Kleine Auszeiten

In unserer schnelllebigen Welt ist es oft eine echte Herausforderung, sich Zeit fĂŒr sich selbst zu nehmen. Aber genau das ist so wichtig fĂŒr unser Wohlbefinden und unsere LebensqualitĂ€t.

Wie Herr Hansaemon eine Fliege verschluckte | Ein MĂ€rchen aus Japan

Ein MĂ€rchen aus Japan: Wie Herr Hansaemon eine Fliege verschluckte
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

In der Stadt Nagoja lebte einst der reiche TuchhĂ€ndler Hansaemon, dem nichts ĂŒber guten Reiswein ging. Er liebt den Wein so sehr, dass ihm die gewöhnlichen PorzellanschĂ€lchen nicht groß genug waren und er sich einen großen Lackbecher anfertigen ließ, der einen ganzen Krug Sake fasste. Einmal hatte sich Herr Hansaemon nach einem guten Essen wieder seinen Lieblingsbecher mit Sake fĂŒllen lassen, fasste ihn mit beiden HĂ€nden, schloss wonnig die Augen und trank und trank. Nun geschah es aber, dass gerade eine neugierige Fliege um ihn herum flog, und als die Diener sie verjagen wollten, fiel die Fliege direkt in den Becher.

Noch ehe die Diener Herrn Hansaemon warnen konnten, hatte er die Fliege schon mit dem Wein hinuntergespĂŒlt. Die Diener entschuldigten sich bei Herrn Hansaemon, und der war zum GlĂŒck – wie immer, wenn er getrunken hatte – guter Laune und verzieh ihnen. Nur hatte er nun die Fliege im Bauch. Sie kreiste darin herum, machte ss, ssss, sssss, und das war Herrn Hansaemon ganz und gar nicht angenehm. Er setzte sich in seine SĂ€nfte und ließ sich zu Herrn Hori, dem berĂŒhmten Arzt, tragen.
Als der Arzt nach seinem Begehr fragte, klagte Herr Hansaemon: „Herr Doktor, ich habe heute wunderbaren Sake getrunken, aber leider dabei eine Fliege verschluckt. Die fliegt nun in meinem Bauch herum, macht ss, sss, ssss, und das ist sehr unangenehm. Sagt mir doch, was ich tun soll.“
Der Arzt dachte angestrengt nach, wiegte den Kopf hin und her und sprach dann: „Wisst Ihr was, das beste wird sein, Ihr verschluckt einen Frosch. Der fĂ€ngt die Fliege und Ihr habt wieder Ruhe.“
Herr Hansaemon bedankte sich, ließ sich schnell nach Hause tragen und schickte sogleich die Diener in den Garten, einen Frosch zu fangen. Er schluckte den Frosch hinunter, und nach einer Weile hörte das Summen im Bauch auf. Aber nun hatte Herr Hansaemon statt der Fliege einen Frosch im Bauch, und dem gefiel es dort ganz und gar nicht. Er sprang darin herum, machte quack, quack, quack, und das war auch nicht gerade angenehm. Also setzte Herr Hansaemon wieder in seine SĂ€nfte und ließ sich zu Herrn Hori, dem berĂŒhmten Arzt, tragen.

Dort klagte er: „Herr Doktor, ich habe einen Frosch verschluckt, wie Ihr mir geraten habt. Die Fliege summt nicht mehr, aber dafĂŒr springt der Frosch in meinem Bauch hin und her, macht quack, quack, quack, und das ist auch sehr unangenehm. Was soll ich nur machen?“

Der Arzt ĂŒberlegte, wiegte den Kopf hin und her und sprach schließlich: „Wisst Ihr was, wenn Ihr einen Frosch im Bauch habt, so verschluckt eine Natter. Die fĂ€ngt Euren Frosch und schon habt Ihr Ruhe.“
Herr Hansaemon bedankte sich, ließ sich nach Hause tragen und schickte die Diener zum Bach, eine Natter zu fangen. Er verschluckte die Natter, und schon gab der Frosch Ruhe. Aber der Natter gefiel es in dem Bauch auch nicht, sie wand und krĂŒmmte sich und zischte dabei zz, zzz, zzzz. Na, das war Herrn Hansaemon auch nicht angenehm. Was blieb ihm anderes ĂŒbrig, als wieder Herrn Hori, den berĂŒhmten Arzt, aufzusuchen und um Rat zu fragen.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich habe eine Natter verschluckt, wie Ihr mir geraten habt. Der Frosch plagt mich nicht mehr, dafĂŒr aber windet und krĂŒmmt sich die Natter in meinem Bauch und macht zz, zzz, zzzz. Das ist sehr unangenehm, was soll ich nur tun?“

Der Arzt wiegte diesmal den Kopf noch lĂ€nger und meinte: „Wenn Euch die Natter plagt, so solltet Ihr einen Wildeber verschlucken. Der macht der Natter den Garaus, und Ihr habt Eure Ruhe.“
Herr Hansaemon bedankte sich und schickte sogleich seine Diener in den Wald, einen wilden Eber zu fangen. Den verschluckte er, und wirklich, nach einer Weile hörte die Natter auf zu zischen. Nun ist ein Eber im Bauch aber noch schlimmer als eine Natter. Er lief wĂŒtend hin und her, stampfte und machte rr, rrr, rrrr. Das war kaum auszuhalten, und so musste Herr Hansaemon wieder den Arzt aufsuchen und um Rat bitten.

„Herr Doktor, bitte helft mir. Der Eber hat zwar die Schlange vertilgt, aber dafĂŒr stampft er nun in meinem Bauch herum und macht rr, rrr, rrrrr, dass es nicht zum Aushalten ist. Was soll ich nur tun?“
Der Arzt ĂŒberlegte wieder lange, wiegte nachdenklich den Kopf und sprach dann: „Wisst ihr was, das beste gegen so einen Eber ist ein JĂ€ger. Verschluckt einen JĂ€ger, der erschießt den Eber, und Ihr habt Eure Ruhe!“

Herr Hansaemon dankte dem klugen Arzt und eilte nach Hause. Gleich schickte er seine Diener in die Berge, einen JĂ€ger herbei zu schaffen. Als der JĂ€ger am nĂ€chsten Tag kam, fragte Herr Hansaemon gar nicht erst, sondern verschluckte ihn schnell. Und der Arzt hatte recht. Schon nach einer Weile ertönten im Bauch des Herrn Hansaemon SchĂŒsse. Das war der JĂ€ger, der den Eber erschießen wollte. Aber in der Finsternis traf er nicht so recht. Er schoss und schoss, und weil er erst mit der letzten Kugel, die er hatte, den Eber traf, konnte er selbst nicht mehr heraustreffen, und so sitzt er noch heute im Bauch des Herrn Hansaemon.

MÀrchen aus Japan 

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