Kleine Auszeiten

In unserer schnelllebigen Welt ist es oft eine echte Herausforderung, sich Zeit f├╝r sich selbst zu nehmen. Aber genau das ist so wichtig f├╝r unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualit├Ąt.

Eine inspirierende Geschichte zum ­čśî Thema Leben | Achtsamkeit | Mut und Erfolg | Der angekettete Elefant

Geschichte: Der angekettete Elefant
Novellen - Kurzgeschichten - B├╝cher - Daniela Noitz
┬╗Ich kann nicht┬ź, sagte ich. ┬╗Ich kann es einfach nicht.┬ź
┬╗Bist du sicher?┬ź fragte er mich.
┬╗Ja, nichts t├Ąte ich lieber, als mich vor sie hinzustellen und ihr zu sagen, was ich f├╝hle ÔÇŽ Aber ich wei├č, da├č ich es nicht kann.┬ź
Der Dicke setzte sich im Schneidersitz in einen dieser f├╝rchterlichen blauen Polstersessel in seinem Sprechzimmer. Er l├Ąchelte, sah mir in die Augen, senkte die Stimme wie immer, wenn er wollte, da├č man ihm aufmerksam zuh├Ârte, und sagte:
┬╗Komm, ich erz├Ąhl dir eine Geschichte.┬ź
Und ohne ein Zeichen meiner Zustimmung abzuwarten, begann er zu erz├Ąhlen.ALS ICH EIN kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich sp├Ąter erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. W├Ąhrend der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Gr├Â├če und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fu├č an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges St├╝ck Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette m├Ąchtig und schwer war, stand f├╝r mich ganz au├čer Zweifel, da├č ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszurei├čen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.
Dieses R├Ątsel besch├Ąftigt mich bis heute.
Was h├Ąlt ihn zur├╝ck?
Warum macht er sich nicht auf und davon?
Als Sechs- oder Siebenj├Ąhriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem R├Ątsel des Elefanten. Einer von ihnen erkl├Ąrte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine n├Ąchste Frage lag auf der Hand: ┬╗Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?┬ź
Ich erinnere mich nicht, je eine schl├╝ssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit verga├č ich das R├Ątsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, da├č zu meinem Gl├╝ck doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit fr├╝hester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.
Ich schlo├č die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, da├č er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.
Ich stellte mir vor, da├č er ersch├Âpft einschl├Ąft und es am n├Ąchsten Tag gleich wieder probiert, und am n├Ąchsten Tag wieder, und am n├Ąchsten ÔÇŽ Bis eines Tages, eines f├╝r seine Zukunft verh├Ąngnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal f├╝gt.
Dieser riesige, m├Ąchtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der ├ärmste glaubt, da├č er es nicht kann.

Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnm├Ąchtig er sich kurz nach seiner Geburt gef├╝hlt hat, in sein Ged├Ąchtnis eingebrannt.
Und das Schlimme dabei ist, da├č er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

┬╗So ist es, Demian. Uns allen geht es ein bi├čchen so wie diesem Zirkuselefanten: Wir bewegen uns in der Welt, als w├Ąren wir an Hunderte von Pfl├Âcken gekettet.
Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu k├Ânnen, blo├č weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und gescheitert sind.
Wir haben uns genauso verhalten wie der Elefant, und auch in unser Ged├Ąchtnis hat sich die Botschaft eingebrannt: Ich kann das nicht, und ich werde es niemals k├Ânnen.
Mit dieser Botschaft, der Botschaft, da├č wir machtlos sind, sind wir gro├č geworden, und seitdem haben wir niemals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszurei├čen.
Manchmal, wenn wir die Fu├čfesseln wieder sp├╝ren und mit den Ketten klirren, ger├Ąt uns der Pflock in den Blick, und wir denken: Ich kann nicht, und werde es niemals k├Ânnen.┬ź

Jorge machte eine lange Pause. Dann r├╝ckte er ein St├╝ck heran, setzte sich mir gegen├╝ber auf den Boden und sprach weiter:
┬╗Genau dasselbe hast auch du erlebt, Demian. Dein Leben ist von der Erinnerung an einen Demian gepr├Ągt, den es gar nicht mehr gibt und der nicht konnte.
Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas kannst oder nicht, ist, es auszuprobieren, und zwar mit vollem Einsatz. Aus ganzem Herzen!┬ź

Aus:
Bucay, Jorge: Komm, ich erz├Ąhle dir eine Geschichte. Fischer┬á(Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (September 2007)

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1 Kommentar zu ÔÇ×Eine inspirierende Geschichte zum ­čśî Thema Leben | Achtsamkeit | Mut und Erfolg | Der angekettete ElefantÔÇť

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