Der kluge Ratgeber | Ein M├Ąrchen aus Estland

Der kluge Ratgeber - ein M├Ąrchen aus Estland
Einst machte ein J├╝ngling auf seinem Wanderweg an einem gro├čen Stein Rast, um sich zu st├Ąrken, und als er satt war, streckte er die m├╝den Glieder aus und lehnte den Kopf an den Stein. Im Schlaf suchten ihn komische Tr├Ąume heim. Es war, als h├Ątte an seinem Ohr eine tiefe, summende Stimme gesungen. Noch komischer aber war, dass diese Stimme auch dann weitersang, als er schon erwacht war. Dem J├╝ngling schien, als k├Ąme die Stimme aus dem Stein oder unter diesem hervor. Er dr├╝ckte das Ohr fest an den Stein und h├Ârte nun deutlich, dass das Summen aus dem Stein kam. Als er genauer hinh├Ârte, vernahm er folgende Worte: ┬╗Gl├╝ckskind! Rette mich aus meiner langen langweiligen Gefangenschaft! Siebenhundert Jahre schon muss ich durch einen Zauber hier schmachten, und auch der Tod erl├Âst mich nicht. Du bist bei Sonnenaufgang am Himmelfahrtstag zur Welt gekommen, und nur du allein kannst mich erl├Âsen, wenn du den guten Willen hast, zu helfen!┬ź Der J├╝ngling erwiderte zweifelnd: ┬╗Ich wei├č nicht, ob Kraft und Wille gleich stark sind. Erz├Ąhle mir zuerst, wie du ins Ungl├╝ck geraten bist, und dann rate mir, wie ich dir helfen k├Ânnte.┬ź Das verborgene Stimmchen sagte: ┬╗Schneide dort, wo sich drei G├╝ter treffen, vom Vogelbeerbaum einen Zweig, einen Finger dick und eine Spanne lang, nimm ein paar Handvoll B├Ąrlapp und Hexenkraut, z├╝nde alles zusammen an und r├Ąuchere den Stein neunmal im Kreis gegen Sonnenaufgang, so dass kein Fleckchen unger├Ąuchert bleibt. Dann werden sich die Tore meines Kerkers ├Âffnen, und ich werde mich wieder der Sonne und des Windes erfreuen k├Ânnen. Ich werde dir f├╝r deine Wohltat grenzenlos dankbar sein und dich zu einem gro├čen Mann machen. ┬źDer J├╝ngling ├╝berlegte ein Weilchen und sagte dann: ┬╗Dem N├Ąchsten in der Not zu helfen, ist eines jeden Menschen Pflicht. Ich wei├č zwar noch nicht, ob du ein guter oder ein b├Âser Geist bist, aber ich will dir in deiner Not helfen. Doch bevor ich es tue, musst du mir schw├Âren, dass keinem Menschen daraus Schaden erw├Ąchst.┬ź Das verborgene Stimmchen gelobte dem J├╝ngling, all seine W├╝nsche zu erf├╝llen.

Nun ging der J├╝ngling in den Wald, um das n├Âtige Holz und die Kr├Ąuter f├╝r die Ber├Ąucherung zu suchen. Zum Gl├╝ck kannte er die Stelle, wo sich drei G├╝ter trafen und die nicht zu weit entfernt war. Es dauerte aber trotzdem bis zum Mittag des n├Ąchsten Tages, bis er alles Notwendige beisammen hatte. So war er erst gegen Abend wieder bei dem Stein zur├╝ck.
Eine ganze Weile nach Sonnenuntergang begann er, den Stein zu r├Ąuchern, machte, wie gehei├čen, neun Kreise gegen Sonnenaufgang um den Stein und gab acht, dass auch nicht das kleinste Fleckchen unger├Ąuchert blieb. Als er gerade die neunte Runde beendete, donnerte es pl├Âtzlich gewaltig. In diesem Augenblick hob sich der Stein aus der Erde. Aus der Grube des Steins sprang wie der Wind ein kleines M├Ąnnlein hervor und lief davon wie vom Teufel geritten. Es war aber noch keine f├╝nf Schritte weit, da fiel der Stein ins Loch zur├╝ck und ├╝bersch├╝ttete den J├╝ngling und das M├Ąnnlein mit Schutt und Staub. Das M├Ąnnlein lief zu dem J├╝ngling, fiel ihm um den Hals und h├Ątte ihm sogar H├Ąnde und F├╝├če gek├╝sst, doch jener str├Ąubte sich. Dann setzten sich beide neben den Stein ins Gras, und das gerettete M├Ąnnlein erz├Ąhlte, was ihm zugesto├čen war.
