Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Unter dem Weidenbaume – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

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Unter dem Weidenbaume - von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Die Gegend um das kleine seelĂ€ndische StĂ€dtchen Kjöge ist sehr kahl; es liegt zwar am Meeresstrande, was immer schön ist, aber dort könnte es doch schöner sein als es eben ist: – rings umher sind ebene Felder und ein gar weiter Weg ist nach dem Walde. Doch wenn man in einem Orte recht zu Hause ist, so findet man dort immer irgend etwas Schönes, nach dem man spĂ€ter an dem reitzendsten Orte der Welt Sehnsucht empfindet. Und das mĂŒssen wir freilich gestehen, daß es am Ă€ußersten Weichbilde des StĂ€dtchens, wo selbst einige kleine Ă€rmliche GĂ€rten sich lĂ€ngs des Baches, der dort ins Meer fĂ€llt, hinstrecken, im Sommer ganz anmutig sein konnte, was auch namentlich die beiden Nachbarskinder fanden, die hier spielten und durch die StachelbeerstrĂ€ucher sich wanden, um zu einander zu gelangen. In dem einen Garten stand ein Fliederbaum, in dem andern ein alter Weidenbaum, und namentlich unter diesem letzteren spielten die Kinder gar gern: das war ihnen erlaubt, obgleich der Weidenbaum in der NĂ€he des Baches stand, und sie leicht ins Wasser hĂ€tten fallen können; aber das Auge Gottes ruht ja auf den Kleinen – wĂŒrde es doch sonst gar schlimm um sie aussehen! Sie waren aber auch sehr vorsichtig in Betreff des Wassers, ja, der Knabe war dermaßen wasserscheu, daß es nicht möglich, war, ihn im Sommer ins Meer hinaus zu locken, in dem doch die anderen, Kinder gar gern umher plantschten; er wurde deshalb auch gehörig geneckt und verhöhnt, und er mußte es geduldig ertragen. Einmal trĂ€umte es der Johanna, dem kleinen MĂ€dchen des Nachbars: sie segle in einem Kahne und Kanut wate zu ihr hinaus, so daß das Wasser ihm erst bis an den Hals, spĂ€ter bis ĂŒber den Kopf stiege und endlich ganz verschwinde. Von dem Augenblicke an, wo der kleine Kanut diesen Traum erfuhr, duldete er nicht mehr die Verhöhnungen der anderen Knaben; durfte er doch jetzt ins Wasser gehen; habe es Johanna doch getrĂ€umt! – Selbst tat er es freilich nie, aber jener Traum war immerhin sein Stolz.

Die armen Eltern kamen oft zusammen, und Kanut und Johanna spielten in den GĂ€rten und auf der Landstraße, welche lĂ€ngs der GrĂ€ben mit einer Reihe von WeidenbĂ€umen besetzt war, die zwar mit ihren verstutzten Kronen nicht schön sahen, aber auch dort nicht zum Staat standen, sondern des Nutzens wegen; schöner war der alte Weidenbaum im Garten, und unter demselben saßen die beiden Kinder. – In dem StĂ€dtchen selbst ist ein großer Marktplatz, und zur Zeit des Jahrmarktes standen dort ganze Straßen von Zelten und Buden mit seidenen BĂ€ndern, Stiefeln und allem, was man sich wĂŒnscht; es war ein arges GedrĂ€nge und in der Regel Regenwetter, und dann spĂŒrte man den Dunst der FrieswĂ€mse der Bauern, aber auch den schönsten Duft der Honig- oder Pfefferkuchen, von welchen eine Bude voll da stand, und was noch das herrlichste war: der Mann, der die Kuchen verkaufte, nahm immer wĂ€hrend des Jahrmarktes seine Wohnung bei den Eltern des kleinen Kanut, und nun gab es dann und wann einen kleinen Pfefferkuchen, von welchem natĂŒrlich auch Johanna ihren Anteil erhielt. Aber was noch schöner war: – der PfefferkuchenhĂ€ndler wußte fast von allen möglichen Dingen Geschichten zu erzĂ€hlen, selbst von seinen Pfefferkuchen; ja von diesen erzĂ€hlte er eines Abends eine Geschichte, die einen so tiefen Eindruck auf die Kinder machte, daß sie dieselbe nie wieder vergaßen, und deshalb ist es wohl am besten, daß wir sie auch kennen lernen, um so mehr, da sie nur kurz ist.

»Auf dem Ladentische« – erzĂ€hlte er – »lagen zwei Pfefferkuchen, der eine in Gestalt einer Mannsperson mit einem Hute, der andere in der einer Jungfrau ohne Hut; sie hatten ihre Gesichter auf der Seite, die nach oben gekehrt war, und von derselben sollte man sie auch besehen, nicht von der Kehrseite, von welcher man ĂŒberhaupt nie einen Menschen betrachten darf. Der Mann trug auf der linken Seite eine bittere Mandel, das war sein Herz, die Jungfrau dagegen war lauter Honigkuchen, sie lagen Beide als Proben auf dem Ladentische, lagen dort sogar lange, und endlich liebten sie sich; aber keiner sagte es dem andern, und das muß doch geschehen, wenn etwas daraus werden soll.«

»»Er ist ein Mann, er muß das erste Wort sagen,«« dachte sie, wollte sich aber doch schon begnĂŒgen, wenn sie nur wĂŒĂŸte, daß ihre Liebe erwidert wĂŒrde.

