Herr Berger hatte in seiner Wohnung eine Schublade, die nie jemand öffnete. Darin lagen Zettel. Hunderte. Auf jedem stand ein Satz, den er einmal hätte sagen sollen – und nicht gesagt hatte.
„Ich hätte dir danken sollen.“
„Es tut mir leid.“
„Ich habe dich gesehen.“
„Bleib noch ein bisschen.“
Er legte die Zettel sorgfältig hinein, sobald der Moment vorbei war. Die Schublade wurde voller, die Worte älter. Manche Personen, an die sie gerichtet waren, lebten nicht mehr. Andere waren längst weitergezogen. Manche saßen vielleicht noch im selben Café wie früher – aber Herr Berger ging nicht mehr hin.
Eines Tages, als er wieder einen neuen Zettel schreiben wollte, stellte er fest, dass die Schublade nicht mehr aufging. Zu voll. Er zog und rüttelte, doch sie blieb zu.
Da setzte er sich auf den Boden davor und blieb lange still. Zum ersten Mal merkte er, wie schwer diese Schublade geworden war – nicht weil sie voll war, sondern weil er sie all die Jahre mit sich herumgetragen hatte, ohne sie jemals zu öffnen.
Am nächsten Morgen nahm er einen Schraubenzieher, brach die Schublade auf und trug die Zettel in den Garten. Er verbrannte sie einen nach dem anderen. Der Rauch stieg langsam auf. Kein großer Moment. Kein dramatisches Gefühl. Nur die leichte Erleichterung, dass der Platz wieder frei war.
Danach kaufte er eine neue, leere Schublade. Diesmal legte er nichts hinein.
Die Moral der Geschichte
Ungesagte Worte werden mit der Zeit schwerer, nicht leichter. Manche Dinge kann man später nicht mehr nachholen. Andere darf man irgendwann auch loslassen – nicht weil sie unwichtig waren, sondern weil das Festhalten mehr kostet als das Loslassen. Manchmal ist der mutigste Satz der, den man nicht mehr aufschreibt, sondern einfach spricht. Oder der, den man endlich verbrennt.
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