┬╗Vor langer, langer Zeit war ich ein ber├╝hmter Weiser, ich tat den Menschen viel Gutes und wurde daf├╝r reichlich belohnt. Ich heilte Menschen und Tiere, wenn ihnen etwas zustie├č. Ebenso vereitelte ich den b├Âsen Hexen das Werk, das sie zum Schaden der Menschen betrieben. Deshalb hassten sie mich und f├╝rchteten sich vor mir wie vorm Feuer, denn ich war ihnen in allem ├╝berlegen. So rieten sie hin und her, wie sie meiner m├Ąchtig werden k├Ânnten, doch ich war jedes Mal schlauer und vereitelte somit alle ihre Vorhaben. Schlie├člich legten sie eine gro├če Menge Geld zusammen und sandten es mit einem Boten ins Nordland, wo sie einen m├Ąchtigen Hexenmeister zu Hilfe riefen. Diesem B├Âsewicht gelang es, mich durch Gerissenheit zu fangen. Heimlich entwendete er mir mein Werkzeug der Heilkunst und sperrte mich unter diesen Stein, wo ich so lange schmachten sollte, bis das Gl├╝ck einen Mann herbeif├╝hre, der am Himmelfahrtstage bei Sonnenaufgang geboren war. Siebenhundert Jahre musste ich hier warten, bis der gl├╝ckliche Augenblick kam, da├č du vorbeigingst, meine flehende Bitte zu Herzen nahmst und mich befreitest. Hab Dank, unendlich viel Dank f├╝r deine G├╝te! Ohne Entgelt werde ich dir dienen und dankbar sein, all meine Macht und Weisheit in deine Dienste stellen, bis ich dich so hoch erhoben habe, wie es f├╝r einen Sterblichen nur m├Âglich ist. Habe ich dieses Versprechen erf├╝llt, werde ich dich um Hilfe bitten, um meinem Feind alles B├Âse zu vergelten, sollte das Gl├╝ck ihn mir zu Augen bringen. Bis zu diesem Tag werde ich mich vor den Blicken der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde von meiner Befreiung nichts erfahren. Durch Zauberkraft vermag ich, jede beliebige Gestalt anzunehmen. So kann ich mich in einen Floh verwandeln und in deiner Hosentasche leben. Brauchst du jemals Hilfe oder Rat, werde ich hinter dein Ohr springen und sagen, was du zu tun hast. Wegen Speis und Trank brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich habe siebenhundert Jahre ohne einen Bissen unterm Stein verbracht, was sollte mir nun an frischer Luft und bei hellem Sonnenschein fehlen? La├č uns schlafen gehen, morgen fr├╝h machen wir uns auf den Weg, unser Gl├╝ck zu versuchen.┬ź
Als das M├Ąnnlein nichts mehr sagte, verzehrte der J├╝ngling sein d├╝rftiges Abendbrot und legte sich zur Ruhe. Als er am n├Ąchsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmelszelt, vom gestrigen Gef├Ąhrten aber fehlte jede Spur. Schlaftrunken wu├čte der J├╝ngling nicht, was er von all dem halten sollte. War das Geschehene Wirklichkeit, oder hatte er nur getr├Ąumt?
Als er nun gefr├╝hst├╝ckt hatte und sich gerade auf den Weg machen wollte, sah er drei Wanderer des Weges kommen. Diese sahen wie Handwerker aus, und jeder hatte einen Ranzen auf dem R├╝cken. Pl├Âtzlich f├╝hlte der J├╝ngling ein Kitzeln hinterm Ohr, und eine feine Stimme summte ihm wie eine M├╝cke zu: ┬╗Lade die Wanderer zur Rast ein, und versuche zu erfahren, wohin der Weg sie f├╝hrt!┬ź Nun erinnerte sich der J├╝ngling, dass der gestrige Gef├Ąhrte ihm versprochen hatte, in seiner Hosentasche zu leben und sein Ratgeber zu sein. Also war das Geschehene Wirklichkeit und kein Traum.
Er trat den Wanderburschen entgegen und bat sie freundlich, am Stein Rast zu machen, und falls sie den gleichen Weg h├Ątten, zu viert weiterzuziehen. Die Wanderburschen erz├Ąhlten ihm nun, da├č sich in der K├Ânigsstadt vor ein paar Tagen ein gro├čes Ungl├╝ck zugetragen habe, die einzige Tochter des K├Ânigs soll beim Baden im Flu├č ertrunken sein. Und obwohl das Wasser an dieser Stelle gar nicht allzu tief gewesen war, konnte man den Leichnam nicht mehr finden, als h├Ątte sich die K├Ânigstochter im Wasser aufgel├Âste
Wieder versp├╝rte der J├╝ngling das vertraute Kitzeln hinterm Ohr, und sein geheimer Ratgeber summte ihm zu: ┬╗Geh mit ihnen, du kannst dort dein Gl├╝ck finden!┬ź Der J├╝ngling folgte dem Rat und gesellte sich zu den anderen.
Als sie schon ein gutes St├╝ck des Weges gegangen waren, gelangten sie in einen dichten Kiefernwald. Da sahen sie am Wege einen alten Bastranzen liegen. Der Ohrkitzler sprach: ┬╗Heb den alten Bastranzen auf, er wird euch von Nutzen sein!┬ź Obwohl der J├╝ngling ihm nicht recht Glauben schenken wollte, hob er den Ranzen dennoch auf, hing ihn sich ├╝ber und sagte schmunzelnd: ┬╗Der Mensch soll nicht verschm├Ąhen, was er zuf├Ąllig am Wege findet. Wer wei├č, wo dieser alte Ranzen uns zugute kommt.┬ź Die Gef├Ąhrten lachten darauf und erwiderten: ┬╗Von uns aus nimm ihn mit, der leere Ranzen wird deiner Schulter nicht schwerfallen.┬ź .
