Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Der Marionettenspieler – ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen

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Der Marionettenspieler - ein M├Ąrchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz

Am Bord des Dampfschiffes befand sich ein ├Ąltlicher Mann mit einem so vergn├╝gten Gesicht, da├č, wenn es ihn nicht L├╝gen strafte, er der gl├╝cklichste Mensch von der Welt sein mu├čte. Das sei er auch, sagte er, und ich selbst h├Ârte es aus seinem eigenen Munde. ┬╗Er war ein D├Ąne, ein reisender Theaterdirektor. Er hatte das ganze Personal mit, es lag in einem gro├čen Kasten; er war Marionettenspieler. Sein angeborener guter Humor, sagte er, sei von einem polytechnischen Kandidaten gel├Ąutert, und bei diesem Experimente sei er vollst├Ąndig gl├╝cklich geworden. Ich begriff dies Alles nicht sogleich, aber dann setzte er mir die ganze Geschichte klar auseinander, und hier ist sie:

Es war im St├Ądtchen Slagelse ÔÇô sagte er ÔÇô; ich gab eine Vorstellung im Saale der Posthalterei, hatte brillantes Publikum, ganz und gar unkonfirmirtes, mit Ausnahme von einem Paar alter Matronen; auf einmal kommt so eine schwarz gekleidete Person vom Studentenschlage in den Saal, setzt sich, lacht laut an den passendsten Stellen, klatscht ganz und gar richtig; das war ein ungew├Âhnlicher Zuschauer! Ich mu├čte wissen, wer der sei, und ich erfuhr dann, es sei ein Kandidat des polytechnischen Institutes zu Kopenhagen, der ausgesandt w├Ąre, um die Leute in den Provinzen zu belehren.

Punkt acht Uhr war meine Vorstellung aus, Kinder m├╝ssen ja fr├╝h zu Bette, und man mu├č an die Bequemlichkeit des Publikums denken. Um neun Uhr begann der Kandidat seine Vorlesungen und Experimente, und nun war ich sein Zuh├Ârer. Das war merkw├╝rdig zu h├Âren und zu sehen. Das Meiste ging mir ├╝ber meinen Horizont, aber so viel dachte ich mir doch dabei, k├Ânnen wir Menschen so was ausfindig machen, so m├╝ssen wir auch l├Ąnger aushalten k├Ânnen, als bis man uns in die Erde verscharrt.

Es waren lauter kleine Mirakel, die er machte, und doch Alles wie Wasser, ganz nat├╝rlich! Um die Zeit Moses und der Propheten w├Ąre ein solcher polytechnischer Kandidat einer der Weisen des Landes geworden; im Mittelalter h├Ątte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht. Ich schlief die ganze Nacht nicht; und als ich am andern Abend Vorstellung gab und der Kandidat sich wiederum einfand, sprudelte mein Humor. Ich habe von einem Schauspieler geh├Ârt, da├č er in Liebhaberrollen immer nur an eine einzige der Zuschauerinnen dachte; f├╝r sie spielte er und verga├č das ganze ├╝brige Haus; der polytechnische Kandidat war meine ┬╗sie┬ź, mein einziger Zuschauer, f├╝r den ich allein spielte.

Als die Vorstellung zu Ende war, wurden s├Ąmmtliche Marionetten hervorgerufen, und ich von dem polytechnischen Kanditaten auf sein Zimmer auf ein Glas Wein eingeladen; er sprach von meinen Kom├Âdien und ich von seiner Wissenschaft, und ich glaube, wir fanden gleich gro├če Freude daran. Aber ich bereue das Wort, denn in seinem Kram war nun einmal Vieles, wor├╝ber er nicht allemal Wort und Rede stehen konnte: z. B. das Ding, da├č ein St├╝ck Eisen, das durch einen Spiral f├Ąllt, magnetisch wird, ja! was ist das?! ÔÇô Der Geist kommt ├╝ber dasselbe, aber woher kommt er; es ist damit wie mit den Menschen dieser Welt, denk‘ ich: Unser lieber Herrgott l├Ą├čt sie durch den Spiral der Zeit purzeln, und der Geist kommt ├╝ber sie, und so steht da ein Napoleon, ein Luther, oder irgend eine ├Ąhnliche Person! ┬╗┬╗Die ganze Welt ist eine Reihe von Wunderwerken,┬ź┬ź sagte der Kandidat, ┬╗┬╗aber wir sind so an dieselben gew├Âhnt, da├č wir sie Alltagsgeschichten nennen.┬ź┬ź ÔÇô

