Der Stein der Weisen – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

Stein der Waisen - MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

Du kennst doch die Geschichte von Holger Danske; wir wollen sie Dir nicht erzĂ€hlen, nur fragen, ob Du Dich noch erinnerst, daß „Holger Danske das große Land Indien nach Osten zu am Ende der Welt gewann bis zu dem Baume, der der Baum der Sonne genannte wird,“ wie Christian Pedersen es erzĂ€hlte. Kennst Du Christian Pedersen? Es kommt auch nicht darauf an, daß Du ihn kennst. Holger Danske gab dort dem Priester Jon, Macht und HerrscherwĂŒrde ĂŒber das ganze Land Indien. Kennst Du den Priester Jon? Ja, darauf kommt es auch nicht viel an, denn er kommt in dieser Geschichte gar nicht vor. Hier sollst Du von dem Baum der Sonne hören „im Lande Indien nach Osten zu am Ende der Welt,“ wie man einst glaubte, als man noch nicht Geographie gelernt hatte, wie wir es heute lernen. Aber darauf kommt es auch nicht an.

Der Baum der Sonne war ein prĂ€chtiger Baum, wie wir nie einen gesehen haben und auch Du nie einen zu sehen bekommen wirst. Seine Krone erstreckte sich mehrere Meilen weit in der Runde, er bildete eigentlich einen ganzen Wald, und jeder seiner kleinsten Zweige war wieder ein ganzer Baum; Palmen, Buchen, Pinien und Platanen, alle Arten von BĂ€umen, die sich in der ganzen Welt finden, trieben hier als kleine Zweige aus den grĂ¶ĂŸeren Zweigen hervor, und diese selbst glichen mit ihren Knoten und KrĂŒmmungen TĂ€lern und Höhen. Sie waren mit einem samtweichen GrĂŒn bekleidet, das von Blumen wimmelte. Jeder Zweig war wie eine ausgedehnte, blĂŒhende Wiese oder der lieblichste Garten. Die Sonne sandte ihm liebreich Ihre wohltuendsten Strahlen herab, denn es war ja der Baum der Sonne.

Die Vögel von allen Enden der Welt versammelten sich hier, Vögel aus den fernen UrwĂ€ldern Amerikas, aus Damaskus, RosengĂ€rten, aus den waldigen WĂŒsten des inneren Afrika, wo Elefant und Löwe, allein zu regieren vermeinen. Der Polarvogel kommt, und Storch und Schwalbe natĂŒrlich auch. Aber die Vögel waren nicht die einzigen lebenden Geschöpfe, die hierher kamen. Der Hirsch, das Eichhörnchen, die Antilope und Hunderte von anderen Tieren, flĂŒchtig und schön, waren hier zu Hause.

Ein großer, duftender Garten war ja des Baumes Krone, und innen, wo sich die allergrĂ¶ĂŸten Zweige wie grĂŒne Höhen emporstreckten, lag ein kristallenes Schloß mit einer Aussicht auf alle LĂ€nder der Welt. Jeder Turm hob sich liliengleich, durch den Stengel konnte man emporsteigen, denn es waren Treppen darin. Da kannst Du es wohl auch verstehen, daß man auf die BlĂ€tter hinaus treten konnte, die Altane bildeten, und oben, in der Blume selbst, war der herrlichste, strahlendste Festsaal, der als Dach nichts anderes als den blauen Himmel mit Sonne und Sternen hatte. Ebenso herrlich, nur auf eine andere Weise, waren die weitlĂ€ufigen SĂ€le. Hier spiegelte sich an den WĂ€nden ringsum die ganze Welt ab. Man konnte alles dort sehen, was geschah, so daß man keine Zeitungen zu lesen brauchte, die gab es hier auch nicht. Alles war hier in lebenden Bildern zu sehen, man konnte und mochte es nur nicht alles ansehen, denn zuviel ist zuviel, selbst fĂŒr den weisesten Mann, und hier wohnte der weiseste Mann. Sein Name ist so schwer auszusprechen, Du könntest ihn doch nicht aussprechen, und deshalb kann er Dir gleichgĂŒltig sein. Er wußte alles, was ein Mensch wissen kann und je auf dieser Welt wissen wird; jede Erfindung, die gemacht worden war oder noch gemacht werden sollte, kannte er, aber auch nicht mehr, denn alles hat ja seine Grenzen.

Der weise König Salomo war nur halb so klug, und der war doch ein recht kluger Mann; er herrschte ĂŒber die KrĂ€fte der Natur, ĂŒber mĂ€chtige Geister, ja, der Tod selbst mußte ihm jeden Morgen Botschaft bringen und die Liste derer, die an diesem Tage sterben sollten. Aber König Salomo selbst mußte auch sterben, und das war der Gedanke, der oft seltsam lebhaft den Forscher, den mĂ€chtigen Herrn in dem Schlosse auf dem Baume der Sonne erfĂŒllte. Auch er, der so hoch ĂŒber der Weisheit der Menschen stand, mußte einst sterben, das wußte er, und auch seine Kinder mußten sterben. Wie des Waldes Laub wĂŒrden sie fallen und zu Staub werden. Das Menschengeschlecht sah er vergehen, wie die BlĂ€tter vom Baume wehen, und neue kamen an deren Stelle.

