­čÄä Die heilige Weihnachtszeit | eine weihnachtliche Geschichte | Peter Rosegger

Weihnachtszeit - Geschichte von Rosegger

Wenn der St├Ądter ├╝ber Feiertage etwas Sicheres wissen will, so muss er sich bei den Bauern anfragen. Der st├Ądtische Arbeiter genie├čt den Feiertag, ohne viel dar├╝ber nachzugr├╝beln; der Bauer, der sonst nicht gerade gewohnt ist, den Grund und Zweck der Dinge zu erfassen, will jedoch wissen, warum er rastet, in die Kirche geht oder sich einen Rausch antrinkt. Er hat seine Feiertagswissenschaft und seine Feiertagsstimmung.
Ich will von mir nicht reden, sagt man, wenn man von sich selbst zu reden beginnt. Allein um das zu sagen: Ich war, so lange mich die Bauernfeiertage noch etwas angingen, ein gar radikaler Patron. Mir waren der Kirchenkalender und darin die einzelnen Feste chronologisch zu sehr verschoben. Ich wollte, dass das kirchliche Jahr und das Sonnenjahr gleichen Schritt halten sollten, wie sich’s auch geh├Ârt, wenn Himmel und Heiland mit einander harmonieren wollen. Da die Sonne nun aber einmal nicht nachgibt, so sollte die Kirche nachgeben. Sie h├Ątte, wie ich einmal gelesen, ihre gr├Â├čten Feste ohnehin auf willk├╝rliche Tage gesetzt. Und wenn am 22. Dezember, als an dem Tage, da die so tief gesunkene Sonne ihre Umkehr h├Ąlt, schon der Advent nicht beginnen will, so h├Ątte ich es mindestens gern gesehen, dass am selben Datum der Christtag gewesen w├Ąre. Daran h├Ątte sich ohne Einschub schicksam gereicht alle Feste, die sich auf die Kindheit Jesu beziehen, als das Fest der Beschneidung, der Opferung, der Heiligen drei K├Ânige, der Unschuldigen Kinder u. s. w. so dass wir mit den Weihnachtsfeiertagen bequem vor dem Fasching fertig geworden w├Ąren. Nach derselben Fortsetzung aller weiteren Feste, mit denen man bis Ende Juni zu Rande gekommen sein w├╝rde. Die zweite H├Ąlfte des Jahres k├Ânnte den Heiligenfesten gewidmet werden, und das durcheinander w├Ąre einmal nicht Not! – Und die Richtigschiebung der Zeit k├Ânnte auf die einfachste Weise bewerkstelligt werden, wenn man vierzig Jahre lang den Schalttag aus dem Spiele lie├če. Durch das zehnmalige Wegfallen des Schalttages w├Ąre das b├╝rgerliche Jahr um zehn Tage verr├╝ckt und fiele mit dem Sonnenjahr zusammen. – Ich habe diese Reformpl├Ąne auch richtig einmal meinem Beichtvater, dem guten alten Pfarrer Johann Plesch in Kathrein am Hauenstein, vorgelegt; dieser meinte, wie er die Gelehrten und auch die Katholische Kirche kenne, w├╝rden sie auf eine solche ├änderung nicht eingehen wollen. Es h├Ątten die Franzosen einmal bei einer gro├čen Revolution mit Feuer und Schwert die Sonn – und Feiertage verlegt, w├Ąre doch aber schlie├člich die heilige Kirche mit ihrem alten Brauch Herr geblieben. So sollte ich als einf├Ąltiger Bauernbub von solchen Sachen h├╝bsch still sein.
Sonach besch├Ąftigte ich mich heute mit dem, wie es ist, und nicht mit dem, wie es sein sollte.
Die Weihnachtszeit hebt – wie die Weltgeschichte ├╝berhaupt – mit Adam und Eva an. Diese unsere lieben Eltern haben dem Kalender nach am 24. Dezember ihren Namenstag. Daher k├Ânnten schlechte Christen die Weihnachtsgeschenke auch so auslegen, als ob am Tage ihrer ersten Eltern, als am Erinnerungstage ihres eigenen Entstehens, die Menschheit mit Liebesgaben sich selber gratulierten. Weil ihr in der Tat zu gratulieren w├Ąre, wenn sie sich t├Ąglich so ben├Ąhme, wie am Weihnachtsabende.