Er sprach und erkl├Ąrte; es war mir zuletzt, als hebe man mir den Hirnsch├Ądel in die H├Âhe, und ich gestand ehrlich, da├č wenn ich nicht schon so ein alter Knabe w├Ąre, so w├╝rde ich sofort die polytechnische Anstalt beziehen und lernen, die Welt so recht in den N├Ąhten nachzusehen, ÔÇô ungeachtet ich einer der gl├╝cklichsten Menschen bin! ┬╗┬╗Einer der gl├╝cklichsten,┬ź┬ź ÔÇô sagte er, und es war mir, als kostete er davon. ┬╗┬╗Sind Sie gl├╝cklich?┬ź┬ź ÔÇô ┬╗Ja!┬ź sagte ich, ┬╗gl├╝cklich bin ich, und willkommen hei├čt man mich in allen St├Ądten, wo ich mit meiner Gesellschaft eintreffe! Zwar ÔÇô ich habe allerdings einen Wunsch, derselbe liegt nicht selten wie Blei, wie ein Alp, auf meinem guten Humor: ich m├Âchte Theaterdirektor einer lebendigen Truppe, einer richtigen Menschengesellschaft sein.┬ź ┬╗┬╗Sie w├╝nschen ihren Marionetten Leben eingehaucht, da├č sie wirkliche Schauspieler ÔÇô und Sie selbst Direktor w├╝rden!┬ź┬ź ÔÇô sagte er. ┬╗┬╗Dann w├╝rden Sie vollkommen gl├╝cklich sein? Glauben Sie?┬ź┬ź ÔÇô

Er glaubte es nicht, und wir sprachen hin und her, in die Kreuz und Quer und blieben doch gleich weit aus einander; doch mit den Gl├Ąsern stie├čen wir an, und der Wein war excellent, aber Zauberei war dabei, sonst w├╝rde ich bestimmt einen Rausch bekommen haben. Aber das war nicht der Fall, ich blieb klar sehend, in der Stube war Sonnenschein, und Sonnenschein strahlte aus den Augen des polytechnischen Kandidaten; ich mu├čte an die alten G├Âtter in ihrer ewigen Jugend denken, als sie noch auf der Erde umherspazierten und uns Menschen Besuche machten; und das sagte ich ihm auch, dann l├Ąchelte er, und ich h├Ątte darauf schw├Âren d├╝rfen, er sei ein verkappter Gott, oder doch wenigstens aus der Familie! ÔÇô das war er auch: Mein h├Âchster Wunsch sollte in Erf├╝llung gehen, die Marionetten lebendig und ich Direktor einer Menschentruppe werden. Wir stie├čen darauf an und leerten die Gl├Ąser!