Aber die abgefallenen BlĂ€tter wuchsen niemals wieder, sie wurden zu Staub oder gingen in andere Pflanzen ĂŒber. Was geschah mit den Menschen, wenn der Engel des Todes zu ihnen kam. Was hieß es, zu sterben? Der Körper löste sich auf und die Seele – Ja, was wurde aus ihr? Wohin ging sie? „Zum ewigen Leben!“ sagt die Religion zum Troste. Aber wie war der Übergang? Wo lebte man und wie? „Oben im Himmel.“ sagten die Frommen. „Dort hinauf gehen wir.“ – „Dort hinauf“ wiederholte der Weise und sah zu Sonne und Sternen empor. „Dort hinauf!“ und er sah aus der runden Erdkugel, daß oben und unten ein und dasselbe waren, je nachdem, wo man auf der schwebenden Kugel stand; stieg er hinauf, so hoch wie der Erde höchste Berge ihre Gipfel erheben, so wurde die Luft, die wir hier unten klar und durchsichtig nennen, zu einem kohlschwarzen Dunkel, dicht wie ein Tuch; die Sonne war wie ein glĂŒhender Ball ohne Strahlen anzusehen, und die Erde lag von orangefarbenen Nebeln verhĂŒllt. Hier lag die Grenze fĂŒr unser körperliches und seelisches Sehvermögen; wie gering ist unser Wissen, selbst der Weiseste wußte nur wenig von dem, was fĂŒr uns das Wichtigste ist!

In der Geheimkammer des Schlosses lag der Erde grĂ¶ĂŸter Schatz: „Das Buch

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der Wahrheit.“ Blatt fĂŒr Blatt las er es. Das war ein Buch, in dem jedweder Mensch zu lesen vermag, aber nur stĂŒckweise. FĂŒr manches Auge zittert die Schrift, so daß es nicht möglich ist, die Buchstaben zu entziffern. Auf einzelnen BlĂ€ttern verblaßt Schrift und verschwindet fast, so daß man ein leeres Blatt zu sehen vermeint. Je weiser man ist, desto mehr kann man lesen, und der Weiseste liest das Allermeiste. Der Weise wußte das Licht der Sterne, der Sonne, der verborgenen KrĂ€fte und des Geistes zu sammeln. Im Glanze dieses verstĂ€rkten Lichtscheins trat bei ihm noch mehr von der Schrift hervor, jedoch bei dem Abschnitt des Buches: „Das Leben nach dem Tode“ war auch nicht ein Tipfelchen mehr zu sehen. Das betrĂŒbte ihn; – sollte es keine Macht geben, die ihn hier auf Erden ein Licht finden hieße, bei dessen Scheine sichtbar wurde, was hier im Buche der Wahrheit stand? Wie der weise König Salomo verstand er die Sprache der Tiere, er hörte ihre GesĂ€nge und GesprĂ€che, aber dadurch wurde er nach jener Richtung nicht klĂŒger. Er erkundete die geheimen KrĂ€fte der Pflanzen und Metalle, kannte die KrĂ€fte, um Krankheiten zu vertreiben, um den Tod fernzuhalten, aber kein Mittel, um ihn zu vernichten. In allem Erschaffenen, das ihm erreichbar war, suchte er nach dem Lichte, das die Vergewisserung eines ewigen Lebens beleuchtete, aber er fand es nicht; das Buch der Wahrheit lag wie mit unbeschriebenen BlĂ€ttern vor ihm. Das Christentum verwies ihn auf der Bibel Vertröstung auf ein ewiges Leben, aber er wollte es in seinem Buche lesen, und darin sah er nichts.

FĂŒnf Kinder hatte er, vier Söhne, klug belehrt, wie nur der weiseste Vater seine Kinder belehren kann, und eine Tochter, schön, sanft und klug, aber blind, doch es schien fĂŒr sie keinen Verlust zu bedeuten. Der Vater und die BrĂŒder waren ihre Augen, und ein inneres GefĂŒhl ließ sie die Dinge recht erkennen.

Nie hatten sich die Söhne weiter vom Schlosse entfernt, als die Zweige des Baumes sich erstreckten, die Schwester noch weniger; sie waren glĂŒckliche Kinder in der Kindheit Heim, in der Kindheit Land, im herrlichen, duftenden Baume der Sonne. Wie alle Kinder hörten sie gerne erzĂ€hlen, und der Vater erzĂ€hlte ihnen vieles, was andere Kinder nicht verstanden haben wĂŒrden, aber diese Kinder waren so klug wie bei uns die alten Menschen es sind. Er erklĂ€rte ihnen, was sie als lebende Bilder an den WĂ€nden des Schlosses sahen, der Menschen Tun und der Begebenheiten Gang in allen LĂ€ndern der Erde, und oft wĂŒnschten die Söhne, mit dort draußen zu sein und an all den Heldentaten teilzunehmen. Da sagte ihnen der Vater, daß es schwer und bitter sei, in der Welt zu leben, sie wĂ€re nicht ganz so licht, wie sie es von ihrer herrlichen Kinderwelt aus sĂ€hen. Er sprach zu ihnen von dem Schönen, dem Wahren und dem Guten, sagte ihnen, daß diese drei Dinge die Welt zusammenhielten, und unter dem Druck, den sie erlitten, entstĂŒnde ein Edelstein, klarer als der Diamanten Wasser; sein Glanz habe Wert sogar vor Gott, alles ĂŒberstrahle er, und er sei es, den man „den Stein der Weisen“ nenne. Er sagte ihnen, daß man, eben wie man durch das Erschaffene zu der Erkenntnis Gottes, so durch die Menschen selbst zur Erkenntnis gelange, daß ein solcher Edelstein sich finden mĂŒsse. Mehr konnte er darĂŒber nicht sagen, mehr wußte er nicht. Diese ErzĂ€hlung wĂ€re nun fĂŒr andere Kinder schwer zu begreifen gewesen, aber diese Kinder verstanden sie, und spĂ€ter wird das VerstĂ€ndnis wohl auch fĂŒr die anderen kommen.

