🎄 Unter dem Tannenbaum – eine DĂ€mmerstunde | Weihnachtsgeschichte | Theodor Storm

Unter dem Tannenbaum - eine Weihnachtsgeschichte

Es war das Arbeitszimmer eines Beamten. Der EigentĂŒmer, ein Mann in den Vierzigern, mit scharf ausgeprĂ€gten GesichtszĂŒgen, aber milden, lichtblauen Augen unter dem schlichten, hellblonden Haar, saß an einem mit BĂŒchern und Papieren bedeckten Schreibtisch; damit beschĂ€ftigt, einzelne SchriftstĂŒcke zu unterzeichnen, welche der daneben stehende alte Amtsbote ihm ĂŒberreichte. Die Nachmittags sonne des Dezembers beleuchtete eben mit ihrem letzten Strahl das große, schwarze Dintenfaß, in das er dann und wann die Feder tauchte. Endlich war alles unterschrieben.

»Haben Herr Amtsrichter sonst noch etwas?« fragte der Bote, indem er die Papiere zusammenlegte.

»Nein, ich danke Ihnen.«

»So habe ich die Ehre, vergnĂŒgte Weihnachten zu wĂŒnschen.«

»Auch Ihnen, lieber Erdmann.«

Der Bote sprach einen der mitteldeutschen Dialekte; in dem Tone des Amtsrichters war etwas von der HĂ€rte jenes nördlichsten deutschen Volksstammes, der vor wenigen Jahren, und diesmal vergeblich, in einem seiner alten KĂ€mpfe mit dem fremden Nachbarvolke geblutet hatte. – Als sein Untergebener sich entfernte, nahm er unter den Papieren einen angefangenen Brief hervor und schrieb langsam daran weiter.

Die Schatten im Zimmer fielen immer tiefer. Er sah nicht die schlanke Frauengestalt, die hinter ihm mit leisen Schritten durch die TĂŒr getreten war; er bemerkte es erst, als sie den Arm um seine Schulter legte. – Auch ihr Antlitz war nicht mehr jung; aber in ihren Augen war noch jener Ausdruck von MĂ€dchenhaftigkeit, den man bei Frauen, die sich geliebt wissen, auch noch nach der ersten Jugend findet. »Schreibst du an meinen Bruder?« fragte sie, und in ihrer Stimme, nur etwas mehr gemildert, war dieselbe Klangfarbe wie in der ihres Mannes.

Er nickte. »Lies nur selbst!« sagte er, indem er die Feder fortlegte und zu ihr emporsah.

Sie beugte sich ĂŒber ihn herab; denn es war schon dĂ€mmerig geworden. So las sie, langsam wie er geschrieben hatte:

»Ich bin wieder gesund und arbeitsfĂ€hig, – glĂŒcklicherweise; denn das ist die Not der Fremde, daß man den Boden, worauf man steht, sich in jeder Stunde neu erschaffen muß. So schlecht es immer sein mag, darin habt Ihr es doch gut daheim; und wer wĂ€re nicht gern geblieben, wenn er nur ein StĂŒck Brot und jenes unentbehrliche ,sanfte Ruhekissen‘ des alten Sprichworts sich hĂ€tte erhalten können.«

Sie legte schweigend die Hand auf seine Stirn, wÀhrend er, der ihren Augen gefolgt war, das Blatt umwandte. Dann las sie weiter:

»Der guten und klugen Frau, die Du vorige Weihnachten bei uns hast kennenlernen, bin ich so glĂŒcklich gewesen, durch die Vermittlung eines Vergleichs mit ihrem Gutsnachbarn einen wirklichen Dienst zu leisten; der schöne, so sehr von ihr begehrte Wald ist seit kurzem endlich in ihren Besitz gelangt. HĂ€tten wir morgen fĂŒr Deinen Freund Harro nur eine Tanne aus diesem Walde! Denn hier ist viele Meilen in die Runde kein Nadelholz zu finden. Was aber ist ein Weihnachtsabend ohne jenen Baum mit seinem Duft voll Wunder und Geheimnis!«

»Aber du«, sagte der Amtsrichter, als seine Frau gelesen hatte, »du bringst in deinen Kleidern den Duft des echten Weihnachtsabends!«

Sie langte lĂ€chelnd in den Schlitz ihres Kleides und legte ein großes StĂŒck braunen Weihnachtskuchen vor ihm auf den Tisch. »Sie sind eben vom BĂ€cker gekommen«, sagte sie, »prob nur; deine Mutter backt sie dir nicht besser!«

Er brach einen Brocken ab und prĂŒfte ihn genau; aber er fand alles, was ihn als Knaben daran entzĂŒckt hatte; die Masse war glashart, die eingerollten StĂŒckchen Zucker wohl zergangen und kandiert. »Was fĂŒr gute Geister aus diesem Kuchen steigen«, sagte er, sich in seinen Arbeitsstuhl zurĂŒcklehnend; »ich sehe plötzlich, wie es daheim in dem alten, steinernen Hause Weihnacht wird. – Die MessingtĂŒrklinken sind womöglich noch blanker, als sonst; die große glĂ€serne Flurlampe leuchtet heute noch heller auf die Stuckschnörkel an den sauber geweißten WĂ€nden; ein Kinderstrom um den andern, singend und bettelnd, drĂ€ngt durch die HaustĂŒr; vom Keller herauf aus der gerĂ€umigen KĂŒche zieht der Duft des GebĂ€ckes in ihre Nasen, das dort in dem großen kupfernen Kessel ĂŒber dem Feuer prasselt. – Ich sehe alles; ich sehe Vater und Mutter – Gott sei gedankt, sie leben beide! – Aber die Zeit, in die ich hinabblicke, liegt in so tiefer Ferne der Vergangenheit! – – Ich bin ein Knabe noch! – Die Zimmer zu beiden Seiten des Flurs sind erleuchtet; rechts ist die Weihnachtsstube. WĂ€hrend ich vor der TĂŒr stehe, horchend, wie es drinnen in dem Knittergold und in den Tannenzweigen rauscht, kommt von der Hoftreppe herauf der Kutscher, eine Stange mit einem Wachslichtendchen in der Hand. – ,Schon anzĂŒnden, Thomas?‘ Er schĂŒttelt schmunzelnd den Kopf und verschwindet in die Weihnachtsstube. – Aber wo bleibt denn Onkel Erich? – – Da kommt es draußen die Treppe hinauf; die HaustĂŒr wird aufgerissen. Nein, es ist nur sein Lehrling, der die lange Pfeife des ,Herrn Ratsverwandters‘ bringt; ihm nach quillt ein neuer Strom von Kindern; zehn kleine Kehlen auf einmal stimmen an: ,Vom Himmel hoch, da komm ich her!‘ Und schon ist meine Großmutter mitten zwischen ihnen, die alte, geschĂ€ftige Frau, den SpeisekammerschlĂŒssel am kleinen Finger, einen Teller voll GebĂ€ckes in der Hand. Wie blitzschnell das verschwindet! Auch ich erwische meinen Teil davon, und eben kommt auch meine Schwester mit dem KindermĂ€dchen, festlich gekleidet, die langen Zöpfe frisch geflochten. Ich aber halte mich nicht auf; ich springe drei Stufen auf einmal die Treppe nach dem Hofe hinab.«

Es war allmĂ€hlich dunkel geworden; die Frau des Amtsrichters hatte leise einen Aktenstoß von einem Stuhl entfernt und sich an die Seite ihres Mannes gesetzt.