Die eigentliche Weihnachtsvorahnung beginnt mit dem „Nikolo“ und vollends mit der Thomasnacht, die Christnacht und die Silvesternacht sind die N├Ąchte der fragenden Jungfrauen. In der Thomasnacht werfen sie ihre Schuhe nach der Kammert├╝r; bleiben die Schuhe so liegen, dass die Spitzen in die Kammer weisen, so kommt im n├Ąchsten Jahr ein Br├Ąutigam; stehen die Schuhspitzen gegen die T├╝r, so kann auch einer kommen, geht aber wieder fort. In der Christnacht tragen die Jungfrauen vom Holzgelass einen Arm voll Scheiter ins Haus; sind die Scheiter paarweise, hei├čt das: in gerader Zahl, so wird im n├Ąchsten Jahr geheiratet. In der Neujahrsnacht endlich soll beim Bleigie├čen ein Fig├╝rlein die Hoffnung best├Ątigen. Das liebe Dirndl im Hochreithhofe! die Schuhe versprachen ihn, die Scheiter versprachen ihn und das Blei lie├č die g├╝nstige Auslegung zu. Er kam, sie sa├č ihm auf und – blieb sitzen. Jetzt wei├č man nicht, sind die M├Ąnner nichts nutz, oder die Gebr├Ąuche!
Das heilige Schauern, das am Christabend durch die Welt geht, empfindet auch der Bauer. Auch ihm wird warm. Ist’s doch als ob an diesem Tage die Naturgesetze andere geworden w├Ąren. Fast bangt man um das Gleichgewicht der Welt, da so pl├Âtzlich alles Freude ist und ├╝berall die Charitas herrscht.
Zum Gl├╝ck ist der Tag bald vor├╝ber, dem gro├čen Feste ducken sich St. Stefan und Johannes an; der erstere will als Erzm├Ąrtyrer an der Weihnachtsfeier Anteil haben, der letztere beruft sich auf seine besondere Freundschaft mit dem Heiland; der erstere macht sich bei den Bauern durch sein Stefaniewasser wichtig, der letztere wei├č sich mit dem Johanneswein einzuschmeicheln – aber zu dem eigentlichen Weihnachtsgefolge geh├Ârt keiner von beiden. Erst der Unschuldige – Kindertag ist wieder echt; er bringt in den s├╝├čen Weihnachtsfrieden die schreckbare Kunde von dem Kindermassenmord des Herodes. Das Volk feiert dieses Ged├Ąchtnis durch Rutenstreiche, mit denen eins das Andere am Morgen des achtundzwanzigsten Tages im Dezember unter den Worten: „Frisch und gesund!“ aus dem Bette peitscht.
Nach den unschuldigen Kindern kommt ein heiliger Thomas, geborener Londoner, ein Bischof zu Kandelberg, der sich so wacker und unbiegsam den Staatsgesetzen seines Vaterlandes widersetzt hatte, das ihn die Kirche heilig gesprochen. Unsere Bauern nenne den Mann „Thoma Windfeier“ und sagen, wenn sie an diesem Tage nicht arbeiten, so werden sie im kommenden Jahre von kalten Winden und St├╝rmen verschont bleiben. Sie machen daraus den f├╝nften Weihnachtsfeiertag.
Als sechster folgt einer aus dem alten Testament – ein ber├╝hmter Poet und Saitenspieler – der liebensw├╝rdige K├Ânig David. Der alte Herr hat in der Tat auch ein Recht, Weihnachtsbesuch zu machen bei dem Kinde, das ja seinem – dem Geschlechte Davids entstammt.
Heiligen – Legenden und antisemitische Kalender ignorieren den Alten und protegieren an diesem Tage die heilige Witwe Melania. Von dieser Witwe steht’s in der Hauspostille des Bauers gar schon zu lesen: sie war eine reiche R├Âmerin, aus Liebe zu Gott etwas st├Ârrig gegen ihren Mann, bis sie dann beide ins Kloster gingen, wo der Gatte bald starb, Melania sich jedoch den g├Âttlichen Wissenschaften hingab und mit gro├čer Beredsamkeit der Frauen gegen die Irrlehren k├Ąmpfte. Vor so einer muss der j├╝dische Harfenist freilich zur├╝ck stehen.