Sie befragten den Vater nach dem Schönen, Wahren und Guten, und er erklĂ€rte es ihnen; vieles sagte er ihnen, sagte ihnen auch, daß Gott, als er den Menschen aus Erde erschuf, seinem Geschöpfe fĂŒnf KĂŒsse, FeuerkĂŒsse, HerzenskĂŒsse, innige GotteskĂŒsse gab, und diese gaben ihm das, was wir jetzt die fĂŒnf Sinne nennen. Durch sie wird das Schöne, Wahre und Gute sichtbar, fĂŒhlbar und erkennbar, durch sie wird es geschĂ€tzt, beschirmt und gefördert.

DarĂŒber dachten die Kinder nun viel nach, Tag und Nacht beschĂ€ftigte es ihre Gedanken; da trĂ€umte der Ă€lteste der BrĂŒder einen herrlichen Traum, und seltsam genug, der zweite Bruder trĂ€umte ihn auch, und der dritte trĂ€umte ihn und der vierte. Jeder von ihnen trĂ€umte ein und dasselbe. Er trĂ€umte, daß er in die Welt zöge und den Stein der Weisen fĂ€nde. Wie eine leuchtende Flamme erstrahlte er auf seiner Stirn, als er im Morgenschimmer auf seinem pfeilschnellen Roß zurĂŒck ĂŒber die samtgrĂŒnen Wiesen im Garten der Heimat zu seinem vĂ€terlichen Schlosse ritt, und der Edelstein wĂ€rfe ein so himmlisches Licht, einen solchen Glanz ĂŒber die BlĂ€tter des Buches, daß sichtbar wurde, was dort geschrieben stand ĂŒber das Leben jenseits des Grabes.

Die Schwester trÀumte nicht davon. In die weite Welt hinaus zu ziehen, kam ihr nicht in den Sinn, ihre Welt war ihres Vaters Haus.

„Ich reite in die weite Welt hinaus!“ sagte der Älteste; „erproben muß ich doch einmal ihren Gang und mich zwischen den Menschen umhertummeln; nur das Gute und Wahre will ich, mit diesem werde ich das Schöne beschĂŒtzen. Vieles soll anders werden, wenn ich mich seiner annehme!“ Ja, er dachte kĂŒhn und groß, wie wir alle es in unserer Ofenecke tun, ehe wir in die Welt hinauskommen und Regen und Sturm und Dornen zu fĂŒhlen bekommen.

Die fĂŒnf Sinne waren innerlich und Ă€ußerlich, bei ihm wie auch bei den anderen BrĂŒdern, außergewöhnlich fein entwickelt, aber jeder von ihnen hatte in Sonderheit einen Sinn, der in StĂ€rke und Entwicklung die anderen weit ĂŒbertraf. Bei dem Ältesten war es das Gesicht, das ihm besonders zugute kommen sollte. Er hatte Augen fĂŒr alle Zeiten, sagte er selbst, Augen fĂŒr alle Völkerschaften, Augen, die bis unter die Erde hinab, wo die SchĂ€tze lagen, und bis in die tiefste Tiefe der Menschenbrust sehen konnten, als sei nur eine glĂ€serne Scheibe darĂŒber – das heißt, er sah mehr, als wir beim Erröten und Erbleichen der Wange, im LĂ€cheln und Weinen des Auges sehen können. – Hirsch und Antilope begleiteten ihn bis an die Grenze nach Westen, dort kamen wilde SchwĂ€ne, die nach Nordwesten flogen, und ihnen folgte er. Nun war er in der weiten Welt, fern dem Lande des Vaters, das sich „gegen Osten am Ende der Welt“ erstreckte.

Hei, wie er die Augen aufriß. Da gab es vieles zu sehen; es ist immer etwas anderes, die Orte und Dinge selbst zu sehen, als sie in Bildern zu erfassen, mögen diese auch noch so gut sein, und sie waren außergewöhnlich gut, die Bilder daheim in seines Vaters Schloß. Er war nahe daran, gleich im ersten Augenblick beide Augen vor Verwunderung ĂŒber all das GerĂŒmpel, den Fastnachtsaufputz, der als das Schöne hingestellt wurde, zu verlieren, aber er verlor sie nicht, er hatte eine andere Bestimmung fĂŒr sie.