»Seine Gedanken waren nun zwar weit ausschweifender, und das ist immer der Fall mit den MĂ€nnern; ihm trĂ€umte er sei ein leibhaftiger Straßenjunge, im Besitze von vier Schillingen und kaufe die Jungfrau und verzehre sie.«

»Und so lagen sie Tage und Wochen lang auf dem Ladentische und vertrockneten, und die Gedanken der Jungfrau wurden immer zarter und weiblicher: »»es genĂŒgt mir schon, daß ich auf dem selben Tische mit ihm zusammen gelegen habe!«« – dachte sie und knack! – brach sie mitten durch.«

»»HĂ€tte sie nur meine Liebe gekannt, sie hĂ€tte wohl etwas lĂ€nger gehalten!«« – dachte er.«

»Das ist die Geschichte, und hier sind sie alle Beide,« sagte der KuchenbĂ€cker. »Sie sind ihres Lebenslaufes und der stummen Liebe wegen, die nie zu etwas fĂŒhrt, merkwĂŒrdig; – da habt Ihr sie!« damit gab er Johanna die Mannsperson, die ganz war, und Kanut erhielt die geknickte Jungfrau; aber die Kinder waren der maßen von der Geschichte ergriffen, daß sie es nicht ĂŒbers Herz bringen konnten, die Liebesleute zu essen.

Am folgenden Tage gingen sie mit ihnen auf den Friedhof und ließen sich dort an der Kirchenmauer nieder, die mit dem ĂŒppigsten Efeu, Sommer und Winter, wie mit einem reichen Teppiche behangen ist; hier stellten sie die Pfefferkuchen zwischen die grĂŒnen Ranken in den Sonnenschein und erzĂ€hlten nun einer Schar anderer Kinder die Geschichte von der stummen Liebe, die nichts Wert sei, das heißt die Liebe; denn die Geschichte sei allerliebst, der Meinung waren sie alle; aber als sie wieder einen Blick auf das Honigkuchenpaar warfen, ja, da hatte ein großer Knabe – und zwar aus Bosheit – die geknickte Jungfrau aufgegessen; die Kinder weinten darĂŒber, und nachher – dies geschah wahrscheinlich, damit der arme Liebhaber nicht allein in der Welt stehen sollte – nachher aßen sie auch ihn auf, doch die Geschichte vergaßen sie nie.

Immer waren die Kinder beisammen am Fliederbaume und unter dem Weidenbaume, und das kleine MĂ€dchen sang die schönsten Lieder mit einer Stimme, klar wie eine Glocke; Kanut dagegen hatte keinen Ton in sich, aber er wußte den Text, und das ist immerhin etwas. Die Leute in Kjöge, selbst die Frau des GalanteriewaarenhĂ€ndlers, blieben stehen und lauschten, wenn Johanna sang. »Die hat eine recht sĂŒĂŸe Stimme, die Kleine!« – sagten sie.

Das waren herrliche Tage, allein sie wĂ€hrten nicht immer. Die Nachbarn trennten sich; die Mutter des kleinen MĂ€dchens war gestorben, der Vater war gesonnen, wieder zu heiraten, und zwar in der Residenz, wo man ihm versprochen hatte, daß er sein Brot haben und irgendwo Bote haben wĂŒrde, und dies sollte ein sehr eintrĂ€gliches Amt sein. Die Nachbarn trennten sich unter TrĂ€nen, namentlich weinten die Kinder, aber die Eltern gelobten sich einander wenigstens ein Mal jĂ€hrlich zu schreiben.

Den Kanut gab man in die Lehre zu einem Schuhmacher, den großen Knaben konnten sie doch nicht lĂ€nger sich umhertreiben lassen. Und er wurde nun auch konfirmiert.

Ach, wie gern wĂ€re er an diesem Festtage in Kopenhagen gewesen bei der kleinen Johanna, aber er blieb in Kjoge und war nie nach Kopenhagen gekommen, obgleich die Hauptstadt nur fĂŒnf Meilen von dem kleinen StĂ€dtchen entfernt ist; doch ĂŒber den Meeresbusen hinweg bei klarem Himmel hatte Kanut die TĂŒrme erblickt, und an dem Konfirmationstage sah er deutlich das goldene Kreuz an der Frauenkirche in der Sonne glĂ€nzen.

Ach, wie waren seine Gedanken bei Johanna! Ob sie wohl seiner gedacht? Ja! – Gegen Weihnachten kam ein Brief von ihrem Vater an die Eltern Kanut’s an, es gehe ihnen sehr gut in Kopenhagen, und namentlich dĂŒrfe Johanna, ihrer schönen Stimme wegen, ein großes GlĂŒck zu Teil werden; sie sei bei der Komödie, in welcher gesungen wird, angestellt, etwas Geld verdiene sie schon jetzt dabei, und von diesem sende sie den lieben Nachbarsleuten in Kjöge einen ganzen Taler zum vergnĂŒgten Weihnachtsabend; sie sollten auf ihre Gesundheit trinken, das hatte sie selbst eigenhĂ€ndig in einer Nachschrift hinzugefĂŒgt, und in derselben stand ferner: »Freundlichen Gruß an Kanut!«

