derselben Bank im Stadtpark. Immer auf der linken Seite. Die rechte blieb leer.
Früher hatte ihr Mann dort gesessen. Sie hatten geschwiegen, Zeitung gelesen oder einfach nur dem Wasser des kleinen Teichs zugesehen. Nach seinem Tod kam sie weiter. Immer donnerstags. Immer links.
Eines Nachmittags setzte sich ein älterer Herr auf die rechte Seite. Er nickte höflich, sagte nichts und las ein Buch. Frau Meier stockte kurz, sagte dann aber auch nichts. Sie blieben nebeneinander sitzen, bis die Sonne hinter den Bäumen verschwand.
In der darauffolgenden Woche war er wieder da. Und in der Woche danach. Irgendwann fragte er: „Stört es Sie, wenn ich hier sitze?“
Frau Meier schüttelte den Kopf. „Nein. Die Bank ist groß genug.“
Sie sprachen selten. Manchmal über das Wetter, manchmal über die Enten auf dem Teich. Einmal brachte er zwei Tüten Nüsse mit und bot ihr eine an. Sie nahm sie.
Nach einigen Monaten sagte er beim Aufstehen: „Ich komme nächsten Donnerstag wieder. Falls Sie auch da sind.“
Frau Meier lächelte zum ersten Mal richtig. „Ich bin immer donnerstags hier.“
Er nickte und ging. Sie blieb noch ein wenig sitzen und sah auf die leere rechte Seite. Sie war nicht mehr ganz leer. Und das fühlte sich an, als dürfte etwas Neues beginnen – ohne dass das Alte dadurch kleiner wurde.
Die leise Moral
Manche Plätze bleiben lange leer. Das ist in Ordnung. Und manchmal setzt sich irgendwann jemand daneben – nicht als Ersatz, sondern als neue Möglichkeit. Liebe muss nicht laut sein. Manchmal reicht eine Bank, ein gemeinsamer Nachmittag und die Bereitschaft, den Platz nicht mehr ganz für sich allein zu behalten.
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