Aber schon nach einigen Stunden sollten sie die geheimen Kr├Ąfte des Ranzens kennenlernen und sich beim J├╝ngling bedanken, das verschm├Ąhte Ding aufgehoben zu haben. Die brennende Mittagssonne trieb den M├Ąnnern den Schwei├č aus den Poren. Sie setzten sich unter einen schattigen Baum zur Rast und gedachten gerade, sich mit ihrer kargen Wegzehrung zu st├Ąrken, als der Ohrkitzler seinem Herrn ins Ohr summte: ┬╗Befiehl dem Ranzen, die Mahlzeit zu besorgen!┬ź Der J├╝ngling dachte: >Will er mich auch zum besten haben, warum sollte ich meinen Gef├Ąhrten einen Streich spielen?< Aber er band den Ranzen ab, legte ihn vor sich aufs Gras, klopfte mit dem Wanderstab darauf und rief: ┬╗Ranzen, Ranzen, schaffe uns eine Mahlzeit herbei!┬ź
Hat man je auf der Welt gesehen oder geh├Ârt, was jetzt geschah! Die im Scherz gesprochenen Worte wurden wahr. An Stelle des Ranzens stand vor ihnen ein kleines wei├čgedecktes Tischlein voller Sch├╝sseln mit allerlei Speisen und vier L├Âffeln daneben. Und was f├╝r leckere Sachen es dort gab! Eine Kraftbr├╝he aus frischem Fleisch Schweinebraten, W├╝rstchen und Kuchen aus feinstem Mehl, f├╝r den Durst aber Flaschenbier, Schnaps und Honigwein. Die M├Ąnner machten sich dar├╝ber her, ohne gebeten zu werden, als s├Ą├čen sie am Hochzeitstisch, denn noch nie im Leben hatten sie eine solche leckere Festspeise zu Munde bekommen. Als sie alle satt waren, verschwand das Tischlein ebenso pl├Âtzlich wie es erschienen war, und anstelle dessen lag wieder der alte Ranzen da.
Hatten die drei Gef├Ąhrten sich anfangs ├╝ber den Ranzentr├Ąger lustig gemacht, so wollte nun ein jeder den Ranzen selbst tragen, und schlie├člich drohte deshalb sogar ein Streit auszubrechen. Der Finder des Ranzens sagte aber: ┬╗Ich habe den alten Ranzen aufgehoben, also glaube ich mit Recht, er geh├Ârt mir.┬ź Das konnten die anderen nicht bestreiten, und so mussten sie denn den Ranzen dem Finder ├╝berlassen. Doch wollten sie nun nicht mehr, dass der Ranzen so einfach auf dem R├╝cken getragen wird. Einer der Wanderer, ein gelernter Schneider, nahm Nadel und Faden aus seinem Ranzen und n├Ąhte f├╝r den alten, zerfetzten Ranzen aus einem Brotbeutel einen ├ťberzug, in den sie den Nahrungsspender behutsam legten, damit er unterwegs nicht zuf├Ąllig besch├Ądigt w├╝rde.
Als die M├Ąnner sich nach dem Mittagsmahl ein paar Stunden ausgeruht hatten, machten sie sich eiligst wieder auf den Weg. Ein voller Bauch und ein von Hoffnung beschwingtes Herz sind auf Wanderwegen stets die heitersten Begleiter. Das war auch unseren Wandersleuten anzusehen, die singend und scherzend voranschritten. Am Abend richteten sie unter einem Busch ein Nachtlager, und der Ranzen sorgte wie am Mittag reichlich f├╝r Speis und Trank. Als die M├Ąnner sich zur Ruhe legten, war die gr├Â├čte Sorge f├╝r sie, wie sie den Ranzen bewachen sollten, dass er nicht einem B├Âsewicht in die H├Ąnde fiel. Zuletzt beschlossen sie, dass alle vier ihren Kopf auf den Ranzen legen und die Beine in Richtung Norden und S├╝den, Osten und Westen strecken sollten. Der Finder des Ranzens band au├čerdem noch ein Ende seines G├╝rtels an den Ranzen und das andere an die linke Hand, so dass er jede Bewegung des Ranzens bemerkt h├Ątte. Obwohl sie ihren Speisespender nicht besser h├Ątten bewachen k├Ânnen, wurden die M├Ąnner durch unruhige Tr├Ąume mehrmals aus dem Schlaf geschreckt, wobei es das erste war, nachzuf├╝hlen, ob sich ihr Schatz noch an Ort und Stelle befand.
Am Morgen, bevor sie aufbrachen, schaffte der Ranzen auf Befehl im Handumdrehen das Fr├╝hst├╝ck herbei. So wiederholte sich das Gl├╝ck jeden Tag, bis sie nach einer Woche in die K├Ânigsstadt gelangten. Dort summte der Ohrkitzler seinem Retter ins Ohr, die K├Ânigstochter sei von einem b├Âsen Wassermann entf├╝hrt und in seine H├Âhle verschleppt worden, und er versprach, ihm den Weg zu weisen, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.