Die ganze Familie weinte, und doch war das ja Alles gar erfreulich; aber sie weinte vor Freude. Alle Tage hatte Johanna die Gedanken Kanut’s erfĂŒllt, und jetzt ĂŒberzeugte er sich, daß auch sie an ihn denke, und je nĂ€her die Zeit heranrĂŒckte, wo er ausgelernt haben wĂŒrde, um so klarer stand es vor ihm, daß er Johanna gar lieb habe, daß sie seine Frau werden mĂŒsse, und dabei spielte ein LĂ€cheln um seine Lippen und er zog den Draht noch einmal so rasch und stemmte den Fuß gegen den Knieriemen an; er stach den Pfriemen tief in den einen Finger hinein, aber das tat nichts! Er wollte wahrhaftig nicht den Stummen spielen, wie es die beiden Pfefferkuchen getan; die Geschichte sei ihm eine gute Lehre.

Jetzt war er Gesell und das RĂ€nzel war geschnĂŒrt, endlich zum ersten Male in seinem Leben sollte er nach Kopenhagen gehen, dort habe er bereits einen Meister. Wie wĂŒrde Johanna ĂŒberrascht und erfreut sein! Sie zĂ€hlte jetzt siebenzehn Jahre, er neunzehn.

Schon in Kjöge wollte er einen goldenen Ring fĂŒr sie kaufen, aber er besann sich doch, daß man der gleichen gewiß weit schöner in Kopenhagen bekĂ€me; und nun wurde Abschied von den Eltern genommen, und an einem spĂ€ten regnerischen Herbsttage wanderte er zu Fuß aus der Stadt seiner Heimat; die BlĂ€tter fielen von den BĂ€umen herab, durchnĂ€ĂŸt kam er in der großen Hauptstadt und bei seinem neuen Meister an. KĂŒnftigen Sonntag wollte er den Besuch bei dem Vater Johanna’s machen. Die neuen Gesellenkleider wurden hervorgesucht und der neue Hut aus Kjöge aufgesetzt, der stand dem Kanut gar gut, frĂŒher hatte er immer nur eine MĂŒtze getragen. Er fand das Haus, das er suchte, stieg die vielen Stufen hinan, es war zum Schwindeligwerden, wie die Menschen hier in der großen Stadt ĂŒber einander gestellt seien.

In der Stube sah Alles wohlhabend aus, und der Vater Johanna’s empfing ihn sehr freundlich, der Frau war er jedoch eine fremde Person, aber sie reichte ihm die Hand und den Kaffee.

»Es wird Johanna freuen, Dich zu sehen,« – sagte der Vater, »Du bist ja ein sehr netter junger Mann geworden! – Nun sollst Du sie sehen; ja, sie ist ein MĂ€dchen, das mir Freude macht und, mit Gottes Hilfe, noch mehr machen wird! Sie hat ihre eigene Stube und die bezahlt sie uns!« – Und der Vater selbst klopfte höflich an die TĂŒre, als wĂ€re er ein fremder Mann, und darauf traten sie ein. Aber, wie war dort Alles niedlich; ein solches StĂŒbchen fĂ€nde man sicherlich nicht in ganz Kjöge; die Königin selbst könne es nicht anmutiger haben! Da waren Fußdecken, da waren FenstervorhĂ€nge ganz bis zum Fußboden herab, sogar ein Stuhl von Sammet, und ringsum Blumen und GemĂ€lde, und ein Spiegel, in den man hinein zu treten fast Gefahr lief: er war ja so groß wie eine TĂŒre. Kanut sah dies Alles mit einem Blicke und nichts desto weniger sah er doch nur Johanna; sie war ein erwachsenes MĂ€dchen und ein ganz anderes, als Kanut es sich gedacht, aber viel schöner; in ganz Kjöge war keine einzige Jungfrau wie sie, und wie war sie fein, und wie blickte sie den Kanut so sonderbar fremd an, aber nur einen Augenblick, als dann stĂŒrzte sie auf ihn zu, als wollte sie ihn kĂŒssen, – sie tat es zwar nicht, aber es war nahe daran. Ja, sie freute sich in der Tat bei dem Anblicke des Freundes ihrer Kindheit! Standen ihr doch die TrĂ€nen in den Augen, und dann hatte sie gar viel zu fragen und zu reden, von den Eltern Kanut’s bis auf den Flieder- und den Weidenbaum herab, diese nannte sie Fliedermutter und Weidenvater, als ob sie auch Menschen wĂ€ren, doch dafĂŒr konnten sie auch ebenso gut gelten, wie die Pfefferkuchen; von diesen sprach sie auch und von deren stummer Liebe, wie sie auf dem Ladentische lagen und entzwei gingen, und dabei lachte sie recht herzlich – aber das Blut flammte in den Wangen Kanut’s und sein Herz klopfte schneller als sonst! – Nein, sie war gar nicht stolz geworden! – Sie war es auch, – das bemerkte er wohl – daß ihre Eltern ihn einluden, den ganzen Abend dort zu bleiben, und sie schenkte den Tee ein und reichte ihm selbst eine Tasse, und spĂ€ter nahm sie ein Buch zur Hand und las laut vor, und es war Kanut, als wenn gerade Das, was sie las, von seiner Liebe handele, so gar gut fiel es mit seinen Gedanken zusammen; darauf sang sie ein einfaches Lied, aber dasselbe wurde durch sie zu einer Geschichte, es war, als ströme ihr eigenes Herz davon ĂŒber. Ja, sie habe ganz gewiß den Kanut lieb. Die TrĂ€nen rollten ihm ĂŒber die Wangen, er konnte nichts dafĂŒr und er vermochte kein einziges Wort zu sagen, ihm selbst schien es, als sei er verdummt, und doch drĂŒckte sie ihm die Hand und sagte: »Du hast ein gutes Herz, Kanut – bleibe immer, wie Du bist!«