»DrĂŒben in dem SeitengebĂ€ude ist das Arbeitszimmer meines Vaters. Auf die Vordiele dort fĂ€llt heute kein Lichtschein aus dem TĂŒrfenster der Schreiberstube; der alte TausendkĂŒnstler ist von meiner Mutter drinnen bei den Weihnachtsgeheimnissen angestellt. Aber ich tappe mich im Dunkeln vorwĂ€rts; denn gegenĂŒber in seinem Zimmer höre ich die Schritte meines Vaters. Er arbeitet schon nicht mehr. Ich öffne leis die TĂŒr; wie deutlich sehe ich ihn vor mir, ihn selbst und das große, verrĂ€ucherte Gemach, in dem der harte Schlag der alten Wanduhr pickt! Mit einer feierlichen Unruhe geht er zwischen den mit Papieren bedeckten Tischen umher, in der einen Hand den Messingleuchter mit der brennenden Kerze, die andere vorgestreckt, als solle jetzt alles Störende ferngehalten werden. Er öffnet die Schublade seines kleinen Stehpults und nimmt die große goldene Tabatiere aus der Fischhautkapsel, einst ein Geschenk der Urgroßmutter an ihren BrĂ€utigam, dann nach des Urgroßvaters Tode eine Ehren- und Vertrauensgabe an ihn. Aber er ist noch nicht fertig; aus dem Geldkörbchen werden blanke SilbermĂŒnzen fĂŒr die Dienstboten hervorgesucht, eine GoldmĂŒnze fĂŒr den Schreiber. ,Ist Onkel Erich schon da?‘ fragte er, ohne sich nach mir umzusehen. – ,Noch nicht, Vater! Darf ich ihn holen?‘ – ,Das könntest du ja tun.‘ Und fort renne ich durch das Wohnhaus auf die Straße, um die Ecke am Hafen entlang, und wĂ€hrend ich drunten aus der DĂ€mmerung das Pfeifen des Windes in den Tauen der Schiffe höre, habe ich das alte Giebelhaus mit dem Vorbau erreicht. Die TĂŒr wird aufgerissen, daß die Klingel weithin durch Flur und Pesel schallt. – Vor dem Ladentisch steht der alte Kommis, der das DetailgeschĂ€ft leitet. Er sieht mich etwas grĂ€mlich an. ,Der Herr ist in seinem Kontor‘, sagt er trocken; er liebt die wilde naseweise Range nicht. Aber, was geht’s mich an. – Fort mach ich hinten zur HoftĂŒr hinaus, ĂŒber zwei kleine finstere Höfe, dann in ein uraltes seltsames NebengebĂ€ude, in welchem sich das Allerheiligste des Onkels befindet. Ohne Unfall komme ich durch den engen dunklen Gang und klopfe an eine TĂŒr. – ,Herein!‘ Da sitzt der kleine Herr in dem feinen braunen Tuchrock an seinem mĂ€chtigen Arbeitspult; der Schein der Kontorlampe fĂ€llt auf seine freundlichen kleinen Augen und auf die mĂ€chtige Familiennase, die ĂŒber den frischgestĂ€rkten Vatermördern hinausragt. – ,Onkel, ob du nicht kommen wolltest?‘ sage ich, nachdem ich Atem geschöpft habe. – ,Wollen wir uns noch einen Augenblick setzen!‘ erwiderte er, indem seine Feder summierend ĂŒber das Folium des aufgeschlagenen Hauptbuches hinabgleitet. – Mir wird ganz behaglich zu Sinne, ich werde nicht ein bißchen ungeduldig; aber ich setze mich auch nicht; ich bleibe stehen und besehe mir die Englands- und Westindienfahrer des Onkels, deren Bilder an der Wand hĂ€ngen. Es dauert auch nicht lange, so wird das Hauptbuch herzhaft zugeklappt, das SchlĂŒsselbund rasselt und: ,Sieh so‘, sagt der Onkel, ,fertig wĂ€ren wir!‘ WĂ€hrend er sein spanisches Rohr aus der Ecke langt, will ich schon wieder aus der TĂŒr; aber er hĂ€lt mich zurĂŒck. ,Ah, wart doch mal ein wenig! Wir hĂ€tten hier wohl noch so etwas mitzunehmen.‘ Und aus einer dunkeln Ecke des Zimmers holt er zwei wohlversiegelte, geheimnisvolle PĂ€ckchen. – Ich wußte es wohl, in solchen PĂ€ckchen steckte ein StĂŒck leibhaftigen Weihnachtens; denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, und er trat nicht mit leeren HĂ€nden an den Tannenbaum. So nie gesehenes, mĂ€rchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir spĂ€ter niemals wieder vorgekommen.

»Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unserm Hause hinauf. Ein paar Augenblicke verschwindet er mit seinen PĂ€ckchen in die Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezĂŒndet, aber durch die halb geöffnete und rasch wieder geschlossene TĂŒr glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen DĂ€mmerung. Ich schließe die Augen, denn ich will nichts sehen, und trete in das gegenĂŒberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Duft der braunen Kuchen und des heute besonders fein gemischten Tees erfĂŒllt ist. Die HĂ€nde auf dem RĂŒcken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf und nieder. ,Nun, seid ihr da?‘ fragt er stehenbleibend. – Und schon ist auch Onkel Erich bei uns; mir scheint, die Stube wird noch einmal so hell, das er eintritt. Er grĂŒĂŸt die Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester die Tasse ab, die sie ihm auf dem gelblackierten Brettchen prĂ€sentiert. ,Was meinst du‘, sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, ,es wird wohl heute nicht viel fĂŒr uns abfallen!‘ Aber er lacht dabei so tröstlich, daß diese Worte wie eine goldene Verheißung klingen. Dann, wĂ€hrend in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen ErzĂ€hlungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglĂŒckliche Zerbrechen einer Mundtasse; es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde. Und wenn er gar eine Pause machte, um das bisher ErzĂ€hlte im behaglichsten GelĂ€chter nachzugenießen, wer hĂ€tte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muß endlich doch mit einstimmen. Dies harmlose Geplauder – es ist mir das erst spĂ€ter klar geworden – war die Art, wie der tĂ€tige GeschĂ€ftsmann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung, und mir ist, als verstĂŒnde das jetzt niemand mehr. – Aber wĂ€hrend der Onkel so erzĂ€hlt, steckt meine Mutter, die seit Mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die TĂŒr und die gegenĂŒberliegende TĂŒr werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurĂŒckgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen FlittergoldfĂ€hnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie KindertrĂ€ume in den dunkeln Zweigen hĂ€ngen.« – –

»Paul«, sagte die Frau, »und wenn wir ihn noch so weit herbeischaffen sollten, wir mĂŒssen wieder einen Tannenbaum haben. Der arme Junge hat sich selbst einen Weihnachtsgarten gebaut; er ist nur eben wieder fort, um Moos aus dem EichenwĂ€ldchen zu holen.«

Der Amtsrichter schwieg einen Augenblick. – »Es tut nicht gut, in die Fremde zu gehen«, sagte er dann, »wenn man daheim schon am eigenen Herd gesessen hat. – Mir ist noch immer, als sei ich hier nur zu Gaste, und morgen oder ĂŒbermorgen sei die Zeit herum, daß wir alle wieder nach Hause mĂŒĂŸten!«

Sie faßte die Hand ihres Mannes und hielt sie fest in der ihrigen, aber sie antwortete nichts darauf.