GrĂŒndlich und ehrlich wollte er bei der Erkenntnis des Schönen, des Wahren und des Guten zu Werke gehen; aber wie stand es damit? Er sah, wie oft das HĂ€ĂŸliche die Krone errang, wo das Schöne sie verdiente, wie das Gute nicht bemerkt wurde und die MittelmĂ€ĂŸigkeit an seiner Stelle die Bewunderung einheimste. Die Leute sahen wohl die Verpackung, aber nicht den Inhalt, sahen das Kleid, aber nicht den Mann, sahen den Ruf, aber nicht die Berufung. Aber das ist einmal so. „Da werde ich wohl tĂŒchtig zupacken mĂŒssen!“ dachte er, und er packte zu. Aber wĂ€hrend er das Wahre suchte, kam der Teufel, der Vater der LĂŒge und die LĂŒge selbst. Gern hĂ€tte er dem Seher gleich beide Augen ausgeschlagen, aber das wĂ€re zu grob gewesen; der Teufel geht feiner zu Werke. Er ließ ihn das Wahre suchen und das Gute zugleich, aber wĂ€hrend er sich danach umblickte, blies ihm der Teufel einen Splitter ins Auge, ja in beide Augen, einen Splitter nach dem anderen; das ist nicht gut fĂŒr das Gesicht, selbst nicht fĂŒr das beste Gesicht. Dann blies der Teufel die Splitter auf, bis sie zu einem Balken wurden, da war es mit den Augen vorbei, und der Seher stand gleich einem blinden Manne mitten in der weiten Welt und traute ihr nicht mehr. Er gab seine gute Meinung ĂŒber sie und sich selbst auf, und wenn man beides, die Welt und sich selbst aufgibt, ja, dann ist es wirklich mit einem vorbei.

„Vorbei!“ sagten die wilden SchwĂ€ne, die ĂŒber das Meer hin nach Osten zu flogen; „Vorbei!“ sangen die Schwalben, die gen Osten zum Baume der Sonne flogen, und das waren keine guten Nachrichten fĂŒr die daheim.“Wohl ist es dem Seher ĂŒbel ergangen!“ sagte der zweite Bruder, „doch kann es dem Hörer besser ergehen“ Der Gehörsinn war es, der bei ihm besonders geschĂ€rft war, er konnte das Gras wachsen hören, so weit hatte er es gebracht. Herzlich nahm er Abschied und ritt von dannen mit guten Gaben und guten VorsĂ€tzen. Die Schwalben begleiteten ihn, und er folgte den SchwĂ€nen, und dann war er fern von der Heimat draußen in der weiten Welt. Man kann auch des guten zuviel bekommen; diese Wahrheit mußte er bald erfahren. Das Gehör war bei ihm zu stark, er hörte ja das Gras wachsen, und deshalb hörte er auch jedes Menschenherz in Freude und Schmerz schlagen; zuletzt war ihm, als sei die ganze Welt eine große Uhrmacherwerkstatt, wo alle Uhren gingen „Tik tik“ und alle Turmuhren schlugen „Kling, klang!“ nein, das war nicht auszuhalten! Aber er hielt die Ohren steif, so lange er konnte. Doch zuletzt wurde all der LĂ€rm und das Geschrei zuviel fĂŒr einen einzigen Menschen. Da gab es Straßenjungen bis zu sechzig Jahren, das Alter tut es ja nicht immer; sie schrien und lĂ€rmten, darĂŒber konnte man noch lachen, aber dann kamen Klatsch und Tratsch, die durch alle HĂ€user, GĂ€ĂŸchen und Straßen bis auf die Landstraßen hinaus zischelten; die LĂŒge hatte die lauteste Stimme und spielte den Herrn, die Narrenschelle klingelte und sagte, daß sie die Kirchenglocke sei, da wurde es dem Hörer zu bunt, er steckte die Finger in beide Ohren, – aber noch immer hörte er falschen Gesang und bösen Klang. Klatsch und Tratsch; zĂ€h festgehaltene Behauptungen, die nicht einen sauren Hering wert waren, schwirrten ĂŒber die Zungen, daß sie ordentlich knickten und knackten vor lauter Eifer. Da waren Leute und GerĂ€usche, LĂ€rm und donnernder Spektakel, innerlich und Ă€ußerlich, bewahre das war ja nicht zum Aushalten, es war gar zu toll! Er steckte die Finger tiefer in seine beiden Ohren und noch tiefer, da sprang ihm das Trommelfell. Nun hörte er gar nichts mehr, auch nicht das Schöne, Wahre und Gute, zu dem ihm das Gehör eine BrĂŒcke hatte sein sollen. Er wurde mißtrauisch und still, traute niemandem, traute sich selbst zuletzt nicht mehr, und das machte ihn sehr unglĂŒcklich; er wollte nicht mehr den mĂ€chtigen Edelstein finden und mit heimbringen, er gab das Suchen danach auf, und sich selbst gab er auch auf, das war das Allerschlimmste. Die Vögel, die nach Osten flogen, brachten die Botschaft davon mit, bis sie auch das Schloß des Vaters im Baume der Sonne erreichte. Ein Brief kam nicht, es ging ja auch keine Post dorthin.

