Lotti und der neue Morgen
Manchmal braucht es keinen großen Neuanfang. Manchmal reicht ein Morgen, der sich ein bisschen anders anfühlt.
Lotti wurde wach, weil irgendwo vor ihrem Zelt ein Vogel so laut sang, als hätte er die ganze Nacht darauf gewartet, endlich allen mitzuteilen, dass der Morgen gekommen war.
Sie öffnete ein Auge, zog die Decke ein Stück höher und lauschte.
Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie am Abend zuvor beschlossen hatte, einfach irgendwo zu bleiben, wo es schön war. Also hatte sie ihr Zelt am Rand eines kleinen Sees aufgeschlagen.
Lotti setzte sich auf und schob den Reißverschluss des Zeltes ein Stück weiter auf. Vor ihr lag der See still zwischen den Bergen. Über dem Wasser hing noch ein leichter Nebel, und die ersten Sonnenstrahlen schoben sich langsam über die Gipfel.
„Na, das ist doch mal ein Grund aufzustehen“, murmelte sie.
Sie kroch aus dem Schlafsack, zog sich ihren dicken Pullover über und setzte Wasser für einen Kaffee auf. Viel hatte sie nicht dabei. Ein bisschen Brot, etwas Obst und Kaffee. Für Lotti war das völlig ausreichend.
Während das Wasser auf dem kleinen Kocher erhitzt wurde, setzte sie sich vor das Zelt und wickelte sich in ihre Decke.
Sie hatte in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, wie ihr Leben eigentlich weitergehen sollte.
Früher hatte sie geglaubt, irgendwann würde sie genau wissen, was sie wollte. Einen festen Plan haben. Einen Ort, an dem sie bleiben konnte. Menschen, die für immer blieben. Dinge, auf die man sich verlassen konnte.
Stattdessen hatte das Leben ihr immer wieder gezeigt, dass Pläne manchmal nur Vorschläge waren.
Menschen gingen. Andere kamen. Dinge, von denen sie überzeugt gewesen war, funktionierten plötzlich nicht mehr. Und manches, das sie sich so sehr gewünscht hatte, war einfach nicht eingetreten.
Früher hatte sie das für ein Scheitern gehalten.
Heute war sie sich da nicht mehr so sicher.
Lotti nahm ihren Kaffee und sah auf den See hinaus. Die Sonne spiegelte sich inzwischen im Wasser.
Vielleicht musste man gar nicht immer wissen, wohin man wollte.
Vielleicht durfte man auch einfach losgehen und unterwegs herausfinden, was einem wichtig war.
Sie musste plötzlich an eine alte Freundin denken, die ihr einmal gesagt hatte: „Du wartest immer darauf, dass du dich bereit fühlst.“
Damals hatte Lotti darüber gelacht.
Jetzt wusste sie, dass etwas Wahres daran gewesen war.
Man konnte ewig darauf warten, dass der richtige Zeitpunkt kam. Dass man keine Angst mehr hatte. Dass genug Geld da war, genug Zeit, genug Mut oder einfach genug Sicherheit.
Aber vielleicht kam dieser perfekte Zeitpunkt gar nicht.
Lotti nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht.
„Okay“, sagte sie. „Für große Erkenntnisse ist der Kaffee heute eindeutig zu stark.“
Sie musste lachen.
Dann nahm sie ihr kleines Notizbuch aus dem Rucksack. Auf einer leeren Seite schrieb sie nicht auf, was sie alles verändern wollte. Keine großen Vorsätze. Keine Liste mit Dingen, die sie ab morgen besser machen musste.
Sie schrieb nur einen Satz:
„Ich weiß noch nicht, was kommt. Aber ich bin neugierig darauf.“
Sie betrachtete den Satz eine Weile und klappte das Buch wieder zu.
Der Tag hatte gerade erst begonnen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Lotti nicht das Bedürfnis, schon am Morgen zu wissen, wie er enden würde.
Sie stand auf, streckte sich und begann, das Zelt zusammenzupacken.
Wohin sie als Nächstes gehen würde, wusste sie noch nicht.
Aber genau das gefiel ihr plötzlich.
Manchmal ist ein neuer Morgen einfach eine kleine Erinnerung daran, dass noch nicht alles geschrieben ist. ❤️