Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Der Buchweizen – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

Banner fĂŒr das Autorenprofil von Franziska Franzi auf Amazon. Hintergrund ist grau und dunkel gefĂ€rbt, in der Mitte ist das Pseudonym Foto und der Name Franziska Franzi
Buchweizen - ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

HĂ€ufig wenn man nach einem Gewitter an einem Acker vorĂŒbergeht, auf dem Buchweizen wĂ€chst, sieht man, dass er ganz schwarz geworden und abgesengt ist; es ist gerade, als ob eine Feuerflamme ĂŒber denselben hingefahren wĂ€re, und der Landmann sagt dann: „Das hat er vom Blitze bekommen!“ Aber warum bekam er das? Ich will erzĂ€hlen, was der Sperling mir gesagt hat, und der Sperling hat es von einem alten Weidenbaume gehört, welcher bei einem Buchweizenfelde steht. Es ist ein ehrwĂŒrdiger alter Weidenbaum, aber verkrĂŒppelt und alt, er ist in der Mitte geborsten und es wachsen Gras und Brombeer-Ranken aus der Spalte hervor; der Baum neigt sich vorn ĂŒber und die Zweige hĂ€ngen ganz auf die Erde hinunter, gerade als ob sie ein langes grĂŒnes Haar bildeten.

Auf allen Feldern ringsumher wuchs Korn, sowohl Roggen und Gerste wie Hafer, ja der herrliche Hafer, der da, wenn er reif ist, gerade wie eine Menge kleiner gelber Kanarienvögel auf einem Zweige aussieht. Das Korn stand gesegnet, und je schwerer es war, desto tiefer neigte es sich in frommer Demut. Aber da war auch ein Feld mit Buchweizen, und dieses Feld war dem alten Weidenbaume gerade gegenĂŒber. Der Buchweizen neigte sich durchaus nicht wie das ĂŒbrige Korn, sondern prangte stolz und steif. „Ich bin wohl so reich wie die Ähre“, sagte er; „ĂŒberdies bin ich weit hĂŒbscher; meine Blumen sind schön wie die BlĂŒten des Apfelbaums; es ist eine Freude, auf mich und die Meinigen zu blicken! Kennst du etwas PrĂ€chtigeres als uns, du alter Weidenbaum?“

Der Weidenbaum nickte mit dem Kopfe, gerade als ob er damit sagen wollte: „Ja freilich!“ Aber der Buchweizen spreizte sich aus lauter Hochmut und sagte: „Dummer Baum, er ist so alt, dass ihm Gras im Leibe wĂ€chst!“ Nun zog ein schrecklich böses Gewitter auf; alle Feldblumen falteten ihre BlĂ€tter zusammen oder neigte ihre kleinen Köpfe herab, wĂ€hrend der Sturm ĂŒber sie dahinfuhr; aber der Buchweizen prangte in seinem Stolze. „Neige dein Haupt wie wir!“ sagten die Blumen. „Das ist durchaus nicht nötig“ erwiderte der Buchweizen.

„Senke dein Haupt wie wir!“ rief das Korn. „Nun kommt der Engel des Sturms geflogen! Er hat Schwingen, die oben von den Wolken bis gerade herunter zur Erde reichen, und er schlĂ€gt dich mittendurch, bevor du bitten kannst, er möge dir gnĂ€dig sein!“ „Aber ich will mich nicht beugen!“ sagte der Buchweizen. „Schließe deine Blumen und neige deine BlĂ€tter!“ sagte der alte Weidenbaum. „Sieh nicht zum Blitze empor, wenn die Wolke berstet; selbst die Menschen dĂŒrfen das nicht, denn im Blitze kann man in Gottes Himmel hineinsehen; aber dieser Anblick kann selbst die Menschen blenden: Was wĂŒrde erst uns, den GewĂ€chsen der Erde, geschehen, wenn wir es wagten, wir, welche doch weit geringer sind!“ „Weit geringer?“ sagte der Buchweizen. „Nun will ich gerade in Gottes Himmel hineinsehen!“ Und er tat es in seinem Übermut und Stolz. Es war, als ob die ganz Welt in Flammen stĂ€nde, so blitze es.

Als das böse Wetter vorbei war, standen die Blumen und das Korn in der stillen, reinen Luft erfrischt vom Regen, aber der Buchweizen war vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes Unkraut auf dem Felde.

Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige im Winde, und es fielen große Wassertropfen von den grĂŒnen BlĂ€ttern, gerade als ob der Baum weine, und die Sperlinge fragten: „Weshalb weinst du? Hier ist es ja so gesegnet! Sieh, wie die Sonne scheint, sieh, wie die Wolken ziehen! Kannst du den Duft von Blumen und BĂŒschen bemerken? Warum weinst du alter Weidenbaum?“

Und der Weidenbaum erzĂ€hlte vom Stolze des Buchweizens, von seinem Übermute und der Strafe, die immer darauf folgt. Ich, der die Geschichte erzĂ€hlte, habe sie von den Sperlingen gehört. Sie erzĂ€hlten sie mir eines abends, als ich sie um ein MĂ€rchen bat.

Hans Christian Andersen
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