Zun├Ąchst aber riet er dem J├╝ngling, vor den K├Ânig zu treten und zu versprechen, er wollte die ertrunkene K├Ânigstochter aus dem Wasser holen. Sollte ihm dabei etwas zusto├čen und er nicht mit dem Leben zur├╝ckkehren, m├╝sste der K├Ânig sich verpflichten, die H├Ąlfte der versprochenen Belohnung seinen Eltern zu schicken, die andere H├Ąlfte aber unter den Armen der Stadt zu verteilen. Obwohl der K├Ânig nicht die geringste Hoffnung hegte, nach so langer Zeit auf die Spur der verschollenen Tochter zu kommen, nahm er das Anerbieten des J├╝nglings voller Freude an und versprach, mit der Belohnung so zu verfahren, wie der J├╝ngling es w├╝nschte. Am folgenden Tage sollte der J├╝ngling sein Gl├╝ck versuchen. Als sie das k├Ânigliche Schloss verlie├čen, summte der Ohrkitzler: ┬╗Fang dir heute Abend drei Krebse, sie werden dir den Weg weisen!┬ź Der J├╝ngling tat, wie gehei├čen.
Am n├Ąchsten Tag versammelten sich die Menschen in Scharen am Ufer, wo der J├╝ngling ins Wasser steigen sollte, um die verschwundene K├Ânigstochter zu suchen. Auch der K├Ânig kam in Begleitung vieler w├╝rdiger Amtstr├Ąger, um dem Versuch des fremden J├╝nglings zuzusehen. Dann wurde die Kammerjungfer gerufen, die die Stelle zeigen sollte, wo die K├Ânigstochter in den Wogen verschwunden war, denn die Jungfer sa├č an diesem Tag am Ufer und sah mit eigenen Augen, wie sich die traurige Geschichte zugetragen hatte. Es war gleich zu sehen, dass man an dieser Stelle unm├Âglich h├Ątte ertrinken k├Ânnen. Das Wasser war keine drei Fu├č tief, der Grund fest und die Str├Âmung sehr schwach. Mehr als dreihundert Schritt flussabw├Ąrts fand man zwar eine sehr tiefe Stelle, aber wie konnte die K├Ânigstochter so weit abgekommen sein? Mit rechten Dingen konnte es hier nicht zugehen.
Der Ratgeber summte dem J├╝ngling ins Ohr: ┬╗Setze heimlich einen Krebs ins Wasser, und pa├č auf, welche Richtung er einschl├Ągt!┬ź Der J├╝ngling tat augenblicklich, wie ihm gehei├čen. Er steckte eine Hand ins Wasser, als messe er die Tiefe des Wassers, und setzte dabei einen Krebs hinein, so da├č niemand es sah. Der Krebs schwamm etwa zwanzig Schritt stromabw├Ąrts, drehte dann pl├Âtzlich nach links und verschwand unter dem Ufer. Der zweite und der dritte Krebs folgten dem Beispiel des ersten. Nun summte der Ratgeber dem J├╝ngling ins Ohr: ┬╗Den Weg kennen wir jetzt, es ist auch unser Weg. Stampfe dreimal mit dem Absatz aufs Ufer und springe dann kopf├╝ber ins Wasser. Wir werden den rechten Weg schon finden!┬ź Der J├╝ngling tat, wie befohlen, stampfte dreimal auf und sprang kopf├╝ber ins Wasser, dass es nur so sch├Ąumte. Das Volk am Ufer harrte still der Dinge, die nun folgen sollten.
