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Etwas – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

Etwas - ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

„Ich will etwas sein,“ sagte der Ă€lteste von fĂŒnf BrĂŒdern, „ich will etwas nĂŒtzen in de Welt; mag es eine noch so geringe Stellung sein, wenn nur das, was ich ausrichte, etwas Gutes ist, dann ist es in der Tat etwas. Ich will Ziegelsteine machen, die sind nicht zu entbehren, und ich habe wirklich etwas gemacht!“

„Aber etwas gar zuwenig!“ sprach der zweite Bruder. „Das, was du tun willst, ist so gut wie gar nichts, das ist Handlangerarbeit und kann durch eine Maschine ausgefĂŒhrt werden. Nein, dann lieber Maurer sein, das ist doch etwas, das will ich sein. Das ist ein Stand! Durch den wird man in die Zunft aufgenommen, wird BĂŒrger, bekommt seine eigene Fahne, seine Herberge; ja, wenn alles gut geht, kann ich Gesellen halten, werde ich Meister, und meine Frau wird Frau Meisterin heißen; das ist doch etwas!“

„Das ist gar nichts,“ sagte der dritte, „das ist doch außerhalb der eigentlichen StĂ€nde, und es gibt viele in einer Stadt, die weit ĂŒber einen Handwerksmeister stehen. Du kannst ein braver Mann sein, allein du gehörst als „Meister“ doch nur zu denen, die man den „gemeinen“ Mann nennt, nein, da weiß ich etwas Besseres! Ich will Baumeister werden, will mich auf das Gebiet der Kunst, auf das des Denkens begeben, will zu den Höherstehenden im Reiche des Geistes zĂ€hlen. Zwar muß ich von der Pike auf dienen, je, daß ich es geradeheraus sage: ich muß als Zimmerlehrling anfangen, muß als Bursche mit der MĂŒtze einhergehen, obgleich ich daran gewöhnt bin, einen seidenen Hut zu tragen, muß den gewöhnlichen Gesellen Schnaps und Bier holen, und diese werden mich „du“ nennen, das ist beleidigend! Aber ich werde mir einbilden, daß das Ganze ein Mummenschanz, daß es Narrenfreiheit ist! Morgen – das heißt, wenn ich Geselle bin, gehe ich meinen eigenen Weg, die andern gehen mich nichts an! Ich gehe auf die Akademie, bekomme Zeichenunterricht und heiße Architekt! Das ist etwas, das ist viel! Ich kann Wohl-, ja Hochwohlgeboren werden, ja, gar noch etwas mehr bekommen vorn und hinten, und ich baue und baue, ganz wie die andern vor mir gebaut. Das ist immer etwas, worauf man eben bauen kann! Das Ganze ist etwas!“

„Ich aber mache mir aus diesem Etwas gar nichts,“ sprach der vierte, „ich will nicht im Kielwasser anderer segeln, nicht eine Kopie werden; ich will ein Genie werden, will tĂŒchtiger dastehen als ihr alle miteinander! Ich werde der Schöpfer eines neuen Stils, ich gebe die Idee zu einem GebĂ€ude, passend fĂŒr das Klima und das Material des Landes, fĂŒr die NationalitĂ€t des Volkes, fĂŒr die Entwicklung des Zeitalters, und gebe außerdem noch ein Stockwerk zu fĂŒr mein eigenes Genie!“

„Wenn nun aber das Klima und das Material nichts taugen,“ sagte der fĂŒnfte, „das wĂ€re unangenehmem, denn die ĂŒben ihren Einfluß aus! Die NationalitĂ€t kann auch dermaßen ĂŒbertrieben werden, daß sie affektiert wird, die Entwicklung des Zeitalters kann mit dir durchgehen. Ich sehe es schon kommen, daß keiner von euch eigentlich etwas werden wird, wie sehr ihr es auch selber glaubt! Aber tut, was ihr wollt, ich werde euch nicht Ă€hnlich sein, ich stelle mich außerhalb der Dinge, ich will ĂŒber das rĂ€sonieren, was ihr ausrichtet! An jeder Sache klebt etwas, das nicht richtig ist, etwas Verkehrtes, das werde ich heraustĂŒfteln und besprechen, das ist etwas!“

Und das tat er dann auch, und die Leute sagten von dem fĂŒnften: „An dem ist bestimmt etwas! Er ist ein kluger Kopf! Aber er tut nichts!“ Doch gerade dadurch war er etwas!

Seht, das ist nur eine kleine Geschichte, und doch hat sie kein Ende, solange die Welt steht!

