Der Aschewicht | Ein MĂ€rchen aus Estland

Ein MĂ€rchen aus Estland: Der Aschewicht

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Es lebte einmal ein Mann, der hatte drei Söhne. Die beiden Ă€lteren waren recht klug, nur der jĂŒngste war ein DĂŒmmling. Die Ă€lteren Söhne standen beim Vater in hoher Gunst, aus dem jĂŒngsten aber machte er sich nicht viel. Auch die beiden Ă€lteren BrĂŒder sahen ĂŒber den DĂŒmmling hinweg und schimpften ihn stets nur Aschewicht. Das Leben wurde dem Aschewicht zu Hause von Tag zu Tag unertrĂ€glicher, darum dachte er schließlich, fortzugehen und anderswo sein GlĂŒck zu versuchen. So ĂŒberlegte er hin und her, und es fiel ihm nichts Besseres ein als die Königsstadt. Irgend etwas wĂŒrde sich dort schon finden, womit er sich ernĂ€hren könnte.

So brach er auf in die Königsstadt.

Auf dem Wege zur Königsstadt hörte der Aschewicht, dass der König wegen der wilden Tiere in großer Sorge sei. Im Walde des Königs sollen ein riesiger Waldochse und ein furchterregendes Wildschwein hausen. Diese bösen Tiere sollen jeden, der sich in den Wald wagt, anfallen. Der König habe schon etliche mutige MĂ€nner ausgeschickt, die den wilden Tieren den Garaus machen sollten, aber keiner von ihnen hatte es bisher vollbracht. Schließlich soll der König versprochen haben, er vermĂ€hle mit seiner Tochter denjenigen, der den riesigen Waldochsen und das gewaltige Wildschwein besiegt. Viele tapfere MĂ€nner sind daraufhin ausgezogen, um ihr GlĂŒck zu versuchen, waren aber froh, wenn sie mit dem Leben davonkamen. Deshalb sei der König so in Sorgen.

Da dachte der Aschewicht bei sich: >Wenn’s weiter nichts ist, mit den bösen Tieren will ich schon fertig werden! Lasst uns nur sehen! Er ging ins Königsschloss und verkĂŒndete, dass er dem Waldochsen und dem Wildschwein den Garaus machen werde. Die Diener des Königs lachten ihn aus: »Viele tapfere MĂ€nner haben es schon versucht, und doch alles umsonst. Da kommst du, der DĂŒmmling, daher! Dich reißen die Tiere doch gleich in StĂŒcke!« Am liebsten wollten die Diener des Königs den Aschewicht wieder nach Hause schicken, doch das durften sie nicht, denn der König hatte strengstens befohlen, wer das Wagnis wĂŒnscht, der soll es tun! Und der Aschewicht wollte es wagen, mit dem Ochsen zu kĂ€mpfen.
Der vereinbarte Tag rĂŒckte heran. Die ganze Stadt lief zusammen, um den Kampf des Aschewichts mit dem Ochsen zu sehen. Sogar der König war gekommen. Als Kampfplatz wĂ€hlte der Aschewicht den Kirchhof aus, auf dem mehrere hundert Jahre alte Eichen wuchsen. Der Ochse wurde aus dem Wald gelockt. Sobald er den Aschewicht erblickte, stĂŒrmte er wutschnaubend auf ihn zu. Der Junge aber tat so, als wĂŒrde er den Ochsen gar nicht beachten. Schon war der Ochse vor ihm und wollte ihn mit seinen riesigen Hörnern aufspießen. Flink wie ein Eichhörnchen sprang der Aschewicht beiseite. Mit mĂ€chtiger Wucht durchbohrten die Hörner des Waldochsen den Eichenstamm. Der Ochse rĂŒttelte und rĂŒttelte an ihm, es half alles nichts, er war gefangen. Da sprang der Aschewicht schnell herbei und schlug dem Ochsen den Kopf ab. Der Aschewicht hatte gesiegt. Alle Leute und sogar der König applaudierten ihm.
Die Diener des Königs spotteten nun wieder: »Den Ochsen hat der Junge zwar besiegt, aber mit dem Schwein wird er doch nicht fertig werden. Schweine bohren ihre Hauer nicht ins Gehölz!« — »Wir werden ja sehen, was sich tun lĂ€sst!« sagte der Aschewicht zu den Zweiflern.