Unter dem Ufer fand der J├╝ngling eine ├ľffnung zu einer H├Âhle, in die ein Mensch bequem hinein passte. ┬╗Kriech hinein!┬ź rief der Ratgeber. Als der J├╝ngling eine Weile mit M├╝he voran gekrochen war, wurde der dunkle Gang pl├Âtzlich so breit, dass er aufrecht weitergehen konnte. Der Ratgeber riet ihm, mutig voranzuschreiten. Eine Weile sp├Ąter fiel ein Lichtschimmer auf den dunklen Weg, und bald umgab
den J├╝ngling wieder helles Licht. Vor ihm ├Âffnete sich eine weite gr├╝ne Wiese, und etwas weiter stand ein gro├čes Wohnhaus aus blauem Stein. ┬╗Merke dir nun gut, was ich dir sage┬ź, sprach der Ratgeber, ┬╗und f├╝hre alles genau so aus, sonst wirst du die K├Ânigstochter nie aus ihrer Gefangenschaft befreien. Die K├Ânigstochter lebt dort im blauen Hause des Wassermanns. Zwei B├Ąren bewachen Tag und Nacht das Tor, so dass kein Lebewesen hinein noch hinaus kann. Du musst sie vers├Âhnen. Nimm deinen Ranzen, und befiehl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln, wenn wir bei dem Tor sind. Wirf ihn den B├Ąren zu, und schleiche dich hinter ihren R├╝cken ins Haus. Dort werden wir weitersehen.┬ź
Als der J├╝ngling zum Tor gelangte, h├Ârte er das Brummen der B├Ąren und erschrak. Als er aber die Tiere selbst durch einen Spalt des Tores erblickte, rutschte ihm das Herz vollends in die Hosentasche. Dennoch warf er den Ranzen ab und befahl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln. Im Handumdrehen stand ein Bienenstock vor ihm, aber so schwer, dass er ihn nicht zu bewegen vermochte. Doch die B├Ąren hatten den Honig gewittert, sie stie├čen das Tor auf und machten sich ├╝ber den Bienenstock her, ohne sich um den J├╝ngling zu k├╝mmern. Dieser eilte hinter ihren R├╝cken auf den Hof und geradewegs zur Haust├╝r, die zum Gl├╝ck nicht verschlossen war. Der Ratgeber summte: ┬╗Die rechte Kammert├╝r hat einen goldenen Schl├╝ssel, schlie├če damit die T├╝r ab und stecke den Schl├╝ssel ein, dann kann der alte Wassermann nicht mehr heraus. In der linken Kammer mit dem silbernen Schl├╝ssel schmachtet die K├Ânigstochter, die du befreien musst.┬ź Als der J├╝ngling mit dem goldenen Schl├╝ssel die T├╝r abgeschlossen hatte, h├Ârte er aus der Kammer ein so f├╝rchterliches Gejaule, dass die W├Ąnde wackelten. Er steckte den Schl├╝ssel in die Tasche und eilte zur T├╝r mit dem silbernen Schl├╝ssel. Als er die T├╝r ├Âffnete, sah er die K├Ânigstochter auf dem Bettrand sitzen und bitterlich weinen. Als sie den fremden J├╝ngling erblickte, erschrak sie heftig, aber als er ihr erz├Ąhlte, dass er gekommen sei, um sie zu befreien, lief sie ihm voller Freude entgegen.
Der J├╝ngling sagte zu ihr: ┬╗Wir d├╝rfen nicht l├Ąnger hierbleiben, wir m├╝ssen fliehen, bevor die B├Ąren den Bienenstock leergemacht haben!┬ź Dann fasste er die K├Ânigstochter bei der Hand und zog sie mit sich vor die T├╝r des Hauses. Die B├Ąren waren so mit dem Bienenstock besch├Ąftigt, dass sie ihr Kommen ├╝berhaupt nicht bemerkten. Auf Zehenspitzen schlichen sich die beiden zum Hoftor hinaus. Der J├╝ngling schloss das Tor von au├čen ab, so dass die B├Ąren nicht mehr herauskommen konnten, und sie machten sich flugs auf den Weg.
Der Ratgeber aber summte an seinem Ohr: ┬╗Ruf den Ranzen zur├╝ck!┬ź Der J├╝ngling rief: ┬╗Ranzen, mein Ranzen, komm heim!┬ź Augenblicks hatte er den Ranzen wieder auf dem R├╝cken. Als sie zur dunklen und engen Stelle des Weges gelangten, sagte der J├╝ngling zur K├Ânigstochter: ┬╗F├╝rchtet Euch nicht vor der Dunkelheit und der Enge, gleich sind wir da. Im Wasser dr├╝ckt die Augen zu, bis ich Euch ans Ufer getragen habe.┬ź Nun war der Gang aber viel breiter als beim Hereinkommen, so dass beide ungehindert vorankamen. Im Wasser des Flusses nahm er die K├Ânigstochter auf die Arme und trug sie ans Ufer.
Die meisten der Schaulustigen waren schon nach Hause gegangen, denn sie dachten, den J├╝ngling nie wiederzusehen. Der K├Ânig aber sa├č mit seinem Gefolge noch am Ufer und sprach ├╝ber das ungl├╝ckliche Ereignis, als im Wasser pl├Âtzlich zwei K├Âpfe auftauchten. Wer k├Ânnte die Freude des K├Ânigs beschreiben, als er die f├╝r tot gehaltene Tochter quicklebendig vorfand. Der K├Ânig fiel mal der Tochter, mal ihrem Retter um den Hals und vergoss Freudentr├Ąnen. Ebenso weinten alle Menschen, die noch da waren, vor Freude. Als die freudige Nachricht aber mit Windeseile in die Stadt gelangte,. str├Âmte das Volk in Scharen herbei, um das Wunder selbst zu sehen.