„Nun will ich es versuchen!“ sagte der Dritte, „ich habe eine feine Nase!“ Das war nun nicht gerade fein gesagt, aber es war seine Art, und man muß ihn hinnehmen, wie er war. Er war die Verkörperung der guten Laune und dazu ein Dichter, ein wirklicher Dichter; er konnte singen, was er nicht zu sagen vermochte. Seine Auffassungsgabe ĂŒberstieg die der anderen an Schnelligkeit bei weitem. „Ich rieche Lunte“ sagte er wohl bei Gelegenheit, und es war der Geruchssinn, der bei ihm in hohem Grade entwickelt war und ihm ein großes Gebiet im Reiche des Schönen zusicherte. „Einer liebt den Äpfelduft und einer den Stallduft!“ sagte er. „Jedes Duftgebiet im Reiche des Schönen hat sein Publikum. Manche fĂŒhlen sich heimisch in der Kneipenluft beim Qualm des Talglichtdochtes, wo der Schnapsgestank sich mit schlechtem Tabaksrauch vermengt, andere sitzen lieber im schwĂŒlen Jasminduft oder reiben sich mit starkem Nelkenöl ein. Einige suchen die frische Seebrise auf, andere wieder steigen zu den hohen Bergesgipfeln hinauf und betrachten von oben das geschĂ€ftige Leben und Treiben der anderen!“ Ja, so sagte er. Es war fast, als sei er schon frĂŒher in der Welt draußen gewesen, hĂ€tte mit den Menschen gelebt und sie erkannt, aber diese Weisheit kam aus ihm selbst, es war die dichterische Gabe in ihm, die ihm der liebe Gott als Geschenk in die Wiege gelegt hatte.

Nun sagte er dem vĂ€terlichen Heim im Baume Lebewohl und ging durch des Baumes Herrlichkeit. Draußen setzte er sich auf den Strauß, der geschwinder lĂ€uft als das Pferd, und als er spĂ€ter die wilden SchwĂ€ne sah, schwang er sich auf den RĂŒcken des stĂ€rksten. Er liebte die VerĂ€nderung, und so flog er ĂŒber das Meer in fremde LĂ€nder mit großen WĂ€ldern, tiefen Seen, mĂ€chtigen Bergen und stolzen StĂ€dten, und wohin er kam war es, als ginge ein Sonnenschein ĂŒber das Land. Jede Blume, jeder Strauch duftete stĂ€rker in der Empfindung, daß ihm ein Freund, ein BeschĂŒtzer nahe, der ihn zu schĂ€tzen wußte und ihn verstand, ja, der verkrĂŒppelte Rosenstrauch erhob seine Zweige, entfaltete seine BlĂ€tter und trug die lieblichste Rose; jeder konnte sie sehen, selbst die schwarze, nasse Waldschnecke bemerkte ihre Schönheit.

„Ich will der Blume mein Zeichen aufprĂ€gen!“ sagte die Schnecke, „nun habe ich sie bespuckt, mehr kann ich nicht tun.““So geht es mit dem Schönen in der Welt“ sagte der Dichter, und er sang ein Lied davon, sang es auf seine Weise, aber niemand hörte darauf. Deshalb gab er dem TrommelschlĂ€ger zwei Schillinge und eine Pfauenfeder; da setzte er das Lied fĂŒr die Trommel um und trommelte es in der Stadt in allen Straßen und Gassen aus. Nun hörten es die Leute und sagten, sie verstĂŒnden es, es
sei so tief! Und nun konnte der Dichter mehr Lieder singen, und er sang von dem Schönen, dem Wahren und dem Guten, und es wurde in der Kneipe gehört, wo das Talglicht qualmte, es wurde auf der frischen Kleewiese im Walde und auf offener See gehört.

Es ließ sich an, als habe dieser Bruder mehr GlĂŒck, als die beiden anderen es gehabt hatten. Aber das war dem Teufel nicht recht. Gleich kam er daher mit allen Arten der BeweihrĂ€ucherung, die sich auf der Welt finden und auf deren Bereitung sich der Teufel so vorzĂŒglich versteht. Den allerstĂ€rksten Weihrauch schleppte er herbei, der alles andere erstickt und selbst einen Engel konfus machen kann, geschweige denn einen armen Dichter. Der Teufel weiß recht gut, wie er seine Leute zu nehmen hat. Den Dichter nahm er mit Weihrauch, so daß er ganz aus dem HĂ€uschen war, und seine Sendung, sein Vaterhaus – alles, sogar sich selbst vergaß. Er ging völlig auf in all dem RĂ€ucherwerk.

Alle Vögelchen trauerten, als sie es hörten, und sangen drei Tage lang nicht. Die schwarze Waldschnecke wurde noch schwĂ€rzer, aber nicht vor Trauer, sondern vor Neid. „Ich bin es,“ sagte sie, „die berĂ€uchert werden sollte, denn ich war es, die ihm die Idee zu seinem berĂŒhmtesten Lied, der Gang der Welt, das fĂŒr die Trommel gesetzt wurde, gab. Ich war es, die auf die Rose spuckte, dafĂŒr kann ich Zeugen bringen!“

