DrĂŒcken Sie „Enter“, um den Inhalte zu ĂŒberspringen

Der Flaschenhals – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

In der engen, krummen Straße zwischen Ă€rmlichen HĂ€usern stand ein schmales, hohes Haus aus Fachwerk, das schon ĂŒberall aus den Fugen ging. Arme Leute wohnten hier, und am Ă€rmlichsten sah es in der Dachkammer aus, wo vor dem kleinen Fenster im Sonnenschein, ein altes verbeultes Vogelbauer hing, das nicht einmal ein ordentliches TrinknĂ€pfchen hatte, sondern nur einen umgekehrten Flaschenhals mit einem Pfropfen unten. So ließ er sich mit Wasser fĂŒllen. Ein altes MĂ€dchen stand an dem offenen Fenster, sie hatte eben den KĂ€fig mit Vogelmiere geschmĂŒckt, in dem ein kleiner HĂ€nfling von Stange zu Stange hĂŒpfte und sang, daß es schallte.

„Ja, Du hast gut singen!“ sagte der Flaschenhals. Freilich sagte er es nicht so, wie wir es sagen können, denn ein Flaschenhals kann ja nicht sprechen, aber er dachte es in der Art bei sich, wie wir Menschen auch mit uns selbst sprechen. „Ja, Du hast gut singen, Du hast Deine ganzen Glieder. Du solltest einmal in meiner Lage sein, Deinen Unterleib verlieren und nur noch Hals und Mund ĂŒbrig behalten, noch dazu mit einem Pfropfen darin, dann wĂŒrdest Du nicht singen. Aber es ist doch gut, daß wenigstens einer vergnĂŒgt ist. Ich habe keinen Grund zum Singen, und ich kann es auch nicht. Damals, als ich noch eine ganze Flasche war, konnte ich es, wenn man einen Pfropfen gegen mich rieb. Damals wurde ich die wahre Lerche, die große Lerche genannt! – Und dann damals, als ich mit der KĂŒrschnersfamilie im Walde war, und die Tochter sich verlobte – ja, daran erinnere ich mich, als wĂ€re es gestern gewesen! Ich habe doch viel erlebt, wenn ich es ĂŒberdenke! Ich bin durch Feuer und durch Wasser gegangen, unten in der schwarzen Erde bin ich gewesen, und weiter in die Höhe hinauf gekommen als die Meisten, und nun schwebe ich draußen vor dem Vogelbauer in Luft und Sonnenschein. Es wĂ€re wohl der MĂŒhe wert, meine Geschichte zu hören, aber ich spreche nicht laut darĂŒber, denn das kann ich nicht.“

Und so erzĂ€hlte sie sich, oder vielmehr, dachte sie sich ihre Geschichte, die merkwĂŒrdig genug war. Und der kleine Vogel sang lustig sein Liedchen, und unten auf der Straße fuhr man und ging man, jeder dachte an sich oder an ĂŒberhaupt gar nichts, aber das tat der Flaschenhals.

Er dachte zurĂŒck an den flammenden Schmelzofen in der Fabrik, wo er ins Leben geblasen wurde. Er erinnerte sich noch, daß er ganz warm gewesen war und, als er in den glĂŒhenden Ofen hineingeschaut hatte, die grĂ¶ĂŸte Lust verspĂŒrt hatte, gerade wieder hineinzuspringen, sich aber spĂ€ter nach und nach, je nach dem Grade seiner AbkĂŒhlung, recht wohl befunden hatte, wo er war. Er stand in Reih und Glied in einem ganzen Regiment von BrĂŒdern und Schwestern, alle aus demselben Ofen, aber einige waren zu Champagnerflaschen geblasen worden, andere zu Bierflaschen, und das ist ein Unterschied. SpĂ€ter in der Welt draußen kann freilich eine Bierflasche den köstlichsten Lacrimae Christi in dich fassen und eine Champagnerflasche mit Wichse gefĂŒllt sein, aber wozu man geboren ist, kann man doch am Äußeren erkennen; Adel bleibt Adel, selbst mit Wichse im Leibe.