Endlich ist Silvester da. Dieser Mann war bekanntlich r├Âmischer Papst; er hatte stark mit den Juden zu k├Ąmpfen. Ich erinnere mich an ein Geschichtlein. Eines Tages brachten die Juden einen wilden Ochsen zu ihm und sagten: der Name ihres Gottes sei so gro├č und schrecklich, dass, wenn sie selben dem Ochsen ins Ohr sagten das Tier auf der Stelle tot zusammen st├╝rzen m├╝sse. Der Papst lie├č es auf eine Probe ankommen, und in der Tat, der Ochse fiel bei der Nennung des Judengottes um und war tot. Nun sagte der Papst Silvester: „Wenn der Name eures Gottes so schrecklich ist, ein Tier zu t├Âten, so ist der Name des meinen so m├Ąchtig, es wieder zum Leben zu erwecken.“ Er rief das Wort aus – und das Tier wurde wieder lebendig.
Indes hat Silvester seine gro├če Ber├╝hmtheit weniger dieser Auferweckung zu danken, als dem Umstand, dass er der Schlusswart des Jahres geworden ist. Das ist aber beziehungsweise seit kurzer Zeit; erst im Jahre 1583, also vor dreihundert Jahren, hat der gregorianische Kalender im katholischen Deutschland Eingang gefunden, wonach Silvester als Torschlie├čer angestellt wurde und als solcher mancherlei Gratifikation bezieht.
Das Neujahrsfest ist der achte in der Reihe der Weihnachtsfeiertage. an diesem Tage schiebt der Bauer seinem Vaterunser folgenden Satz an: „W├Âlln Gott bittn um a gl├╝ckseliges neus Jahr; und dass er’s verflossni Johr gl├╝ckseli g’schenkt hot, donksogn!“ Der Kracher Martin auf der Niederlenthen ist so gottergeben zufrieden, dass er als ihm in einem Jahr ein reicher Oheim, zwei Weiber und eine Schwiegermutter starben, in dem Satz des darauf folgenden Neujahrsgebetes: „s verflossni Johr gl├╝ckseli g’schenkt hot, donksogn‘ nicht eine Silbe ├Ąnderte.
Nun kommen vier Werktage, die aber, weil sie noch in der Weihnachtszeit liegen, eine gewisse Ausnahmestellung genie├čen; es soll in denselben weder gedroschen noch gesponnen werden. Der Abend des 5. J├Ąnner geb├Ąrdet sich als ob mit ihm das hohe Fest von neuem beginnen wollte. Wie am Christ – und am Silvesterabend, so geht der Bauer mit dem Weihrauchgef├Ą├č und dem Sprengwedel durch Haus und Hof; nur der Unterschied, dass er diesmal mit der Kreide an jede T├╝r und jedes Tor drei Kreuze zeichnet, und auf die T├╝rstirne seiner Stube oder den Trambaum folgende Zeichen malt: C + M + B +. Mancher, der’s leider selber nicht kann, entlehnt sich irgendwo einen Schriftgelehrten, der ihm die „heiligen drei K├Ânige“ aufschreibt.