Aber daheim in Indien verlautete nichts davon. Alle Vögelchen trauerten ja und schwiegen drei Tage lang, und als die Trauerzeit um war, ja, da war die Trauer so stark gewesen, daß sie vergessen hatten, um was sie trauerten. So geht es. „Nun muß ich wohl auch in die Welt hinaus und fortbleiben wie die anderen“ sagte der vierte Bruder. Er hatte eine ebenso sonnige Laune wie der vorhergehende Bruder, aber er war kein Dichter, und so hatte er allen Grund zu guter Laune. Die beiden hatten Fröhlichkeit ins Schloß gebracht. Nun ging die letzte Munterkeit mit ihm hinaus. Das Gesicht und das Gehör sind stets von den Menschen als die wichtigsten Sinne angesehen worden, die man sich besonders stark und scharf wĂŒnscht, die drei anderen Sinne werden fĂŒr minder wesentlich gehalten. Doch das war durchaus nicht die Meinung dieses Sohnes, denn er hatte einen besonders entwickelten Geschmack, und zwar in jeder Richtung, in der dieser Begriff aufgefaßt werden kann, und dieser hat gewaltige Macht und große Herrschermöglichkeiten, er regiert ĂŒber alles, was durch den Mund und Geist geht. Deshalb kostete der vierte Bruder an allem in Pfannen und Töpfen, in Flaschen und SchĂŒsseln. Das wĂ€re das Grobe in seinem Berufe, sagte er; jedes Menschen Stirn wĂ€re fĂŒr ihn eine Pfanne, in der es koche, jedes Land eine ungeheure KĂŒche, geistig genommen; das wĂ€re das Feine und nun wolle er hinaus und das Feine erproben. „Vielleicht will mir das GlĂŒck besser, als meinen BrĂŒdern!“ sagte er. „Ich reise nun; aber welches Beförderungsmittel soll ich wĂ€hlen? Sind die Luftballons schon entdeckt?“ fragte er seinen Vater, der ja von allen Erfindungen wußte, die gemacht waren oder gemacht werden wĂŒrden. Aber der Luftballon war noch nicht entdeckt, auch nicht die Dampfschiffe und Eisenbahnen. „Ja, dann werde ich doch einen Luftballon nehmen!“ sagte er. „Mein Vater weiß, wie sie gemacht und gelenkt werden mĂŒssen, und ich lerne es. Niemand kennt die Erfindung und so werden sie glauben, es sei ein Trugbild. Wenn ich den Ballon benutzt habe, verbrenne ich ihn, wozu Du mir noch ein paar von der zukĂŒnftigen Erfindung mitgeben mußt, die ‚chemische Schwefelhölzer‘ genannt wird.“

Dies alles bekam er, und dann flog er davon. Die Vögel folgten ihm lĂ€nger, als sie den anderen gefolgt waren, denn sie wollten doch gern sehen, wie dieser Flug ablief. Immer mehr kamen herbei, alle waren neugierig und glaubten, es sei ein neuer Vogel, der dort flöge. Ja, er bekam ein stattliches Gefolge. Die Luft wurde schwarz von Vogelscharen, sie flogen einher wie eine große Wolke, wie die HeuschreckenschwĂ€rme ĂŒber Ägypten, und dann war er in der weiten Welt draußen.

„Ich habe einen guten Freund und GehĂŒlfen an dem Ostwind gehabt!“ sagte er. „Ostwind und Westwind, meinst Du wohl“ sagten die Winde. „Wir sind zu zweit gewesen, um uns abzulösen, sonst wĂ€rest Du nicht nach Nordwesten gekommen.“ Aber er hörte nicht, was die Winde sagten, und das war ja auch gleichgĂŒltig. Die Vögel kamen nun auch nicht lĂ€nger mit. Als das Gefolge am grĂ¶ĂŸten geworden war, wurde einigen die Fahrt ĂŒber, und sie sagten, es wĂŒrde zuviel aus der Sache gemacht, sie wĂŒrde noch ganz eingebildet werden. „Es lohnt das Hinterherfliegen nicht, es ist im Grunde gar nichts, jedenfalls nicht der Rede wert.“ Dann blieben sie zurĂŒck, und das blieben nach und nach die anderen auch. Das Ganze war ja nichts. Der Luftballon ging ĂŒber einer der grĂ¶ĂŸten StĂ€dte nieder und der Luftschiffer setzte sich an den höchsten Platz, das war der Kirchturm. Der Ballon stieg wieder himmelwĂ€rts, was er nicht sollte. Wo er geblieben ist, ist nicht gut zu sagen, aber das war auch gleich, denn er war ja noch nicht erfunden. Da saß er nun oben auf dem Kirchturm. Die Vögel flogen nicht zu ihm heran, denn sie hatten es ĂŒber mit ihm und er mit ihnen ebenfalls. Alle Schornsteine in der Stadt rauchten und dufteten.

„Es sind AltĂ€re, die fĂŒr Dich errichtet sind“ sagte der Wind, der ihm etwas Angenehmes sagen wollte. Keck saß er dort oben und sah auf die Leute in den Straßen hinab; der eine war stolz auf seinen Geldbeutel, der andere auf seinen SchlĂŒssel, obgleich er nichts aufzuschließen hatte. Einer war stolz auf seinen Rock, in dem die Motten saßen, ein anderer auf seinen Leib, an dem schon die WĂŒrmer nagten.

„Eitelkeit, ja, ich muß wohl bald hinunter und den Topf anrĂŒhren und kosten!“ sagte er. „Aber hier will ich noch ein wenig sitzen bleiben, der Wind kitzelt mir so herrlich den RĂŒcken, mir ist richtig behaglich zumute. Ich bleibe hier so lange sitzen, wie der Wind blĂ€st. Ich will ein wenig Ruhe haben. Es ist gut, am Morgen lange liegen zu bleiben, wenn man viel zu tun hat, sagt der Faule. Aber Faulheit ist die Wurzel alles Übels, und Übles gibt es in unserer Familie nicht. Das sage ich und das sagt wohl jeder Sohn. Ich bleibe sitzen, solange dieser Wind blĂ€st, es schmeckt mir.“ Und er blieb sitzen; aber er saß auf des Turmes Wetterhahn, der drehte und drehte sich mit ihm, sodaß er glaubte, es sei noch immer derselbe Wind. Also blieb er sitzen, und da konnte er lange sitzen und schmecken!

