Eine Ameise stand vor einem Wassertropfen, der nach dem Regen auf einem Blatt lag. Der Tropfen glänzte in der Sonne und war für die Ameise so groß wie ein See.
„Wie soll ich jemals ans andere Ufer kommen?“ seufzte sie. „Das ist unmöglich.“
Ein Käfer krabbelte vorbei. „Was ist los?“
„Dieser Tropfen blockiert meinen Weg. Er ist viel zu groß für mich.“
Der Käfer betrachtete den Tropfen. „Für dich ist er groß. Für mich ist er klein. Und für die Sonne ist er kaum sichtbar. Größe hängt davon ab, wer hinschaut.“
Die Ameise war nicht überzeugt. Sie lief den ganzen Tag um das Blatt herum, suchte einen Weg und fand keinen. Am Abend setzte sie sich erschöpft hin.
In der Nacht wurde es kühler. Am nächsten Morgen war der Tropfen kleiner geworden – ein Teil war verdunstet. Die Ameise konnte vorsichtig darüberlaufen.
Auf der anderen Seite traf sie den Käfer wieder. „Siehst du“, sagte er. „Manchmal muss man nicht den Berg versetzen. Manchmal reicht es, zu warten, bis er von selbst kleiner wird.“
Die Ameise nickte. Von da an, wenn sie vor etwas Großem stand, fragte sie sich nicht mehr nur: „Wie überwinde ich das?“ Sondern auch: „Muss ich es überhaupt jetzt überwinden?“
Die Moral der Fabel
Nicht jedes Hindernis muss sofort überwunden werden. Manches wird mit der Zeit von selbst kleiner. Wer nur kämpft, vergisst oft, dass Warten und Geduld manchmal die klügere Kraft sind.
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