Mich lie├č einst f├╝r diese Gesch├Ąft unsere Nachbarin, die alte Riegelbergerin, holen; nun war im Hause ein St├╝ck Kreide von der Gr├Â├če einer Erbse, so dass ich es kaum zwischen den Fingern zu halten vermochte. Das C und das M gelangen mit M├╝he, dann sprang das wei├če K├Ârnchen pl├Âtzlich ab, verkollerte sich auf dem Fletz und war nicht mehr zu finden. Was jetzt? Ich zeichnete das B mit einem St├╝ck Holzkohle. die Riegelbergerin erschrak, denn gerade als Schutz gegen den „Schwarzen“ hatte sie sich die heiligen Zeichen machen lassen. fragte ich denn ob sie diese Sache je mit besserem Schick und Sinn ausgef├╝hrt gesehen? Ob sie nie etwas davon geh├Ârt, von den heiligen drei K├Ânigen der eine der Balthasar, ein Mohr gewesen?
Der Ausspruch hat mir ein St├╝ck Kletzenbrot eingetragen; was weiter war, wei├č ich nicht mehr.
Wenn ihr brave Kinder w├Ąret meine lieben Leser, ich w├╝rde euch viel Anmutiges erz├Ąhlen von den heiligen drei K├Ânigen. Es sollen, sagt eine Auslegung, nicht sowohl K├Ânige als Weise gewesen sein, aber man hat erwogen, dass man vor dem Volke mit goldschimmernden K├Ânigen mehr Ehre einlegt, als mit Weisen. Der Prophet Balaam hatte einst gesagt: Es wird aus dem Reiche Jakobs ein Stern aufgehen, und der wird einen m├Ąchtigen K├Ânig bedeuten ├╝ber Juden und Heiden. Hierauf stellten die Heiden W├Ąchter auf einen Berg, den Stern zu ersp├Ąhen, und diese wachten anderthalb tausend Jahre. Aber in einer Nacht, da von der W├╝ste der warme Hauch heranwehte und aus der Ferne das Meer rauschte, schliefen sie ein. Da ging der Stern auf. Das k├╝ndeten sie den L├Ąndern. Und hierauf machten sich drei K├Ânige auf den Weg, den Stern zu suchen. Es war n├Ąchtig und der Stern zuckte vor ihnen ├╝ber den Erdeboden dahin, und weil sie Weise waren, so gingen sie dem neuen, unbekannten Lichte nach, Tage und Tage lang; es gesellten sich ihnen auch andere K├Ânige und Herren bei mit gro├čem Gefolge, bis sie in die Stadt Jerusalem kamen. In dieser Stadt sprachen sie beim Herodes vor, fragend, wo der gro├če K├Ânig sei, auf den der Stern deute? Der Judenk├Ânig heehrte die G├Ąste mit Pomp und antwortete: der gro├če K├Ânig sei er selber und einen andern kenne er nicht in diesem Lande. Sie m├Âchten aber suchen, f├Ąnden sie einen, der gr├Â├čer w├Ąre als er, so sollten sie es ihn wissen lassen, dann sei er der erste, der sich neige. – Sie wanderten weiter. Der Stern gl├╝hte ├╝ber die Auen dahin und stand still ├╝ber einem Dache, das eine reisende Handwerksfamilie barg. Und ein Kindlein war da in der gr├Â├čten Armut und Bed├╝rfnislosigkeit, und hatte helle, freundliche Augen. Die K├Ânige, da sie m├╝de waren und nicht mehr hoffen konnten, den Gesuchten zu finden, legten ihre besten Gaben dem Kinde hin. Aber die armen Leute sagten: „Wozu brauchen wir euer Gold, euren Weihrauch, Eure Myrrhen? Die Erde ist unser Bett, der Himmel ist unser Hut. Dieses Kind, welches so hablos ist, dass wir es auf das Heu des Rindes legen mussten, ist nicht gekommen zu empfangen, es ist gekommen zu geben.“
Da fl├╝sterten die K├Ânige zueinander: „Wir haben ihn gefunden. Lasst es uns eilig dem Herrn Bruder melden!“ Einer von ihnen, der schwarz an Farbe war gab die Meinung ab, Herodes scheine nicht dazu angetan, sich in seinem Lande vor einem andern zu beugen. Es w├╝rde klug sein, ihm das Kind nicht zu verraten. Sie kehrten auf anderem Wege in ihre L├Ąnder zur├╝ck. – Herodes hatte trotzdem erfahren, dass sich unter den kleinen Kindern zu Bethlehem eines befinde, das nach der Weissagung der Juden gr├Â├čter K├Ânig werden w├╝rde, und da es ihm nicht gelang, dasselbe herauszufinden, so lie├č er in und um Bethlehem alle Knaben ermorden. –
Schlaft ihr? Oder weint ihr? Oder bel├Ąchelt ihr den Erz├Ąhler? Ach, ihr habt die Botschaft schon allzu oft und in allzu absichtlicher Weise geh├Ârt, um die g├Âttliche Lieblichkeit und wilde Gr├Â├če, die darinnen liegt, noch zu empfinden! Von den drei wirklichen Weihnachtsfesten – der Geburt, der Beschneidung und der Erscheinung der K├Ânige – birgt das letztere den grandiosesten Inhalt, die unbegreiflichsten Wunder. Warum kamen die m├Ąchtigsten Herren und knieten vor dem armen Kinde? Weil sie Weise waren. als ob sie wussten, dass sich im Wohlleben und Prunk kein Gottmensch entwickeln kann, dass die Armut und die Einsamkeit und die Verlassenheit, und alles Liebe und alles Leid des Volkes, dazu geh├Ârt einen gro├č angelegten Menschen zu einem Heros und Erl├Âser zu machen.
Wenn ich wieder einmal auf der Tenne stehen sollte und den Korngaben predigen, wie einst als zehn – bis vierzehnj├Ąhriger Junge, da ich den Strohk├Âpfen die Weihnachtspredigten hielt, bis mir unser Knecht Markus einmal im Vertrauen mitteilte, ich sei der sch├Ânste Pfaff f├╝r die Hauskapelle in einem Narrenturm – wenn ich wieder einmal so vor Strohk├Âpfen predigen sollte (kein Mensch kann’s wissen, was ihm bevorsteht) ich wollte die Geschichte von den drei heiligen K├Ânigen und ihrem Stern so verwegen ausspinnen, wie ich es an dieser Stelle nicht tun darf.
Am zweiten Tage nach Heiligen-Drei-K├Ânig ist das Ged├Ąchtnis des heiligen Erhard, der im steirischen „Mannelkalender“ mit einem Bischofsstabe und einer Holzaxt angedeutet steht.
Die Legende erz├Ąhlt, dass die Holzaxt das Marterwerkzeug w├Ąre, mit welchem der heilige Bischof get├Âtet worden sei; aber der Bauer wei├č es, dass Sankt Erhard die Axt hat, um damit endlich die Weihnachtsfeiertage abzuhacken, nachdem solche mit leichten Unterbrechungen zwei volle Wochen gedauert haben. Andere Auslegungen sind, dass Erhard mit der Axt die eingeeisten M├╝hlr├Ąder enteisen und dann in den Wald Brennholz hacken gehen will.
Und so ist Werktagzeit geworden. In der Kirche klingt die Weihnachtsstimmung noch bis Maria Lichtmess fort. Hier au├čen tobt der Karneval; wer nicht arbeitet und nicht betet, der mag tanzen, der Erdeboden ins einge├Âlt, der Himmel dr├╝ckt ein Auge zu.
Und mich wollen jetzt, da ich diese Betrachtung beschlie├če, die Prosanen haben und die Frommen. Beide, um mich zu verbrennen. Ich entschl├╝pfe den geringen Krallen wie ein Schmetterling. Ich liebe die Blumen. Und die holde, die selige Weihnachtszeit mit ihren heiligen Mythen ist eine Blume mitten im Winter des Jahres und des Lebens – eine Blume, die an meinem Busen bl├╝hen m├Âge, wenn ich freie und wenn ich sterbe. Oder wei├č einer von Euch Frommen und Prosanen im Himmel und auf Erden sch├Âneres zu denken, als eine junge keusche Mutter mit dem Kinde? Als ein Kind, das mit dem Fleisch gewordenen Wort: „Tue Gutes denen, die dich hassen; liebe deinen N├Ąchsten wie dich selbst“ die Welt erl├Âsen will?

