Kleine Auszeiten

In unserer schnelllebigen Welt ist es oft eine echte Herausforderung, sich Zeit fĂŒr sich selbst zu nehmen. Aber genau das ist so wichtig fĂŒr unser Wohlbefinden und unsere LebensqualitĂ€t.

Die Warze und die Kobolde | Ein MĂ€rchen aus Japan

Die Warze und die Kobolde - ein MĂ€rchen aus Japan
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz
Einst lebte in einem Dorfe ein herzensguter, fröhlicher Mann, der sich mĂŒhevoll seinen Lebensunterhalt verdiente, dabei aber immer lustig und guter Dinge war. Auf der rechten Wange hatte er eine große, hĂ€ssliche Warze, die ihn sehr verunzierte, doch machte er sich nicht viel daraus, und wenn ihn die Leute dann und wann wohl darĂŒber neckten, so fing er mit ihnen zu lachen an und krĂ€nkte sich nicht darĂŒber.

Sein Nachbar indessen, der merkwĂŒrdiger Weise dieselbe Verunstaltung auf der linken Wange hatte, war anderer Natur, er war zĂ€nkisch, und Niemand hĂ€tte wagen dĂŒrfen, in seiner Gegenwart auf die hĂ€ssliche Warze anzuspielen. Deshalb hatte dieser Nachbar auch wenig Freunde, wĂ€hrend der andere freundliche Mann von allen im Dorfe geliebt wurde.

Eines Tages nun nahm dieser, wie er dies öfter tat, seine Axt und ging in den Wald, um Holz zu fĂ€llen, das er verkaufen wollte. Er wanderte tief in den Wald hinein, und als er den hohen Taikoberg bestieg, da fing es so gewaltig zu regnen an und der Sturm heulte so sehr, dass er nicht weiter kommen konnte und unter den breiten Ästen der dicken BĂ€ume Schutz suchte. Stundenlang hoffte er, das Unwetter werde nachlassen, und er könne dann den Heimweg antreten; doch sein Hoffen war vergebens, es regnete und stĂŒrmte fort und fort, und so musste er sich entschließen, die Nacht im Walde zu bleiben; denn die Sonne ging bereits unter, und es begann rings umher zu dunkeln. Als er sich nach einem PlĂ€tzchen umschaute, das ihn einigermaßen vor Regen und Sturm schĂŒtzen konnte, denn weit und breit war keine HĂŒtte zu sehen, da gewahrte er ganz in der NĂ€he einen hohlen Baum. Geschwind ging er darauf zu und stieg in die weite Höhlung. Ja, nun war er geborgen; hier konnte er es ganz gut aushalten. Der gute alte Mann lachte vor Freuden, und zufrieden, wie er von Natur war, machte er es sich so bequem in seinem Verstecke, wie er nur konnte.