»Gedenkst du noch an einen Weihnachten?« hub er wieder an. »Ich hatte die Studentenjahre hinter mir und lebte nun noch einmal, zum letztenmal, eine kurze Zeit als Kind im elterlichen Hause. Freilich war es dort nicht mehr so heiter, wie es einst gewesen; es war Unvergeßliches geschehen, die alte Familiengruft unter der großen Linde war ein paarmal offen gewesen; meine Mutter, die unermĂŒdlich tĂ€tige Frau, ließ oft mitten in der Arbeit die HĂ€nde sinken und stand regungslos, als habe sie sich selbst vergessen. Wie unsere alte Margret sagte, sie trug ein KĂ€mmerchen in ihrem Kopf, drin spielte ein totes Kind. – Nur Onkel Erich, freilich ein wenig grauer als sonst, erzĂ€hlte noch seine kleinen freundlichen Geschichten, und auch die Schwester und die Großmutter lebten noch. Damals war jener Weihnachtsabend; ein junges schönes MĂ€dchen war zu der Schwester auf Besuch gekommen. Weißt du, wie sie hieß?«

»Ellen«, sagte sie leise und lehnte den Kopf an die Brust ihres Mannes.

Der Mond war aufgegangen und beleuchtete ein paar SilberfÀden in dem braunen seidigen Haar, das sie schlicht gescheitelt trug, schmucklos in einer Flechte um den Schildpattkamm gelegt.

Er strich mit der Hand ĂŒber dies noch immer selten schöne Haar. »Ellen hatte auch beschert bekommen«, sprach er weiter; »auf dem kleinen Mahagonitische lagen Geschenke von meiner Mutter und was von ihren Eltern von drĂŒben aus dem Schwesterlande herĂŒbergeschickt war. Sie stand mit dem RĂŒcken gegen den brennenden Baum, die Hand auf die Tischplatte gestĂŒtzt; sie stand schon lange so; ich sehe sie noch;« – und er ließ seine Augen eine Weile schweigend auf dem schönen Antlitz seiner Frau ruhen; – »da war meine Mutter unbemerkt zu ihr getreten; sie faßte sanft ihre Hand und sah ihr fragend in die Augen. – Ellen blickte nicht um, sie neigte nur den Kopf; plötzlich aber richtete sie sich rasch auf und entfloh ins Nebenzimmer. Weißt du es noch? WĂ€hrend meine Mutter leise den Kopf schĂŒttelte, ging ich ihr nach; denn seit einem kleinen Zank am letzten Abend waren wir vertraute Freunde. Ellen hatte sich in der Ofenecke auf einen Stuhl gesetzt; es war fast dunkel dort; nur eine vergessene Kerze mit langer Schnuppe brannte in dem Zimmer. ,Hast du Heimweh, Ellen?‘ fragte ich.

,Ich weiß es nicht!‘ – Eine Weile stand ich schweigend vor ihr. ,Was hast du denn da in der Hand?‘ – ,Willst du es haben?‘

Es war eine Börse von dunkelroter Seide. ,Wenn du sie fĂŒr mich gemacht hast‘, sagte ich; denn ich hatte die Arbeit in den Tagen zuvor in ihren HĂ€nden gesehen und wohl bemerkt, wie Ellen sie, sobald ich nĂ€her kam, in ihrem NĂ€hkĂ€stchen verschwinden ließ. – Aber Ellen antwortete nicht und gab mir auch nicht ihr Angebinde. Sie stand auf und putzte das Licht, daß es plötzlich ganz hell im Zimmer wurde. ,Komm‘, sagte sie, ,der Baum brennt ab, und Onkel Erich will noch Zuckerzeug bescheren!‘ Damit wehte sie sich mit ihrem Schnupftuch ein paarmal um die Augen und ging in die Weihnachts Stube zurĂŒck, und als wir dann spĂ€ter am Pochbrett saßen, war sie die Ausgelassenste von allen. Von meinem Weihnachtsgeschenk war weiter nicht die Rede. – – Aber weißt du, Frau?« – und er ließ ihre Hand los, die er bis dahin festgehalten – »die MĂ€dchen sollten nicht so eigensinnig sein; das hat mir damals keine Ruh gelassen; ich mußte doch die Börse haben, und darĂŒber –«

»DarĂŒber, Paul? – Sprich nur dreist heraus!«

»Nun, hast du denn von der Geschichte nichts gehört? darĂŒber bekam ich nun auch noch das MĂ€dchen in den Kauf.«

»Freilich«, sagte sie, und er sah bei dem hellen Mondschein in ihren Augen etwas blitzen, das ihn an das ĂŒbermĂŒtige MĂ€dchen erinnerte, das sie einst gewesen, »freilich weiß ich von der Geschichte, und ich kann sie dir auch erzĂ€hlen; aber es war ein Jahr spĂ€ter, nicht am Weihnachts-, sondern am Neujahrsabend, und auch nicht hĂŒben, sondern drĂŒben.«

Sie rĂ€umte das Dintenfaß und einige Papiere beiseite und setzte sich ihrem Mann gegenĂŒber auf den Schreibtisch. »Der Vetter war bei Ellens Eltern zum Besuch, bei dem alten prĂ€chtigen Kirchspielvogt, der damals noch ein starker Nimrod war. – Ellen hatte noch niemals einen so schönen und langen Brief bekommen als den, worin der Vetter sich bei ihnen angemeldet; aber so gut wie mit der Feder wußte er mit der Flinte nicht umzugehen. Und dennoch, tat es die Landluft oder der schöne Gewehrschrank im Zimmer des Kirchspielvogts, es war nicht anders, er mußte alle Tage auf die Jagd. Und wenn er dann abends durchnĂ€ĂŸt mit leerer Tasche nach Hause kam und die Flinte schweigend in die Ecke setzte – wie behaglich ergingen sich da die Stichelreden des alten Herrn. – ,Das heißt Malheur, Vetter; aber die Hasen sind heuer alle wild geraten!‘ – Oder: ,Mein Herzensjunge, was soll die Diana einmal von dir denken!‘ Am meisten aber – – du hörst doch, Paul?«

