Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Das Unglaublichste – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

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Das Unglaublichste - MĂ€rchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Derjenige, welcher das Unglaublichste tun konnte, sollte die Tochter des Königs und das halbe Reich haben. Die jungen Leute, ja selbst die Alten auch, strengten alle ihre Gedanken, Sehnen und Muskeln an. Einer aß so viel, daß er starb; zwei richteten sich durch Trinken zugrunde, um nach ihrem Geschmack das Unglaublichste zu leisten, aber nicht auf solche Weise sollte das geschehen.

Kleine Straßenjungen ĂŒbten sich darauf, sich selber auf den RĂŒcken zu spucken; das sahen sie fĂŒr das Unglaublichste an.

An einem festgesetzten Tage sollte gezeigt werden, was ein jeder als das Unglaublichste leisten könne. Als Richter waren Knaben von drei Jahren bis zu MĂ€nnern von neunzig Jahre bestellt. Es fand eine ganze Ausstellung der unglaublichsten Dinge statt, aber alle waren bald darĂŒber einig, daß das Unglaublichste eine große Stubenuhr in einem Futteral sei, welche im Äußeren und Inneren merkwĂŒrdig ausgedacht war. Bei jedem Stundenschlage kamen lebendige Bilder zum Vorschein, welche die Zeit anzeigten, Es waren zwölf ganze Vorstellung mit beweglichen Figuren, mit Gesang und Rede. Das war das Unglaublichste, sagte das Volk.

Es schlug ein Uhr, und Moses stand am Berge und schrieb auf die Tafel des Gesetzes den ersten Glaubenssatz: “Es ist nur Ein einziger und wahrer Gott.”

Es schlug zwei Uhr, da zeigte sich der Garten des Paradieses, wo Adam und Eva sich fanden, glĂŒcklich beide, ohne auch nur einmal einen Kleiderschrank zu besitzen – aber den brauchten sie auch nicht.

Mit dem Schlage drei erschienen die Heiligen Drei Könige, der eine kohlschwarz, aber dafĂŒr konnte er nichts, die Sonne hatte ihn geschwĂ€rzt. Sie kamen mit RĂ€ucherwerk und Kostbarkeiten.

Mit dem Schlage vier kamen die Jahreszeiten; der FrĂŒhling mit einem Kuckuck auf einem grĂŒnen Buchenzweige, der Sommer mit einem GrashĂŒpfer auf einer reifen KornĂ€hre, der Herbst mit einem leeren Storchenneste, der Winter mit einer alten KrĂ€he, welche Geschichten im Winkel hinter dem Ofen erzĂ€hlen konnte, alte Sagen.

Wenn es fĂŒnf Schlug, zeigten sich die fĂŒnf Sinne, das Gesicht als Brillenmacher, das Gehör als Kupferschmied, dem Geruche folgten Veilchen und Waldmeister, der Geschmack war ein Koch und das GefĂŒhl ein Leichenbitter mit einem Trauerflor, welcher bis auf die Hacke herunterreichte.

Die Uhr schlug sechs, da saß ein Spieler, er warf den WĂŒrfel, und der fiel so, daß sechs oben stand.

Dann kamen die sieben Wochentage oder die sieben TodsĂŒnden – darĂŒber waren die Leute sich nicht ganz einig. Sie gehörten zusammen und waren nicht leicht zu unterscheiden.

Dann kam ein Chor Mönche und sang den Achtuhrsang.

Dem Schlage neun folgten die neun Musen: eine war bei der Astronomie angestellt, eine bei dem historischen Archiv, die ĂŒbrigen gehörten zum Theater.

Mit dem Schlage zehn trat Moses wieder auf mit den zehn Gesetztafeln. Alle Gebote Gottes standen darauf, und deren waren zehn.

Die Uhr schlug wieder, da hĂŒpften und sprangen kleine Jungen und kleine MĂ€dchen, welche ein Spiel spielten und dazu sangen: “Bro, bre, brille, die Uhr hat elf geschlagen!” Und das hatte sie geschlagen.

Jetzt schlug es zwölf, und der NachtwÀchter mit Mantel und Morgenstern trat vor und sang den Vers des alten NachtwÀchterliedes:

“Es war um die Stunde der Mitternacht

da ward der Erlöser geboren.”

Und wĂ€hrend er sang, wuchsen Rosen, und die wurden Engelsköpfe, welche von regenbogenfarbigen FlĂŒgeln getragen wurden.

Das war lieblich zu hören, schön zu sehen. Das Ganze war ein unvergleichliches Kunstwerk, das Unglaublichste, sagten alle Menschen.

Der KĂŒnstler war ein junger Mann, er war herzensgut, fröhlich wie ein Kind, seinen armen Eltern hilfreich, er verdiente die Prinzessin und das halbe Reich.