Das war ein Abend sonder gleichen; darauf zu schlafen, war nicht möglich, und das tat Kanut denn auch nicht.

Beim Abschiede hatte der Vater Johanna’s gesagt: »Nun, jetzt wirst Du uns doch nicht ganz vergessen! Du wirst doch nicht den ganzen Winter verstreichen lassen, bis Du uns einmal wieder besuchst?« – also konnte er sehr wohl am folgenden Sonntag wieder hingehen, und das wollte er auch. Aber jeden Abend, nach den Arbeitsstunden, und es wurde bei Licht gearbeitet, ging Kanut in die Stadt; er ging durch die Straße, in welcher Johanna wohnte, blickte zu ihren Fenstern hinauf, sie waren fast immer erhellt, und an einem Abende sah er deutlich den Schatten ihres Antlitzes an dem Fenstervorhange – das war ein schöner Abend. Die Frau Meisterin lobte es gar nicht, daß er immer des Abends auf der Fahrt sein mĂŒsse, wie sie es nannte, und sie schĂŒttelte den Kopf, aber der Meister lĂ€chelte: »Er ist ein junger Mensch!« sagte er.

»Sonntag sehen wir uns, und ich sage ihr, wie sie mir im Sinn und Herzen liegt, und daß sie mein Frauchen werden muß; ich bin zwar nur ein armer Schuhmachergesell, aber ich kann Meister werden, ich werde arbeiten und streben – ja ich sage es ihr; es kommt nichts bei der stummen Liebe heraus, das habe ich von den Pfefferkuchen gelernt!«

Der Sonntag kam und Kanut kam, aber wie unglĂŒcklich; Alle waren an dem Abende eingeladen, sie mußten es ihm sagen. Johanna drĂŒckte seine Hand und fragte: »Bist Du im Theater gewesen? Du mußt einmal hineingehen! Ich singe Mittwoch, und wenn Du Zeit an diesem Tage hast, dann will ich Dir ein Billet senden, mein Vater weiß, wo Dein Meister wohnt!«

Wie liebevoll war das von ihr! Und am Mittwoch Mittag erhielt er auch ein versiegeltes Papier ohne Worte, aber das Billet lag in demselben, und am Abende ging Kanut zum ersten Male in seinem Leben ins Theater; und was sah er? – er sah Johanna, wie war sie schön und anmutig; sie wurde zwar an eine fremde Person verheiratet, aber das war alles Komödie, Etwas, das sie vorstellten, das wußte Kanut, sonst hĂ€tte sie es auch nicht ĂŒber’s Herz bringen können, ihm ein Billet zu senden damit er es sehe, und alle Leute klatschten in die HĂ€nde, schrien laut auf, und Kanut schrie Hurrah!

Selbst der König lĂ€chelte der Johanna zu, als wenn er seine Freude an ihr habe. Gott, wie fĂŒhlte Kanut sich so klein, aber er liebte sie recht innig, und sie habe ja auch ihn lieb, – allein der Mann muß das erste Wort sagen, so dachte ja auch die Pfefferkuchen-Jungfrau: – in dieser Geschichte lag sehr Vieles.

Sobald der Sonntag kam, ging er wieder hin; er war in einer Stimmung als sollte er das heilige Abendmahl genießen; Johanna war allein und empfing ihn, das konnte nicht glĂŒcklicher treffen.

»Es ist gut, daß Du kommst!« sagte sie, »ich dachte schon daran, meinen Vater zu Dir zu senden, allein ich hatte eine Ahnung von Deinem Kommen heute Abend: – denn ich muß Dir sagen, daß ich auf den Freitag nach Frankreich reise; ich muß es, damit ich es zu etwas bringe!«

Aber Kanut schien es, als drehe sich die Stube um und um: ihm war zu Mute, als wollte das Herz ihm zerspringen; zwar trat keine TrĂ€ne in seine Augen, aber es war deutlich zu sehen, wie betrĂŒbt er wurde. »Du ehrliche, treue Seele!« sprach sie, – und damit war nun die Zunge Kanut’s gelöst, und er sagte ihr, wie innig lieb er sie habe und daß sie sein Frauchen werden mĂŒsse. In dem er dies sagte, sah er Johanna die Farbe wechseln und erblassen; sie ließ seine Hand fallen und erwiderte ernst und betrĂŒbt: »Mache nicht Dich selbst und mich unglĂŒcklich, Kanut! Ich werde Dir stets eine gute Schwester sein, auf die Du bauen kannst – aber auch nicht mehr!« und sie strich mit ihrer weichen Hand ĂŒber seine heiße Stirn. »Gott gibt uns zu Vielem die Kraft, wenn wir nur selbst wollen!«

Da trat in demselben Augenblicke ihre Stiefmutter ins Zimmer.

