Eine Krähe fand eines Tages einen glänzenden Spiegel am Waldrand. Sie setzte sich davor und betrachtete sich. „Was für ein stattliches Tier“, dachte sie. „Die Federn so schwarz, der Blick so klug.“
Von da an kam sie jeden Morgen zum Spiegel. Sie putzte ihre Federn extra sorgfältig, drehte den Kopf und krächzte zustimmend. Andere Vögel flogen vorbei und riefen: „Komm mit uns! Es gibt frische Beeren am Bach!“
Die Krähe schüttelte den Kopf. „Später. Ich bin gerade beschäftigt.“

Ich vertraue dir nicht
Wenn Vertrauen zerbricht, bleibt oft die Angst, erneut verletzt zu werden.

Mütter
Manchmal reicht Liebe nicht, um eine Familie zu retten.
Die Tage vergingen. Die Krähe wurde immer geschickter darin, sich selbst zu bewundern. Doch eines Morgens war der Spiegel verschwunden. Ein Windstoß hatte ihn umgeworfen und unter Laub begraben.
Die Krähe suchte stundenlang. Als sie den Spiegel endlich wiederfand, war das Glas zerkratzt und trübe. Sie sah nur noch einen unscharfen Schatten von sich selbst.
Verzweifelt setzte sie sich daneben. Eine alte Elster landete auf einem Ast. „Was suchst du?“
„Mein Spiegel“, sagte die Krähe. „Ohne ihn weiß ich nicht mehr, wer ich bin.“
Die Elster neigte den Kopf. „Dann flieg zum Bach. Dort siehst du dich im Wasser – und gleichzeitig die Welt um dich herum. Ein Spiegel zeigt nur dich. Das Wasser zeigt mehr.“
Die Krähe zögerte. Dann flog sie zum Bach. Im Wasser sah sie sich – und die Bäume, den Himmel und die anderen Vögel, die an der Uferböschung saßen. Zum ersten Mal seit langem krächzte sie nicht vor sich hin, sondern hörte den anderen zu.
Die Moral der Fabel
Wer nur sich selbst betrachtet, verliert den Blick für alles andere. Eitelkeit ist ein Spiegel, der die Welt ausblendet. Manchmal braucht es einen klaren Bach – und den Mut, auch das zu sehen, was nicht nur mit einem selbst zu tun hat.
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