Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Der alte Grabstein – ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen

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Der alte Grabstein - ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz

In einem der kleinen Marktflecken bei einem Manne, der seinen eigenen Hof hatte, sa├č abends in der Jahreszeit, in der die Abende l├Ąnger werden, die ganze Familie im Kreise zusammen. Es war noch milde und warm. Die Lampe war angez├╝ndet, die langen Gardinen hingen vor den Fenstern nieder, auf denen Blument├Âpfe standen, und drau├čen war herrlicher Mondschein. Aber davon sprachen sie nicht, sie sprachen von einem alten, gro├čen Stein, der unten im Hofe lag, dicht bei der K├╝chent├╝r, wohin die M├Ądchen oft das geputzte Kupferzeug stellten, damit es in der Sonne trocknen sollte, und wo die Kinder gern spielten, es war eigentlich ein alter Grabstein.

„Ja,“ sagte der Hausherr, „ich glaube, er stammt aus der alten, abgebrochenen Klosterkirche. Die Kanzel, die Denkm├Ąler und die Grabsteine wurden ja verkauft! Mein seliger Vater kaufte mehrere davon; sie wurden zu Pflastersteinen zerschlagen, aber dieser Stein blieb ├╝brig und liegt seitdem im Hofe.“

„Man kann wohl sehen, dass es ein Grabstein ist,“ sagte das ├Ąlteste von den Kindern. „Es ist darauf noch ein Stundenglas und ein St├╝ck von einem Engel zu sehen, aber die Inschrift, die darauf gestanden hat, ist schon verwischt au├čer dem Namen Preben und einem gro├čen ‚S‘, das gleich dahinter steht, und ein bisschen weiter unten steht ‚Marthe‘. Mehr kann man nicht herausbekommen und auch das ist nur deutlich zu sehen, wenn es geregnet hat oder wir ihn gewaschen haben.“

„Herrgott, das ist Preben Svanes und seiner Frau Leichenstein!“ sagte ein alter, alter Mann im Zimmer. Seinem Alter nach h├Ątte er gut und gerne der Gro├čvater all der Alten und Jungen, die hier versammelt waren, sein k├Ânnen. „Ja, das Ehepaar war eines der letzten, die auf dem alten Klosterkirchhofe beerdigt worden sind! Das war ein altes, ehrenhaftes Paar aus meinen Knabenjahren! Alle kannten sie, und alle liebten sie; sie waren das Alters-K├Ânigspaar hier in der Gegend. Die Leute sagten von ihnen, da├č sie ├╝ber eine Tonne Gold bes├Ą├čen, doch gingen sie einfach gekleidet, im gr├Âbsten Zeug, aber ihr Linnen war blendend wei├č. Das war ein pr├Ąchtiges altes Paar. Preben und Marthe. Wenn sie auf der Bank oben auf der gro├čen Steintreppe des Hauses sa├čen, ├╝ber die der alte Lindenbaum seine Zweige breitete, und sie so freundlich und milde nickten, wurde man ordentlich fr├Âhlich.

Sie waren unendlich gutherzig gegen die Armen! Sie speisten sie und kleideten sie, und es war Vernunft und wahres Christentum in all ihren Wohltaten. Zuerst starb die Frau. Ich entsinne mich noch so gut des Tages. Ich war ein kleiner Knabe und mit meinem Vater drinnen beim alten Preben, als sie gerade hin├╝bergeschlummert war. Der alte Mann war so bewegt, er weinte wie ein Kind. Die Tote lag noch in der Schlafkammer, dicht neben dem Zimmer, in dem wir sa├čen. Und er sprach zu meinem Vater und ein paar Nachbarn davon, wie einsam es nun sein w├╝rde, wie gut sie gewesen sei, wie viele Jahre sie zusammen gelebt h├Ątten und wie es zugegangen w├Ąre, dass sie einander kennen gelernt und sich lieb gehabt h├Ątten. Ich war, wie gesagt, klein und stand und h├Ârte zu, aber es erf├╝llte mich seltsam stark, dem alten Mann zu lauschen und zu sehen, wie er immer lebhafter wurde und rote Wangen bekam, als er vom Verlobungstage sprach und davon, wie lieblich sie gewesen w├Ąre und wie viele unschuldige, kleine Umwege er gemacht h├Ątte, um mit ihr zusammenzutreffen.

