Joachim Ringelnatz: Vom Schenken 🎁
- Das gesamte Gedicht
- Strophe für Strophe: Die Philosophie des Schenkens
- 1. Strophe: Die äußere Qualität – „gediegen“ und das reine Gewissen
- 2. Strophe: Die innere Haltung – Herzlichkeit und Selbstausdruck
- 3. Strophe: Die essentielle Wahrheit – „Du selber bist“
- Die praktische Anwendung: Wie schenkt man nach Ringelnatz?
- Für wen ist dieses Gedicht eine Offenbarung?
- Häufige Fragen (FAQ)
- Fazit: Die Revolution des Schenkens
In einer Zeit des konsumorientierten Schenkens wirkt ein Gedicht wie eine erfrischende, philosophische Anleitung. Joachim Ringelnatz‘ „Schenke groß oder klein, aber immer gediegen…“ ist genau das: eine tiefgründige und humorvoll-ernste Gebrauchsanweisung für die Kunst des Schenkens, die am Ende eine verblüffende Wahrheit offenbart. Es ist mehr als ein Gedicht – es ist ein ethischer Kompass für die zwischenmenschliche Gabe, der Materielles transzendiert und auf den Kern verweist. In diesem Artikel entschlüsseln wir die zeitlose Weisheit dieser Ringelnatz’schen Verse.
Das gesamte Gedicht
Schenke groß oder klein, aber immer gediegen. Wenn die Bedachten die Gabe wiegen, sei dein Gewissen rein. Schenke herzlich und frei. Schenke dabei, was in dir wohnt an Meinung, Geschmack und Humor, so dass die eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt. Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk – Du selber bist. Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Strophe für Strophe: Die Philosophie des Schenkens
Ringelnatz, bekannt für seinen scheinbar naiven, doch hintergründigen Ton, entfaltet hier eine klare, dreistufige Ethik.
1. Strophe: Die äußere Qualität – „gediegen“ und das reine Gewissen
„gediegen“ – Dies ist das zentrale Adjektiv der ersten Strophe. Es bedeutet nicht „teuer“, sondern „echt, wertig, solide, von guter, unverfälschter Beschaffenheit“. Ein gediegenes Geschenk kann eine handgefertigte Karte, ein sorgfältig ausgewähltes Buch oder ein selbstgebackenes Brot sein. Es geht um Aufrichtigkeit der Materie.
Die Zeile „Wenn die Bedachten die Gabe wiegen, sei dein Gewissen rein“ ist genial. Sie erkennt an, dass Geschenke auch bewertet werden (im materiellen wie immateriellen Sinn). Der Schenkende soll sich dieser Bewertung stellen können – nicht, weil es kostbar war, sondern weil es aus reinem, freiem Willen gegeben wurde, ohne Hintergedanken („List“).
2. Strophe: Die innere Haltung – Herzlichkeit und Selbstausdruck
Hier geht es um die Motivation und den Inhalt des Schenkens.
„herzlich und frei“ – Es soll aus dem Herzen kommen und ohne Zwang („frei“) sein. Keine Pflichtgabe.
Der Rat, zu schenken, „was in dir wohnt an Meinung, Geschmack und Humor“, ist revolutionär. Es ist die Aufforderung, sich selbst im Geschenk zu offenbaren. Das Geschenk wird zur persönlichen Botschaft, zum Ausdruck der Beziehung. Der eigene Geschmack und Humor werden eingebracht.
Die Folge: „so dass die eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt.“ Die wahre Belohnung liegt nicht in der Dankbarkeit des anderen, sondern in der Freude am Akt des Schenkens selbst, am Ausdruck der eigenen Zuneigung und Kreativität.
3. Strophe: Die essentielle Wahrheit – „Du selber bist“
Die letzte Strophe bringt die Pointe, die das ganze Gedicht auf den Kopf stellt. All die Ratschläge zu Materie und Haltung führen zu einer Metapher:
„Schenke mit Geist ohne List.“ Die Gabe soll geistreich, durchdacht, aber nicht berechnend sein.