├ťber der Waldlandschaft liegt eine starre, blasse Winternacht. Am Himmel steht der Mond, aber der Schnee auf den Fichtenb├Ąumen flimmert nicht, denn der Mond und die Sterne sind durch eine matte Wolkenschicht verdeckt. In solcher D├Ąmmerung sind die H├Âhenr├╝cken und die T├Ąler und Schluchten nur unbestimmt zu sehen, hier ragen die schwarzen Zacken der B├Ąume sch├Ąrfer auf, weiterhin verschwimmen die Umrisse der Berge und B├Ąume teils in Frohlust, teils im Schleier eines sachte beginnenden Schneiens.
Durch diese Nacht zittert ein Klingen. Es kommt von allen Seiten her, es ist, als ob die Schneeflocken in der Luft kl├Ąngen. Es steigt von den T├Ąlern herauf, wo D├Ârfer und Kirchen stehen, es sind die Glocken der heiligen Weihnacht.
Welch eine wunderbare Erscheinung an diesem Tage! Wenn eines Tages am Himmel zwei Sonnen stehen, so ist das Wunder nicht gr├Â├čer, als jenes, das sich am Weihnachtsfeste vollzieht. Das ist ein Tag, an welchem von all den eigenn├╝tzigen Menschen keiner an sich, jeder an andere denkt. Einer den andern mit Freuden zu ├╝berraschen, mit Gaben zu ├╝berh├Ąufen, das ist das Ziel dieses Tages. Es ist kalter Winter, aber keinen friert, denn die Kerzen sind warm. Es gibt heimliche Arbeit Tag und Nacht, keiner erm├╝det, keinen hungert, die Liebe zum Mitmenschen st├Ąrkt und s├Ąttigt alle. Es ist, als ob die Naturgesetze andere w├Ąren, und fast bangt man um das Gleichgewicht der Welt, da so pl├Âtzlich alles in Freude ist, da so pl├Âtzlich die Allgewalt der Charitas herrscht. Wenn ich am Morgen des Weihnachtsabends erwache und mein Auge auf den Christbaum f├Ąllt, der in Erwartung der nahen Jubelstunde still auf dem wei├č gedeckten Tische steht, da werden mir die Augen feucht. O Weihnachtsfest, das du die Herzen der Menschen erweckest und mit himmlischem Maienhauch die Erde zum Heiligtum wandelst, sei gegr├╝├čt! Sei gegr├╝├čt, du g├Âttliches, du unbegreifliches Weihnachtsfest.