Der Tag der Entscheidung war gekommen, die ganze Stadt war im Festkleide, und die Prinzessin saß auf dem Throne des Landes, welcher neu gepolstert, aber dadurch doch nicht bequemer und behaglicher geworden war. Die Richter ringsumher blickten pfiffig auf den mutmaßlichen Sieger, welcher froh und freudig dastand, hatte er doch das Unglaublichste geleistet.

“Nein, das will ich jetzt tun!” rief in eben diesem Augenblick ein langer starkknochiger krĂ€ftiger Mann. “Ich bin der Mann fĂŒr das Unglaublichste!” Und damit schwang er eine große Axt gegen das Kunstwerk.

Krick, krack, krick! Da lag das ganze. RĂ€der und Federn flogen ringsumher, alles war zertrĂŒmmert.

“Das konnte ich tun”, sagte der Mann, “mein Tun hat sein Werk geschlagen und euch alle geschlagen. Ich habe das Unglaublichste getan!”

“Ja, solch ein Kunstwerk zertrĂŒmmern!” sagten die Richter. “Ja, das ist das Unglaublichste!” Das ganze Volk sagte dasselbe, und so sollte er denn die Prinzessin und das halbe Reich haben, denn ein Wort ist ein Wort, wenn es auch das Unglaublichste ist.

Nun wurde von den Mauern und allen TĂŒrmen der Stadt geblasen: “Die Hochzeitsfeier beginnt!” Die Prinzessin war durchaus nicht erfreut darĂŒber, aber lieblich anzuschauen war sie und kostbar gekleidet. Die Kirche erglĂ€nzte von Lichtern, spĂ€t am Abend, das nimmt sich am besten aus. Die adligen Jungfrauen der Stadt sangen und fĂŒhrten die Prinzessin, die Ritter sangen und fĂŒhrten den BrĂ€utigam, der sich blĂ€hte und stolzierte, als wenn er gar nicht abbrechen könnte. Jetzt verstummte der Gesang. Es ward so stille, daß man hĂ€tte eine Nadel zur Erde fallen hören können, aber plötzlich flog mit LĂ€rm und Krachen die großen KirchentĂŒr auf, und bum! bum! da marschierte das ganze Uhrwerk herein in den Kirchengang und stellte sich zwischen Braut und BrĂ€utigam auf. Tote Menschen können nicht wieder gehen, das wissen wir recht gut, aber ein Kunstwerk kann wieder gehen, der Körper war zertrĂŒmmert, aber nicht der Geist; der Kunstgeist spukte, und das war kein Spaß.

Leibhaftig stand das Kunstwerk da, als wĂ€re es ganz und unberĂŒhrt. Die Stunden schlugen, eine nach der andern, bis zur zwölften Stunde, und da wimmelten die Gestalten hervor, zuerst Moses, auf dessen Stirn eine Flamme glĂ€nzte; er warf die schweren steinernen Gesetztafeln dem BrĂ€utigam auf die FĂŒĂŸe, welche er an den Fußboden der Kirche fesselte.

“Ich kann sie nicht wieder aufheben!” sagte Moses. “Du hast mir den Arm abgeschlagen. Stehe denn, wo du stehst!”

Jetzt kamen Adam und Eva, die Weisen vom Morgenlande und die vier Jahreszeiten, jeder sagte ihm unangenehme Wahrheiten: “SchĂ€me dich!” Aber er schĂ€mte sich nicht.

Alle die Gestalten, welche jeder Glockenschlag aufzuzeigen hatte, traten aus dem Uhrwerk heraus, und alle wuchsen zu einer bedenklichen GrĂ¶ĂŸe, es war fast, als wenn fĂŒr wirkliche Menschen kein Platz ĂŒbrigbleibe. Und als mit dem zwölften Schlage der WĂ€chter hervortrat mit Mantel und Morgenstern, entstand eine eigentĂŒmliche Unruhe: der WĂ€chter ging gerade auf den BrĂ€utigam zu und schlug ihn mit dem Morgenstern vor die Stirn.

“Liege da!” sagte er, “Leiche fĂŒr Leiche. Wir sind gerĂ€cht und unser Meister mit uns! Wir verschwinden!”

Und das ganze Kunstwerk verschwand, aber die Lichter rings in der Kirche wurden zu großen Lichtblumen, und die vergoldeten Sterne dort unter der Wölbung sandten lange Strahlen herab. Die Orgel klang von selber. Alle Menschen sagten, das sei das Unglaublichste, was sie je erlebt hĂ€tten.

“Wollen Sie dann den Rechten rufen?” sagte die Prinzessin. “Er, der das Kunstwerk gemacht hat, soll mein Ehegatte und Herr sein!”

Und er stand in der Kirche, und sein Gefolge war das ganze Volk! Alle freuten sich, alle segneten ihn. Nicht ein Neider war da – ja, das war das Unglaublichste!

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Ich hasse Menschen Buch

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