Herr Lorenz hatte eine Leidenschaft: Er sammelte Zeit. Nicht Uhren, sondern Stunden. Jeden Abend schrieb er in ein kleines Buch, wie viele Minuten er gespart hatte. Fünf Minuten weniger unter der Dusche. Zehn Minuten schneller gegessen. Eine Abkürzung zur Arbeit.
„Zeit ist kostbar“, sagte er oft. „Wer sie spart, hat mehr davon.“
Die Jahre vergingen. Sein Buch wurde dicker. Er hatte Hunderte Stunden „gespart“. Doch wenn er abends auf das Buch blickte, fühlte er sich nicht reicher. Eher leerer.

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Eines Tages setzte sich seine Enkelin neben ihn. „Opa, was machst du mit all der gesparten Zeit?“
Herr Lorenz stockte. Er blätterte in dem Buch. Zeile um Zeile. Gesparte Minuten. Aber keine einzige Notiz darüber, wofür er sie verwendet hatte.
„Ich … weiß es nicht genau“, gab er zu.
Die Enkelin nahm seinen Bleistift und schrieb auf die nächste Seite: „Heute haben wir zusammen Eis gegessen. Dauer: 27 Minuten. Wert: unschätzbar.“
Herr Lorenz sah die Zeile lange an. Dann legte er das alte Buch beiseite und holte ein neues. Diesmal schrieb er nicht, was er gespart hatte – sondern was er erlebt hatte.
Die Moral der Geschichte
Zeit lässt sich nicht wirklich sparen. Man kann sie nur nutzen oder verstreichen lassen. Wer nur zählt, was er nicht verbraucht hat, vergisst oft, wofür das Leben eigentlich da ist: für die Momente, die man nicht beschleunigen und nicht aufheben kann.
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