Bald wurden alle Flaschen eingepackt und unsere Flasche mit. Damals dachte sie noch nicht daran, daß sie einst als Flaschenhals enden wĂŒrde, um sich nach und nach zu einem VogelnĂ€pfchen herauf zu dienen, was doch immerhin ein ehrlicher Beruf ist; man ist doch etwas. Sie sah erst das Tageslicht wieder, als sie mit anderen Kameraden im Keller eines WeinhĂ€ndlers ausgepackt und das erste Mal gespĂŒlt wurde; das war ein wunderliches GefĂŒhl. Da lag sie nun leer und ohne Pfropfen und fĂŒhlte sich so merkwĂŒrdig flau. Es fehlte ihr etwas, aber sie wußte selbst nicht, was es war. Nun wurde sie mit einem guten, herrlichen Wein gefĂŒllt; sie bekam einen Pfropfen, wurde mit Lack geschlossen und bekam die Aufschrift: „Prima Sorte,“ das war gerade, als habe sie beim Examen die beste Nummer erhalten. Aber der Wein war gut, und die Flasche war auch gut. Ist man jung, so ist man Lyriker, es sang und klang in ihr von Dingen, die ihr ganz unbekannt waren, von grĂŒnen, sonnigen Bergen, wo der Wein wĂ€chst und muntere MĂ€dchen und fröhliche Burschen singen und sich kĂŒssen. Ja, es ist herrlich, zu leben! Von alledem sang und klang es in der Flasche wie in jungen Dichtern, die oft auch nichts von dem wissen, was sie besingen.

Eines Morgens wurde sie gekauft. Der Laufbursche des KĂŒrschners sollte eine Flasche Wein vom besten bringen, und so kam sie in den Eßkorb zu Schinken, KĂ€se und Wurst; dort gab es die herrlichste Butter, das feinste Brot. Die KĂŒrschnerstochter selbst packte sie ein, sie war so jung, so schön; die braunen Augen lachten, ein LĂ€cheln lag um ihren Mund, das ebenso sprechend war wie die Augen. Sie hatte feine weiche HĂ€nde; so weiß waren sie, doch Hals und Brust waren weißer noch, man konnte sogleich sehen, daß sie eins der hĂŒbschesten MĂ€dchen in der Stadt war, und doch war sie noch nicht verlobt.

Der Eßkorb stand auf ihrem Schoß, als die Familie in den Wald hinaus fuhr. Der Flaschenhals lugte unter den Zipfeln des weißen Tuches hervor. Der Pfropfen war mit rotem Lack verziert und sie schaute gerade in des jungen MĂ€dchens Antlitz; sie sah auch den jungen Steuermann an, der an des MĂ€dchens Seite saß. Er war ihr Jugendfreund, der Sohn eines PortrĂ€tmalers. Vor kurzem hatte er seine SteuermannsprĂŒfung mit Ehren bestanden und sollte morgen mit seinem Schiffe fort nach fremden LĂ€ndern fahren; hiervon war schon wĂ€hrend des Einpackens viel die Rede gewesen, und wĂ€hrend davon gesprochen wurde, war just nicht viel VergnĂŒgen in den Augen und um den Mund der schönen KĂŒrschnerstochter zu sehen gewesen.

Die beiden jungen Leute gingen in den grĂŒnen Wald und sprachen zusammen – wovon sprachen sie wohl? Ja, das hörte die Flasche nicht, sie stand noch immer im Eßkorb. Es dauerte merkwĂŒrdig lange, bis sie hervorgeholt wurde. Als es jedoch nun geschah, hatten sich auch erfreuliche Dinge ereignet. Aller Augen lachten und auch die KĂŒrschnerstochter lachte, aber sie sprach weniger als zuvor, und ihre Wangen glĂŒhten wie zwei rote Rosen.