Er ging in die Kirche hinein und schloss sorgfĂ€ltig alle TĂŒren und Fenster. Nur eine TĂŒr ließ er offen. Dann sagte er, man solle das Wildschwein aus dem Wald locken. Er selbst blieb an der KirchtĂŒr stehen, um auf das Schwein zu warten. Das Wildschwein kam bei der Kirche an und bemerkte den Aschewicht zuerst gar nicht. Es rannte um die Kirche herum, und nun gewahrte es den Gegner. Der Junge aber sprang schnell hinter die TĂŒr, und das Schwein sauste an ihm vorbei, geradewegs in die Kirche hinein. Der Junge schlĂŒpfte flink hervor und warf die TĂŒr mit einem Knall zu. Das Wildschwein war in der Kirche gefangen!
Das Volk stand voller Verwunderung da, der König aber lobte: »Was fĂŒr ein schlauer Bursche! Hat das Schwein in die Falle gelockt! Nicht schlecht, doch wie willst du das Schwein besiegen?« Der Aschewicht lĂ€chelte ĂŒber die Zweifler. Dann begann er, das Schwein vor der TĂŒr zu reizen. Das Schwein hörte ihn und wurde wĂŒtend. Es wollte ĂŒber den Jungen herfallen, aber die TĂŒr war ja zu. Das Schwein rannte in der Kirche umher, konnte jedoch nicht heraus.

Der Aschewicht hatte mit Absicht die Turmluke aufgelassen. Als das Wildschwein die offene Luke sah, lief es die Treppe hinauf in den Turm und schaute von dort herunter. Wie wunderte sich das Volk, als es das Schwein im Turm erblickte. Unten aber setzte der Junge sein Spiel fort. Da wollte das Schwein von oben auf den Jungen springen, doch jener hĂŒpfte flink beiseite. Das Schwein fiel herunter und mit den Beinen so tief in den Erdboden, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Da ergriff der Aschewicht das Schwert und hieb dem Schwein den Kopf ab. Wieder hatte der DĂŒmmling gesiegt. Das Volk umjubelte ihn, auch der König applaudierte ihm.

Nun fragte der Aschewicht den König: »Gibst du mir jetzt deine Tochter zur Frau?« Der König entgegnete: »Was ich versprochen hab‘, will ich auch halten.«

Und so heiratete der Aschewicht die Königstochter. Alle tanzten, dass die WĂ€nde wackelten. Hundert Ochsen und tausend Schweine wurden zum Fest geschlachtet. Den Hochzeitstisch deckte man auf dem Hof des Königs, und essen durfte daran, wen es gelĂŒstete. Erst als es zum zweiten Mal Vollmond wurde, machten sich die GĂ€ste auf den Heimweg. Nun hatte es der Aschewicht gut! Er war der Schwiegersohn des Königs, und seine Frau, die Prinzessin, war lieb und schön, so dass er sich keine bessere hĂ€tte wĂŒnschen können. So lebte er glĂŒcklich und zufrieden in den Tag hinein.

Doch der König mochte es nicht, dass seine Schwiegersöhne faulenzten. Eines Tages sagte er zum Aschewicht: »Weißt du, in meinem Walde lebt ein sonderbarer weißer Vogel. Ich möchte ihn gern haben. Wer mir diesen Vogel fĂ€ngt, bekommt einen reichlichen Lohn. Geh mit den anderen Schwiegersöhnen, und fangt mir den Vogel!« GĂ€hnend erwiderte der Aschewicht: »Gut, ich werde schon gehen!« Den gleichen Wunsch teilte der König auch seinen anderen Schwiegersöhnen mit.

