Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

🎄 Weihnacht in Winkelsteg | Adventgeschichte | Peter Rosegger

Banner fĂŒr das Autorenprofil von Franziska Franzi auf Amazon. Hintergrund ist grau und dunkel gefĂ€rbt, in der Mitte ist das Pseudonym Foto und der Name Franziska Franzi
Eine Weihnachtsgeschichte von Peter Rosegger
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

In der heiligen Christnacht sind die Leute schon wieder von allen Seiten herbeigekommen. Die von den Spanlunten abgefallenen GlĂŒhkohlen sind lustig hingeglitten ĂŒber die Schneekruste wie Sternschnuppen.

Viele WĂ€ldler sind in ihrer Sehnsucht nach der mitternĂ€chtigen Feier ein gut StĂŒck zu frĂŒh daran. Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und es im Freien kalt ist, so kommen sie zu mir in das Schulhaus. Ich schlage Licht und da ist bald die ganz Schulstube voll Menschen. die Weiber haben weiße, bandartig zusammengelegte TĂŒcher um das Kinn und ĂŒber die Ohren hinaufgebunden. Sie huschen recht um den Ofen herum und blasen in die Finger, um das Frostwehen zu verblasen.
die MĂ€nner halten sich fest in ihren LodengewĂ€ndern verwahrt. Sie behalten die HĂŒte auf den Köpfen, sitzen auf den Tischbrettern der SchulbĂ€nke und besehen mit wichtigtuender BedĂ€chtigkeit die LehrgegenstĂ€nde, welche die JĂŒngeren den Älteren erklĂ€ren. Einige gehen auch ĂŒber den Boden auf und ab und schlagen bei jedem Schritt die gefrorenen Schuhe aneinander, dass es klappert. Fast alle rauchen aus ihren Pfeifen. Der Urwald ist auszurotten, aber das Tabakrauchen nimmer.
Ich kleide mich rasch an, ich soll in der Kirche doch der erste sein.
JĂ€hlings klopft es sehr stark an meine TĂŒr. Die Waldleute klopfen nicht; wer ist es also? Eine weiße Schafwollenhaube guckt herein und unter der Haube steckt ein alter Runzelkopf mit schneeweißen LockenstrĂ€hnen. Also gleich erkenne ich den WaldsĂ€nger. Heute trĂ€gt er einen gar langen Rock, der bis zu den Waden hinabgeht und mit MessinghĂ€kchen zugeknöpft ist. DarĂŒber hĂ€ngt ein Schnappsack und eine Seitenpfeife; und auf einen Hirtenstab stĂŒtzt sich der Alte und seinen braunen, weltumfassenden Hut hĂ€lt er in den HĂ€nden. dieser Hut ist seine HĂŒtte und sein Heim und seine ganze Welt. Ein guter Hut, denkt er, ist das beste im WeltgetĂŒmmel; und der Erde Hut nennen sie den Himmel. „Was hocket Ihr denn da, Ihr BĂ€renhĂ€uter!“ ruft der RĂŒpel laut und lustig, „draußen scheint schon lang die Sonnen! – Gelobt sei der Herr; und ich bring euch die wundersame MĂ€r, die sich heut zugetragen hat drunten in der Bethlehemstadt. Hört ihr keine Schalmei und kein Freudengeschrei? So luget zum Fenster hinaus; taghell beleuchtet ist jedes Haus!“
Die Leute stecken richtig die Köpfe zu den Fenstern; aber da ist nichts als der finstere Wald und der Sternenhimmel. – Was sollten sie ansonsten denn noch sehen? Der Alte guckt schmunzelnd nach links und nach rechts, wie viel er wohl Zuhörer habe. So nach stellt er sich mitten in die Stube hin, pocht mit dem Stocke mehrmals auf den Fußboden und hebt so an zu reden:
„Da steh ich allein draußen auf der Heid und schau schlĂ€frig herum weit und breit und treib mein SchĂ€flein zusamm; hab dabei gehabt ein wutzerfeists Lamm. Und wie ich das anschau eine Weil, da hör ich ein Ghetz und ein Gschall, grad hoch in der Luft, es ist wahr; und sie musizieren sogar. Ich hab nit gewusst, was das bedeut’t und wer denn da tobt voller Freud. Die LĂ€mmlein sein gsprungen drauf, eins nach dem andern auf; das feiste hat so lieblich plĂ€rrt, wie es das Wunder hat gehört. Drauf seh ich – hab gmeint, `s ist ein‘ MĂ€r – kleine Bubn fliegen in LĂŒften umher. – Ein Engel fliegt grad auf mich zua, den frag ich: Was gibt’s denn heut, Bua? Da schreit es gleich lustig und froh:“Gloria in excelsis Deo!“ – Das kunnt ich, mein Eid, nicht verstehn: Geh, BĂŒbel, musst deutsch mit mir redn; ich bin ein armer Hirt in der Gmein und die LĂ€mmlein können auch nit Latein. – „So mach sich der Hirt nur geschwind auf und geh er nach Bethlehem drauf, dort wird er finden ein neugebornes Kindelein; ja gar ein wunderschön Kind liegt zwischen Esel und Rind. Nicht in einem Königsaal, nur in einem Ochsenstall, nur in einem Ochsenstall liegt unser eingefatschter Gott, der uns hilft in aller Not.“
