Der Wurzelgallertedisput | Ein MĂ€rchen aus Japan

Der Wurzelgallertedisput - ein MĂ€rchen aus Japan
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz
Einmal lebte irgendwo in einem einsam gelegenen Tempel ein wegen seiner Weisheit weit und breit berĂŒhmter Priester. Wandernde Bonzen kehrten oft bei ihm ein, um die Nacht im Disput mit dem gelehrten Mann zu verbringen. Nun musste er einstmals einen wichtigen Gang ĂŒber Land machen und ĂŒberlegte, wem er fĂŒr die Zeit seiner Abwesenheit die Obhut ĂŒber den Tempel anvertrauen könnte. Schließlich fiel seine Wahl auf den WurzelgallertehĂ€ndler Hachibe, einen schweigsamen Mann. Er hieß ihn die Priesterrobe anlegen und schĂ€rfte ihm nachdrĂŒcklich ein, etwaigen Besuchern keine Antworten auf ihre Fragen, welcher Art sie auch seien, zu geben, sondern in tiefem Schweigen zu verharren.

Damals kam nun gerade ein wandernder Priester, selbst ein hochgelehrter Mann, der den Ruf von der Weisheit seines Amtsgenossen vernommen hatte, dorthin in der Absicht, sich mit ihm im Disput zu messen, und voller Hoffnung, den Sieg in diesem Rededuell davonzutragen. Als er den Tempel betrat, sah er dort den WurzelgallertehĂ€ndler Hachibe schweigend, wie in tiefer Meditation versunken, sitzen, und da dieser kein Wort an ihn richtete, so glaubte er, er sei in der AusfĂŒhrung einer schweigenden BuĂŸĂŒbung begriffen.

Voll ehrfĂŒrchtiger Scheu nĂ€herte er sich ihm und nahm gleichfalls schweigend ihm gegenĂŒber Platz. Dann beschrieb er mit dem Finger einen Kreis und wollte damit die Frage stellen: „Unseres Herrn Buddha Herz…?“

Hachibe dachte: „Was mag er wohl meinen?“ und breitete dann beide Arme seitwĂ€rts aus.
Der Priester aber glaubte, er wolle damit sagen: „…ist groß wie der weite Ozean“, und war von der Antwort befriedigt. Nun streckte er beide HĂ€nde mit gespreizten Fingern aus, um so zu fragen: „Das gesamte Weltall…?“

Zur Antwort streckte ihm Hachibe eine Hand mit ebenfalls gespreizten Fingern entgegen. Der Priester glaubte, dies solle bedeuten: „…verharrt in den fĂŒnf TodsĂŒnden“, und nickte dazu befriedigt. Dann zeigte er drei Finger, um damit zu sagen: „Die drei Inkarnationen des Amida…?“

Auf diese Frage antwortete Hachibe damit, dass er nach Art von Kindern wie zum Zeichen der Schadenfreude mit einem Finger das untere Augenlid nach unten zog. Der mehr und mehr eingeschĂŒchterte Priester schwieg betroffen, und da er glaubte, Hachibe hĂ€tte ihm damit sagen wollen: „…suche sie in dir selbst“, rĂ€umte er beschĂ€mt das Feld, denn er dachte, jener wolle damit sagen: „Störe mich nun nicht lĂ€nger in meiner Meditation!“

Bei seiner RĂŒckkehr erfuhr der Priester, was sich zugetragen hatte, und war mit seinem Stellvertreter zufrieden. Er fragte Hachibe, was er sich bei den Fragen des Wanderpriesters gedacht habe und was er mit seinen Antworten gemeint habe.

Hachibe sagte lachend: „Ach, das war ganz einfach. Jener Bonze hatte es natĂŒrlich gleich herausbekommen, was fĂŒr ein GeschĂ€ft ich betreibe. Er machte mit den Fingern einen Kreis. Damit meinte er natĂŒrlich: ‚;Wie groß sind deine Gallertewurzeln?‘ Ich zeigte ihm beide HandflĂ€chen. Das sollte heißen: ‚So groß sind sie.‘ Dann streckte er alle zehn Finger aus und meinte damit natĂŒrlich: ‚Wie viel kosten zehn StĂŒck?‘ Ich gab ihm mit fĂŒnf ausgestreckten Fingern zu verstehen, dass ich fĂŒnfhundert Mon dafĂŒr verlange, und der Bonze ließ mich durch drei ausgestreckte Finger wissen, dass ich den Preis auf dreihundert Mon ermĂ€ĂŸigen solle. Nun, darauf antwortete ich ihm, indem ich ‚Akambei‘ machte, um ihm zu zeigen, dass ich sein Angebot lĂ€cherlich fĂ€nde. Na, da war er ganz klein geworden und machte sich beschĂ€mt auf die Beine.“

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