»Ich höre, Frau.«

»Am meisten plagte ihn die Ellen; sie setzte ihm heimlich einen Strohkranz auf, sie band ihm einen GĂ€nseflĂŒgel vor den Flintenlauf; eines Vormittags – weißt du, es war Schnee gefallen – hatte sie einen Hasen, den der Knecht geschossen, aus der Speisekammer geholt, und eine Weile darauf saß er noch einmal auf seinem alten Futterplatz im Garten, als wenn er lebte, ein Kohlblatt zwischen den VorderlĂ€ufen. Dann hatte sie den Vetter gesucht und an die HoftĂŒr gezogen. ,Siehst du ihn, Paul? dahinten im Kohl; die Löffel gucken aus dem Schnee!‘ – Er sah ihn auch; seine Hand zitterte. ,Still, Ellen! Sprich nicht so laut! Ich will die Flinte holen!‘ Aber als kaum die TĂŒr nach des Vaters Stube hinter ihm zuklappte, war Ellen schon wieder in den Schnee hinausgelaufen, und als er endlich mit der geladenen Flinte heranschlich, hing auch der Hase schon wieder an seinem sicheren Haken in der Speisekammer. – Aber der Vetter ließ sich geduldig von ihr plagen.«

»Freilich«, sagte der Amtsrichter, und legte seine Arme behaglich auf die Lehne seines Sessels, »er hatte ja die Börse noch immer nicht!«

»Drum auch! Die lag noch unangerĂŒhrt droben in der Kommode, in Ellens GiebelstĂŒbchen. Aber – wo die Ellen war, da war der Vetter auch; heißt das, wenn er nicht auf der Jagd war. Saß sie drinnen an ihrem NĂ€htisch, so hatte er gewiß irgendein Buch aus der Polterkammer geholt und las ihr daraus vor; war sie in der KĂŒche und backte Waffeln, so stand er neben ihr, die Uhr in der Hand, damit das Eisen zur rechten Zeit gewendet wĂŒrde. – So kam die Neujahrsnacht. Am Nachmittage hatten beide auf dem Hofe mit des Vaters Pistolen nach goldenen Eiern geschossen, die Ellen vom Weihnachtsbaum ihrer Geschwister abgeschnitten; und der Vetter hatte unter dem HĂ€ndeklatschen der Kleinen zweimal das goldene Ei getroffen. Aber war’s nun, weil er am andern Tage reisen mußte, oder war’s, weil Ellen fortlief, als er sie vorhin allein in ihrem Zimmer aufgesucht hatte – es war gar nicht mehr der geduldige Vetter – er tat kurz und unwirsch und sah kaum nach ihr hin. – Das blieb den ganzen Abend so; auch als man spĂ€ter sich zu Tische setzte. Ellens Mutter warf wohl einmal einen fragenden Blick auf die beiden, aber sie sagte nichts darĂŒber. Der Kirchspielvogt hatte auf andere Dinge zu achten, er schenkte den Punsch, den er eigenhĂ€ndig gebraut hatte; und als es drunten im Dorfe zwölf schlug, stimmte er das alte Neujahrslied von Johann Heinrich Voß an, das nun getreulich durch alle Verse abgesungen wurde. Dann rief man ,Prost Neujahr!‘ und schĂŒttelte sich die HĂ€nde, und auch Ellen reichte dem Vetter ihre Hand; aber er berĂŒhrte kaum ihre Fingerspitzen. – So war’s auch, da man sich bald darauf gute Nacht sagte. – Als das MĂ€dchen droben allein in ihrem GiebelstĂŒbchen war – und nun merk auf, Paul, wie ehrlich ich erzĂ€hle! – da hatte sie keine Ruh zum Schlafen; sie setzte sich still auf die Kante ihres Bettes, ohne sich auszukleiden und ohne der klingenden KĂ€lte in der ungeheizten Kammer zu achten. Denn es krĂ€nkte sie doch; sie hatte dem Menschen ja nichts zuleid getan. Freilich, er hatte sie gestern noch gefragt, ob sie den Hasen nicht wieder im Kohl gesehen; und sie hatte dazu den Kopf geschĂŒttelt. – War es etwa das, und wußte er denn, daß er den Hasen schon vor drei Tagen selbst hatte mit verzehren helfen? – – Sie wollte den schönen Brief des Vetters einmal wieder lesen. Aber als sie in die Tasche langte, vermißte sie den KommodenschlĂŒssel. Sie ging mit dem Lichte hinab in die Wohnstube, und von dort, als sie ihn nicht gefunden, in die KĂŒche, wo sie vorhin gewirtschaftet hatte. Von all dem Sieden und Backen des Abends war es noch warm in dem großen dunklen Raume. Und richtig, dort lag der SchlĂŒssel auf dem Fensterbrett. Aber sie stand noch einen Augenblick, und blickte durch die Scheiben in die Nacht hinaus. – So hell und weit dehnte sich das Schneefeld; dort unten zerstreut lagen die schwarzen StrohdĂ€cher des Dorfes; unweit des Hauses zwischen den kahlen Zweigen der Silberpappeln erkannte sie deutlich die großen KrĂ€hennester; die Sterne funkelten. Ihr fiel ein alter Reim ein, ein Zauberspruch, den sie vor Jahr und Tag von der Tochter des Schulmeisters gelernt hatte. Hinter ihr im Hause war es so still und leer; sie schauerte; aber trotzdessen wuchs in ihr das GelĂŒste, es mit den unheimlichen Dingen zu versuchen. So trat sie zögernd ein paar Schritte zurĂŒck. Leise zog sie den einen Schuh vom Fuße, und die Augen nach den Sternen und tief aufatmend sprach sie: ,Gott grĂŒĂŸ dich, Abendstern!‘ – – Aber was war das? Ging hinten nicht die HoftĂŒr? Sie trat ans Fenster und horchte. – Nein, es knarrte wohl nur die große Pappel an der Giebelseite des Hauses. – Und noch einmal hub sie leise an und sprach:

,Gott grĂŒĂŸ dich, Abendstern!
Du scheinst so hell von fern,
Über Osten, ĂŒber Westen,
Über alle KrĂ€hennesten.

Ist einer zu mein Liebchen geboren,
Ist einer zu mein Liebchen erkoren,
Der komm, als er geht,

Als er steht,
In sein tĂ€glich Kleid!‘

Dann schwenkte sie den Schuh und warf ihn hinter sich. Aber sie wartete vergebens; sie hörte ihn nicht fallen. Ihr wurde seltsam zumute, das kam von ihrem Vorwitz! Welch unheimlich Ding hatte ihren Schuh gefangen, eh er den Boden erreicht hatte? – Einen Augenblick noch stand sie so; dann mit dem letzten Restchen ihres Mutes wandte sie langsam den Kopf zurĂŒck. – Da stand ein Mann in der dunklen TĂŒr, und es war Paul; er war richtig noch einmal auf den unglĂŒcklichen Hasen ausgewesen!«

»Nein, Ellen«, sagte der Amtsrichter, »du weißt es wohl; das war er denn doch diesmal nicht; er hatte nur, wie du, auch keine Ruhe gefunden; – aber nun hielt er den kleinen Schuh des MĂ€dchens in der Hand; und Ellen hatte sich am Herd auf einen Stuhl gesetzt, mit geschlossenen Augen, die HĂ€nde gefaltet vor sich in den Schoß gestreckt. Es war kein Zweifel mehr, daß sie sich ganz verloren gab; denn sie wußte wohl, daß der Vetter alles gehört und gesehen hatte. – Und weißt du auch noch die Worte, die er zu ihr sprach?«

