Der Kiesweg – Eine Zen-Geschichte über Beständigkeit
Ein alter Mönch fegte seit vierzig Jahren jeden Morgen denselben Weg im Klostergarten – denselben Kiesweg, dieselben zwölf Schritte, dieselbe Stelle, an der sich die Blätter der Kiefer immer zuerst sammelten.
Ein junger Schüler, der neu im Kloster war, beobachtete ihn eine Weile und fragte schließlich: „Meister, warum fegen Sie jeden Tag denselben Weg? Morgen liegen doch wieder Blätter da.“
Der Mönch fegte weiter, ohne aufzusehen. „Ja.“
Der Schüler wartete auf mehr. Es kam nichts.
Am nächsten Morgen nahm er sich selbst einen Besen und fegte einen anderen Weg – den, der zum Brunnen führte. Er dachte, er könne dem Mönch damit Arbeit abnehmen, vielleicht sogar zeigen, dass er die Lektion verstanden hatte, was auch immer sie war.
Als er fertig war, stand der Weg zum Brunnen sauber da. Der Kiesweg unter der Kiefer lag noch voller Blätter, weil der alte Mönch an diesem Tag krank im Bett lag.
Der Schüler ging zu ihm und berichtete stolz, was er getan hatte. Der Mönch hörte zu, nickte, und sagte dann: „Und wer fegt morgen den Weg zum Brunnen?“
Der Schüler wollte antworten, dass er es natürlich wieder tun würde, wenn nötig. Aber er merkte, wie unsicher sich das plötzlich anfühlte, dieses „wenn nötig“. Er verließ das Zimmer, ohne etwas zu sagen.
Am nächsten Morgen fegte der alte Mönch wieder den Kiesweg unter der Kiefer. Zwölf Schritte, dieselbe Stelle. Der Schüler stand am Fenster und sah zu, fegte diesmal aber nicht.
Er verstand die Geschichte erst Jahre später, als er selbst alt genug war, um zu merken, dass er sie noch immer nicht ganz verstand.