Der Vater nahm die gefĂŒllte Flasche und den Korkenzieher. – Ja, es ist ein wunderliches GefĂŒhl, so zum ersten Male geöffnet zu werden. Der Flaschenhals konnte seitdem niemals mehr diesen feierlichen Augenblick vergessen; es hatte ordentlich „Schwupp“ in ihm gesagt, als der Pfropfen herausging, und dann gluckte es, als der Wein hinaus in die GlĂ€ser strömte.

„Den Verlobten zum Wohle“ sagte der Vater; jedes Glas wurde bis zur Neige geleert und der Steuermann kĂŒĂŸte seine schöne Braut.

„GlĂŒck und Segen!“ sagten die beiden Alten, und der junge Mann fĂŒllte die GlĂ€ser noch einmal: „Auf Heimkehr und Hochzeit heut ĂŒbers Jahr“ rief er, und als die GlĂ€ser geleert waren, ergriff er die Flasche, hob sie hoch empor und sagte: „Du bist am schönsten Tage meines Lebens mit dabei gewesen, weiter sollst Du keinem dienen!“

Dabei warf er sie hoch empor. Damals dachte die KĂŒrschnerstochter nicht daran, daß sie sie wiedersehen sollte, aber sie sollte es. Die Flasche fiel in das dichte Schilf an dem kleinen Waldsee. Der Flaschenhals erinnerte sich so lebhaft daran, als sei es heute geschehen, wie er dort im Schilfe gelegen und nachgedacht hatte: „Ich gab ihnen Wein und sie geben mir Sumpfwasser, aber es war gut gemeint!“ Er konnte die Verlobten und die fröhlichen Alten nicht mehr sehen, aber noch lange hörte er sie jubilieren und singen. Dann kamen zwei kleine Bauernjungen, guckten zwischen das Schilf, erblickten die Flasche und nahmen sie mit; nun war sie versorgt.

Daheim in dem WaldhĂ€uschen, wo sie wohnten, war gestern ihr Ă€ltester Bruder, der Seemann, gewesen und hatte Lebewohl gesagt, da er auf eine grĂ¶ĂŸere Reise gehen sollte. Die Mutter stand nun und packte noch ein und das andere ein, womit der Vater am Abend in die Stadt gehen sollte, um den Sohn noch einmal vor der Abreise zu sehen und ihm seinen und der Mutter Gruß zu bringen. Eine kleine Flasche mit KrĂ€uterbranntwein war in das PĂ€ckchen gelegt worden, doch nun kamen die Knaben mit der grĂ¶ĂŸeren Flasche, die sie gefunden hatten. Dorthinein ging mehr als in die kleine, und außerdem war es doch ein so guter Schnaps gegen verdorbenen Magen; er war auf hypericum abgezogen. Es war kein roter Wein, wie zuvor, den die Flasche nun bekam, sie bekam gar bittere Tropfen, aber die sind auch gut – fĂŒr den Magen. Die neue Flasche sollte mit, nicht die kleine – so kam die Flasche wieder auf die Wanderschaft, und sie kam an Bord zu Peter Jensen; das war gerade das gleiche Schiff, auf dem auch der junge Steuermann war. Aber er sah die Flasche nicht, er hĂ€tte sie wohl auch nicht wiedererkannt oder daran gedacht, daß es dieselbe sein könne, woraus er auf Verlobung und Heimkehr getrunken hatte.

Freilich war kein Wein mehr darin, aber etwas ebenso Gutes. Sie wurde auch jedesmal, wenn Peter Jensen sie hervorholte, „Der Apotheker“ genannt. Aus ihr schenkte man die gute Medizin, die dem Magen half, und sie half solange, wie noch ein Tropfen darin war. Das war eine fröhliche Zeit, und die Flasche sang, wenn man sie mit dem Pfropfen rieb; damals bekam sie auch den Namen der wahren Lerche, „Peter Jensens Lerche.“

