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Philosophische Kurzgeschichten / Weisheitsgeschichten

Die Frau, die den Spiegel verdeckte – Eine Weisheitsgeschichte über das Hinschauen

Visualisierung: Frau Spiegel Verdeckte Weisheitsgeschichte Über Hinschauen

In der Wohnung von Frau Hartmann hing ein großer Spiegel im Flur. Jeden Morgen ging sie daran vorbei, ohne hineinzusehen. Sie hatte ein Tuch darübergehängt, weil ihr der Anblick nicht gefiel.

„Ich weiß ja, wie ich aussehe“, sagte sie zu sich selbst. „Ich brauche das nicht jeden Tag.“

Die Jahre gingen vorbei. Das Tuch blieb. Manchmal berührte sie es mit der Hand, zog es aber nie weg. Sie kaufte neue Kleider, ohne sie anzuprobieren. Sie lächelte seltener, weil sie nicht sehen wollte, wie das Lächeln aussah. Die Welt außerhalb des Spiegels wurde ihr vertrauter als das eigene Gesicht.

HERZENSKREIS

Ich vertraue dir nicht
Herzenskreis

Ich vertraue dir nicht

Franziska Franzi

Wenn Vertrauen zerbricht, bleibt oft die Angst, erneut verletzt zu werden.

Nicht deins? Vielleicht die nächste kleine Überraschung.

Eines Tages kam ihre Nichte zu Besuch. Das Mädchen stand vor dem verhängten Spiegel und fragte: „Warum ist der Spiegel zu?“

Frau Hartmann zuckte mit den Schultern. „Es ist besser so.“

Die Nichte zog das Tuch langsam herunter. Im Spiegel sahen sie sich beide. Frau Hartmann wollte den Blick abwenden, blieb aber stehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah sie die Falten um die Augen, die grauen Strähnen, die müden Schultern – und auch etwas anderes: ein Gesicht, das gelebt hatte. Ein Gesicht, das gelacht und geweint und weitergemacht hatte.

Sie sagte nichts. Die Nichte auch nicht. Sie standen einfach eine Weile vor dem Spiegel und sahen hin.

Als die Nichte gegangen war, faltete Frau Hartmann das Tuch zusammen und legte es in den Schrank. Der Spiegel blieb frei.


Die Moral der Geschichte

Manchmal verhängen wir das, was wir nicht sehen wollen – nicht nur im Spiegel, sondern auch in uns selbst. Doch was wir dauerhaft verdecken, verliert nicht seine Existenz. Es wird nur schwerer, ehrlich mit sich zu sein. Hinschauen heißt nicht, alles schönzufinden. Es heißt, anzuerkennen, was ist – und dadurch wieder handlungsfähig zu werden.

Meine Momente – 15 Geschichten für schwere Tage
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