Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

🎅 Weihnachten im Maschinenhaus | Adventgeschichte | Geschichte zu Weihnachten

Advent im Maschinenhaus - kurze Geschichte
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Weihnachten, Neujahr, Dreikönige. Feste, Feste, Feste ohne Ende. Das war fĂŒr die Kesselschmiede keine schöne Zeit, damals vor zwanzig Jahren, als ich noch Lehrling war. Zu den Feiertagen wurden die Fabriken stillgesetzt: am Heiligabend wurden die großen Dampfkessel, die sonst das ganze Jahr voll siedendem Wasser und gespanntem Dampf waren, abgeblasen. Damals hatte man noch keine Reservekessel, es mussten auch die Maschinen hergeben, was sie konnten. Aber von Weihnachten bis Dreikönige wurden sie grĂŒndlich geputzt und repariert. Da mussten die Metallarbeiter, die Maurer, ĂŒberhaupt die Handwerker ‚ran, vom Heiligabend bis Dreikönige. – Zuerst wurden die Kessel untersucht; wir krochen, die Lampe hocherhoben in einer Hand, die andre Hand mit einem nassen Lappen umwickelt, durch das erste Flammenrohr, dann hinein in die FeuerzĂŒge, leuchteten alle NĂ€hte und Nieten ab, die Knie hochgezogen, hockend rutschten wir in den kaum drei Viertelmeter „großen“ Flammenrohren und FeuerzĂŒgen herum. Das war die erste Tour, die dauerte eine halbe Stunde, immerzu durch fußhohen, glĂŒhheißen Ruß und Flugasche, in 50 bis 60 Grad WĂ€rme. Ruß fiel herunter von den Rundungen der Kesselplatten in den Nacken, in die Augen. Ruß atmete die Lunge, die Nase saß voll Ruß. Wenn man dann hinaus kroch in den Kesselraum, was war es ein Hochgenuss, konnte man sich mit einem Lappen Schweiß und Ruß aus dem Gesicht und Nacken fegen, dann einen Schluck Wasser trinken und vor das Tor gehen: GlockengelĂ€ute dröhnte von der Stadt her, Weihnachtsglocken, am Abend vor dem Feste, dem Heiligabend! Sie sangen ĂŒber die DĂ€cher der Stadt ihr Freudenlied. Einmal hielt ich’s nicht aus: ich verließ Kesselraum und Gesellen und stieg die eiserne Leiter hinauf, kletterte aufs flache Dach des Heizraumes, stand hoch ĂŒber den GebĂ€uden der Fabrik, und umsungen vom GelĂ€ute sah ich hinein in die Stadt, in die fernen HĂ€user, in deren Fenstern der Heilige Abend aus dem Kerzengeflimmer eines Christbaums funkelte. Sah Gestalten sich bewegen, VĂ€ter, MĂŒtter, Söhne, Töchter, Kinder! Heiligabend! Heiligabend!

Im ersten Lehrjahre meines jungen Lebens, setzte ich den Stolz des Lehrjungen gegen die Wehmut ein und fĂŒhlte nicht den Jammer, der sich vorbereitete. Aber schon im zweiten Jahr, da putzte ich mit meinem dick mit Ruß beschmierten JackenĂ€rmel die rinnenden TrĂ€nen, da hatte ich schon Freunde, die zusammengekommen waren am Heiligabend.

Was soll ich es verschweigen – im dritten Jahr hab‘ ich mir das Schweißtuch ins Maul gestopft, um nicht aufbrĂŒllen zu mĂŒssen: Heiligabend und die Freundin, die Jugendfreundin, die Kinderliebe, Nachbarskind – es brachte uns das Essen in die Fabrik, auch sie wollte Heiligabend nicht mitfeiern, wenn ich unterm Kessel liegen sollte. Scheu und fremd, das liebe Gesicht in ein Kopftuch gehĂŒllt, saß sie neben mir auf der Heizraumbank und wartete, bis ich mein Essen heruntergewĂŒrgt. –
Nicht einmal eine Hand konnte ich ihr geben, die Gesellen hĂ€tten mich verĂ€ppelt die ganze Nacht. Und dann um Mitternacht, der Geselle hockte auf der Bank, ich muckelte schlĂ€frig, und meine phantastische Seele lebte im Mysterium der heiligen Nacht: ich sah das Feld von Bethlehem, die Hirten, die Weissagung klang, ich sah im Heizraum, schwĂ€rzer als der Mohrenkönig, das ewige Licht, dachte mir aus: Wenn jetzt die Heilige Familie kĂ€me, hier in diesem Kesselhaus fĂ€nde sie noch Licht, hier lĂ€uteten die Glocken unserer HĂ€mmer: „Komm! Komm! Komm! Komm!“ Und ich hĂ€tte das Heizraumtor aufgemacht, hĂ€tte – nein, ich hĂ€tte die weichesten Putzwollballen in den sauberen Maschinenraum geschleift, ein Lager bereitet, auf der Feldschmiede Kaffee gekocht, unsere Nachtbutterbrote auf einen sauberen Lappen gelegt, und ich sah den Glanz des ewigen Lichtes strahlen durch das Maschinenhaus. Ich sah den Gesellen, den halbbesoffenen, gebĂ€ndigt und von heißer Glut ernĂŒchtert, sah den Heizer kommen, voll Staunen, die schwarzen Kesselputzer, wie wir rußbestaubt, ein Dutzend schmieriger Gestalten, fernab der Stadt, einsam. Ach, wer sagt es, dass die anderen nicht auch den Heiland erwarten, sie waren doch auch alle des erbĂ€rmlichen Lebens satt und warteten auf den Erlöser. EinfĂ€ltiger waren sie als die Hirten, denn sie glaubten noch den Reden der Herren, die ihnen goldene Berge versprachen, wenn sie selbst einmal – reich und mĂ€chtig – geworden. Sie glaubten dem Menschenwort, weil Gotteswort zu ĂŒberirdisch klang.