Aber wurde denn weiter nichts aus den fĂŒnf BrĂŒdern? Das war ja nichts und nicht etwas!

Hören wir weiter, es ist ein ganzes MÀrchen.

Der Ă€lteste Bruder, der Ziegelsteine fabrizierte, wurde bald inne, daß von jedem Ziegel, wenn er fertig war, eine kleine MĂŒnze, wenn auch nur von Kupfer, abfiel; doch viele Kupferpfennige, aufeinandergelegt, machen einen blanken Taler, und wo man mit so einem anklopft, sei es beim BĂ€cker, beim Schlachter, Schneider, ja bei allen, dort fliegt die TĂŒr auf, und man bekommt, was man braucht; seht, das werfen die Ziegel ab; einige zerbröckelten zwar oder sprangen entzwei, aber selbst die konnte man brauchen.

Auf dem hohen Erdwall, dem schĂŒtzenden Deich an der MeereskĂŒste, wollte Margarethe, die arme Frau, sich ein HĂ€uschen bauen; sie bekam all die zerbröckelten Ziegel und dazu noch einige ganze denn ein gutes Herz hatte der Ă€lteste Bruder, wenn er es auch in der Tat nicht weiterbrachte, als Ziegelsteine anzufertigen. Die arme Frau baute selbst ihr HĂ€uschen; es war schmal und eng, das eine Fenster saß ganz schief, die TĂŒr war zu niedrig, und das Strohdach hĂ€tte besser gelegt werden können, aber Schutz bot es immerhin, und weit ĂŒber das Meer, das sich mit Gewalt am Wall brach, konnte man von dem HĂ€uschen hinausschauen; die salzigen Wogen spritzten ihren Schaum ĂŒber das ganze Haus, das noch dastand, als der, der die Mauersteine dazu fabriziert hatte, schon tot und begraben war.

Der zweite Bruder, ja der verstand nun das Mauern besser, war er doch auch dazu angelernt. Als er die GesellenprĂŒfung bestanden hatte, schnĂŒrte er seinen Ranzen und stimmte das Lied des Handwerkers an:

Weil ich jung bin, will ich wandern,
draußen will ich HĂ€user baun,
ziehen von einem Ort zum andern;
Jugendsinn gibt mir Vertrauen.
Und kehr ich heim ins Vaterland,
wo mein die Liebste harrt!
Hurra, der brave Handwerksstand!
Wie bald ich Meister ward!

Und das war er dann auch. Als er zurĂŒckgekehrt und Meister geworden war, baute er in der Stadt ein Haus neben dem andern, eine ganze Straße, und als die Straße vollendet war, sich gut ausnahm und der Stadt zur Zierde gereichte, bauten die HĂ€uschen ihm wieder ein Haus, das sein Eigentum sein sollte. Doch wie können die HĂ€user wohl bauen? Frage sie, und sie werden dir die Antwort schuldig bleiben; aber die Leute antworten und sagen: „Allerdings hat ihm die Straße sein Haus gebaut!“ Klein war es und der Fußboden war mit Lehm belegt, aber als er mit seiner Braut ĂŒber den Lehmboden dahintanzte, da wurde dieser blank wie poliert, und aus jedem Stein in der Wand sprang eine Blume hervor und schmĂŒckte das Zimmer wie die kostbarste Tapete. Es war ein hĂŒbsches Haus und ein glĂŒckliches Ehepaar. Die Fahne der Innung flatterte vor dem Hause, Gesellen und Lehrburschen schrien: „Hurra!“ Ja, war der etwas! Und dann starb er, das war auch etwas!

Nun kam der Architekt, der dritte Bruder, der erst Zimmermannslehrling gewesen und mit der MĂŒtze gegangen war und den Laufburschen gemacht hatte, aber von der Akademie bis zum Baumeister aufgestiegen war, „Hoch- und Wohlgeborner Herr!“ Ja, hatten die HĂ€user der Straße den Bruder, der Maurermeister gewesen war, ein Haus gebaut, so erhielt nun die Straße seinen, des Architekten Namen, und das schönste Haus der Straße wurde sein Eigentum; das war etwas, und er war etwas – und das mit einem langen Titel vorn und hinten. Seine Kinder hieß man „vornehme“ Kinder, und als er starb, war seine Witwe eine „Witwe von Stand“ – das ist etwas! Und sein Name blieb fĂŒr immer an der Straßenecke geschrieben und lebte in aller Munde als Straßenname – ja, das ist etwas!