Das ist des alten SĂ€ngers „Botschaft“, die er wĂ€hrend der Weihnachtszeit in allen HĂ€usern verkĂŒndet.
Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben, da sagt er noch ein paar heitere SprĂŒche und humpelt wieder zur TĂŒr hinaus.
Die Leute sind ganz schweigsam und andÀchtig geworden; und erst, als die Kirchenglocken zu lÀuten anheben, werden sie wieder lebendiger und verlassen, unbeholfen in Worten und Geberden, die Stube.
Ich habe das Licht ausgelöscht, das Haus verschlossen und bin in die Kirche gegangen. Das ist die Nacht, in der vom Orient bis zum Okzident die Glocken lĂ€uten. Ein Freudenruf schallt durch die Welt und die Lichter strahlen wie ein DiamantgĂŒrtel um den Erdball. – Auch in unserer Kirche ist es licht wie am hellen Tage, nur zu den Fenstern schaut die helle Nacht herein. Jeder hat ein StĂŒck Kerze oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht; denn in der Christnacht muss jeder seinen Glauben und sein Licht haben. Die Leute drĂ€ngen sich zum Kripplein, das heute an der Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden ist. Ich habe vor mehreren Jahren aus Linden- und Eschenholz die vielen kleinen Figuren geschnitzt und sie zur Versinnlichung der Geburt Christi zusammengestellt. Es ist der Stall mit der Krippe, mit dem Kindlein, mit Maria und Josef, mit Ochs und Esel, es sind die Hirten mit den LĂ€mmlein, die heiligen Könige mit den Kamelen; es sind andere spaßhafte MĂ€nnchen mit Gruppen, wie sie Freude, Wohltun und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrĂŒcken sollen. In der Luft hĂ€ngen die Engel und die Sterne und im Hintergrunde ist die Stadt Bethlehem. Was der RĂŒpel weiß zu sagen in Worten, das will ich durch diese Bilder erzĂ€hlen. Und die Leute erbauen sich an dieser Darstellung. Aber sie halten sie, Gott sei Lob, eben nur wie ein Bild, von dem sie wissen, dass es nichts bedeuten und nichts wirken kann als die Erinnerung. Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltar wĂ€re das anders; das hĂ€tten sie Jahr um Jahr und in allen Lebenslagen vor Augen, das tĂ€ten sie wohl zum Herrgott selber machen.
Auf dem Chore ist in dieser Nacht Unheil gewesen. Der Pfarrer stimmt schon das ambrosianische Loblied an, ich sitze an der Orgel und ziehe zur hohen Festfreude alle sechs StimmzĂŒge auf – da platzt jĂ€hlings der Blasebalg und die Orgel stöhnt auf und faucht und gibt keinen einzigen klingenden Ton. Meiner Tage bin ich nicht in solcher Verlegenheit gewesen als in dieser Stunde. Ich bin der Schulmeister, der Choraufseher, ich muss Musik machen; und die Musik ist ja eigentlich das Fest und ohne Musik gibt es in der Kirche gar keine Christnacht. Aller Leut‘ Herzen hĂŒpfen, aller Leut‘ Ohren spitzen sich der Musik entgegen, da schĂŒrft mir der Teufel jetzt den Blasebalg auf. Ich habe meinen Kopf in die HĂ€nde genommen, hĂ€tte ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen. Vergebens hĂŒpfen meine Finger alle Zehn ĂŒber die Tasten hin; taubstumm ist das ganze Zeug und wie maustot.
Der Paul Holzer, sein Weib und die Adelheid von der SchwarzhĂŒtte, die auf dem Chore neben mir sitzen, merken wohl meine Pein; aber sie rĂŒcken nur so her und hin und hĂŒsteln und rĂ€uspern sich und heben an in hellen Stimmen zu singen: „Herrgott, dich loben wir all!“
Das ist mir Öl ins Herz gewesen.
Aber das Lied wird bald aus sein und danach kommt das Hochamt und da muss Musik, Chormusik sein um alle Welt. Holpert der alte RĂŒpel die Treppe herauf: „Schulmeister! Will schon heut die Orgel schweigen, so nimm die Geigen!“ „O Gott, RĂŒpel, die ist zu Holdenschlag beim Leimen!“ „Und kunnt ich auch die Geigen nicht zuwege bringen, o tĂ€t ich bei meiner Treu die Kirchenlieder frei auf der Zither singen!“