Lange Zeit war vergangen, sie stand leer in einer Ecke, da geschah es – ob es auf der Hinreise oder RĂŒckreise war, wußte die Flasche nicht so genau, denn sie war nicht mit an Land gewesen – da erhob sich ein Sturm; hohe Seen, schwarz und schwer, wĂ€lzten sich heran, sie hoben das Fahrzeug mit sich empor und schleuderten es wieder hinab. Eine Sturzsee schlug eine Planke ein, die Pumpen konnten nichts mehr ausrichten; es war stockfinstere Nacht und das Schiff sank Aber in der letzten Minute schrieb der junge Steuermann auf ein Blatt: „In Jesu Namen. Wir sinken!“ Er schrieb den Namen seiner Braut, den seinen und den des Schiffes darauf, steckte den Zettel in eine leere Flasche, die da stand, drĂŒckte den Pfropfen fest hinein und warf die Flasche hinaus in das stĂŒrmende Meer.

Er wußte nicht, daß es die Flasche war, woraus einst der Hoffnung und der Freude Wohl getrunken worden war fĂŒr ihn und fĂŒr sie; nun schaukelte sie auf den Wellen mit einem Gruß und einer Todesbotschaft.

Das Schiff sank, die Mannschaft sank aber die Flasche flog wie ein Vogel, sie hatte ja ein Herz, einen Liebesbrief in sich. Und die Sonne ging auf und sie ging unter; es war fĂŒr die Flasche fast ebenso anzusehen, wie der rote, glĂŒhende Ofen ihrer Jugend, und sie hatte Sehnsucht, wieder hineinzufliegen. Sie trieb in Windstille und neuen StĂŒrmen dahin, doch stieß sie an keine Felsenklippe, kein Hai verschluckte sie; lĂ€nger als Jahr und Tag trieb sie umher, bald nach Nord, bald nach SĂŒd, wie die Strömung sie fĂŒhrte. Im ĂŒbrigen war sie ihr eigener Herr, aber auch dessen kann man ĂŒberdrĂŒssig werden.

Das beschriebene Blatt, das letzte Lebewohl des BrĂ€utigams an die Braut, sollte nur Trauer bringen, wenn es dereinst in die rechten HĂ€nde geriet. Aber wo waren die HĂ€nde, die so weiß geleuchtet hatten, als sie das Tuch in das frische Gras im grĂŒnen Walde ausgebreitet hatten am Verlobungstage? Wo war des KĂŒrschners Tochter? Ja, wo war das Land, und welches Land war wohl das nĂ€chste? Die Flasche wußte es nicht; sie trieb und trieb und wurde schließlich des Treibens mĂŒde; es war ja nicht ihre Bestimmung, aber sie trieb trotzdem, bis sie endlich Land erreichte, ein fremdes Land. Sie verstand nicht ein Wort von dem, was gesprochen wurde, es war nicht die Sprache, die sie zuvor hatte sprechen hören; ja, es geht viel verloren, wenn man die Sprache nicht beherrscht.

Die Flasche wurde aufgehoben und betrachtet. Der Zettel darin wurde gesehen, herausgenommen und nach allen Seiten gedreht und gewendet, aber man verstand nicht, was darauf geschrieben stand. Sie begriffen wohl, daß die Flasche aus irgendeinem Grunde ĂŒber Bord geworfen war und dieser Grund auf dem Papier geschrieben stand, aber was dort stand, war unbegreiflich – und der Zettel wurde wieder in die Flasche gesteckt, und diese kam in einen großen Schrank in einer großen Stube in einem großen Hause.

Jedesmal, wenn Besuch kam, wurde der Zettel hervorgeholt und gedreht und gewendet, so daß die Worte darauf, die nur mit Bleistift geschrieben waren, mehr und mehr unleserlich wurden. Zuletzt konnte niemand mehr erkennen, daß Buchstaben darauf waren. Die Flasche stand noch ein Jahr lang im Schranke, dann kam sie auf den Boden und wurde von Staub und Spinnweben bedeckt. Da dachte sie an die besseren Tage zurĂŒck, wo sie roten Wein im frischen Walde einschenkte und auf den Wogen schaukelte und ein Geheimnis zu tragen hatte, einen Brief einen Abschiedsseufzer.