»Kanut ist ganz außer sich, weil ich reise!« sagte Johanna. »Sei doch ein Mann!« und dabei legte sie ihre Hand auf seine Schulter; es war, als hatten sie nur von der Reise und sonst von nichts Anderem gesprochen. »Du bist ein Kind!« fuhr sie fort, »aber jetzt mußt Du gut und vernĂŒnftig sein, wie unter dem Weidenbaume, als wir noch Kinder waren!«

Aber Kanut war es, als sei die Welt aus ihren Fugen gegangen, sein Gedanke war wie ein loser Faden, der im Winde hin- und her flattert. Er blieb, er wußte nicht, ob sie ihn zu bleiben gebeten; aber sie waren freundlich und gut, und Johanna schenkte ihm den Tee ein und sang; es war nicht der alte Klang, und doch so unendlich schön, es war zum Herzzerspringen; darauf trennten sie sich. Kanut reichte ihr nicht die Hand, aber sie ergriff die seinige und sagte: »Du gibst doch Deiner Schwester die Hand zum Abschiede, mein alter Jugendgespiel!« sie lĂ€chelte durch TrĂ€nen, die ihr ĂŒber die Wangen flossen, und sie wiederholte das Wort » Bruder«. Ja, das war ein schöner Trost! – So war der Abschied.

Sie segelte nach Frankreich, Kanut ging auf den schmutzigen Straßen Kopenhagens umher. – Die andern Gesellen in der WerkstĂ€tte fragten ihn, weshalb er so grĂŒbelnd umhergehe, er solle mit ihnen zusammen ein VergnĂŒgen machen, er sei ja ein junges Blut.

Sie gingen miteinander auf den Tanzboden; dort waren viele schöne MĂ€dchen, aber freilich keins wie Johanna, und hier, wo er gedacht, sie zu vergessen, hier gerade stand sie am lebhaftesten vor seinen Gedanken; »Gott gibt uns zu Vielem Kraft, wenn wir nur selbst wollen!« hatte sie gesagt, und eine Andacht kehrte in seinen Sinn ein; er faltete die HĂ€nde; die Violinen spielten auf und die MĂ€dchen tanzten im Kreise umher; er erschrak förmlich, es schien ihm, als sei er an einem Orte, wohin er Johanna nicht hĂ€tte fĂŒhren sollen, denn sie war doch mit ihm in seinem Herzen da; deshalb ging er hinaus, lief auf die Straßen und ging an dem Hause vorĂŒber, wo sie gewohnt hatte; dort war es finster, ĂŒberall war es finster, leer und einsam; die Welt ging ihren Weg und Kanut den seinigen.

Es wurde Winter und die GewĂ€sser froren zu, es war, als wenn alles sich auf ein BegrĂ€bniß einrichte.

Als aber der FrĂŒhling wiederkehrte und das erste Dampfschiff ging, da ergriff ihn eine Sehnsucht, weit, weit in die Welt zu wandern, aber nicht nach Frankreich.

Er schnĂŒrte sein RĂ€nzel und wanderte weit, weit ins deutsche Land hinein, von Stadt zu Stadt, ohne Rast und Ruhe; erst als er die alte prĂ€chtige Stadt NĂŒrnberg betrat, war es, als wĂŒrde er wieder Herr seiner FĂŒĂŸe; er gewann es ĂŒber sich, dort zu bleiben.

NĂŒrnberg ist eine wunderliche, alte Stadt, wie aus einer Bilderchronik herausgeschnitten. Die Straßen liegen, wie sie eben selbst wollen; die HĂ€user lieben es nicht, in Reih‘ und Glied zu stehen; Erker mit kleinen TĂŒrmen, Schnörkeln und BildsĂ€ulen springen hervor und ĂŒber den BĂŒrgersteig hinaus, und hoch von den DĂ€chern laufen Dachrinnen bis ĂŒber die Mitte der Straße hinaus, geformt wie Drachen und langbeinige Hunde.

Auf dem Marktplatze hier stand Kanut mit dem Ranzenl auf dem RĂŒcken; er stand an einem der alten Springbrunnen mit den herrlichen biblischen und historischen Figuren, die zwischen den springenden Wasserstrahlen stehen. Ein schönes DienstmĂ€dchen schöpfte eben Wasser, es gab Kanut einen Labetrunk; und da es die Hand voll Rosen hatte, gab es ihm auch eine Rose, und das schien ihm ein guter Vorbote zu sein.

Von der nahen Kirche brausten Orgeltöne ihm entgegen, sie klangen ihm so heimathlich, als kĂ€men sie aus der Kirche zu Kjöge, und er trat in den großen Dom; die Sonne schien durch die gemalten Scheiben hinein zwischen die hohen, schlanken SĂ€ulen; Andacht erfĂŒllte seine Gedanken, und stiller Friede kehrte in seinen Sinn ein.

Er suchte und fand einen guten Meister in NĂŒrnberg, bei diesem blieb er und erlernte die deutsche Sprache.