Der heilige Abend und der Christtag! Zwei Tage haben wir im Jahre, an welchem die Liebe herrscht, die vor nahezu zweitausend Jahren der Heiland geoffenbart hat. Wenn jedes neue Jahrtausend auch nur einen Tag der selbstlosen Liebe in das Jahr dazulegte, so brauchen wir nur mehr dreihundertdreiundsechzigtausend Jahre, bis die Erde – vorausgesetzt, dass sie so lange das Leben hat – ein Himmelreich ist.

├ťbrigens, wenn manche Leute das, was sie f├╝r den „Himmel“ tun, ohne dass die Mitmenschen davon einen Vorteil haben, f├╝r diese Welt und ihre Bewohner ├╝ben wollten, wir k├Ąmen noch um ein Bedeutendes fr├╝her zum hei├č ersehnten Reiche Gottes auf Erden. –
Ihr kennt die Geschichte, wie der arme Gregor hinausging in den Wald, um f├╝r seine lieben Kinder ein Christb├Ąumchen zu holen. Dabei ergriff ihn der F├Ârster und lie├č ihn als einen Dieb und Waldfrevler sofort in den Arrest stecken. Das b├╝rgerliche Gesetzbuch sagt, der F├Ârster h├Ątte recht getan. Das ist mir schon ein Verd├Ąchtiger, der immer nur aufs b├╝rgerliche Gesetzbuch schaut und auf nichts anderes. Wir tragen ein anderes Gesetzbuch in unserem Herzen. Als ich einst in jungen Jahren aus dem Waldhause in die Fremde ging, unwissend und unerfahren, nahm mich meine Mutter an der Hand und sagte: „Peter, wenn du einmal einem anderen etwas tun willst und wei├čt nicht, ob’s recht oder unrecht ist, so mache auf ein Vaterunser lang die Augen zu und denk‘, du w├Ąrest der andere.“ – Da habt ihr das Evangelium, den Katechismus und das b├╝rgerliche Gesetzbuch in wenigen Worten beisammen.

Finden denn die Weihnachtsglocken nimmer Harmonie in unserer Seele? Heute ausgelassene Schenkfreude, morgen wieder Lieblosigkeit. W├Ąre denn die Treue, das herzliche Anschlie├čen des Menschen nicht selbstverst├Ąndlich auf dieser Welt, wo die Elemente jede Stunde tausend Waffen gegen uns bereithalten? Wahrlich, es ist nicht klug, sich Feinde zu schaffen unter den Br├╝dern und hohlen Phantomen nachzujagen und Herzen zu verwunden die kurze Zeit, da wir das Sonnenlicht schauen ├╝ber den Gr├Ąbern. Die Lichter am Weihnachtsbaum, sie brennen genauso feierlich ernst und still, wie jene dereinst an der Totenbahre!

Peter Rosegger

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Ein Gedanke zu “­čÄä Die heilige Weihnachtszeit | eine weihnachtliche Geschichte | Peter Rosegger

  1. Danke f├╝r diese Tolle lange Geschichte Jetz bekomme ich mit,was mir in m meinerK indheit alles fehlte.Schade.Sehr sch├Ân, WENN man sich si etwas ,verinnerlichen kann,darf.
    Danke Mahababa ­čĄŁ­čîč­čîč­čĽ»ÔşÉԺɭ輻F├╝r Dein M├╝hn Herzlichst KARIN

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