Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

­čî║ Die Christblume | Adventzeit | Weihnachtsgeschichte

Banner f├╝r das Autorenprofil von Franziska Franzi auf Amazon. Hintergrund ist grau und dunkel gef├Ąrbt, in der Mitte ist das Pseudonym Foto und der Name Franziska Franzi
Christblume - eine Weihnachtsgeschichte
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz

Einsam ist die Blume, von der ich euch heute erz├Ąhlen will. Sie kennt nicht die frohen Tage des Fr├╝hlings noch die duftreichen N├Ąchte des Sommers. Keine fl├╝sternden Gef├Ąhrtinnen wachsen neben ihr auf, kein Vogel singt sie in Tr├Ąume. In Schnee und Eis muss sie schauen, der Nordwind streicht ├╝ber sie hin, und das eint├Ânige Kr├Ąchzen der Rabenv├Âgel ist ihre Musik.

Und doch ist sie wei├č und zart wie nur eine ihrer Schwestern; anmutig w├Ąchst sie aus dem Kranze gr├╝ner Bl├Ątter empor, und ihr tiefer Kelch h├╝tet die Geheimnisse der Blumen. Und sie f├╝hlt keinen Winterschmerz! Still und stolz steht sie in ihrer Kraft. Sie wei├č das sie begnadet ist: die einzige Blume, die im Winter bl├╝hen darf, die einzige Blume, die das heilige Christfest feiern darf mit den Bewohnern der Erde. Sage mir, Schwester der Lilie, was rief dich ins winterliche Leben? Was gab dir die Macht, der K├Ąlte und dem Sturm zu trotzen? Warum schl├Ąfst du nicht im Frieden der Erde?
Die Bl├Ątter rauschen mir T├Âne und Akkorde zu, sie raunen und rauschen – Silben h├Âre ich, Worte – und nun will ich ihre Geschichte erz├Ąhlen.

Es ist Totensonntag. Auf dem Wege zum Kirchhof geht eine stille dunkle Schar Menschen. sie tragen Totenkr├Ąnze, Tannenreiser und Immortellen, immergr├╝ne Eichen und rote Vogelbeeren. Sie gehen schweigend, als d├Ąchten sie vergangener Tage oder tr├Ąumten in banger Hoffnung von k├╝nftiger Helle. Der letzte im Zug ist ein kleiner Knabe, der auf der Schulter ein gr├╝nes Holzkreuz tr├Ągt, eine schwere Last f├╝r einen jungen K├Ârper! Es ist ein armseliges Kreuz, roh gef├╝gt, mit abgeschr├Ągten Ecken. Des Knaben Blicke aber ruhen liebevoll darauf; seine jungen, unge├╝bten H├Ąnde haben wohl selbst das Holz geschnitzt.

Aus der Kapelle des Totenhauses l├Ąutet die kleine Glocke, und and├Ąchtig zieht die Schar der trauernden durch das Portal. Ein leiser Wind geht mit ihnen; es sind die Todesengel, die dem Zuge unsichtbar folgen. Vom breiten Mittelwege aus verteilen sich lautlos die G├Ąste der Toten. Bald hat auch der blasse Knabe das Grab seiner Mutter gefunden. Es ist ein frischer H├╝gel; ohne Schmuck und ohne Pflege liegt er im k├╝hlen Fr├╝hnebel. Der Kleine kniet nieder, pflanzt sein Kreuzlein zu H├Ąupten der Toten und betet leise. Der Engel, der ihm folgte, beugt sich nieder, um die Inschrift zu lesen. „Liebe Mutter“, steht in gro├čen, kindlichen Buchstaben auf dem Querholz, sonst nichts. Da k├╝sst der Engel das Kind aufs Haupt.
Die andern Gr├Ąber schm├╝ckten sich nach und nach mit den Blumen und Kr├Ąnzen der Leidtragenden; des Knaben Augen aber sahen angstvoll ├╝ber das leere Grab, und ein Zucken des Schmerzes ging ├╝ber das kleine Gesicht. „Lieber Gott,“ betete er leise, „lass meiner Mutter auch eine sch├Âne Blume wachsen, ich muss fort ins Weisenhaus und kann ihr keine mehr bringen. Du aber kannst es, lieber Gott, du bist gut und allm├Ąchtig, und ich bitte dich so sehr.“
Da k├╝sste der Engel das Kind zum zweiten Male, und ein stiller Schein der Gewissheit kam in die braunen Augen des Knaben. Er r├╝ckte das Kreuzlein noch einmal zurecht, k├╝sste das Grab seiner Mutter und folgte den andern Leuten, die den Heimweg antraten.
Der Engel aber flog heim zu Gott und brachte ihm den Wunsch des Knaben. „Es ist Winter,“ sprach der Herr, „alle Pflanzen schlafen; soll ich diese Kindes wegen meine ewigen Gesetze ├Ąndern?“ „Deine Allmacht, o Herr, ist gr├Â├čer als dein Gesetz, deine G├╝te reicher als dein Wille!“ Da l├Ąchelte der Herr, dass die Wolken erstrahlten und ein Klingen durch die Sterne ging. „Komm“, sagte er zum Engel, und sie traten schweigend in den Garten des Paradieses.
Dort bl├╝hen die Blumen, die achtlose H├Ąnde auf Erden fortgeworfen und achtlose F├╝├če zertreten haben. Sch├Âner bl├╝hen sie hier im himmlischen Licht als in der irdischen Sonne; und als der Sch├Âpfer zu ihnen trat, reckten sich Ranken und Gr├Ąser ihm entgegen, und die Kelche str├Âmten ├╝ber von Duft und Glanz.

Gott aber trat zu einer wei├čen Lilie, nahm die zitternde aus dem Scho├če des Himmels, k├╝sste sie und gab sie dem Engel. „Dem Erdenkinde zur Freude und meinem Sohne zum Angedenken bl├╝he diese Botin des Himmels k├╝nftig auf Erden in Eis und Schnee. Die Winde sollen ihren Samen durch die L├Ąnder des Nordens tragen; die W├Ąrme meines Willens str├Âme durch ihre Wurzeln und bleibe ihr f├╝r die Dauer der irdischen Zeit!“
„Du aber lege das Zeichen des Todes ab und sch├╝tze den Knaben mit dem warmen Herzen. Breite deine Fl├╝gel um ihn aus, dass der Same, der in seiner Seele keimt, auch in Frost und D├╝rre nicht ersterbe, und die Blume der Menschenliebe daraus erbl├╝he; sie ist holder als alle Blumen des Paradieses.“
Dankbar neigte sich der Engel, k├╝sste des Herrn Gewand und ging seinen Befehlen zu folgen.
So ist die Christblume auf die Erde gekommen, und fromme Menschen f├╝hlen ihren heiligen Ursprung.

Paula Dehmel 

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1 Kommentar zu ÔÇ×­čî║ Die Christblume | Adventzeit | WeihnachtsgeschichteÔÇť

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