Auf Befehl des K├Ânigs musste der Retter seiner Tochter mit aufs Schloss kommen, wo ihm die k├Ânigliche Belohnung ausgezahlt wurde, dreimal mehr, als man ihm versprochen hatte. Am Abend, als der J├╝ngling sich im pr├Ąchtigen Bett zur Ruhe legen wollte, summte der Ratgeber an seinem Ohr: ┬╗Du darfst nicht l├Ąnger als ein paar Tage hierbleiben, dann m├╝ssen wir weiterziehen, denn nun bist du auf einmal sehr reich geworden. Ich glaube, der K├Ânig w├╝rde mit der Zeit aus dir seinen Schwiegersohn machen, aber das w├Ąre nicht gut. Du bist noch zu jung und unerfahren, es w├Ąre nichts f├╝r dich, so hoch in Ehren zu stehen. La├č uns lieber in die weite Welt ziehen, bis du ├Ąlter und erfahrener wirst!┬ź
Obwohl dieser Rat dem J├╝ngling nicht besonders gefiel, beschloss er, auch jetzt nach seinem Rat zu handeln. Der K├Ânig und die K├Ânigstochter baten zwar, er m├Âge etwas l├Ąnger ihr Gast sein, doch er durfte ihnen nicht nachgeben, denn das M├Ąnnchen hatte ihm anders geraten. Als reicher Mann h├Ątte er nun nicht mehr zu Fu├č laufen m├╝ssen, sondern h├Ątte in einer sch├Ânen Kutsche fahren k├Ânnen, da er aber keine Eile hatte und der Ranzen t├Ąglich f├╝r Speis und Trank sorgte, wanderte er wie gewohnt mehr zu Fu├č als zu Pferde.
Eines Tages, als ihm gerade die Beine m├╝de geworden waren, wurde er wieder hinterm Ohr gekitzelt, und das bekannte Stimmchen summte: ┬╗Du wirst verfolgt, und man will dir den Ranzen rauben, denn deine ehemaligen Gef├Ąhrten haben in der Stadt ├╝ber den wunderlichen Ranzen geplaudert, und alle m├Âchten ihn nun in ihren Besitz bringen. Such dir eine Keule aus hartem Eichenholz, so lang, da├č sie gerade in den Ranzen pa├čt. An einem Ende mach ihr ein Loch und gie├č Blei hinein, dann wirst du einen wackeren Helfer haben, der dich vor deinen Feinden sch├╝tzt.┬ź Der J├╝ngling befolgte den Rat noch am selben Tage. Er schnitzte sich eine schwere Keule und steckte sie in den Ranzen.
Am n├Ąchsten Vormittag, als der J├╝ngling gerade durch einen dichten Wald ging, sprangen zehn Mann aus dem Dickicht und wollten ihn berauben. Der Ohrkitzler summte an seinem Ohr: ┬╗Hol die Keule aus dem Ranzen!┬ź Der J├╝ngling holte die Keule hervor, und sieh, welch Wunder! Pl├Âtzlich war die Keule wie lebendig. Sie sprang den R├Ąubern auf den Buckel und gerbte ihnen t├╝chtig das Fell, dass sie mehrere Tage lang lagen, ehe sie wieder laufen konnten.
An einem sch├Ânen Sommerabend gelangte der Wandersmann in ein gro├čes Dorf, wo die Jugend sich auf dem Dorfplatz gerade lustig vergn├╝gte. Die einen schaukelten Lieder singend auf der Dorfschaukel, andere schwangen nach der Musik der Ziehharmonika das Tanzbein. Pl├Âtzlich sp├╝rte der Wandersmann, der dem lustigen Treiben zusah, wie es hinter seinem Ohr kitzelte und summte: ┬╗Zu einer gl├╝cklichen Stunde sind wir hergekommen, denn auch mein Feind vergn├╝gt sich hier. Wenn es uns gelingt, wie ich es mir gedacht habe, und wenn du gen├╝gend geschickt bist, werden wir ihn heute erwischen, und ich werde ihm das heimzahlen, was er verdient hat. Schau dir genau die M├Ądchen an, du findest dort eine, die an Stelle von Perlen ein fingerdickes Band um den Hals tr├Ągt. Versuche, mit dem M├Ądchen zu tanzen, und wenn ihr euch am schnellsten dreht, musst du nach dem bunten Halsband greifen und es zerrei├čen, auch wenn du das M├Ądchen dabei erw├╝rgst! Sie ist z├Ąh wie eine Katze, ein wenig dr├╝cken schadet ihr gar nichts!┬ź
Der J├╝ngling begab sich sofort auf die Tanzfl├Ąche, wo er aber eine Zeitlang suchen musste, bis er unter den anderen das M├Ądchen mit dem bunten Halsband fand, dem die Burschen wegen ihrer Sch├Ânheit und ihres bauschigen Lockenkopfes wenig Ruhe g├Ânnten.
Sobald unser J├╝ngling den rechten Augenblick fand, da das M├Ądchen gerade nicht im Arm eines anderen Burschen war, forderte er es zum Tanz auf. Mitten im gr├Â├čten Schwung griff er mit der rechten Hand nach dem bunten Halsband und zerriss es, dass die St├╝cke in alle Winde flogen. Ein herzzerrei├čendes, f├╝rchterliches Wehgeheul ÔÇö und das M├Ądchen war verschwunden!
Die jungen Leute ringsumher erschraken f├╝rchterlich ├╝ber das Gebr├╝ll. Dann sahen sie ein graues M├Ąnnlein mit einem langen Bart, das flink dem dichten Walde zulief, und einen anderen, der sich ihm auf den Fersen hielt, so dass der erstere nicht entkommen konnte. Die Entfernung und die Abendd├Ąmmerung brachten die beiden den Zur├╝ckgebliebenen bald aus den Augen, deshalb setzte das junge Volk allm├Ąhlich sein Vergn├╝gen wieder fort, als w├Ąre nichts geschehen. Unser J├╝ngling sah dem lustigen Treiben noch eine gute Weile zu und machte sich dann auf, um f├╝r sich ein stilles Fleckchen zu suchen, wo er ├╝bernachten k├Ânnte.