Aber im Lande Indien auf dem Baum der Sonne war es leer und stille geworden, als die BrĂŒder einer nach dem anderen fortgezogen waren. „Es geht ihnen nicht gut“ sagte der Vater; „nie werden sie den leuchtenden Edelstein heimbringen, er wird fĂŒr mich nie gefunden, und sie sind fort, tot.“ Und er beugte sich ĂŒber das Buch der Wahrheit, starrte auf das Blatt, wo er ĂŒber das Leben nach dem Tode lesen sollte, aber dort war fĂŒr ihn nichts zu sehen und zu erfahren.

Die blinde Tochter war sein Trost und seine Freude; so innig und liebevoll schloß sie sich ihm an; denn seine Freude und sein GlĂŒck wĂŒnschte sie, das köstliche Juwel mußte gefunden und heimgebracht werden. In Trauer und Sehnsucht gedachte sie der BrĂŒder. Wo waren sie? Wo lebten sie? Von ganzem Herzen wĂŒnschte sie sich, von ihnen zu trĂ€umen, aber wunderlich genug, selbst im Traume konnte sie ihnen nicht begegnen. Endlich trĂ€umte ihr eines Nachts, daß ihre Stimmen bis zu ihr herĂŒber klĂ€ngen, sie riefen ihr zu, flehten zu ihr aus der weiten Welt, und sie mußte hinaus, weit fort, und doch schien es ihr, als sei sie noch in ihres Vaters Hause. Die BrĂŒder traf sie nicht, aber in ihrer Hand fĂŒhlte sie es wie Feuer brennen, doch es schmerzte nicht; sie hielt den leuchtenden Edelstein und brachte ihn ihrem Vater. Als sie erwachte, glaubte sie einen Augenblick lang daß sie ihn noch hielte; es war ihr Rocken, den ihre Hand krampfhaft umklammerte. In den langen NĂ€chten hatte sie unablĂ€ssig gesponnen; der Faden auf ihrer Spindel war feiner, als das Gewebe der Spinne, Menschenaugen hĂ€tten den einzelnen Faden ĂŒberhaupt nicht entdecken können. Sie hatte ihn mit ihren TrĂ€nen genetzt, und er war stark wie ein Ankertau. Sie erhob sich, ihr Entschluß war gefaßt, der Traum mußte zur Wahrheit werden. Es war Nacht, ihr Vater schlief, sie kĂŒĂŸte seine Hand, nahm ihre Spindel und band das Ende des Fadens am Hause ihres Vaters fest, sonst wĂŒrde sie ja, die Blinde, niemals wieder heimfinden.

An den Faden wollte sie sich halten, auf ihn verließ sie sich, nicht auf sich selbst und andere. Sie pflĂŒckte vier BlĂ€tter vom Baume der Sonne, die wollte sie mit Wind und Wetter gehen lassen, damit sie zu den BrĂŒdern als Brief und Gruß gelangten, wenn es geschehen sollte, daß sie sie draußen in der weiten Welt nicht fand. Wie wĂŒrde es ihr wohl dort ergehen, dem armen blinden Kind! Doch sie hatte den unsichtbaren Faden, an dem sie sich halten konnte; weit war sie allen den anderen voraus, denn sie nannte eine Gabe ihr eigen: das GefĂŒhl, und durch dieses hatte sie gleichsam Augen in jeder Fingerspitze und Ohren im Herzen.

So ging sie hinaus in die laute, lĂ€rmende, wunderliche Welt, und wohin sie kam, wurde der Himmel sonnenklar, sie konnte die warmen Strahlen empfinden, der Regenbogen spannte sich aus der schwarzen Wolke ĂŒber die blaue Luft, sie hörte der Vögel Gesang, spĂŒrte den Duft der Orangen- und ÄpfelgĂ€rten so stark, daß sie fast glaubte, ihn zu schmecken. Weiche Töne und lieblicher Gesang erreichten sie, doch auch Heulen und Schreien; seltsam im Streit miteinander standen Gedanken und Urteil.

Tief in ihrem Herzen klangen die Herzens- und Gedankenstimmen der Menschenbrust wieder; es erbrauste im Chor:

„Nur Sturm ist unser Erdenlos,
eine Nacht, darin wir weinen.“
Aber es ertönte auch der Gesang:
„Unser Leben ist die lieblichste Ros‘
Und Freudensonnen uns scheinen.“
Und klang es bitter:
„Ein jeder denket nur an sich,
Auf den Nutzen geht alles Streben.“
So lautete es als Antwort:
„Ein Strom der Liebe geht inniglich
Durch unser Erdenleben.“
Wohl hörte sie die Worte:
„Das Ganze ist so klein und dumm,
Man kehr einmal die Dinge um.“
Aber sie hörte auch:
„Soviele Taten sind groß und gut
In der Welt man nichts davon wissen tut.“
und klang es ringsum in brausendem Chor:
„Schab RĂŒbchen nur, lach alles aus,
Bell mit, wenn Hunde bellen!“
so erklang es in des blinden MĂ€dchens Herzen:
„Vertrau auf Gott in Nacht und Graus
Stets rinnen seine Quellen“