Die alten GrĂ€ber um die Stadt herum sind in kleine GemĂŒsegĂ€rten umgewandelt, aber die hohen Mauern stehen noch da mit ihren schweren TĂŒrmen. Der Seiler dreht sein Seil aus dem von Balken erbauten Gange lĂ€ngs der Innenseite der Stadtmauer, und hier, ringsumher aus Ritzen und Spalten wĂ€chst der Flieder; er streckt seine Zweige ĂŒber die kleinen niedrigen HĂ€user, die unten liegen, und in einem dieser wohnte der Meister, bei dem Kanut arbeitete; ĂŒber das kleine Dachfenster, an welchem Kanut saß, senkte der Fliederbaum seine Zweige.

Hier wohnte er einen Sommer und einen Winter; aber als der FrĂŒhling kam, war’s nicht mehr auszuhalten; der Flieder blĂŒhte und duftete so heimathlich, daß es ihm war, als sei er wieder in den GĂ€rten von Kjöge, – als dann zog Kanut von seinem Meister weg zu einem andern, weiter in die Stadt hinein, wo kein Flieder wuchs.

Seine WerkstĂ€tte war in der NĂ€he einer alten gemauerten BrĂŒcke, ĂŒber einer immer brausenden, niedrigen WassermĂŒhle; draußen floß nur der reißende Strom, eingezwĂ€ngt von HĂ€usern, die alle mit alten morschen Erkern gleichsam behangen waren; es sah aus, als wollten sie diese alle ins Wasser hinabschĂŒtteln. Hier wuchs kein Flieder, hier stand nicht einmal ein Blumentopf mit wenigem GrĂŒn, aber gerade der WerkstĂ€tte gegenĂŒber wurzelte ein großer alter Weidenbaum, der sich gleichsam an dem Hause festhielt, um nicht vom Strome hinweg gerissen zu werden; er streckte seine Zweige ĂŒber den Fluß hinaus, wie der Weidenbaum im Garten bei Kjöge ĂŒber den Bach.

Ja, er war freilich von Fliedermutter zum Weidenvater gezogen; der Baum hier, namentlich an Mondscheinabenden, hatte etwas, das ihm zu Herzen ging, aber es war durchaus nicht der Mondschein, sondern der alte Baum selbst.

Dessen ungeachtet litt es ihn doch nicht. Weshalb? Frage den Weidenbaum, frage den blĂŒhenden Flieder! – und deshalb sagte er dem Meister von NĂŒrnberg Lebewohl und zog weiter.

Zu Niemanden sprach er von Johanna, in seinem Innern verbarg er seinen Kummer – und eine tiefe Bedeutung legte er der Geschichte von den beiden Pfefferkuchen bei; jetzt begriff er, weshalb die Mannsperson dort eine bittere Mandel links hatte, er selbst hatte einen bitteren Geschmack davon; und Johanna, die stets so mild und freundlich war, sie war lauter Honigkuchen. Es war, als preßte der Riemen seines RĂ€nzels dermaßen, daß er kaum zu atmen vermochte; er löste ihn, allein es half nichts; nur die halbe Welt erblickte er um sich, die andere HĂ€lfte trug er in sich, in seinem Innern, so stand es mit ihm!

Erst als er die hohen Berge erblickte, ward die Welt ihm freier, seine Gedanken wandten sich nach außen; TrĂ€nen traten in seine Augen.

Die Alpen schienen ihm die zusammen gefalteten FlĂŒgel der Erde zu sein; – wie, wenn sich diese entfaltete? die großen Schwingen mit ihren bunten Bildern von schwarzen WĂ€ldern, brausenden GewĂ€ssern, Wolken und Schneemassen ausbreitete? Am jĂŒngsten Tage erhebt die Erde die großen FlĂŒgel, steigt gen Himmel und zerplatzt wie eine Seifenblase in dem Strahlenglanze Gottes. »O, wĂ€re es nur der jĂŒngste Tag!« seufzte er.

Still wanderte er durch das Land, das ihm wie ein rasenbedeckter Fruchtgarten erschien; von den hölzernen Altanen der HĂ€user nickten ihm klöppelnde MĂ€dchen zu, die Bergesgipfel glĂŒhten in der roten Abendsonne, und als er die grĂŒnen Seen zwischen den dunklen BĂ€umen sah – dachte er an die KĂŒste bei dem Kjögemeerbusen, und wohl die Wehmut, aber nicht der Schmerz wohnte in seiner Brust.

Dort, wo der Rhein wie eine lange Woge dahinrollt, zerstĂ€ubt, und in schneeweiße, klare Wolkenmassen verwandelt wird, als ginge hier die Schöpfung der Wolken vor sich – der Regenbogen flattert wie ein loses Band darĂŒber hin, – dort dachte er an die WassermĂŒhle bei Kjöge, wo die GewĂ€sser brausen und schĂ€umen.

Gern wĂ€re er hier in der stillen Rheinstadt geblieben, allein es waren hier gar zu viele Flieder- und WeidenbĂ€ume – deshalb zog er weiter, ĂŒber die hohen, mĂ€chtigen Gebirge, durch zersprengte FelswĂ€nde und auf Wegen, die Schwalbennestern gleich an der Bergwand hingen. Die GewĂ€sser brausten in der Tiefe, die Wolken lagen unter ihm; ĂŒber Disteln Alpenrosen und Schnee schritt er in der warmen Sommersonne dahin, – und sagte den Landen des Nordens Lebewohl und trat unter blĂŒhende KastanienbĂ€ume, schritt durch WeingĂ€rten und Maisfelder; die Berge waren eine Mauer zwischen ihm und allen seinen Erinnerungen, und so mußte es sein.