Was war das ein Gang zur Mette! Um drei Uhr Gesicht und HĂ€nde abgeseift, immer noch schwarze Ringe um die Augen, frisches Hemd, Kragen des Überziehers aufgeschlagen, den Ruß spĂŒrend in jeder Hautpore, aus dem glĂŒhheißen Kessel in die morgenkalte Kirche. Wie geschniegelt und gebĂŒgelt, wie eitel geckenhaft kamen uns dann die Herren vor, Modepuppen, selbstgefĂ€llig ihre glatten Scheitel tragend, wie schön die Frauen und MĂ€dchen in ihren warmen MĂ€nteln! Wir trugen den Ruß, den Schmutz nicht nur in unserer Haut, nein, bis in das, was man Seele nannte; wir fĂŒhlten in den Blicken der Neugierigen, die uns mĂŒde Gestalten musterten: ihr stört ja die Andacht und die Stimmung mit euren abgespannten Gesichtern! Das strahlende Licht vom glĂŒhenden Stern ĂŒber dem Altar schmerzte in den rußzerbissenen Augen.

Und die Orgel, die Orgeltöne! Sie rissen mir die Brust entzwei: Freut euch, Menschen, die ihr wart verloren! Wie gern wĂ€re ich niedergekniet, aber, ich musste stehen bleiben, die MĂŒdigkeit kam; hĂ€tte ich in einer Bank gesessen, lĂ€ngst wĂ€re ich eingeschlafen. So hielt ich mich aufrecht, bis die erste stille Messe vorĂŒber war und das Hochamt in der Mette begann. Dann schob ich mich mit unsĂ€glich bedrĂŒckter Seele hinaus aus der Gemeinschaft der ChristglĂ€ubigen, hinein in die kalte Nacht, zurĂŒck in die Fabrik. Die junge, fromme Seele suchte nach einem Trost, nach einer Stimme, die ihm verzieh, dass er nicht drei heilige Messen mit Andacht hören konnte. Und fand den Trost erst, als ich wieder im Kesselhaus angelangt war und – nun den hellen Schein im Maschinenhaus sah: sollte doch das heilige Paar?

Nein! Aber die Heizer, Maschinisten und Kesselputzer saßen um die Feldschmiede, deren Flammen hoch loderten, und erzĂ€hlten Geschichten von anderen WeihnachtsnĂ€chten. Der eine, ein alter Seemaschinist, von Weihnachten unter Schwarzen und Wilden unter tropischer Sternenpracht, der andere von der Wanderschaft, Weihnacht in Pennen und Herbergen, in GefĂ€ngnis und Arbeitshaus. Und alle dankten es ihrem Schicksal, dass sie nun in der Heimat waren und Geld, ein wenig mehr als an sonstigen Tagen, verdienen konnten.
Bis der kleine Rasch von billigem Schnaps und krampfigem Vergessen erlosch und die Arbeit, das brĂŒllende MĂŒssen, uns wieder in den Kessel trieb. Der Hammer donnerte an den Nietköpfen, die Stemmer klinkten an den NĂ€hten, der Schweiß rann durch die rußigen Gesichter. Georg Kriegesmann, der Nieter aus Bremen, sagte: „Lat se man feiern, Junge, lat se man! Der Weg des Arbeiters ist der vom Stall zum Kreuz, – du bist jung und voll Hoffnung. Wenn Jesus die Seele erlöst hat, wie sie so schön sagen, so erlösen wir Arbeiter den Leib aus den Klauen des Satans! Vom Stall zum Kreuz geht der Weg, mein Junge, dat is wohl immer so gewesen. Aber, wir Arbeiter schenken der ganzen Welt den Frieden!“Heinrich Lersch 

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Ich hasse Menschen Buch

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