Am nĂ€chsten Morgen machten sich die anderen Schwiegersöhne in aller FrĂŒhe auf den Weg, um den weißen Vogel zu fangen. Der Aschewicht aber schlief noch fest, ein Bern ĂŒbers andere geschlagen. Am Vormittag weckte ihn seine Gemahlin: »Steh doch endlich auf! Die anderen sind schon lĂ€ngst im Wald! Vielleicht haben sie den Vogel schon gefangen, und du schlĂ€fst immer noch!« Der Aschewicht erwiderte gĂ€hnend: »Ein jeder bekommt, was fĂŒr ihn vorgesehen!«

Endlich stand er auf, frĂŒhstĂŒckte, nahm ein StĂŒck Brot mit und schlenderte in den Wald, den Vogel zu suchen. Er ging im Walde hin und her, aber keine Spur von dem weißen Vogel. Plötzlich kam dem Aschewicht ein kleines, graues MĂ€nnchen entgegen. Das graue MĂ€nnchen sagte: »Sei ein guter Mann, und gib mir etwas zu essen! Ich habe schon den dritten Tag kein KrĂŒmelchen in den Mund bekommen!«
Dem Aschewicht war es recht. Er gab seinen Brotsack dem MĂ€nnchen und meinte: »Da, VĂ€terchen, iss, bis du satt bist! BegnĂŒge dich damit, was ich dir bieten kann!« Das graue MĂ€nnchen aß mit großem Appetit. WĂ€hrend es aß, fragte es den Aschewicht: »Sag mal, wohin gehst du mit so einem großen Brotbeutel?« Der Aschewicht erwiderte: »Ich soll ebenfalls den weißen Vogel fangen den der König haben will. Die anderen Schwiegersohne des Königs haben sich schon frĂŒhmorgens aufgemacht, sie werden den Vogel wohl lĂ€ngst gefangen haben. Ich werde mich nur noch ein wenig im Walde umschauen!« Doch das MĂ€nnchen tröstete ihn: »Es ist halb so schlimm! Ohne mich werden sie den Vogel nicht fangen. Sammle die heruntergefallenen BrotkrĂŒmel auf und streue sie auf die kleine Lichtung hier in der NĂ€he. Dort werden sich viele Vögel einfinden, um sie aufzupicken, darunter auch der weiße Vogel, nach dem sich der König so sehnt. Du brauchst ihn nur zu fangen. Und hab keine Angst, es wird ein leichtes sein, ihn zu fangen. Wenn du ein andermal meine Hilfe brauchst, komm nur hierher und rufe dreimal: »He, altes MĂ€nnchen!« Ich werd’s schon hören und kommen.« Der Junge dankte dem MĂ€nnchen fĂŒr den guten Rat und tat, wie befohlen. Alsbald kamen viele Vögel herbeigeflogen. Der Aschewicht fing den weißen Vogel und lief bis zu dem Weg, den entlang die anderen kommen mussten. Er setzte sich nieder, öffnete seinen Brotbeutel und aß. Dann wartete er und wartete, doch niemand kam vorĂŒber.

Erst am Abend erschienen die anderen Schwiegersöhne und sahen sehr traurig aus. Als sie den Aschewicht erblickten, sagten sie: »Sieh dir den Faulpelz an! Da schlĂ€ft er, wir aber suchen den Vogel und fallen bald um vor MĂŒdigkeit.« Der Aschewicht entgegnete: »Habt ihr den Vogel nicht gefangen? Sollte ich denn auch so mir nichts, dir nichts im Walde herumbummeln? Ich esse und schlafe, den Vogel aber habe ich lĂ€ngst schon gefangen!« — »Red keinen Unsinn!« — »Wenn ihr es nicht glauben wollt, schaut her!« sagte der Junge, zog den weißen Vogel aus dem Sack und zeigte ihn den anderen. »Wer hĂ€tte es geglaubt, dass ausgerechnet der DĂŒmmling den Vogel fĂ€ngt!« riefen die anderen voller Verwunderung.
Der Ă€ltere Schwiegersohn sagte: »Was fĂ€ngst du mit dem Vogel schon an? Verkaufe ihn lieber uns, wir wollen gut bezahlen!« Der Aschewicht entgegnete: »Warum nicht, wenn wir uns einig werden?« — »Was verlangst du fĂŒr den Vogel?« — »Nicht mehr, als ein Körnchen großes StĂŒck vom kleinen Finger.« — Der Ă€ltere Schwiegersohn ĂŒberlegte, es wird wohl weh tun, ein StĂŒckchen vom Finger abzuschneiden, aber ich werde es aushalten, und dann gehört mir der weiße Vogel und die große Belohnung des Königs. So schnitt er sich ein StĂŒck vom Finger ab, der Aschewicht steckte es in die Hosentasche und gab ihm den weißen Vogel dafĂŒr. Dieser brachte den Vogel dem König und wurde reichlich belohnt.