Vor ihm lag eine große, prĂ€chtige Stadt, sie nannten sie Milano, und hier fand er einen deutschen Meister, der ihn in Arbeit nahm; es war ein altes, frommes Ehepaar, in dessen WerkstĂ€tte er arbeitete. Die beiden Alten gewannen den stillen Gesellen lieb, der wenig sprach, aber desto mehr arbeitete und fromm und christlich lebte. Ihm schien es auch, als habe Gott die schwere Last von seinem Herzen genommen.

Seine schönste Lust war, dann und wann auf die mĂ€chtige Marmorkirche zu steigen, die schien ihm wie von der Heimat Schnee geschaffen und zu Bildern, spitzen TĂŒrmen, bunt geschmĂŒckten offenen Hallen geformt zu sein; von jedem Winkel, jeder Spitze, jedem Bogen herab lĂ€chelten ihn die weißen BildsĂ€ulen an. Über sich hatte er den blauen Himmel, unter sich die Stadt und die weit gedehnte, grĂŒne lombardische Ebene, und gen Norden die hohen Berge mit dem ewigen Schnee, – dabei dachte er an die Kjögekirche mit ihren roten, von Efeu umrankten Mauern, aber er sehnte sich nicht fort; hier, hinter den Bergen, wollte er begraben sein.

Ein Jahr hatte er hier gelebt, es waren drei Jahre verflossen, seitdem er die Heimat verlassen; da fĂŒhrte sein Meister ihn eines Tages in die Stadt, nicht nach der Arena zu den Kunstreitern, nein, in die große Oper, – und dort war auch ein Saal, der des Beschauens wert war. In sieben Etagen hingen die schönsten seidenen VorhĂ€nge her nieder, und vom Fußboden an, schwindelnd hoch bis zur Decke hinauf saßen die feinsten Damen mit Blumenbouquets in den HĂ€nden, als wenn sie auf den Ball gehen wollten, und die Herren waren in vollem Staat und viele von ihnen mit Gold und Silber geschmĂŒckt; es war dort so hell wie in dem klarsten Sonnenscheine, und die Musik brauste herrlich, es war viel prĂ€chtiger als die Komödie in Kopenhagen, aber dort war Johanna … Hier war sie auch – ja, es war wie ein Zauber … der Vorhang ging auf, und auch hier stand Johanna in Gold und Seide, mit der goldenen Krone auf dem Haupte; sie sang, wie nur ein Engel Gottes zu singen vermag, sie trat so weit hervor, wie sie nur konnte; sie lĂ€chelte, wie nur Johanna zu lĂ€cheln vermochte; sie blickte gerade auf Kanut herab. Der arme Kanut ergriff die Hand des Meisters, indem er laut »Johanna!« rief; doch kein Anderer hörte es, die Musik ĂŒbertönte Alles, nur der Meister nickte mit dem Kopfe dazu. »Ja wohl, sie heißt Johanna!« – und dabei zog er ein gedrucktes Blatt hervor und zeigte Kanut ihren Namen, – der volle Name stand da zu lesen.

Nein, das war kein Traum! Alle Menschen jubelten und warfen ihr Blumen und KrĂ€nze zu, und jedes Mal, wenn sie abging, riefen sie sie auf’s Neue; sie ging und kam immer wieder.

Auf der Straße scharten die Menschen sich um ihren Wagen und zogen denselben davon. Kanut war in der vordersten Reihe und jubelte am fröhlichsten auf; und als der Wagen vor ihrem prĂ€chtig erleuchteten Hause Halt machte, stand Kanut an der WagentĂŒr, dieselbe sprang auf, sie trat heraus, die Lichtstrahlen fielen auf ihr liebes Antlitz und sie lĂ€chelte und bedankte sich freundlich mild, und war tief gerĂŒhrt; Kanut blickte ihr gerade in’s Gesicht, auch sie blickte ihm in’s Gesicht, – aber sie kannte ihn nicht. Ein Mann, auf dessen Brust ein Stern strahlte, reichte ihr den Arm – die Beiden seien verlobt, sagte man.

Darauf ging Kanut nach Hause und schnĂŒrte sein RĂ€nzel; er wollte, er mußte nach der Heimat zurĂŒck, zum Flieder-, zum Weidenbaum – ach, unter den Weidenbaum! In einer Stunde kann man ein ganzes Menschenleben durchlaufen.

Das alte Ehepaar bat ihn, zu bleiben; – Worte vermochten nicht, ihn zurĂŒckzuhalten, vergeblich machte man ihn auf den Winter aufmerksam, sagte ihm, daß der Schnee schon in den Bergen gefallen sei; – in der Spur des langsam fahrenden Wagens, dem man doch den Weg bahnen mĂŒsse, meinte er, mit dem RĂ€nzel auf seinem RĂŒcken, gestĂŒtzt auf seinen Stab, dahin schreiten zu können.