Darauf kam das Genie, der vierte Bruder, der etwas Neues, etwas Apartes und noch ein Stockwerk darĂŒber erfinden wollte, aber das fiel herunter, und er selbst fiel auch herunter und brach sich das Genick – allein er bekam ein schönes BegrĂ€bnis mit Zunftfahnen und Musik, Blumen in der Zeitung und auf der Straße ĂŒber das Pflaster hin, und man hielt ihm drei Leichenreden, eine lĂ€nger als die andere, und das hĂ€tte ihn sehr erfreut, denn er hatte es sehr gern, wenn von ihm geredet wurde; auch ein Monument wurde ihm auf seinem Grab errichtet, zwar nur ein Stockwerk hoch, aber das ist immerhin etwas!

Er war nun gestorben wie die drei anderen BrĂŒder; der letzte aber, der, welcher rĂ€sonierte, ĂŒberlebte sie alle, und das war ja eben richtig so, wie es sein sollte, denn dadurch hatte er ja das letzte Wort, und ihm war es von großer Wichtigkeit, das letzte Wort zu haben. War er doch ein kluger Kopf, wie die Leute sagten. Endlich schlug aber auch seine Stunde, er starb und kam an die Pforten des Himmels. Dort treten stets je zwei heran; er stand da mit einer anderen Seele, die auch gern hineinwollte, und das war gerade die alte Frau Margarethe aus dem Haus auf dem Deich.

„Das geschieht wohl des Kontrastes halber, daß ich und diese elende Seele hier zu gleicher Zeit antreten mĂŒssen!“ sprach der RĂ€soneur. „Nur, wer ist Sie, Frauchen? Will Sie auch hier hinein?“ fragte er.

Und die alte Frau verneigte sich, so gut sie es vermochte, sie glaubte, es sei Sankt Petrus selber, der zu ihr sprach. „Ich bin eine alte, arme Frau ohne alle Familie, bin die alte Margarethe aus dem Haus auf dem Deich.“

„Nun, was hat Sie getan, was hat Sie ausgerichtet dort unten?“

„Ich habe wahrscheinlich gar nichts in dieser Welt ausgerichtet! Nichts, wodurch mir könnte aufgeschlossen werden! Es ist wahre Gnade, wenn man erlaubt, daß ich durchs Tor hineinschlĂŒpfe!“

„Auf welche Weise hat Sie diese Welt verlassen?“ fragte er weiter, um doch von etwas zu reden, da es ihm Langeweile machte, dort zu stehen und zu warten.

„Ja, wie ich sie verlassen habe, das weiß ich nicht! Krank und elend war ich ja wĂ€hrend der letzten Jahre, und ich habe es wohl nicht verragen können, aus dem Bett zu kriechen und in Frost und KĂ€lte so plötzlich hinauszukommen. Es war ein harter Winter, doch jetzt habe ich ihn ja ĂŒberstanden. Es war einige Tage ganz stilles Wetter, aber sehr kalt, wie Euer EhrwĂŒrden ja selbst wissen, die Eisdecke ging so weit ins Meer hinaus, als man nur schauen konnte; alle Leute aus der Stadt spazierten aufs Eis hinaus, dort war, wie sie sagten, Schlittschuhlaufen und Tanz, glaube ich, große Musik und Bewirtung war auch da; die Musik schallte in mein Ă€rmliches StĂŒbchen hinein, wo ich lag. Und dann war es so gegen Abend, der Mond war schön aufgegangen, aber noch nicht in seinem vollen Glanze, ich blickte von meinem Bett ĂŒber das ganze weite Meer hinaus, und dort draußen, grade am Rande zwischen Himmel und Meer, tauchte eine wunderliche Wolke empor; ich lag da und sah die Wolke an, ich sah auch das schwarze PĂŒnktchen inmitten der Wolke, das immer grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer wurde, und da wußte ich, was das zu bedeuten hatte; ich bin alt und erfahren, obwohl man das Zeichen nicht oft sieht.