Er packte alle meine Puppen in den Kasten, band ihn auf den R├╝cken, und dann lie├č er mich durch einen Spiral fallen; ÔÇô ich h├Âre noch, wie ich purzelte, ich lag auf dem Fu├čboden, das wei├č ich gewi├č, und die ganze Gesellschaft sprang aus dem Kasten heraus, ÔÇô der Geist war ├╝ber uns Alle insgesammt gekommen, alle Marionetten waren ausgezeichnete K├╝nstler geworden, das sagten sie selbst, und ich war Direktor! Alles war zur ersten Vorstellung bereit, die ganze Gesellschaft wollte mit mir reden, und das Publikum auch; die T├Ąnzerin sagte, das Haus m├╝sse fallen, wenn ich nicht auf einem Beine st├Ąnde, sie sei die Meisterin des Ganzen, und b├Ąte sich aus, darnach behandelt zu werden; Diejenige, welche die K├Ânigin spielte, wollte auch au├čerhalb der Scene als K├Ânigin behandelt sein ÔÇô sie k├Ąme sonst aus der ├ťbung; Der, welcher nur dazu gebraucht wurde, einen Brief abzugeben, machte sich ebenso wichtig wie der erste Liebhaber, denn die Kleinen seien wie die Gro├čen, sie seien von gleicher Wichtigkeit in einem k├╝nstlerischen Ganzen, sagte er; der Held wollte nur Rollen aus lauter Abgangs-Repliken bestehend, denn dabei werde geklatscht; die Primadonna wollte nur in rotem Lichte spielen, denn das st├╝nde ihr, blaues leide sie nicht: ÔÇô es war wie Fliegen in einer Flasche, und ich war mitten in der Flasche, ich war Direktor! Der Atem verlie├č mich, der Kopf verlie├č mich: ich war so elend, wie ein Mensch es werden kann; es war ein neues Menschengeschlecht, unter welches ich geraten, ich w├╝nschte nur, ich h├Ątte sie alle wieder in dem Kasten, da├č ich niemals Direktor geworden; ich sagte ihnen rund heraus, sie seien doch im Grunde Marionetten; dann schlugen sie mich tot. Ich lag auf dem Bette in meinem Zimmer, wie ich dorthin und ├╝berhaupt vom polytechnischen Kandidaten weggekommen bin, das mu├č er wissen, ich wei├č es nicht.

Der Mond schien auf den Fu├čboden herein, wo der Puppenkasten umgeworfen und alle Puppen bunt durch einander lagen ÔÇô Gro├č und Klein, die ganze Geschichte; aber ich war nicht faul: aus dem Bette fuhr ich heraus, in den Kasten kamen sie alle insgesammt, einige auf den Kopf, andere auf die Beine, ich warf den Deckel zu und setzte mich selbst oben auf den Kasten. ┬╗Jetzt werdet ihr schon drinnen bleiben!┬ź sagte ich, ┬╗und ich werde mich h├╝ten, euch wieder Blut und Fleisch zu w├╝nschen.┬ź Mir war ganz leicht geworden, meinen Humor hatte ich wieder, ich war der gl├╝cklichste Mensch; der polytechnische Candidat hatte mich f├Ârmlich gel├Ąutert. Ich sa├č in lauter Gl├╝ckseligkeit und schlief auf dem Kasten ein.

Am n├Ąchsten Morgen ÔÇô eigentlich war es Mittag, aber ich schlief diesen Morgen wunderbar lange ÔÇô sa├č ich noch immer da, gl├╝cklich und belehrt, da├č mein fr├╝herer einziger Wunsch dumm gewesen. Ich fragte nach dem polytechnischen Kandidaten, aber er war fort, wie die griechischen und r├Âmischen G├Âtter.

Von der Zeit an bin ich der gl├╝cklichste Mensch gewesen. Ich bin ein gl├╝cklicher Direktor, mein Personal raisonniert nicht, mein Publikum auch nicht, es ist herzensvergn├╝gt. Meine St├╝cke kann ich zusammenflicken wie ich will; ich nehme aus allen Kom├Âdien das Beste heraus, das mir ansteht, und Niemand ├Ąrgert sich dar├╝ber. St├╝cke, die jetzt bei den gro├čen B├╝hnen verachtet sind, nach welchen aber das Publikum vor drei├čig Jahren wie besessen lief, und wobei es heulte, da├č ihm die Thr├Ąnen ├╝ber’s Gesicht rollten, deren nehme ich mich jetzt an; jetzt setze ich sie den Kleinen vor, und die Kleinen, die weinen wie Papa und Mama geweint haben; ich verk├╝rze sie aber, denn die Kleinen lieben das lange Liebesgew├Ąsch nicht, sie wollen: ┬╗Ungl├╝cklich, aber rasch!┬ź

Hans Christian Andersen 
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