Der trauernde Schullehrer | ein arabisches MĂ€rchen aus 1001 Nacht

Der trauernde Schullehrer - ein MĂ€rchen aus 1001 Nacht

FĂŒr Liebhaber*innen guter Literatur:
Jetzt ansehen →
Zu BĂŒchern Amazon →

Man erzĂ€hlt ferner von einem Mann aus Bassrah Folgendes: Ich ging einst – so erzĂ€hlte er selbst – vor einem Schullehrer vorbei, der so hĂŒbsch aussah und so zierlich gekleidet war, dass ich bei ihm stehen blieb. Er stand vor mir auf, hieß mich sitzen, und ich unterhielt mich mit ihm ĂŒber den Koran, ĂŒber die Sprache, Poesie und Grammatik; ich fand ihn in Allem sehr bewandert, und er gefiel mir so gut, dass ich ihn sehr oft besuchte und mich zu ihm setzte. Eines Tages aber, als ich ihn wieder wie gewöhnlich besuchen wollte, fand ich seine Schule geschlossen, die Nachbarn, die ich nach ihm fragte, sagten mir, es sei ihm Jemand gestorben. Da hielt ich es fĂŒr meine Pflicht, ihm einen Trostbesuch zu machen. Ich ging also in sein Haus, klopfte an die TĂŒre, eine Sklavin kam mir entgegen und fragte mich was ich wollte? „Ich will deinen Herrn sprechen.“ – „Mein Herr ist in Trauer.“ – „Sage ihm: dein Freund N.N. will dich trösten.“ Sie ging und meldete mich, und er erlaubte mir, ihn zu besuchen.

Als ich in sein Zimmer kam, saß er da ganz allein mit verbundenem Haupte. Ich sagte: „Gott vergrĂ¶ĂŸere deinen Lohn in jener Welt! das ist ein Weg, den Jeder betreten muss, du musst dein UnglĂŒck standhaft tragen.“ Dann fragte ich ihn: „Hast du deinen Vater verloren?“ – „Nein.“ – „Ist deine Mutter gestorben?“ – „Nein.“ – „Dein Bruder?“ – „Nein.“ – „Sonst ein naher Verwandter?“ – „Nein.“ – „Wer denn?“ – „Meine Geliebte.“ – „Du kannst schon wieder eine andere finden, schöner als sie war.“ – „Wisse, dass ich sie nie gesehen noch gehört habe.“ – „Das ist sonderbar, wie konntest du sie denn lieben?“ – „Ich saß am Fenster und hörte, wie ein VorĂŒbergehender folgenden Vers sang:
„O Mutter Amrus, Gott möge dich dafĂŒr belohnen! Gib mir doch mein Herz wieder, wie es war.
„Da dachte ich, wĂ€re die Mutter Amrus nicht die ausgezeichnetste Frau in der Welt, so wĂŒrde man keine solche Verse fĂŒr sie dichten, darum liebte ich sie. Nach zwei Tagen sah ich wieder denselben Mann vorĂŒbergehen, und er sang folgenden Vers:
Als der Esel die Mutter Amrus wegtrug, kehrte der Esel allein zurĂŒck ohne sie.“
„Aus diesem Verse schloss ich, dass sie gestorben sein mĂŒsse, und darum traure ich schon drei Tage um sie.“ Als ich dies hörte – fĂ€hrt der ErzĂ€hler fort – ließ ich ihn sitzen und ging weg, erstaunt ĂŒber seinen Blödsinn, denn nur ein Thor kann eine Frau lieben, die er nie gesehen.

aus 1001 Nacht 

+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.