Ich kannte es, und ein Grausen ĂŒberkam mich. Habe ich doch zweimal frĂŒher bei Lebzeiten das Ding kommen sehen, und wußte ich doch, daß es einen entsetzlichen Sturm mit Springflut geben wĂŒrde, die ĂŒber die armen Menschen draußen kĂ€me, die jetzt tranken, umher sprangen und jubilierten; jung und alt, die ganze Stadt war ja draußen; wer sollte sie warnen, wenn niemand dort das sah und zu deuten wußte, was ich wohl kannte. Mir wurde ganz Angst, ich wurde so lebendig wie seit langer Zeit nicht mehr. Aus dem Bett heraus kam ich zum Fenster hin, weiter konnte ich mich vor Mattigkeit nicht schleppen. Es gelang mir aber doch, das Fenster zu öffnen; ich sah die Menschen draußen auf dem Eis laufen und springen, ich sah auch die schönen Flaggen, die im Winde wehten, ich hörte die Knaben Hurra schreien, Knechte und MĂ€gde sangen, es ging fröhlich her, aber – die weiße Wolke mit dem schwarzen Punkt! Ich rief, so laut ich konnte, aber niemand hörte mich; ich war zu weit weg von den Leuten entfernt. Bald mußte das Unwetter losbrechen, das Eis platzen und alles, was draußen war, ohne Rettung verloren sein. Mich hören konnten sie nicht, zu ihnen hinauskommen konnte ich nicht; oh, könnte ich sie doch an Land fĂŒhren! Da gab der gute Gott mir den Gedanken, mein Bett anzuzĂŒnden, lieber das Haus niederzubrennen, als daß die Vielen so jĂ€mmerlich umkommen sollten.

Es gelang mir, ein Licht anzuzĂŒnden; die rote Flamme loderte hoch empor – ja, ich entkam glĂŒcklich durch die TĂŒr, aber davor blieb ich liegen, ich konnte nicht weiter; die Flamme leckte nach mir heraus, flackerte aus den Fenstern, loderte hoch aus dem Dach empor; die Menschen alle draußen auf dem Eis wurden sie gewahr, und alle liefen sie, was sie konnten, um einer Armen zu Hilfe zu eilen, die sie lebendig verbrennen wĂ€hnten; nicht einer war da, der nicht lief; ich hörte sie kommen, aber ich vernahm auch, wie es mit einemmal in der Luft brauste, ich hörte es dröhnen wie schwere KanonenschĂŒsse; die Springflut hob die Eisdecke, die in tausend StĂŒcke zerschellte; aber die Leute erreichten den Damm, wo die Funken ĂŒber mir dahin flogen; ich rettete sie alle! Doch ich habe wohl die KĂ€lte nicht vertragen können und auch nicht den Schrecken, und so bin ich nun hier herauf an das Tor des Himmels gekommen; man sagt ja, es wird auch so einem armen Menschen, wie ich es bin, aufgetan, und jetzt habe ich ja kein Haus mehr auf dem Deich, doch das gibt mir wohl noch keinen Eintritt hier!“

Da öffnete sich des Himmels Pforte, und der Engel fĂŒhrte die alte Frau hinein; sie verlor einen Strohalm draußen, einen der Strohhalme, die in ihrem Lager gewesen waren, als sie es anzĂŒndete, um die vielen zu retten, und das hatte sich in das reinste Gold verwandelt, und zwar in Gold, das wuchs und sich in den schönsten Blumen und BlĂ€ttern emporrankte.

„Sieh, das brachte die arme Frau!“ sagte der Engel. „Was bringst du? Ja, ich weiß es wohl, daß du nichts ausgerichtet hast, nicht einmal einen Ziegelstein hast du gemacht; wenn du nur wieder zurĂŒckgehen und es wenigstens so weit bringen könntest; wahrscheinlich wĂŒrde der Stein, wenn du ihn gemacht hĂ€ttest, nicht viel wert sein, doch mit gutem Willen gemacht, wĂ€re es doch immerhin etwas; aber du kannst nicht zurĂŒck, und ich kann nichts fĂŒr dich tun!“

Da legte die arme Seele, das MĂŒtterchen aus dem Haus auf dem Deich, ein gutes Wort fĂŒr ihn ein: „Sein Bruder hat mir die Ziegelsteine und Brocken geschenkt, aus denen ich mein armseliges Haus zusammengebaut habe, und das war sehr viel fĂŒr mich Arme! Könnten nun nicht all die Brocken und ganzen Ziegelsteine als ein Ziegelstein fĂŒr ihn gelten? Es ist ein Akt der Gnade gewesen. Er ist ihrer jetzt bedĂŒrftig, und hier ist ja der Urquell der Gnade!“

„Dein Bruder, der, den du den Geringsten nanntest,“ sagte der Engel, „der, dessen ehrliches Tun dir am niedrigsten erschien, schenkt dir seine Himmelsgabe. Du sollst nicht abgewiesen werden, es soll dir erlaubt sein, hier draußen zu stehen und nachzusinnen und deinem Leben dort unten aufzuhelfen, aber hinein gelangst du nicht, bevor du nicht in guter Tat – etwas ausgerichtet hast!“

„Das hĂ€tte ich besser sagen können,“ dachte der RĂ€soneur, aber er sprach es nicht laut aus, und das war wohl schon „Etwas.“

Hans Christian Andersen 
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