Am nÀchsten Tag sagte der König zu seinen Schwiegersöhnen: »Ihr seid tapfere MÀnner, denn ihr habt den Vogel gefangen. Aber wirklich tapfere MÀnner seid ihr erst dann, wenn ihr mir aus dem Wald den wundersamen Hengst bringt. Hunderte vor euch haben ihn schon gejagt, aber keiner konnte ihn bisher fangen. Sollte es euch gelingen, will ich euch reichlich belohnen. Macht euch also auf den Weg!«
Am nĂ€chsten Morgen waren die Schwiegersöhne des Königs schon in aller FrĂŒhe im Wald, nur der Aschewicht schlief, als hĂ€tte er mit all dem gar nichts zu tun. Schließlich weckte ihn seine Gemahlin und sagte: »Steh auf und geh auch in den Wald! Die anderen haben gestern den Vogel gefangen, du aber gar nichts. Versuche es heute mit dem Hengst!« Der Aschewicht ließ sich Zeit. Schließlich machte er sich auf, und nahm sich einen dick gefĂŒllten Brotbeutel mit. Im Walde ging er zur selben Stelle, wo er das kleine, graue MĂ€nnchen getroffen hatte. Dort rief er: »He, altes MĂ€nnchen!« Alsbald erschien das graue MĂ€nnchen und fragte: »Na, musst du heute wieder etwas suchen?« Der Aschewicht erwiderte: »Ja, der König möchte den wundersamen Hengst dieses Waldes haben. Hilf mir bitte, den Hengst zu fangen!« — »Das ist eine Kleinigkeit. Da, nimm das Zaumzeug! Geh ein StĂŒckchen weiter, bis zum Waldesrand. Dort werden Pferde grasen. Wirf dem ersten das Zaumzeug ĂŒber, und du wirst den gewĂŒnschten Hengst haben.« Der Aschewicht tat, wie ihm das MĂ€nnchen geheißen. Er warf dem ersten Pferd das Zaumzeug ĂŒber. Und welch Wunder, vor ihm stand ein wunderschöner Hengst mit goldenem Sattel. Der Aschewicht brauchte sich nur in den Sattel zu schwingen und zu der Stelle zu reiten, wo er am anderen Tag die anderen Schwiegersöhne getroffen hatte. Dort machte er halt, band das Pferd an einen Baum und begann zu essen. So aß er, bis die anderen aus dem Walde kamen.

Wie begannen die anderen da zu schimpfen: »Sieh dir den Vielfraß an! Da haut er sich den Bauch voll und denkt gar nicht ans Suchen. Ihm ist es einerlei, dass wir uns die Hacken abrennen. Es ist Zeit, dass wir uns auf den Heimweg machen!« Der Aschewicht erwiderte nur: »Ich werde schon kommen. Ich muss nur noch einmal in den Wald, da muss ich noch etwas erledigen.« Der Junge nahm seinen Brotbeutel, schritt in den Wald, schwang sich in den Sattel des wundersamen Hengstes und ritt nun zu den anderen. Voller Verwunderung fragten sie ihn: »Wo hast du denn dieses schöne Pferd her?« Der Aschewicht erwiderte: »Wer sucht, der findet!« Die anderen sagten wiederum: »Wir haben doch auch gesucht, habe aber nichts gefunden.« Da meinte der Junge: »Ihr werdet wohl nicht gut genug gesucht haben, wenn ihr nichts gefunden habt.« Da legten sich die anderen aufs Bitten: »Verkauf uns den Hengst!« »Warum nicht, wenn wir uns einig werden?« — »Was verlangst du?« — »Nichts weiter, als dass der KĂ€ufer mir seinen Siegelring gibt.« Der mittlere Schwiegersohn bot ihm viel Geld an, aber der Aschewicht ließ sich nicht erweichen, er wollte nur den Siegelring. Was blieb dem KĂ€ufer anderes ĂŒbrig, als ihm den Ring zu geben. Nun gehörte der schöne Hengst dem mittleren Schwiegersohn, und er brachte ihn dem König. Der König lobte ihn und zahlte ihm eine reichliche Belohnung.