Und dann der finale, unumstößliche Satz: „Sei eingedenk, dass dein Geschenk – Du selber bist.“
Das heißt: Die eigentliche Gabe, die du überreichst, bist du in der Beziehung. Deine Aufmerksamkeit, deine Zeit, deine Zuneigung, deine Bereitschaft, den anderen zu verstehen und ihm von dir etwas zu geben – das ist das wahre Geschenk. Der Gegenstand ist nur das Medium, der Träger dieser persönlichen Präsenz.

Die praktische Anwendung: Wie schenkt man nach Ringelnatz?
- Wähle „gediegen“, nicht teuer: Suche nach etwas Handgemachtem, Langlebigem oder persönlich Passendem. Ein selbst geschriebenes Gedicht in einem schönen Rahmen ist „gediegener“ als ein teurer, beliebiger Gutschein.
- Schenke etwas von dir: Backe nach deinem Lieblingsrezept, mixe eine Playlist mit Songs, die euch verbinden, fertige etwas mit deinen Händen an. So fließt dein „Geschmack und Humor“ ein.
- Genieße den Vorgang: Nimm dir Zeit für die Auswahl oder Herstellung. Lass die „eigene Freude“ am Machen und Denken an den anderen zu deiner Belohnung werden.
- Begleite das Geschenk mit Präsenz: Übergib es mit einem ehrlichen Blick, mit Worten, die erklären, warum du genau dies für diese Person ausgewählt hast. Sei in diesem Moment ganz da. Das ist der „Geist ohne List“.
Für wen ist dieses Gedicht eine Offenbarung?
- Fur alle, die den Konsumzwang zu Weihnachten satt haben und nach einer tieferen Sinngebung suchen.
- Fur kreative Menschen, die ihre Gaben (künstlerisch, handwerklich) einbringen möchten.
- Fur diejenigen mit begrenztem Budget, denen das Gedicht zeigt, dass der Wert nicht am Preis hängt.
- Fur jeden, der spürt, dass ein Geschenk oft mehr über die Beziehung als über den Gegenstand aussagt.
Häufige Fragen (FAQ)
Was bedeutet „gediegen“ im ursprünglichen Sinne?
Es stammt aus der Bergmannssprache und bezeichnete ursprünglich ein reines, unlegiertes Metall, das „gediegen“ (also in reiner Form) in der Natur vorkommt (wie Gold oder Silber). Übertragen bedeutet es: etwas in seiner reinen, unverfälschten, soliden Art.
Heißt „Du selber bist“, dass man gar nichts Materielles schenken soll?
Nein. Der materielle Gegenstand ist das Symbol, der Träger, das Vehikel der persönlichen Gabe. Durch ihn wird die Präsenz des Schenkenden konkret und greifbar. Ein Geschenk ohne diese persönliche Botschaft ist laut Ringelnatz leer. Echte Präsenz ohne jeden Gegenstand ist jedoch oft das größte Geschenk (Zeit, Zuhören).
Warum ist Joachim Ringelnatz der richtige Autor für dieses Thema?
Ringelnatz war ein Querdenker, Poet und Maler, der sich stets gegen Konventionen und für menschliche Authentizität einsetzte. Sein scheinbar einfacher, volksnaher Stil verbirgt oft scharfe Sozialkritik und tiefe Lebensweisheit – genau wie in diesem Gedicht.
Fazit: Die Revolution des Schenkens
Joachim Ringelnatz‘ Gedicht ist eine sanfte Revolution gegen den entfremdeten Gabentausch. Es verschiebt den Fokus vom Objekt zum Subjekt, vom Preis zum Wert, von der Erwartung des Empfängers zur Freude des Gebers. Es erinnert uns daran, dass jedes wahre Geschenk eine doppelte Gabe ist: ein Gegenstand und ein Stück von uns selbst.
In dieser Weihnachtszeit: Nimm dir Ringelnatz als Leitfaden. Schenke gediegen, herzlich und mit einem Stück deines Selbst. Und sei dir bewusst, dass die schönste Verpackung, die du bieten kannst, deine eigene aufrichtige Zuwendung ist. Denn am Ende bist du es, den du weitergibst.