Am Ufer eines Flusses saß ein Mann und sortierte Steine. Die glatten legte er nach links, die rauen nach rechts. Die hellen in einen Haufen, die dunklen in einen anderen. Tag für Tag.
Ein Wanderer kam vorbei und fragte: „Warum tust du das?“
„Damit Ordnung entsteht“, antwortete der Mann. „Wenn alles sortiert ist, weiß ich, was wohin gehört.“
Der Wanderer setzte sich dazu und sah eine Weile zu. Dann nahm er einen Stein, der weder ganz glatt noch ganz rau war, weder hell noch dunkel. „Und wohin gehört der?“
Der Mann zögerte. „Den … den lege ich erstmal beiseite.“
Der Wanderer nickte. „Und die beiseitegelegten?“
Der Mann sah auf einen kleinen Haufen neben sich. Steine, die in keine Kategorie passten. Der Haufen war in den letzten Wochen größer geworden als alle anderen.
„Irgendwann finde ich für jeden den richtigen Platz“, sagte er leise.
Der Wanderer lächelte. „Oder du merkst irgendwann, dass nicht alles sortiert werden muss. Manche Steine sind einfach Steine. Und der Fluss fließt trotzdem.“
Er stand auf und ging weiter. Der Mann blieb sitzen. Nach einer Weile nahm er einen der unsortierten Steine, warf ihn behutsam in den Fluss und hörte das leise Platschen. Dann sortierte er nicht weiter – sondern schaute dem Wasser zu.
Die Moral der Geschichte
Wir sortieren gerne: richtig und falsch, gut und schlecht, passend und unpassend. Doch das Leben lässt sich nicht vollständig in Kategorien pressen. Manches bleibt uneindeutig – und genau darin liegt oft seine Wahrheit. Wer nur ordnet, vergisst manchmal, einfach dazusein.
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