»Ja, Paul, ich weiß sie noch; und es war sehr grausam und wenig edel von ihm. ,Ellen‘, sagte er, ,ist noch immer die Börse nicht fĂŒr mich gemacht?‘ Doch Ellen tat ihm auch diesmal den Gefallen nicht; sie stand auf und öffnete das Fenster, daß von draußen die Nachtluft und das ganze Sterngefunkel zu ihnen in die KĂŒche drang.«

»Aber«, unterbrach er sie, »Paul war zu ihr getreten und sie legte still den Kopf an seine Brust; und noch höre ich den sĂŒĂŸen Ton ihrer Stimme, als sie so, in die Nacht hinausnickend, sagte: ,Gott grĂŒĂŸ dich, Abendstern!’«

Die TĂŒr wurde rasch geöffnet; ein krĂ€ftiger, etwa zehnjĂ€hriger Knabe trat mit einem brennenden Licht ins Zimmer. »Vater! Mutter!« rief er, indem er die Augen mit der Hand beschattete. »Hier ist Moos und Efeu und auch noch ein Wacholderzweig!«

Der Amtsrichter war aufgestanden. »Bist du da, mein Junge!« sagte er und nahm ihm die Botanisiertrommel mit den heimgebrachten SchÀtzen ab. 

Frau Ellen aber ließ sich schweigend von dem Schreibtisch herabgleiten und schĂŒttelte sich ein wenig wie aus TrĂ€umen. Sie legte beide HĂ€nde auf ihres Mannes Schultern und blickte ihn eine Weile voll und herzlich an. Dann nahm sie die Hand des Knaben. »Komm, Harro«, sagte sie, »wir wollen WeihnachtsgĂ€rten bauen!«

2
Unter dem Tannenbaum

Der Weihnachtsabend begann zu dĂ€mmern. – Der Amtsrichter war mit seinem Sohne auf der RĂŒckkehr von einem Spaziergange; Frau Ellen hatte sie auf ein StĂŒndchen fortgeschickt. Vor ihnen im Grunde lag die kleine Stadt; sie sahen deutlich, wie aus allen Schornsteinen der Rauch emporstieg; denn dahinter am Horizont stand feuerfarben das Abendrot. – Sie sprachen von den Großeltern drĂŒben in der alten Heimat; dann von den letzten Weihnachten, die sie dort erlebt hatten.

»Und am Vorabend«, sagte der Vater, »als Knecht Ruprecht zu uns kam mit dem großen Bart und dem Quersack und der Rute in der Hand!«

»Ich wußte wohl, daß es Onkel Johannes war«, erwiderte der Knabe, »der hatte immer so etwas vor!«

»Weißt du denn auch noch die Worte, die er sprach?«

Harro sah den Vater an und schĂŒttelte den Kopf.

»Wart nur«, sagte der Amtsrichter, »die Verse liegen zu Haus in meinem Pult; vielleicht bekomm ich’s noch beisammen!« Und nach einer Weile fuhr er fort: »Entsinne dich nur, wie erst die drei Rutenhiebe von draußen auf die TĂŒr fielen und wie dann die rauhe borstige Gestalt mit der großen Hakennase in die Stube trat!« Dann hub er langsam und mit tiefer Stimme an:

»Von drauß‘ vom Walde komm ich her,
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
AllĂŒberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen.
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht‘ durch den dichten Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an;
,Knecht Ruprecht‘, rief es, ,alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt‘ und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!‘
ch sprach: ,O, lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel brave Kinder hat.‘
,Hast denn das SĂ€cklein auch bei dir?‘
Ich sprach: ,Das SĂ€cklein, das ist hier;
Denn Apfel, Nuß und Mandelkern
Fressen fromme Kinder gern!‘
,Hast denn die Rute auch bei dir?‘
Ich sprach: ,Die Rute, die ist hier!
Doch fĂŒr die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten!‘
Christkindlein sprach: ,So ist es recht,
So geh mit Gott mein treuer Knecht!‘
Von drauß‘ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find?
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

Aber«, fuhr der Amtsrichter mit verÀnderter Stimme fort, »ich sagte dem Knecht Ruprecht:

Der Junge ist von Herzen gut,
Hat nur mitunter was trotzigen Mut!«

»Ich weiß, ich weiß!« rief Harro triumphierend; und den Finger emporhebend, und mit listigem Ausdruck setzte er hinzu: »Dann kam so etwas!«

»Was dich in großes Geschrei brachte; denn Knecht Ruprecht schwang seine Rute und sprach:

Heißt es bei euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?«

»O«, sagte Harro, »ich fĂŒrchtete mich nicht; ich war nur zornig auf den Onkel!«

Über der Stadt, die sie jetzt fast erreicht hatten, stand nur noch ein fahler Schein am Himmel. Es dunkelte schon; aber es begann zu schneien; leise und emsig fielen die Flocken und der Weg schimmerte schon weiß zu ihren FĂŒĂŸen.

Vater und Sohn waren eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen. – »Am Abend darauf«, hub der Amtsrichter wieder an, »brannte der letzte Weihnachtsbaum, den du gehabt hast. Es war damals eine bewegte Zeit; sogar das Zuckerwerk zwischen den Tannenzweigen war kriegerisch geworden: unsere ganze Armee, Soldaten zu Pferde und zu Fuß! – Von alledem ist nun nichts mehr ĂŒbrig!« setzte er leiser und wie mit sich selbst redend hinzu.

Der Knabe schien etwas darauf erwidern zu wollen, aber ein anderes hatte plötzlich seine Gedanken in Anspruch genommen. – Es war ein großer bĂ€rtiger Mann, der vor ihnen aus einem Seitenwege auf die Landstraße herauskam. Auf der Schulter balancierte er ein langes stangenartiges GepĂ€ck, wĂ€hrend er mit einem Tannenzweig, den er in der Hand hielt, bei jedem Schritt in die Luft peitschte. Wie er vorĂŒberging, hatte Harro in der DĂ€mmerung noch die große rote Hakennase erkannt, die unter der PelzmĂŒtze hinausragte. Auch einen Quersack trug der Mann, der anscheinend mit allerhand eckigen Dingen angefĂŒllt war. Er ging rasch vor ihnen auf.

»Knecht Ruprecht!« flĂŒsterte der Knabe, »hebe die Beine und spute dich schnell!«

Das Gewimmel der Schneeflocken wurde dichter, sie sahen ihn noch in die Stadt hinabgehen; dann entschwand er ihren Augen; denn ihre Wohnung lag eine Strecke weiter außerhalb des Tores.

