Manche Träume verschwinden nicht. Sie warten nur darauf, dass wir uns wieder an sie erinnern.
Lotti saß auf den alten Steinstufen und hielt eine Landkarte in den Händen, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. An manchen Stellen war sie eingerissen, an anderen hatte der Regen die Farben verlaufen lassen. Trotzdem liebte Lotti diese Karte. Sie erinnerte sie an eine Zeit, in der sie noch nicht wusste, wohin ihr Leben sie einmal führen würde.
Neben ihr stand ihr Rucksack. Er war viel zu voll für einen gemütlichen Nachmittag und enthielt, wie meistens bei Lotti, Dinge, die sie eigentlich gar nicht brauchte. Eine Wasserflasche, zwei Bücher, einen alten Pullover, einen Apfel, ein Notizbuch und einen einzelnen Socken, von dem sie beim besten Willen nicht mehr wusste, warum sie ihn eingepackt hatte.
„Man weiß ja nie“, sagte sie zu ihrem Hund, der neben ihr lag und wenig beeindruckt von ihrem Gepäck wirkte.
Vor ihnen lag das Meer. Die Sonne stand tief am Horizont und tauchte alles in ein warmes Licht. Lotti hatte eigentlich nur einen Spaziergang machen wollen. Doch dann hatte sie die alte Karte in einer Schublade gefunden und plötzlich war da dieses Gefühl gewesen.
Früher hatte sie viele Pläne gehabt.
Sie wollte einmal mit dem Zug durch ein fremdes Land fahren. Sie wollte irgendwo am Meer wohnen. Sie wollte ein kleines Buch schreiben. Sie wollte einen Ort besuchen, dessen Namen sie kaum aussprechen konnte. Sie wollte lernen, wie man mit den Händen etwas Schönes baut. Und irgendwann hatte sie sogar davon geträumt, einfach für eine Weile loszugehen, ohne genau zu wissen, wo sie am Ende landen würde.
Dann war das Leben dazwischengekommen.
Arbeit. Rechnungen. Beziehungen. Abschiede. Verpflichtungen. Dinge, die erledigt werden mussten. Menschen, um die man sich kümmern wollte. Und irgendwann hatte Lotti aufgehört, über ihre alten Träume nachzudenken.
Nicht weil sie sie nicht mehr wollte.
Sie hatte nur irgendwann geglaubt, dass es zu spät dafür sei.
Lotti faltete die Karte zusammen und steckte sie wieder in ihren Rucksack. Dabei fiel ihr das kleine Notizbuch aus der Tasche.
Sie hob es auf und schlug es auf.
Auf der ersten Seite stand in ihrer eigenen, etwas schiefen Handschrift: „Dinge, die ich irgendwann noch machen möchte.“
Lotti musste lächeln.
Die Liste war fast zehn Jahre alt.
Sie las sie langsam durch. Bei manchen Punkten konnte sie sich überhaupt nicht mehr erinnern, warum sie sie aufgeschrieben hatte. Bei anderen wusste sie es noch ganz genau.
Bei einem Punkt blieb sie hängen.
„Einfach einmal irgendwohin fahren. Ohne Plan.“
Lotti sah auf das Meer hinaus.
„Das ist ja eigentlich ziemlich unvernünftig“, sagte sie.
Ihr Hund hob den Kopf.
„Ja, ich weiß. Genau deshalb gefällt es mir wahrscheinlich.“
Sie musste lachen.
Am nächsten Morgen würde sie nicht einfach ihr ganzes Leben umkrempeln. Sie würde auch nicht plötzlich alles hinschmeißen und irgendwo am anderen Ende der Welt auftauchen. Dafür war Lotti viel zu sehr Lotti.
Aber sie würde anfangen.
Vielleicht mit einem kleinen Ausflug. Vielleicht mit dem Zug in eine Stadt, in der sie noch nie gewesen war. Vielleicht würde sie endlich die erste Seite ihres Buches schreiben. Vielleicht würde sie auch einfach nur herausfinden, was sie eigentlich noch wollte.
Sie nahm einen Stift aus ihrem Rucksack und strich den alten Satz nicht durch.
Stattdessen schrieb sie darunter:
„Noch nicht erledigt.“
Dann stand sie auf, schulterte ihren Rucksack und ging mit ihrem Hund den Weg hinunter.
Sie wusste noch nicht, wohin.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit war das kein Grund zur Sorge.
Es fühlte sich eher wie eine Einladung an.
Vielleicht ist ein Traum nicht verschwunden, nur weil wir ihn lange nicht angesehen haben. ❤️
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