Am nĂ€chsten Tag sagte der König wieder zu den Schwiegersöhnen: »Im Wald treibt sich ein ungeheuer großer BĂ€r herum, der viel Schaden anrichtet. Wer den BĂ€r fĂ€ngt und ihn mir als Beute bringt, bekommt einen Sack voll Gold. Schwiegersöhne, zeigt, dass ihr tapfere MĂ€nner seid. Geht und fangt ihn mir!«
Am nĂ€chsten Morgen waren die Schwiegersöhne schon in aller FrĂŒhe im Wald. Der Aschewicht aber ließ sich Zeit. Er schlief bis in den spĂ€ten Vormittag. Die Gemahlin aber ließ ihm keine Ruhe, und so machte er sich schließlich auf in den Wald, um den BĂ€ren zu fangen. Sobald er im Wald war, rief er wieder: »He, altes MĂ€nnchen!« Im Handumdrehen war das graue MĂ€nnchen zur Stelle. »Du willst heute also den BĂ€ren fangen?« fragte er den Aschewicht. Der Junge erwiderte: »Das will ich, wenn ich nur wĂŒsste, wo ich ihn finde.« Da sagte das alte, graue MĂ€nnchen: »Ich werde dir den Weg weisen. Es ist noch zu frĂŒh, du musst ein wenig warten. Der BĂ€r streicht im Wald umher, es ist schwer, ihn zu fangen. Um Mittag legt sich der BĂ€r ins dichte GebĂŒsch zur Ruhe, das ist die beste Zeit, um ihn zu töten. Schleiche dich leise zum GebĂŒsch, schlag dem BĂ€r mit einem KnĂŒppel eins auf die Nase und spring selbst flink beiseite. Der BĂ€r wird aus dem GebĂŒsch hervorspringen, du aber spring hinein! Ein zweites Mal brauchst du nicht zuzuschlagen, denn der BĂ€r wird beim GebĂŒsch alle viere von sich strecken. Komm erst dann aus dem GebĂŒsch hervor, wenn der BĂ€r tot daliegt. Zieh dem BĂ€r das Fell ab und bring es dem König!«

Der Aschewicht tat, wie ihm das MĂ€nnchen geheißen. Er machte den BĂ€r ausfindig, tötete ihn und zog ihm das Fell ab. Dann warf er sich das Fell ĂŒber die Schulter und ging zu dem Weg, wo er die anderen auch an den vorigen Tagen erwartet hatte, und begann zu essen.