Er schritt auf die Berge zu, schritt sie hinab, hinab; entkrĂ€ftet erblickte er noch kein StĂ€dtchen, kein Haus; er schritt gegen Norden. Die Sterne blinkten ĂŒber ihm, es schwankten ihm die FĂŒĂŸe, es schwindelte ihm der Kopf; tief im Tale blinkten gleichfalls Sterne, es war, als sei der Himmel auch unter ihm; er fĂŒhlte sich krank; die Sterne dort unten vermehrten sich fortwĂ€hrend und strahlten immer heller, sie bewegten sich hin und her. Es war ein kleines StĂ€dtchen, in dem die Lichter flimmerten, und als er das begriffen, strengte er seine letzten KrĂ€fte an und erreichte dort eine Ă€rmliche Herberge.

Die Nacht und auch den ganzen folgenden Tag blieb er dort, denn sein Körper bedurfte der Ruhe und Pflege; es war Tauwetter; es regnete im Tale. Aber am andern frĂŒhen Morgen trat dort ein Leiermann ein, er spielte eine Melodie aus der Heimat, und nun vermochte Kanut nicht lĂ€nger hier zu weilen; er zog weiter gegen Norden, er ging Tage, viele Tage lang mit einer Hast, als gelte es in die Heimat zu gelangen, bevor Alle dort gestorben seien; aber zu Niemandem sprach er von seiner Sehnsucht, Niemand hatte an seines Herzens Kummer, den tiefsten, den man haben kann, geglaubt; ein solcher ist nicht fĂŒr die Welt, er ist nicht unterhaltend, nicht einmal fĂŒr die Freunde. Fremd wanderte er durch die fremden LĂ€nder nach Hause gegen Norden!

Es war Abend; er ging auf der offenen Landstraße, der Frost begann, sich geltend zu machen, das Land selbst wurde immer ebener, mehr Feld und Wiese; an der Straße stand ein großer Weidenbaum; Alles sah ganz heimatlich aus, er setzte sich unter den Baum, er fĂŒhlte sich sehr ermĂŒdet; sein Kopf neigte sich, seine Augen schlossen sich zur Ruhe, aber er empfand doch, wie der Weidenbaum seine Zweige ĂŒber ihn ausstreckte, herabsenkte; der Baum schien ihm ein alter, mĂ€chtiger Mann zu sein. – Es war der Weidenvater selbst, der ihn auf seine Arme hob und ihn, den mĂŒden Sohn, zurĂŒck in das Heimatland, an den offenen, bleichen Strand, nach Kjöge, in den Garten seiner Kindheit trug. Ja, es war der Weidenbaum selbst von Kjöge, der in die Welt gewandert war, um ihn zu suchen; und jetzt hatte er ihn gefunden und war in den kleinen Garten am Bache zurĂŒckgefĂŒhrt, und hier stand Johanna in ihrer Pracht mit der goldenen Krone auf dem Haupte, wie er sie zuletzt gesehen, und rief ihm ein »Willkommen!« zu.

Vor ihm standen zwei sonderbare Gestalten, wenn sie auch viel menschlicher als in seiner Kindheit aussahen; auch sie hatten sich verÀndert; es waren die zwei Pfefferkuchen, der Mann und das Frauenzimmer, sie wendeten ihm die rechte Seite zu und sahen gut aus.

»Wir danken Dir!« sagten sie zu Kanut; »Du hast uns die Zungen gelöst, daß man frei seine Gedanken aussprechen soll, sonst kĂ€me Nichts dabei heraus, und jetzt ist Etwas dabei heraus gekommen: – wir sind verlobt!«

Darauf gingen sie Hand in Hand durch die Straßen Kjöge’s und sahen auch sehr anstĂ€ndig auf der Kehrseite aus, da war Nichts an ihnen auszusetzen. Sie schritten gerade auf die Kirche zu, und Kanut und Johanna folgten; auch sie gingen Hand in Hand, und die Kirche stand da wie immer mit ihren roten Mauern, umrankt von dem grĂŒnen Efeu, und die große TĂŒr der Kirche flog nach beiden Seiten auf, die Orgel brauste und sie schritten den breiten Hauptgang der Kirche entlang: »Die Herrschaften zuerst!« sagten die Pfefferkuchenbrautleute und machten Kanut und Johanna Platz, und diese knieten am Altare nieder; sie beugte ihr Haupt ĂŒber sein Antlitz und eiskalte TrĂ€nen entfielen ihren Augen, es war das Eis, das um ihr Herz schmolz – durch seine starke Liebe; die TrĂ€nen fielen auf seine brennenden Wangen, und – er erwachte dabei, und saß unter dem alten Weidenbaume im fremden Lande, in dem winterkalten Abende; aus den Wolken fiel eisiger Hagel herab und peitschte sein Gesicht.

»Das war die schönste Stunde meines Lebens!« – sagte er, »und sie war – ein Traum! – Gott, laß mich nochmals trĂ€umen!« – Er schloß die Augen auf’s Neue, er schlief, er trĂ€umte.

Gegen Morgen fiel Schnee. Er jagte vor dem Winde ĂŒber ihn hin, er schlief. Dorfleute gingen zur Kirche, – an der Landstraße saß ein Handwerksbursch; er war tot, erfroren – unter dem Weidenbaume!

Hans Christian Andersen
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Ich hasse Menschen Buch

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