Schon fielen ihm vor MĂŒdigkeit die Augen zu und der Schlaf stellte sich ein, da hörte er ganz in seiner NĂ€he das GerĂ€usch von Schritten, und sofort wurde er wieder wach und munter. Vorsichtig lugte er durch eine Spalte des Baumes und sah zu seinem nicht geringen Erstaunen eine ganze Schaar sonderbarer Kobolde, welche die merkwĂŒrdigsten SprĂŒnge machten und gar wunderlich aussahen. Viele waren ĂŒber und ĂŒber von roter Farbe, andere wieder waren schwarz, mit sonderbaren roten Kleidern behĂ€ngt, manche hatten keinen Mund und wieder andere hatten nur ein Auge. Es waren ihrer wohl ĂŒber hundert, und der alte Mann war halb tot vor Grauen und Furcht. Indessen hielt er sich mĂ€uschenstill und wartete atemlos der Dinge, die da kommen wĂŒrden. Die gespenstischen Wesen hatten auch einen Oberkobold; den sah der arme Mann jetzt ganz deutlich, und das Ungeheuer, das einen großen Schnabel statt der Nase im Gesichte hatte, versammelte die Menge gerade unter dem hohlen Baume, in dem der Alte saß. Hier setzte sich der Oberkobold nieder, schlug die Beine unter und hieß die Andern sich zu beiden Seiten in zwei langen Reihen niedersetzen. Dies geschah denn auch sogleich, und kaum war es geschehen, so fingen die Kobolde zu schmausen an. Sie tranken den Wein wie gebildete Menschen und hielten ein so regelrechtes Gastmahl, dass der Lauscher sich nicht wenig darĂŒber verwunderte. Doch als die Schale mit Wein immer wieder die Runde gemacht hatte, da schien der Oberkobold trunken zu werden, das konnte man aus seinen GebĂ€rden merken. Den alten Mann, der alles genau beobachtete und allmĂ€hlich seine Furcht verlor, belustigte dies nicht wenig, aber es sollte noch besser kommen. Einer aus der Gesellschaft trat, nachdem die Mahlzeit beendet war, aus der Reihe hervor, machte mit allem erdenklichen Zeremoniell seine Verbeugungen vor dem Oberkobold und fĂŒhrte dann einen Tanz auf, so spaßhaft und komisch, dass es gar nichts lĂ€cherlicheres geben konnte. Und kaum hatte dieser den Anfang gemacht, so fingen sie alle an zu tanzen, schlugen sich ĂŒber und waren ĂŒberaus possirlich. Der alte Mann, den dies ĂŒber alle Maßen belustigte, konnte sich nun nicht mehr halten; er vergaß ganz und gar, dass er nicht zu der Schar gehörte und sprang mit den tollsten SprĂŒngen mitten zwischen sie. Die Kobolde umringten ihn sogleich und stĂŒrzten von allen Seiten herbei, doch ihn schien dies gar nicht zu kĂŒmmern; er tanzte fort und fort, und als er in die NĂ€he des Oberkoboldes kam, da fĂŒhrte er den spaßhaften Tanz eines Trunkenboldes auf, zu dem er laut zu singen anfing. Als die Gesellschaft dies sah und hörte, da lachte sie, dass es im Walde widerhallte, und der Oberkobold sowohl als seine Genossen gaben das grĂ¶ĂŸte EntzĂŒcken zu erkennen. Als der alte Mann seinen Tanz beendet hatte, sagten sie: »Wie lange schon halten wir in diesem Walde unsere Feste, und noch nie haben wir etwas so spaßhaftes gesehen, wie heute den Tanz dieses fröhlichen Alten! Er muss wiederkommen und an unseren VergnĂŒgungen teilnehmen!« »Das will ich gern tun,« sagte der alte Mann eifrig, denn es fing ihm doch wieder an unheimlich zu werden, »und das nĂ€chste Mal will ich es viel besser machen; heute habt ihr von meinen KĂŒnsten nur eine schwache Probe gesehen!« »Ach, wenn er heute uns verspricht, wiederzukommen,« schrien die Kobolde, »so wird er doch sein Wort nicht halten, das wissen wir vorher.« »So soll er ein Pfand hier lassen,« sprach der Oberkobold; »geschwind, nehmt ihm die schöne Warze aus dem Gesicht!« »Nein, nicht die Warze,« rief der alte Mann, »alles andere, nur die nicht! Ich habe die Warze nun schon so lange Jahre, von der kann ich mich nicht trennen!« »Nun, dann gerade wollen wir sie behalten, damit wir sicher sind, dass du sie wieder holst,« sprachen die Kobolde, griffen ihm mit den HĂ€nden ins Gesicht, und fort war die Warze. Als der Tag graute, zogen die Kobolde ab und der alte Mann war ganz allein. UnglĂ€ubig befĂŒhlte er sein Gesicht – die Warze war und blieb fort.

Freudig eilte er heim und erzĂ€hlte seiner Frau die wunderbare Begebenheit, und als die Leute ihn sahen, da wĂŒnschten sie ihm GlĂŒck dazu, dass er die hĂ€ssliche Warze nicht mehr zu tragen brauchte.

Aber der neidische Nachbar nebenan, der ergrimmte bei der Nachricht und war nun doppelt Ă€rgerlich ĂŒber sein Gebrechen. Er ging zu dem glĂŒcklichen Alten, der die Warze verloren hatte, und ließ sich haarklein den ganzen Hergang erzĂ€hlen, und als er sich alles genau gemerkt, da machte er sich auf und ging in den Wald. Bevor der Abend kam, fand er auch die beschriebene Stelle und versteckte sich in den hohlen Baum. Und gerade so, wie es der alte Mann erzĂ€hlt, kam es auch diesmal. Die Kobolde zogen herbei, lagerten sich, schmausten und tranken, und als der Tanz begann, da riefen sie: »Wo ist der spaßige alte Mann? Kommt er noch nicht?« »Hier ist er,« sprach zitternd vor Furcht der neidische Nachbar, und als die Kobolde vor Freude schrien, da fing er auch wirklich zu tanzen an, obgleich er gar nicht tanzen konnte. Und als er seine unbeholfenen SprĂŒnge machte, da sprach der Oberkobold: »Du tanzest heute viel schlechter, als das vorige Mal; höre damit auf, ich kann es nicht mehr ansehen! Gebt ihm sein Pfand wieder,« befahl er den anderen Kobolden, »und lasst ihn fortgehen!«

Die Kobolde warfen ihm die Warze ins Gesicht, genau an die Stelle, an der sie sein Nachbar getragen, und sie blieb ihm fest an der rechten Wange haften. Nun hatte er zwei große Warzen, und als er voll Kummer in das Dorf zurĂŒckkehrte, da musste er noch den Spott der Menschen ertragen und wĂŒnschte von Herzen, dass er nie in den Wald zu den Kobolden gepilgert wĂ€re. Ja, ja, das konnte er auch bleiben lassen!

MÀrchen aus Japan 

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Gefunden | johann wolfgang von goethe.