Er musste lange warten. Schließlich kamen auch die anderen. Spottend fragten sie den Aschewicht: »Na, DĂŒmmling, hast den BĂ€ren wohl schon erlegt, dass du Mahlzeit hĂ€ltst?« Der Aschewicht erwiderte: »Freilich hab ich ihn erlegt.« Die anderen wollten ihm keinen Glauben schenken, als sie aber das BĂ€renfell sahen, mussten sie es glauben. Wieder begannen sie zu verhandeln: »Verkauf uns das Fell!« — Aber gern.« — »Was verlangst du dafĂŒr?« — »Nichts weiter, als dass der KĂ€ufer sich ein Loch ins OhrlĂ€ppchen machen lĂ€sst.« Ärgerlich sprach der jĂŒngere Schwiegersohn: »Lass doch endlich deine Dummheiten! Was hast du davon, wenn man mir ein Loch ins OhrlĂ€ppchen bohrt? Nimm lieber Geld, dann hast du was davon!« Der Aschewicht entgegnete: »Eure Ohren, mein Fell. Macht, was ihr wollt!« Der jĂŒngere Schwiegersohn wollte das Fell aber unbedingt haben. Da half nichts anderes, als dass er sich ein Loch ins Ohr bohren ließ. Dann ging er mit dem Fell zum König und erhielt die versprochene Belohnung.
Bald danach veranstaltete der König ein großes Fest. Geladen waren alle Könige der nĂ€chsten Umgebung, geladen waren auch seine Schwiegersöhne, nur der Aschewicht nicht. Der König meinte: »Warum sollte ich ihn zum Fest laden? Was hat er schon Gutes getan? Die anderen haben mir die Tiere gefangen, er hat gar nichts gebracht.«

Traurig ging der Aschewicht am Festtagsmorgen in den Wald. Dort traf er das graue, alte MĂ€nnchen wieder. Das MĂ€nnchen fragte ihn: »Was fehlt dir, Söhnchen? Warum bist du so betrĂŒbt?« Der Junge entgegnete: »Ich bin traurig, dass ich so dumm gehandelt habe. Ich habe die Tiere zwar gefangen, hab sie aber den anderen Schwiegersöhnen verkauft. Der König meint nun, sie seien die Helden, ich wĂ€re aber ein Nichtsnutz. Er hat mich nicht einmal zum Fest eingeladen. Hab ich nicht Grund genug, traurig zu sein? « Das MĂ€nnchen tröstete ihn: »Das macht nichts! Du wirst schon am Fest teilnehmen! Da, nimm diese Erbse! Iss sie auf, und du kannst dich in jedes Tier verwandeln und hingehen, wohin du willst!« Der Aschewicht bedankte sich beim MĂ€nnchen fĂŒr den guten Rat, nahm die Erbse und ging zurĂŒck ins Schloss.

Zu Hause angelangt, aß er die Erbse auf und verwandelte sich in einen Floh. Nun konnte er unbemerkt in den Saal gelangen, in dem die GĂ€ste sich versammelt hatten. Da hörte er, wie die anderen Schwiegersöhne sich vor den GĂ€sten brĂŒsteten. Er hörte, wie der eine den BĂ€r erlegt hĂ€tte und der andere den Hengst gefangen habe, der dritte aber den Vogel gefunden hĂ€tte. Darauf ging der Aschewicht in sein Zimmer, zog sich prĂ€chtige Kleider an und begab sich zurĂŒck zu den GĂ€sten.

Wie erschraken da die LĂŒgner, als sie den ungebetenen Gast erblickten.

Der Aschewicht aber sagte vor allen GĂ€sten zu den anderen Schwiegersöhnen: »Ich habe die Tiere zwar euch gegeben, da ihr damit aber falsche Ehre ernten wollt, muss ich jetzt die Wahrheit sagen. Ich war es, der die Tiere gefangen hat!« Die Schwiegersöhne des Königs wurden böse und riefen: »Er lĂŒgt, er lĂŒgt!« Dann riefen sie die WĂ€chter, damit sie den LĂŒgner festnehmen sollten.

Der Aschewicht aber nahm aus der Tasche das StĂŒckchen Finger und den Siegelring und sagte: »Seht hier, was man mir fĂŒr die Tiere gegeben hat. Das StĂŒckchen Finger habe ich fĂŒr den Vogel und diesen Siegelring habe ich fĂŒr den Hengst bekommen. Der dritte Schwiegersohn aber ließ sich fĂŒr das BĂ€renfell ein Loch ins OhrlĂ€ppchen machen!«

Nun traute sich keiner der Schwiegersöhne mehr zu widersprechen. Voller Scham verließen sie das Fest des Königs. Der Aschewicht aber wurde nun in allen Ehren gefeiert.

Von diesem Tag an erkannte auch der König den Aschewicht an, und er ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Und wenn der Aschewicht nicht gestorben ist, so regiert er noch heute das Königreich.

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