Und nun stand sie wohl zwanzig Jahre auf dem Boden; sie hĂ€tte noch lĂ€nger dort stehen können, wĂ€re das Haus nicht umgebaut worden. Das Dach wurde abgerissen, und die Flasche gefunden und besprochen, aber sie verstand die Sprache nicht. Die lernt man nicht vom auf dem Boden stehen, selbst in zwanzig Jahren nicht. „WĂ€re ich unten in der Stube geblieben,“ sagte sie ganz richtig, „dann hĂ€tte ich sie wohl gelernt.“

Sie wurde nun gewaschen und gespĂŒlt und das hatte sie auch nötig; sie fĂŒhlte sich ganz klar und durchsichtig, sie wurde wieder jung in ihren alten Jahren; aber der Zettel, den sie in sich trug, war bei der WĂ€sche verloren gegangen.

Die Flasche wurde nun mit Samenkörnern gefĂŒllt, von welcher Art, wußte sie nicht; sie wurde zugekorkt und gut eingewickelt und sah weder Licht noch Laterne, geschweige denn Sonne oder Mond, und etwas mĂŒsse man doch sehen, wenn man auf Reisen ginge, meinte die Flasche; aber sie sah nichts. Doch das Wichtigste tat sie – sie reiste und kam dorthin, wohin sie sollte; dort wurde sie ausgepackt.

„Was sie sich dort im Auslande fĂŒr UmstĂ€nde mit ihr gemacht haben“ wurde gesagt, „und doch wird sie wohl gesprungen sein.“ Aber sie war nicht gesprungen. Die Flasche verstand jedes einzige Wort, das gesagt wurde; es war die Sprache, die sie am Schmelzofen und beim WeinhĂ€ndler, im Walde und auf dem Schiffe vernommen hatte, die einzig richtige, gute alte Sprache, die man verstehen konnte. Sie war wieder in ihr Heimatland zurĂŒckgekommen, sie bekam ihren Willkommensgruß. Vor Freude wĂ€re sie ihnen fast aus den HĂ€nden gesprungen; sie merkte es kaum, wie der Korken herausgezogen, sie ausgeschĂŒttet und in den Keller gesetzt wurde, um weggestellt und vergessen zu werden. In der Heimat ist es doch am besten, selbst im Keller. Es kam ihr nie in den Sinn, darĂŒber nachzudenken, wie lange sie dort lag, sie lag gut und lag jahrelang. Da kamen eines Tages Leute in den Keller herunter und holten mit den Flaschen auch sie herauf.

Draußen im Garten herrschten Pracht und Herrlichkeit. Brennende Lampen hingen an Girlanden. Papierlaternen strahlten wie transparente Tulpen; es war ein herrlicher Abend. Das Wetter war stille und klar, die Sterne blinkten hell und der Neumond stand am Himmel, eigentlich sah man den ganzen runden Mond wie eine blaugraue Kugel mit goldenem Rande und es sah gut aus fĂŒr gute Augen.

Die NebengĂ€nge waren auch illuminiert, wenigstens so hell, daß man darin vorwĂ€rts kommen konnte. Zwischen den Hecken waren Flaschen mit Lichtern aufgestellt. Dort stand auch die Flasche, die wir kennen und die dereinst als Flaschenhals enden sollte, als Vogelnapf. Sie fand in diesem Augenblicke alles unaussprechlich schön, sie war wieder im GrĂŒnen, nahm wieder teil an Freud und Fest, vernahm Gesang und Musik. das Geschwirre und Gesumme vieler Menschen, besonders von der Seite des Gartens, wo die Lampen brannten und die Papierlaternen ihre Farbenpracht zeigten. Sie selbst stand wohl abseits in einem Gang, aber just das regte sie zum Nachdenken an. Da stand nun die Flasche und trug ihr Licht, stand hier zum Nutzen und zur Freude, und das ist das Richtige: in solch einer Stunde vergißt man die zwanzig Jahre auf dem Boden, und es ist gut, das zu vergessen.

