Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Ein Herzleid – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

Banner fĂŒr das Autorenprofil von Franziska Franzi auf Amazon. Hintergrund ist grau und dunkel gefĂ€rbt, in der Mitte ist das Pseudonym Foto und der Name Franziska Franzi
Ein Herzleid - MĂ€rchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Diese Geschichte besteht eigentlich aus zwei Teilen; der erste Teil könnte zwar wegfallen, – aber er gibt uns einige Vorkenntnisse, und die sind nĂŒtzlich!

Wir halten uns auf dem Lande, auf einem Herrenhause auf, wo es sich ereignet hatte, daß die Herrschaft auf einige Tage verreist war. WĂ€hrend dessen kam aus dem nĂ€chsten StĂ€dtchen eine Madame an; sie fĂŒhrte einen Mops bei sich, und kam, wie sie sagte, damit man Aktien auf ihre Gerberei nehmen möge. Sie hatte ihre Papiere mit, und wir rieten ihr, um dieselben ein Couvert zu legen und auf dieses die Adresse des Gutsbesitzers »Herrn Generalkiegskommissarius, Ritter etc.« zu schreiben.

Sie hörte uns aufmerksam zu, ergriff die Feder, hielt wieder inne, und bat uns, wir möchten die Aufschrift wiederholen, aber langsam. Wir taten es und sie schrieb; allein inmitten des »Generalkriegs …« blieb sie stecken, seufzte tief auf und sagte: »ich bin nur ein Frauenzimmer!« – Ihr »Moppelchen« hatte sich, wĂ€hrend sie schrieb, auf den Fußboden gesetzt und knurrte, war doch der Hund auch seines VergnĂŒgens und seiner Gesundheit wegen mitgereist, und dann soll Einem nicht der Fußboden angetragen werden. Stumpfnase und Speckbuckel waren seine Ă€ußere Erscheinung.

»Er beißt nicht!« sagte die Dame, »er hat keine ZĂ€hne. Er ist gleichsam ein Mitglied der Familie, treu und knurrig, allein dazu haben ihn meine Enkel gereizt; sie spielen Hochzeit, und ihm wollen sie die Rolle der Brautjungfer geben, und das strengt ihn zu sehr an, das alte Fell!«

Und sie gab ihre Papiere ab und nahm das Moppelchen auf den Arm. – Dies ist der erste Teil, – dessen man fĂŒglich hĂ€tte entbehren können!

»Das Moppelchen starb!« das ist der zweite Teil.

Es war ungefĂ€hr eine Woche spĂ€ter; wir kamen in der Stadt an und kehrten im Gasthofe ein. Unsere Fenster fĂŒhrten auf den Hofraum, der durch eine Bretterwand in zwei Teile gesondert war; in deren einen HĂ€lfte hingen FĂ€lle und HĂ€ute, rohe und gegerbte. Hier befanden sich alle Materialien einer Gerberei, und dieselbe gehörte der Witwe. – Moppelchen war an diesem Morgen gestorben und in diesem Teile des Hofraumes begraben worden; die Enkel der Witwe, das heißt, die der Gerberwitwe, denn Moppelchen war nie verheirathet, deckten das Grab zu, und es war ein schönes Grab, es mußte ein wahres VergnĂŒgen sein, darin zu liegen.

Das Grab war mit Topfscherben eingezÀunt und mit Sand bestreut; ganz oben hatten sie eine halbe Bierflasche hingepflanzt, den Hals derselben nach oben gekehrt, und das war durchaus nicht allegorisch.

Die Kinder tanzten um das Grab herum, und der Ă€lteste der Knaben unter ihnen, ein praktischer Junge von sieben Jahren, machte den Vorschlag, daß eine Ausstellung der Moppelchen-GrabstĂ€tte stattfinden solle, und zwar fĂŒr Alle aus dem GĂ€ĂŸchen; der Eintritt solle mit einem Hosenknopfe bezahlt werden, einen solchen besĂ€ĂŸe jeder Knabe, und jeder könne gleichfalls einen fĂŒr ein kleines MĂ€dchen hergeben; dieser Vorschlag wurde einstimmig genehmigt.

Alle Kinder aus dem GĂ€ĂŸchen, ja selbst aus dem HintergĂ€ĂŸchen strömten herbei, und jedes gab einen Knopf; gar Viele gingen an diesem Nachmittage nur mit einem HosentrĂ€ger umher, aber dafĂŒr hatte man das Grab des Moppelchen gesehen, und der Anblick war viel mehr wert.

Doch draußen vor dem Gerberhofe, dicht neben dem Eingange, stand ein kleines in Lumpen gekleidetes MĂ€dchen, gar schön von Gestalt, mit gelocktem Haar und mit Augen, blau und klar, daß es eine Lust war; es sprach kein Wort, es weinte auch nicht, aber jedesmal, wenn das Pförtchen sich öffnete, warf es einen langen, langen Blick in den Hof. Es hatte keinen Knopf, das wußte es wohl, und deshalb blieb es traurig draußen stehen, bis alle die Anderen das Grab gesehen und sich wieder entfernt hatten; als dann setzte es sich nieder, hielt die kleinen braunen HĂ€nde vor die Augen und brach in TrĂ€nen aus; das MĂ€dchen allein hatte Moppelchens Grab nicht gesehen. Es war ein Herzeleid, so groß wie ein Erwachsener es nur empfinden kann.

Wir sahen dies von oben – und von oben gesehen – dieses, wie manches eigene und Anderer Leute Herzeleid, ja, dann können wir darĂŒber lĂ€cheln! – Das ist die Geschichte, und Derjenige, der sie nicht versteht, mag sich eine Aktie in der Gerberei bei der Witwe kaufen.

Hans Christian Andersen 
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