Er war noch nicht weit aus dem Dorf, als er hinter sich jemanden mit schnellen Schritten kommen h├Ârte. Er schaute sich um und sah, dass ein fremder Mann ihm folgte. ┬╗Warte, Br├╝derchen!┬ź rief der Fremde. ┬╗Lass uns gemeinsam gehen! Oder erkennst du mich nicht? Ich bin wieder gro├č und stark geworden und fremd f├╝r dein Auge, doch bin ich wie vorher dein Schuldner, weil du mich aus siebenhundert j├Ąhriger Gefangenschaft erl├Âstest und heute meinen ├Ąrgsten Feind in meine Gewalt brachtest, so dass ich nicht mehr in deiner Hosentasche leben muss.┬ź
Nun erz├Ąhlte er dem J├╝ngling, wie er seinen Feind im Walde gefesselt habe, der ja nicht mehr entwischen konnte, denn mit dem zerrissenen Zauberhalsband, das nichts weiter als eine lebendige Schlange gewesen, war auch all seine Zauberkraft hin. Dem Feind aber sollte noch ein paar Tage lang mit einem Kn├╝ppel das Fell gegerbt werden, damit er den Ort angebe, wo er vor siebenhundert Jahren die drei K├Ânigst├Âchter und einen unermesslichen Schatz verborgen hatte. ┬╗Finden wir den Schatz und die K├Ânigst├Âchter, bist du ein reicher und gl├╝cklicher Mann, wenn du es vermagst, die K├Ânigst├Âchter aus ihrem Zauberschlaf zu wecken.┬ź Nach diesem langen Bericht st├Ąrkten sich beide aus dem Ranzen und legten sich danach zur Ruhe.
Am n├Ąchsten Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer zu sehen. Da stand das arme M├Ąnnlein, H├Ąnde und Beine mit einem starken Strick gefesselt und ein Querholz hinter den Knien, dass es wie ein zusammengerollter Igel aussah. Der weise Mann sprach: ┬╗Kn├╝ppel aus dem Ranzen!┬ź
Da sprang der Kn├╝ppel dem gefesselten Zauberer auf den Buckel und schlug drauflos, als wollte er ihm alle Glieder brechen. Der Zauberer flehte um Gnade und versprach, alles zu gestehen. Als man ihn aber nach den K├Ânigst├Âchtern und dem Schatz fragte, sagte er, er habe den Ort nach so langer Zeit vergessen. Wieder wurde der Kn├╝ppel aus dem Ranzen gelassen. Da der Zauberer nun alle Hoffnung auf ein Entkommen verlor, gestand er schlie├člich, wo die K├Ânigst├Âchter und der Schatz zu finden w├Ąren. Der Weise sagte: ┬╗Du wirst mein Gefangener sein, bis wir alles gefunden haben. Du kannst aber nicht hierbleiben, wo dich zuf├Ąllig ein Mensch finden k├Ânnte und aus Mitleid deine Bande l├Âsen w├╝rde.┬ź
Mit diesen Worten hob er sich das M├Ąnnlein wie ein Kn├Ąuel auf die Schulter und trug es an den Rand eines tiefen Abgrundes, wo er es hinabschleuderte, dass seine Knochen krachten. ┬╗Warte hier┬ź, lachte der Weise, ┬╗bis wir wieder da sind!┬ź Dem J├╝ngling erkl├Ąrte der Weise, dass sie zum gew├╝nschten Ort nur durch Zauberkraft gelangten, weil es sonst zu weit w├Ąre, und der Ranzen w├╝rde ihnen als Fuhrwerk dienen. Auf seinen Befehl verwandelte sich der Ranzen in einen Schweinetrog, wo beide gerade so viel Platz hatten, dass sie bequem sitzen oder liegen konnten. An beiden Seiten hatte der Trog Fl├╝gel. Als beide M├Ąnner drinsa├čen, erhob sich der Trog bis zu den niedrigsten Wolken und flog in Richtung S├╝den. Auf Befehl des Weisen spendete der Trog den beiden jeden Tag Speis und Trank wie vorher der Ranzen, so dass es ihnen an nichts fehlte. Auch wurde ihr Schifflein nie m├╝de und eilte Tag und Nacht unaufhaltsam weiter. Nach einer Woche befahl der Weise dem Trog, dass er sie absetze. Sie waren zu einer unendlich gro├čen hei├čen W├╝ste gelangt, wo nichts weiter zu sehen war, als einige Ruinen von alten Wohnst├Ątten. Der Weise verwandelte den Trog nun wieder in den Ranzen und gab ihn seinem Gef├Ąhrten zu tragen, wobei er sagte: ┬╗Du hast noch einen Weg von einigen Tagen vor dir, ich darf dich aber nicht weiter begleiten.┬ź Dann scharrte er unter einem Mauerrest den Sand beiseite, und alsbald kam dort eine Luke zum Vorschein. Als er die Luke anhob, ├Âffnete sich ihnen eine Treppe. Dann fing der Weise eine gro├če Fliege und steckte sie in ein kleines Sch├Ąchtelchen. Dem J├╝ngling aber sagte er: ┬╗Wirst du gefragt, wer diese oder jene K├Ânigstochter sei, dann lass die Fliege los und pass auf, wo sie hinfliegt. Die Fliege wird dir die Jungfrau zeigen, nach der man dich gefragt hat.┬ź
Danach machte sich der J├╝ngling auf den Weg, mochte es nun Gl├╝ck oder Ungl├╝ck bringen. Wie ihm schien, war er dann schon l├Ąnger als eine Zeit zwischen zwei Mahlzeiten die dunkle Treppe hinabgestiegen, als er M├╝digkeit in den Beinen und Hunger im Magen versp├╝rte. Er setzte sich auf eine der Treppenstufen nieder, st├Ąrkte sich mit Speis und Trank, ruhte ein wenig und stieg dann weiter in die Tiefe. Nach einer Weile erfasste sein Auge einen Lichtschimmer, und nach einer halben Stunde gelangte er in eine fremde Gegend, wo er ein stattliches Schloss erblickte. Munter schritt er darauf zu.