Und wo sie im Kreise von MĂ€nnern und Frauen, bei Alten und Jungen erschien, da leuchtete in den Seelen die Erkenntnis des Wahren, Guten und Schönen auf; wohin sie kam, in des KĂŒnstlers WerkstĂ€tte, in den reichen Festsaal oder in die Fabrik zwischen die schnurrenden RĂ€der, war es, als ob ein Sonnenstrahl leuchte, eine Seite erklĂ€nge, eine Blume dufte oder ein erquickender Tautropfen auf ein verschmachtendes Blatt fiele. Aber darin konnte sich der Teufel nicht finden. Er hatte mehr Verstand als zehntausend MĂ€nner, und so wußte er sich zu helfen. Er ging in den Sumpf, nahm die aus dem fauligen Wasser aufsteigenden Blasen, ließ das siebenfache Echo des LĂŒgenwortes ĂŒber sie hinschallen, um sie krĂ€ftiger zu machen. Er pulverisierte bezahlte Ehrenverse und lĂŒgenhafte Leichenpredigten, so viele sich nur finden ließen, kochte sie in TrĂ€nen, die der Neid geweint hatte, streute oben etwas Schminke darauf, die von einer vergilbten Jungfernwange gekratzt war, und schuf hieraus eine MĂ€dchengestalt, die in Bewegung und Aussehen der des segensreichen blinden MĂ€dchens glich. „Den milden Engel des GefĂŒhls“ nannten sie die Menschen, und so darauf legte der Teufel sein Spiel an. Die Welt wußte nicht, wer von den beiden die Richtige war, und woher sollte die Welt das auch wissen.

„Vertrau auf Gott in Nacht und Graus,
Stets rinnen seine Quellen.“
Sang das blinde MĂ€dchen in vollem Glauben.

Die vier grĂŒnen BlĂ€tter vom Baume der Sonne hatte sie Wind und Wetter ĂŒbergeben, um sie als Brief und Gruß an ihre BrĂŒder gelangen zu lassen, und sie war dessen ganz sicher, daß ihr Wunsch sich erfĂŒllen wĂŒrde, ja, und auch das Juwel wĂŒrde sich finden, das alle irdische Herrlichkeit ĂŒberstrahlte; von der Menschheit Stirn wĂŒrde es bis zu ihres Vaters Haus leuchten.“Bis zu meines Vaters Hause“ wiederholte sie, „ja, auf der Erde ist des Edelsteines StĂ€tte, und mehr als die Überzeugung davon
bringe ich mit. Ich spĂŒre bereite seine Glut, stĂ€rker und stĂ€rker schwillt sie in meiner geschlossenen Hand. Jedes Wahrheitskörnchen, so fein, daß der scharfe Wind es tragen und mit sich fahren konnte, fing ich auf und bewahrte es. Ich ließ es vom Dufte alles Schönen durchdringen, und es gibt in der Welt soviel davon, selbst fĂŒr Blinde. Ich nahm den Klang vom Herzschlage guter Menschen und legte ihn dazu. Staubkörnchen sind alles, was ich bringe, aber doch der Staub jenes Edelsteines in reicher FĂŒlle, meine ganze Hand ist voll davon“ und sie streckte sie aus – dem Vater entgegen. Sie war in der Heimat; mit der Schnelle des Gedankenfluges hatte sie sie erreicht, wĂ€hrend sie den unsichtbaren Faden nach ihres Vaters Hause nicht fahren ließ.

Die bösen MĂ€chte fuhren mit Orkangewalt ĂŒber der Sonne Baum hin, drangen mit einem Windstoß durch die offene TĂŒr in die verborgene Schatzkammer ein.

„Der Wind weht es fort“ rief der Vater und griff um die Hand, die sie geöffnet hatte.“Nein“ rief sie mit glĂ€ubigem Bewußtsein. „Es kann nicht verwehen. Ich fĂŒhle wie sein Strahl tief innen meine Seele wĂ€rmt.“

Und der Vater erschaute eine leuchtende Flamme, als der Staub aus ihrer Hand ĂŒber die weißen BlĂ€tter des Buches wehte, die von der Gewißheit des ewigen Lebens Kunde geben sollten; in blendendem Glanze stand dort eine Schrift, ein einziges sichtbares Wort nur, das eine Wort:

Glaube.

Und bei ihnen waren wieder die vier BrĂŒder; Sehnsucht nach der Heimat hatte sie ergriffen und gefĂŒhrt, als das grĂŒne Blatt auf ihre Brust gefallen war. Sie waren gekommen, und die Zugvögel folgten ihnen und der Hirsch, die Antilope und alle Tiere des Waldes. Sie wollten auch teilnehmen an der Freude, und weshalb sollten es die Tiere nicht, wenn sie es fĂŒhlen konnten.

Wie eine leuchtende StaubsĂ€ule sich vor unseren Augen dreht, wenn durch ein Löchlein in der TĂŒr ein Sonnenstrahl in die staubige Stube fĂ€llt, nur schöner – denn selbst der Regenbogen ist zu schwer und nicht leuchtend genug an Farbe gegen den Anblick, der sich hier zeigte – erhob sich aus den BlĂ€ttern des Buches von dem leuchtenden Worte „Glauben“ jedes Wahrheitskörnchen mit dem Glanze des Schönen, mit dem Klange des Guten; stĂ€rker erstrahlte es, als die FeuersĂ€ule, die in der Nacht, als Moses mit dem Volke Israel nach dem Lande Canaan zog, geleuchtet hatte. Vom Worte Glauben fĂŒhrte der Hoffnung BrĂŒcke hinĂŒber zur Alliebe Gottes in die Unendlichlkeit.

Hans Christian Andersen

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