»Freilich«, sagte der Amtsrichter, indem sie rĂŒstig zuschritten, »der Alte kommt zu spĂ€t; dort unten in der Gasse leuchteten schon alle Fenster in den Schnee hinaus.«

Endlich war das Haus erreicht. Nachdem sie auf dem Flur die beschneiten Überkleider abgetan, traten sie in das Arbeitszimmer des Amtsrichters. Hier war heute der Tee serviert; die große Kugellampe brannte, alles war hell und aufgerĂ€umt. Auf der sauberen Damastserviette stand das feinlackierte Teebrett mit den Geburtstagstassen und dem rubinroten Zuckerglase; daneben auf dem Fußboden in dem Komfort von MahagonistĂ€bchen mit blankem Messingeinsatz kochte der Kessel, wie es sein muß, auf gehörig durchgeglĂŒhten Torfkohlen; wie daheim einst in der großen Stube des alten Familienhauses, so dufteten auch hier in dem kleinen StĂŒbchen die braunen Weihnachtskuchen nach dem Rezept der Urgroßmutter. – Aber wĂ€hrend die Mutter nebenan im Wohnzimmer noch das Fest bereitete, blieben Vater und Sohn allein; kein Onkel Erich kam, ihnen feiern zu helfen. Es war doch anders als daheim.

Ein paarmal hatte Harro mit bescheidenem Finger an die TĂŒr gepocht, und ein leises »Geduld!« der Mutter war die Antwort gewesen. Endlich trat Frau Ellen selbst herein. LĂ€chelnd – aber ein leiser Zug von Weh war doch dabei – streckte sie ihre HĂ€nde aus und zog ihren Mann und ihren Knaben, jeden bei einer Hand, in die helle Weihnachtsstube.

Es sah freundlich genug aus. Auf dem Tische in der Mitte, zwischen zwei Reihen brennender Wachskerzen, stand das kleine Kunstwerk, das Mutter und Sohn in den Tagen vorher sich selbst geschaffen hatten, ein Garten im Geschmack des vorigen Jahrhunderts mit glattgeschorenen Hecken und dunklen Lauben; alles von Moos und verschiedenem WintergrĂŒn zierlich zusammengestellt. Auf dem Teiche von Spiegelglas schwammen zwei weiße SchwĂ€ne; daneben vor dem chinesischen Pavillon standen kleine Herren und Damen von Papiermachee in Puder und Kontuschen. – Zu beiden Seiten lagen die Geschenke fĂŒr den Knaben; eine scharfe Lupe fĂŒr die KĂ€fersammlung, ein paar bunte MĂŒnchener Bilderbogen, die nicht fehlen durften, von Schwind und Otto Speckter; ein Buch in rotem Halbfranzband; dazwischen ein kleiner Globus in schwarzer Kapsel, augenscheinlich schon ein altes StĂŒck. »Es war Onkel Erichs letzte Weihnachtsgabe an mich;« sagte der Amtsrichter, »nimm du es nun von mir! Es ist mir in diesen Tagen aufs Herz gefallen, daß ich ihm die Freude, die er mir als Kind gemacht, in spĂ€terer Zeit nicht einmal wieder gedankt – ; nun haben sie mir den alten Herrn im letzten Herbst begraben!«

Frau Ellen legte den Arm um ihren Mann und fĂŒhrte ihn an den Spiegeltisch, auf dem heute die beiden silbernen Armleuchter brannten. Auch ihm hatte sie beschert; das erste aber, wonach seine Hand langte, war ein kleines Lichtbild. Seine Augen ruhten lange darauf, wĂ€hrend Frau Ellen still zu ihm emporsah. Es war sein elterlicher Garten; dort unter dem Ahorn vor dem Lusthause standen die beiden Alten selbst, das noch dunkle volle Haar seines Vaters war deutlich zu erkennen.

Der Amtsrichter hatte sich umgewandt; es war, als suchten seine Augen etwas. Die Lichter an den MoosgÀrtchen brannten knisternd fort; in ihrem Schein stand der Knabe vor dem aufgeschlagenen Weihnachtsbuch. Aber droben unter der Decke des hohen Zimmers war es dunkel; der Tannenbaum fehlte, der das Licht des Festes auch dort hinaufgetragen hÀtte.

Da klingelte draußen im Flur die Glocke und die HaustĂŒr wurde polternd aufgerissen. »Wer ist denn das?« sagte Frau Ellen; und Harro lief zur TĂŒr und sah hinaus.

Draußen hörten sie eine rauhe Stimme fragen: »Bin ich denn hier recht beim Herrn Amtsrichter?« Und in demselben Augenblicke wandte auch der Knabe den Kopf zurĂŒck und rief: »Knecht Ruprecht; Knecht Ruprecht!« Dann zog er Vater und Mutter mit sich aus der TĂŒr.

Es war der große bĂ€rtige Mann, der den beiden SpaziergĂ€ngern vorhin oberhalb der Stadt begegnet war; bei dem Schein des FlurlĂ€mpchens sahen sie deutlich die rote Hakennase unter der beschneiten PelzmĂŒtze leuchten. Sein langes GepĂ€ck hatte er gegen die Wand gelehnt. »Ich habe das hier abzugeben!« sagte er, indem er auch den schweren Quersack von der Schulter nahm.

»Von wem denn?« fragte der Amtsrichter.

»Ist mir nichts von aufgetragen worden.«

»Wollt Ihr denn nicht nÀher treten?«

Der Alte schĂŒttelte den Kopf. »Ist alles schon besorgt! Habt gute Weihnacht beieinander!« Und indem er noch einmal mit der großen Nase nickte, war er schon zur TĂŒr hinaus.

»Das ist eine Bescherung!« sagte Frau Ellen fast ein wenig schĂŒchtern.

Harro hatte die HaustĂŒr aufgerissen. Da sah er die große dunkele Gestalt schon weithin auf dem beschneiten Wege hinausschreiten.

Nun wurde die Magd herbeigerufen, deren Bescherung durch dieses Zwischenspiel bis jetzt verzögert war; und als mit ihrer HĂŒlfe die verhĂŒllten Dinge in das helle Weihnachtszimmer gebracht waren, kniete Frau Ellen auf dem Fußboden und begann mit ihrem Trennmesser die NĂ€hte des großen Packens aufzulösen. Und bald fĂŒhlte sie, wie es von innen heraus sich dehnte und die immer schwĂ€cher werdenden Bande zu sprengen strebte; und als der Amtsrichter, der bisher schweigend dabeigestanden, jetzt die letzte HĂŒllen abgestreift hatte und es aufrecht vor sich hingestellt hielt, da war’s ein ganzer mĂ€chtiger Tannenbaum, der nun nach allen Seiten seine entfesselten Zweige ausbreitete. Lange schmale BĂ€nder von Knittergold rieselten und blitzten ĂŒberall von den Spitzen durch das dunkele GrĂŒn herab; auch die TannĂ€pfel waren golden, die unter allen Zweigen hingen.

Harro war indes nicht mĂŒĂŸig gewesen, er hatte den Quersack aufgebunden; mit leuchtenden Augen brachte er einen flachen, grĂŒnlackierten Kasten geschleppt. »Horch, es rappelt!« sagte er. »Es ist ein Schubfach darin!« Und als sie es aufgezogen, fanden sie wohl ein Schock der feinsten weißen Wachskerzchen.