Und er erz├Ąhlte vom Hochzeitstag; seine Augen leuchteten auf dabei, er lebte sich gleichsam wieder zur├╝ck in die sch├Ânen Zeiten damals, und sie lag dicht dabei in der Kammer, tot, eine alte Frau, und er war ein alter Mann und sprach von den Zeiten der Hoffnung! ÔÇô ja, ja, so gehts! Damals war ich ein Kind nur, und heute bin ich alt, alt wie Preben Svane. Die Zeit vergeht und alles ver├Ąndert sich! Ich erinnere mich noch gut ihres Begr├Ąbnistages. Der alte Preben ging dicht hinter dem Sarge her. Ein paar Jahre vorher hatte das Ehepaar seinen Grabstein mei├čeln lassen mit Inschrift und Namen, bis auf den Todestag. Der Stein wurde am Abend hinausgefahren und auf das Grab gelegt, und ein Jahr sp├Ąter wurde er wieder emporgehoben und der alte Preben kam zu seiner Frau heim. ÔÇô Sie hinterlie├čen nicht solchen Reichtum, wie die Leute geglaubt und behauptet hatten.

Das was blieb, fiel an die Familie, die weit entfernt lebte, keiner hatte sie je gekannt. Das Fachwerkhaus mit der Bank auf der hohen Steintreppe unter dem Lindenbaum wurde vom Magistrat niedergerissen, denn es war allzu bauf├Ąllig, als dass man es h├Ątte stehen lassen d├╝rfen. Sp├Ąter, als es der Klosterkirche ebenso erging und der Kirchhof aufgehoben wurde, kam Prebens und Marthes Grabstein, wie alles andere von dort, zu dem, der ihn kaufen wollte, und nun hat es sich gerade so getroffen, da├č er nicht mit zerschlagen und verbraucht worden ist, sondern noch immer im Hofe liegt als Spielzeug f├╝r die Kleinen und als Trockenstelle f├╝r das gescheuerte K├╝chenzeug der M├Ądchen. Die gepflasterte Stra├če geht nun ├╝ber die Ruhest├Ątte des alten Preben und seiner Frau. Keiner kennt sie mehr.“

Und der alte Mann, der all dies erz├Ąhlte, sch├╝ttelte wehm├╝tig das Haupt. „Vergessen“ ÔÇô „Alles wird vergessen“ sagte er.

Und dann sprachen sie im Zimmer von anderen Dingen, aber der kleinste Knabe, ein Kind mit gro├čen, ernsten Augen, kletterte auf den Stuhl hinter der Gardine und sah hinab in den Hof, wo der Mond hell auf den gro├čen Stein schien, der ihm zuvor stets leer und flach erschienen war, nun aber da lag, wie ein gro├čes Blatt im Buche der Geschichte. Alles, was der Knabe von Preben und seiner Frau geh├Ârt hatte, kn├╝pfte sich an den Stein. Und er blickte auf ihn und hinauf in den klaren, lichten Mond in der reinen, hohen Luft, und es war, als ob eines Gottes Antlitz ├╝ber die Erde hin schien.

„Vergessen. Alles wird vergessen!“ klang es im Zimmer, und in diesem Augenblick k├╝sste ein unsichtbarer Engel des Kindes Brust und Stirn und fl├╝sterte leise: „Bewahre das empfangene Samenkorn gut. Bewahre es bis zur Zeit der Reife. Durch Dich, o Kind, sollen die verwischte Inschrift, der verwitterte Grabstein in leuchtenden, goldenen Z├╝gen f├╝r kommende Geschlechter bewahrt bleiben. Das alte Ehepaar soll wieder Arm in Arm durch die alten Stra├čen wandern, mit frischen, roten Wangen l├Ąchelnd auf der Steintreppe unter dem Lindenbaum sitzen und arm und reich zunicken. Das Samenkorn aus dieser Stunde wird im Laufe der Jahre sich in eine bl├╝hende Dichtung verwandeln. Das Gute und Sch├Âne wird nicht vergessen, es lebt in Sagen und Liedern.“

Hans Christian Andersen 
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