Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Eine inspirierende Geschichte zum 😌 Thema Leben | Achtsamkeit | Mut und Erfolg | Der angekettete Elefant

Banner fĂŒr das Autorenprofil von Franziska Franzi auf Amazon. Hintergrund ist grau und dunkel gefĂ€rbt, in der Mitte ist das Pseudonym Foto und der Name Franziska Franzi
Geschichte: Der angekettete Elefant
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz
»Ich kann nicht«, sagte ich. »Ich kann es einfach nicht.«
»Bist du sicher?« fragte er mich.
»Ja, nichts tĂ€te ich lieber, als mich vor sie hinzustellen und ihr zu sagen, was ich fĂŒhle 
 Aber ich weiß, daß ich es nicht kann.«
Der Dicke setzte sich im Schneidersitz in einen dieser fĂŒrchterlichen blauen Polstersessel in seinem Sprechzimmer. Er lĂ€chelte, sah mir in die Augen, senkte die Stimme wie immer, wenn er wollte, daß man ihm aufmerksam zuhörte, und sagte:
»Komm, ich erzÀhl dir eine Geschichte.«
Und ohne ein Zeichen meiner Zustimmung abzuwarten, begann er zu erzĂ€hlen.ALS ICH EIN kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich spĂ€ter erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. WĂ€hrend der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle GrĂ¶ĂŸe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges StĂŒck Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mĂ€chtig und schwer war, stand fĂŒr mich ganz außer Zweifel, daß ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.
Dieses RÀtsel beschÀftigt mich bis heute.
Was hĂ€lt ihn zurĂŒck?
Warum macht er sich nicht auf und davon?
Als Sechs- oder SiebenjÀhriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem RÀtsel des Elefanten. Einer von ihnen erklÀrte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine nÀchste Frage lag auf der Hand: »Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?«
Ich erinnere mich nicht, je eine schlĂŒssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das RĂ€tsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, daß zu meinem GlĂŒck doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frĂŒhester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.
Ich schloß die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, daß er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.
Ich stellte mir vor, daß er erschöpft einschlĂ€ft und es am nĂ€chsten Tag gleich wieder probiert, und am nĂ€chsten Tag wieder, und am nĂ€chsten 
 Bis eines Tages, eines fĂŒr seine Zukunft verhĂ€ngnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fĂŒgt.
Dieser riesige, mĂ€chtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, daß er es nicht kann.

Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmĂ€chtig er sich kurz nach seiner Geburt gefĂŒhlt hat, in sein GedĂ€chtnis eingebrannt.
Und das Schlimme dabei ist, daß er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

»So ist es, Demian. Uns allen geht es ein bißchen so wie diesem Zirkuselefanten: Wir bewegen uns in der Welt, als wĂ€ren wir an Hunderte von Pflöcken gekettet.
Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, bloß weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und gescheitert sind.
Wir haben uns genauso verhalten wie der Elefant, und auch in unser GedÀchtnis hat sich die Botschaft eingebrannt: Ich kann das nicht, und ich werde es niemals können.
Mit dieser Botschaft, der Botschaft, daß wir machtlos sind, sind wir groß geworden, und seitdem haben wir niemals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszureißen.
Manchmal, wenn wir die Fußfesseln wieder spĂŒren und mit den Ketten klirren, gerĂ€t uns der Pflock in den Blick, und wir denken: Ich kann nicht, und werde es niemals können.«

Jorge machte eine lange Pause. Dann rĂŒckte er ein StĂŒck heran, setzte sich mir gegenĂŒber auf den Boden und sprach weiter:
»Genau dasselbe hast auch du erlebt, Demian. Dein Leben ist von der Erinnerung an einen Demian geprÀgt, den es gar nicht mehr gibt und der nicht konnte.
Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas kannst oder nicht, ist, es auszuprobieren, und zwar mit vollem Einsatz. Aus ganzem Herzen!«

Aus:
Bucay, Jorge: Komm, ich erzÀhle dir eine Geschichte. Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (September 2007)

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Ich hasse Menschen Buch

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