»Das kommt von einem echten Weihnachtsmann«, sagte der Amtsrichter, indem er einen Zweig des Baumes herunterzog, »da sitzen schon ĂŒberall die kleinen Blechlampetten!«

Aber es war nicht nur ein Schubfach in dem Kasten; es war auch obenauf ein Klötzchen mit einem Schraubengang. Der Amtsrichter wußte Bescheid in diesen Dingen; nach einigen Minuten war der Baum eingeschroben und stand fest und aufrecht, seine grĂŒne Spitze fast bis zur Decke streckend. – Die alte Magd hatte ihre SchĂŒssel mit Äpfeln und PfeffernĂŒssen stehen lassen; wĂ€hrend die andern drei beschĂ€ftigt waren, die Wachskerzen aufzustecken, stand sie neben ihnen, ein lebendiger Kandelaber, in jeder Hand einen brennenden Armleuchter emporhaltend. – Sie war aus der Heimat mit herĂŒbergekommen und hatte sich von allen am schwersten in den Brauch der Fremde gefunden. Auch jetzt betrachtete sie den stolzen Baum mit mißtrauischen Augen. »Die goldenen Eier sind denn doch vergessen!« sagte sie.

Der Amtsrichter sah sie lÀchelnd an: »Aber, Margret, die goldenen TannÀpfel sind doch schöner!«

»So, meint der Herr? Zu Hause haben wir immer die goldenen Eier gehabt.«

DarĂŒber war nicht zu streiten; es war auch keine Zeit dazu. Harro hatte sich indessen schon wieder ĂŒber den Quersack hergemacht. »Noch nicht anzĂŒnden!« rief er, »das Schwerste ist noch darin!«

Es war ein fest vernageltes hölzernes Kistchen. Aber der Amtsrichter holte Hammer und Meißel aus seinem GerĂ€tkĂ€stchen ; nach ein paar SchlĂ€gen sprang der Deckel auf und eine FĂŒlle weißer PapierspĂ€ne quoll ihnen entgegen. – »Zuckerzeug!« rief Frau Ellen und streckte schĂŒtzend ihre HĂ€nde darĂŒber aus. »Ich wittere Marzipan! Setzt euch; ich werde auspacken!«

Und mit vorsichtiger Hand langte sie ein StĂŒck nach dem andern heraus und legte es auf den Tisch, das nun von Vater und Sohn aus dem umhĂŒllenden Seidenpapier herausgewickelt wurde.

»Himbeeren!« rief Harro. »Und Erdbeeren, ein ganzer Strauß!«

»Aber siehst du es wohl?« sagte der Amtsrichter. »Es sind Walderdbeeren; so welche wachsen in den GÀrten nicht.«

Dann kam, wie lebend, allerlei Geziefer; Hornisse und Hummeln und was sonst im Sonnenschein an stillen WaldplĂ€tzchen umherzusummen pflegt, zierlich aus Dragant gebildet, mit goldbestĂ€ubten FlĂŒgeln; nun eine Honigwabe – die Zellen mochten mit Likör gefĂŒllt sein – wie sie die wilde Biene in den Stamm der hohlen Eiche baut; und jetzt ein großer HirschkĂ€fer, von Schokolade, mit gesperrten Zangen und ausgebreiteten FlĂŒgeldecken. »Cervus lucanus!« rief Harro und klatschte in die HĂ€nde.

An jedem StĂŒck war, je nach der GrĂ¶ĂŸe, ein lichtgrĂŒnes SeidenbĂ€ndchen. Sie konnten der Lockung nicht widerstehen; sie begannen schon jetzt den Baum damit zu schmĂŒcken, wĂ€hrend Frau Ellens HĂ€nde noch immer neue SchĂ€tze ans Licht förderten.

Bald schwebte zwischen den Immen auch eine Schar von Schmetterlingen an den Tannenspitzen; da war der Himbeerfalter, die silberblaue Daphnis und der olivenfarbige Waldargus, und wie sie alle heißen mochten, die Harro hier vergebens aufzujagen gesucht hatte. – Und immer schwerer wurden die PĂ€ckchen, die eins nach dem andern von den eifrigen HĂ€nden geöffnet wurden. Denn jetzt kam das Geschlecht des grĂ¶ĂŸern GeflĂŒgels; da kam der Dompfaff und der Buntspecht, ein Paar KreuzschnĂ€bel, die im Tannenwald daheim sind; und jetzt – Frau Ellen stieß einen leichten Schrei aus – ein ganzes Nest voll kleiner schnĂ€belaufsperrender Vögel; und Vater und Sohn gerieten miteinander in Streit, ob es GoldhĂ€hnchen oder junge Zeisige seien, wĂ€hrend Harro schon das kleine Heimwesen im dichtesten TannengrĂŒn verbarg.

Noch ein Waldbewohner erschien; er mußte vom Buchenrevier herĂŒbergekommen sein; ein Eichhörnchen von Marzipan, in halber LebensgrĂ¶ĂŸe, mit erhobenem Schweif und klugen Augen. »Und nun ist’s alle!« rief Frau Ellen. Aber nein, ein schweres PĂ€ckchen noch! Sie öffnete es und verbarg es dann ebenso rasch wieder in beiden HĂ€nden. »Ein PrachtstĂŒck!« rief sie. »Aber nein, Paul; ich bin edelmĂŒtiger als du; ich zeig’s dir nicht!«

Der Amtsrichter ließ sich das nicht anfechten; er brach ihr die nicht gar zu ernstlich geschlossenen HĂ€nde auseinander, wĂ€hrend sie lachend ĂŒber ihn wegschaute.

»Ein Hase!« jubelte Harro, »er hat ein Kohlblatt zwischen den Vorderpfötchen!«

Frau Ellen nickte: »Freilich, er kommt auch eben aus des alten Kirchspielvogts Garten!«

»Harro, mein Junge«, sagte der Amtsrichter, indem er drohend den Finger gegen seine Frau erhob; »verspricht mir, diesen Hasen zu verspeisen, damit er grĂŒndlich aus der Welt komme!«

Das versprach Harro.

Der Baum war voll, die Zweige bogen sich; die alte Margret stöhnte, sie könne die Leuchter nicht mehr halten, sie habe gar keine Arme mehr am Leibe.

Aber es gab wieder neue Arbeit. »AnzĂŒnden!« kommandierte der Amtsrichter; und die klein und großen Weihnachtskinder standen mit heißen Gesichtern, kletterten auf Schemel und StĂŒhle und ließen nicht ab, bis alle Kerzen angezĂŒndet waren.

Der Baum brannte, das Zimmer war von Duft und Glanz erfĂŒllt; es war nun wirklich Weihnachten geworden.

Ein wenig mĂŒde von der ungewohnten Anstrengung saß der Amtsrichter auf dem Sofa, nachsinnend in den gegenĂŒberhĂ€ngenden großen Wandspiegel blickend, der das Bild des brennenden Baums zurĂŒckstrahlte.