Am Tor kam ihm ein kleiner Alter mit grauem Haupt und Bart entgegen und sagte: ┬╗Komm, Br├╝derchen, versuche dein Heil! Kannst du mir sagen, welche die j├╝ngste Tochter des K├Ânigs ist, so nimm ihre Hand, und die Schlafenden werden sogleich erwachen. Solltest du dich irren, f├Ąllst du in ebensolchen Schlaf!┬ź
Der J├╝ngling trat ein, holte heimlich das Sch├Ąchtelchen hervor und folgte dem Alten, bis sie ins dritte Zimmer gelangten. Dort schliefen auf einem wundersch├Ânen Seidenbett drei wundersch├Âne Jungfrauen, die sich aber alle drei so ├Ąhnlich sahen, da├č man keinen Unterschied h├Ątte machen k├Ânnen. Als der J├╝ngling sich die M├Ądchen eine Weile z├Âgernd angeschaut hatte und weder ein noch aus wusste, lie├č er die Fliege los. Sie flog im Zimmer hin und her und setzte sich schlie├člich auf die Stirn des mittleren M├Ądchens. Der J├╝ngling trat n├Ąher, nahm die Hand der Jungfrau und sagte: ┬╗Das ist die j├╝ngste K├Ânigstochter.┬ź Im selben Augenblick erwachten die K├Ânigst├Âchter aus ihrem Schlaf, sie standen auf, und die j├╝ngste Schwester fiel ihrem Retter um den Hals und sagte: ┬╗Sei willkommen, liebster Br├Ąutigam, der du uns aus unserem langen Zauberschlaf erl├Âst hast. Jetzt aber lasst uns heim eilen.┬ź
Auf dem R├╝ckweg konnte der J├╝ngling nicht mehr die Treppe finden, als sie sich aber eine Weile durch den finsteren Gang getastet hatten, umgab sie pl├Âtzlich heller Sonnenschein. An Stelle der W├╝ste sahen sie gr├╝nende G├Ąrten und Wiesen voller Blumen und an Stelle der alten Mauerreste ein stolzes Schloss, umgeben von einer gro├čen Stadt.
Der Weise kam ihnen auf halbem Wege entgegen, nahm den J├╝ngling bei der Hand und f├╝hrte ihn ein wenig abseits, an einen kleinen Teich mit klarem Wasser und B├╝schen am Ufer. ┬╗Schau in den Wasserspiegel!┬ź befahl der Weise. Der J├╝ngling tat, wie gehei├čen, doch schien ihm, dass seine Augen ihn t├Ąuschten. Wohl hatte sein Antlitz sich nicht ver├Ąndert, nur die pr├Ąchtigen k├Âniglichen Kleider aus Samt und Gold kamen ihm recht fremd vor. ┬╗Wo kommen die pr├Ąchtigen Kleider her?┬ź fragte der J├╝ngling. Der Weise erwiderte: ┬╗Das war der letzte Dienst, den dir der Ranzen erwiesen hat. Weiterhin brauchst du seine und meine Hilfe nicht mehr, denn in ein paar Tagen wirst du Schwiegersohn des K├Ânigs sein und sp├Ąterhin selbst K├Ânig werden, wenn der alte K├Ânig seine m├╝den Augen geschlossen hat. Damit hoffe ich, dir meine Schuld abgetragen zu haben.┬ź ÔÇö ┬╗Mehr als tausendfach!┬ź rief der J├╝ngling freudig, und sie nahmen voneinander Abschied.
Nach einigen Tagen wurde die Hochzeit der j├╝ngsten Tochter des K├Ânigs und des J├╝nglings gefeiert. Und als nach einem Jahr der alte K├Ânig f├╝r immer die Augen schloss, wurde der J├╝ngling zum K├Ânig ernannt, der wohl heute noch regiert, wenn er nicht gestorben ist.

aus Estland 

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