Dicht an ihr vorbei ging ein einzelnes Paar Arm in Arm wie das Brautpaar damals im Walde, der Steuermann und die KĂŒrschnerstochter. Es war fĂŒr die Flasche, als erlebe sie es noch einmal. Im Garten gingen GĂ€ste und Leute, die diese und all die Pracht anschauen durften; unter diesen war auch ein altes MĂ€dchen, die keine Verwandten mehr, wohl aber Freunde besaß. Sie dachte ganz an dieselben Dinge wie die Flasche, an den grĂŒnen Wald und ein junges Brautpaar, das sie recht nahe anging, war sie doch selbst der eine Teil desselben. Das war ihre glĂŒcklichste Stunde gewesen, und die vergißt sich nie, auch wenn man eine noch so alte Jungfer wird. Aber sie erkannte die Flasche nicht, und diese erkannte sie nicht, so geht man aneinander vorĂŒber in der Welt – bis man sich wieder begegnet, und das taten die beiden, in der Stadt waren sie ja zusammengekommen.

Die Flasche kam aus dem Garten zum WeinhĂ€ndler, wurde wieder mit Wein gefĂŒllt und an den Luftschiffer verkauft, der am nĂ€chsten Sonntag mit dem Ballon aufsteigen sollte. Das war ein Gewimmel von Menschen, die alle zuschauen wollten; Regimentsmusik erschallte und Vorbereitungen wurden getroffen. Die Flasche sah alles von einem Korbe aus, worin sie zusammen mit einem lebendigen Kaninchen lag; das war ganz verzagt, weil es wußte, daß es mit aufsteigen sollte, um dann mit einem Fallschirm hinabgelassen zu werden; die Flasche wußte weder etwas von herauf noch herunter, sie sah, daß der Ballon dicker und immer dicker aufschwoll und, als er nicht mehr grĂ¶ĂŸer werden konnte, sich emporzuheben begann, höher und höher; immer unruhiger wurde er, da durchschnitt man die Taue, die ihn hielten, und er schwebte mit dem Luftschiffer, dem Korbe, der Flasche und dem Kaninchen himmelwĂ€rts; die Musik setzte wieder ein und alle Menschen riefen: Hurra!

„Es ist doch ein merkwĂŒrdig Ding, so in die Luft zu gehen,“ dachte die Flasche, „das ist eine neue Art zu segeln; da oben kann man doch nicht laufen!“

Viele tausend Menschen sahen dem Ballon nach, und die alte Jungfer sah ihm auch nach; sie stand an ihrem offenen Dachkammerfenster, vor dem das Vogelbauer mit dem kleinen HĂ€nfling hing, der damals noch kein Wasserglas hatte, sondern sich mit einer Tasse begnĂŒgen mußte. Im Fenster stand ein Myrtenstock, der ein wenig beiseite gerĂŒckt worden war, um nicht hinunter gestoßen zu werden, wĂ€hrend das alte MĂ€dchen sich vorbeugte, um hinauszusehen. Sie sah deutlich den Luftschiffer im Ballon, der das Kaninchen mit dem Fallschirm hinab ließ, dann auf aller Menschen Wohl trank und die Flasche hoch in die Luft hinaus warf. Sie dachte nicht daran, daß sie just dieselbe Flasche schon einmal hatte so fliegen sehen, und zwar vor ihr und ihrem Freund an dem Freudentage draußen im grĂŒnen Walde in ihrer Jugendzeit.

Die Flasche hatte gar keine Zeit zum Denken ĂŒbrig, so plötzlich, so unerwartet gelangte sie auf den Höhepunkt ihres Lebens, TĂŒrme und DĂ€cher lagen tief unten, die Menschen waren nur wie kleine PĂŒnktchen zu sehen.