FĂŒr diese Wort habe ich den Alten so stĂŒrmisch umarmt, dass er bis ins Herz hinein erschrocken ist. Ich eile und hole die Zither; und bei dem Hochamte klingt auf dem Chor ein Saitenspiel, wie es in dieser und etwa auch in einer andern Kirche niemalen so gehört worden ist. Die Leute horchen, der Pfarrer selber wendet sich ein wenig und tut einen kurzen Blick gegen mich herauf.
Und so ist mitten in der langen Winternacht zu Winkelsteg das Christfest gefeiert worden. Leise zittern und wiegen die Saitentöne; sie singen dem Neugebornen Jesukindlein das Wiegenlied und dem Menschen den Frieden. Und sie schrillen und wecken das schlafende Kind, ehe der falsche Herodes kommt; und sie trillern ein Wanderliedchen fĂŒr die Flucht nach Ägypten.
Ich spiele den Messgesang, spiele die Lieder, wie sie meine Mutter gesungen und mein NĂ€hrvater, der gute Schirmmacher, und im Hause des Freiherrn die Jungfrau . . . .
Und letztlich weiß ich selber nicht mehr, was ich kindischer Mann der Gemeinde und dem heiligen Kind hab vorgespielt in dieser Christnacht.
Ich werde den Winkelstegern noch so verrĂŒckt wie der Reim-RĂŒpel.
Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der Pfarrer durch mich die Ärmsten der Gemeinde, die Alten, die Bestraften, die Verlassenen zu sich in den Pfarrhof rufen lassen.
Je! Da ist es noch heller wie in der Kirche! Da ist mitten in der Stube ein Baum aufgewachsen und der blĂŒht in Flammenknospen an allen Ästen und Zweigen.
Da gucken die alten MĂ€nnlein und Weiblein gottswunderlich drein und kichern und reiben sich die Augen ĂŒber den nĂ€rrischen Traum. Dass auf einem Baum des Waldes eitel Kerzenlichter wachsen, das haben sie alle ihre Tage noch nicht gesehen.
Jenes Wundervöglein von den tausend Jahren, sagt der Pfarrer, sei wieder durch den Wald geflogen, habe ein Samenkorn in den Boden gelegt und dem sei dieses BĂ€umchen mit den FlammenblĂŒten entsprossen. Und das sei der dritte Baum des Lebens. Der erst sei gewesen der Baum der Erkenntnis im Paradiese; der zweite sei gewesen der Baum der Aufopferung auf Golgatha; und dieser dritte Baum der Baum der Menschenliebe. Der uns das Golgatha der Erde wieder zum Paradiese gestalte. Im brennenden Dornbusch habe Gott vormal einst die Gebote verkĂŒndet und in diesem brennenden Busche wiederholte er es heute: Du sollst den NĂ€chsten lieben wie dich selbst!
Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und Nahrung verteilt, wie die Gaben bestimmt gewesen, und die Worte gesagt: „Nicht mir danket, das Christkind hat’s gebracht!“ „Du mein, du mein!“ rufen die Leutchen zu einander, „jetzt steigt uns das Christkind schon gar in den Wald herein! Ja, weil wir halt eine Kirche haben und so viel einen guten Herrn Pfarrer!“
Der RĂŒpel, auch einer der Beschenkten, ist allein kindischer wie die andern all mitsammen. Er eilt um den Baum herum, als tĂ€te er das Christkind suchen im Gezweige.
„Aber mein!“ schreit er endlich, „die Sonn darf nicht bös auf mich werden, ich weiß kein Licht auf der Erden, weiß keins zu nennen, das so hell tĂ€t brennen wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel! Seid fein still und lauscht! Hört ihr’s, wie’s in den Zweigen rauscht? Wie Spatzen fliegen die Englein und bauen ein Nest fĂŒrs Christkind zum heiligen Fest. Der weiße dort der kleine – FlĂŒgel hat er auch noch keine – der wĂ€r jetzt schier herabgefallen. Geh, lass dir ein paar Steigeisen teilen vom Schmied, ich will sie schon zahlen. Schau, ich hab heut ein warm Jöpplein kriegt und in jedem SĂ€ckel ein Taler liegt. Und kommet, ihr Engel, nur auch bald zu allen andern BĂ€umen in unserm Wald, auf dass ihr tĂ€tet anzĂŒnden die Lichterkronen zu tausend Millionen!“
Keinen Löffel voll hat der alte RĂŒpel gegessen, als die andern beim Grassteiger warme Suppe genießen. Und als Stroh in die Stube getragen und ein Lager bereitet ist worden, dass die Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen HĂŒtten wandern mĂŒssen, da ist der RĂŒpel hinausgegangen unter den freien Himmel und hat die Sterne gezĂ€hlt und jedem einen Namen gegeben. Und der aufgehende Morgenstern hat den Namen „Vater Paul“ erhalten.
Peter Rosegger 

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