Frau Ellen, die ganz heimlich ein wenig aufzurĂ€umen begann, wollte eben die geleerte Kiste an die Seite setzen, als sie wie in Gedanken noch einmal mit der Hand durch die PapierspĂ€ne streifte. Sie stutzte. »Unerschöpflich!« sagte sie lĂ€chelnd. – Es war ein Star von Schokolade, den sie hervorgeholt hatte. »Und, Paul«, fuhr sie fort, »er spricht!«

Sie hatte sich zu ihm auf die Sofalehne gesetzt, und beide lasen nun gemeinschaftlich den beschriebenen Zettel, den der Vogel in seinem Schnabel trug: »Einen Wald- und Weihnachtsgruß von einer dankbaren Freundin!«

»Also von ihr!« sagte der Amtsrichter. »Ihr Herz hat ein gutes GedĂ€chtnis. Knecht Ruprecht mußte einen tĂŒchtigen Weg zurĂŒcklegen; denn das Gut liegt fĂŒnf ganze Meilen von hier.«

Frau Ellen legte den Arm um ihres Mannes Nacken. »Nicht wahr, Paul, wir wollen auch nicht undankbar gegen die Fremde sein?«

»Oh, ich bin nicht undankbar; – aber – –«

»Was denn aber, Paul?«

»Was mögen drĂŒben jetzt die Alten machen!«

Sie antwortete nicht darauf; sie gab ihm schweigend ihre Hand.

»Wo ist Harro?« fragte er nach einer Weile.

Harro war eben wieder ins Zimmer getreten; aus einer Schachtel, die er mit sich brachte, nahm er eine kleine verblichene Figur und befestigte sie sorgfĂ€ltig an einen Zweig des Tannenbaums. Die Eltern hatten es wohl erkannt; es war ein StĂŒck von dem Zuckerzeug des letzten heimatlichen Weihnachtsbaums ; ein Dragoner auf schwarzem Pferde in langem graublauem Mantel. Der Knabe stand davor und betrachtete es unbeweglich; seine großen blauen Augen unter der breiten Stirn wurden immer finsterer. »Vater«, sagte er endlich, und seine Stimme zitterte, »es war doch schade um unser schönes Heer! – Wenn sie es nur nicht aufgelöst hĂ€tten – ich glaube, dann wĂ€ren wir wohl noch zu Hause!«

Eine lautlose Stille folgte, als der Knabe das gesprochen. Dann rief der Vater seinen Sohn und zog ihn dicht an sich heran. »Du kennst noch das alte Haus deiner Großeltern«, sagte er, »du bist vielleicht das letzte Kind von den Unseren, das noch auf den großen ĂŒbereinandergetĂŒrmten BodenrĂ€umen gespielt hat; denn die Stunde ist nicht mehr fern, daß es in fremde Hand kommen wird. – Einer deiner Urahnen hat es einst fĂŒr seinen Sohn gebaut. Der junge Mann fand es fertig und ausgestattet vor, als er nach mehrjĂ€hriger Abwesenheit in den HandelsstĂ€dten Frankreichs nach seiner Heimat zurĂŒckkehrte. Bei seinem Tode hat er es seinen Nachkommen hinterlassen, und sie haben darin gewohnt als Kaufherren und Senatoren oder, nachdem sie sich dem Studium der Rechte zugewandt hatten, als BĂŒrgermeister oder Syndizi ihrer Vaterstadt. Es waren angesehene und wohldenkende MĂ€nner, die im Lauf der Zeit ihre Kraft und ihr Vermögen auf mannigfache Weise ihren MitbĂŒrgern zugute kommen ließen. So waren sie wurzelfest geworden in der Heimat. Noch in meiner Knabenzeit gab es unter den tĂŒchtigeren Handwerkern fast keine Familie, wo nicht von den Voreltern oder Eltern eines in den Diensten der Unserigen gestanden hĂ€tte; sei es auf den Schiffen oder in den Fabriken oder auch im Hause selbst. – Es waren das VerhĂ€ltnisse des gegenseitigen Vertrauens; jeder rĂŒhmte sich des andern und suchte sich des andern wert zu zeigen; wie ein Erbe ließen es die Eltern ihren Kindern; sie kannten sich alle, ĂŒber Geburt und Tod hinaus, denn sie kannten Art und Geschlecht der Jungen, die geboren wurden, und der Alten, die vor ihnen dagewesen waren.« – – Der Amtsrichter schwieg einen Augenblick, wĂ€hrend der Knabe unbeweglich zu ihm emporsah. »Aber nicht allein in die Höhe«, fuhr er fort, »auch in die Tiefe haben deine Voreltern gebaut; zu dem steinernen Hause in der Stadt gehörte die Gruft draußen auf dem Kirchhof; denn auch die Toten sollten noch beisammen sein. – Und seltsam, da ich des inneward, daß ich fort mußte, mein erster Gedanke war, ich könnte dort den Platz verfehlen. – – Ich habe sie mehr als einmal offen gesehen; das letzte Mal, als deine Urgroßmutter starb, eine Frau in hohen Jahren, wie sie den Unserigen vergönnt zu sein pflegen. – Ich vergesse den Tag nicht. Ich war hinabgestiegen und stand unten in der Dunkelheit zwischen den SĂ€rgen, die neben und ĂŒber mir auf den eisernen Stangen ruhten; die ganze alte Zeit, eine ernste schweigsame Gesellschaft. Neben mir war der TotengrĂ€ber, ein eisgrauer Mann. Aber einst war er jung gewesen und hatte als Kutscher, den schwarzen Pudel zwischen den Knien, die Rappen meines Großvaters gefahren. – Er stand an einen hohen Sarg gelehnt und ließ wie liebkosend seine Hand ĂŒber das schwarze Tuch des Deckels gleiten. ,Dat is min ole Herr!‘ sagte er in seinem Plattdeutsch. ,Dat weer en gude Mann!‘ – Mein Kind, nur dort zu Hause konnte ich solche Worte hören. Ich neigte unwillkĂŒrlich das Haupt; denn mir war, als fĂŒhlte ich den Segen der Heimat sich leibhaftig auf mich niedersenken. Ich war der Erbe dieser Toten; sie selbst waren zwar dahingegangen; aber ihre GĂŒte und TĂŒchtigkeit lebte noch, und war fĂŒr mich da und half mir, wo ich selber irrte, wo meine KrĂ€fte mich verließen. – – Und auch jetzt noch, wenn ich – mir und den Meinen nicht zur Freude, aber getrieben von jenem geheimnisvollen Weh, auf kurze Zeit zurĂŒckkehrte, ich weiß es wohl, dem sich dann alle HĂ€nde dort entgegenstreckten, das war nicht ich allein.«

Er war aufgestanden und hatte einen FensterflĂŒgel aufgestoßen. Weithin dehnte sich das Schneefeld; der Wind sauste; unter den Sternen vorĂŒber jagten die Wolken; dorthin, wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag. – Er legte fest den Arm um seine Frau, die ihm schweigend gefolgt war; seine lichtblauen Augen lugten scharf in die Nacht hinaus. »Dort!« sprach er leise; »ich will den Namen nicht nennen; er wird nicht gern gehört in deutschen Landen; wir wollen ihn still in unserm Herzen sprechen, wie die Juden das Wort fĂŒr den Allerheiligsten.« Und er ergriff die Hand seines Kindes und preßte sie so fest, daß der Junge die ZĂ€hne zusammenbiß.

Noch lange standen sie und blickten dem dunkeln Zuge der Wolken nach. – Hinter ihnen im Zimmer ging lautlos die alte Magd umher und hĂŒtete sorgsamen Auges die allmĂ€hlich niederbrennenden  Weihnachtskerzen.

Theodor Storm 

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