Nun sank sie, und zwar mit einer anderen Geschwindigkeit als das Kaninchen; die Flasche schoß PurzelbĂ€ume in der Luft, sie fĂŒhlte sich so jung, so ausgelassen, sie war noch halbberauscht vom Weine in ihr, aber nicht lange. Welch eine Reise. Die Sonne schien auf die Flasche nieder, alle Menschen sahen ihrem Fluge nach, der Ballon war schon weit weg, und bald war auch die Flasche weg. Sie fiel auf eins der DĂ€cher und dann war sie entzwei. Aber die Scherben waren noch so vom Fluge benommen, daß sie nicht liegen bleiben konnten, sie sprangen – und rollten, bis sie den Hof erreichten, um dort in noch kleinere StĂŒcke zu zerspringen. Nur der Flaschenhals hielt; er sah aus wie von einem Diamanten abgeschnitten.

„Der könnte gut als WassernĂ€pfchen fĂŒr einen Vogel verwendet werden!“ sagte der KrĂ€mer im Keller, aber er selbst hatte weder einen Vogel noch ein Bauer, und es wĂ€re wohl etwas zu weit gegriffen, sich diese anzuschaffen, weil er nun einen Flaschenhals hatte, der als WassernĂ€pfchen verwendet werden könnte. Aber die alte Jungfer in der Dachkammer konnte ihn gebrauchen; und so kam der Flaschenhals zu ihr hinauf, bekam einen Pfropfen zu schlucken, und was er frĂŒher nach oben gekehrt hatte, kam nun nach unten, wie es gar oft bei VerĂ€nderungen zu geschehen pflegt, er bekam frisches Wasser und wurde vor das Bauer zu dem kleinen Vogel gehĂ€ngt, der so herzhaft sang, daß es schallte.

„Ja, Du hast gut singen!“ Das war es, was der Flaschenhals sagte, und der war ja etwas Besonderes, weil er in einem Luftballon gewesen war. – Mehr wußte man nicht von seiner Geschichte. Nun hing er da als VogelnĂ€pfchen, konnte die Leute auf der Straße lĂ€rmen und sich tummeln hören und konnte das GesprĂ€ch der alten Jungfer drinnen in der Kammer mitanhören. Es war eben Besuch gekommen, eine gleichaltrige Freundin, und sie sprachen zusammen, nicht von dem Flaschenhals, sondern von dem Myrtenbaum am Fenster.

„Du solltest wahrhaftig nicht zwei Reichstaler wegwerfen fĂŒr einen Brautkranz fĂŒr Deine Tochter.“ sagte die alte Jungfer. „Du sollst von mir einen haben, und zwar einen hĂŒbschen ganz voller BlĂŒten. Siehst Du, wie herrlich das BĂ€umchen steht? Ja, das ist ein Ableger von der Myrte, die Du mir am Tage nach meiner Verlobung gegeben hast, von dem Stock, von dem ich mir meinen Brautkranz schneiden sollte, wenn das Jahr um war. Aber der Tag kam nicht. Die Augen haben sich geschlossen, die mir zu GlĂŒck und Segen in diesem Leben leuchten sollten. Auf dem Meeresgrund schlĂ€ft er sĂŒĂŸ, die Engelsseele. – Das BĂ€umchen wurde ein alter Baum, aber ich wurde noch Ă€lter, und als der Baum verdorrte, nahm ich den letzten frischen Zweig und setzte ihn in die Erde, und dieses Zweiglein ist nun ein großer Baum geworden und kommt nun doch endlich zu seinem Hochzeitsstaat, wird Deiner Tochter Brautkranz!“

Es standen TrĂ€nen In des alten MĂ€dchens Augen; sie sprach von dem Freund ihrer Jugend, von der Verlobung im Walde; sie dachte an das Wohl, das damals ausgebracht wurde, dachte an den ersten Kuß, – aber das sagte sie nicht – war sie doch eine alte Jungfer. An so vieles dachte sie, aber daran dachte sie nicht, daß vor ihrem Fenster noch ein Andenken aus jener Zeit hing: der Hals jener Flasche, die damals „Schwupp“ sagte, als der Pfropfen knallte. Aber der Flaschenhals erkannte sie auch nicht, denn er hörte nicht darauf, was sie erzĂ€hlte, er dachte nur an sich.

Hans Christian Andersen 
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0

Gib den ersten Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.