Kleine Auszeiten

In unserer schnelllebigen Welt ist es oft eine echte Herausforderung, sich Zeit fĂŒr sich selbst zu nehmen. Aber genau das ist so wichtig fĂŒr unser Wohlbefinden und unsere LebensqualitĂ€t.

Die Sonne und die Mutter der Winde | Ein MĂ€rchen aus Litauen

Die Sonne und die Mutter der Winde
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Es waren einmal drei BrĂŒder. Der eine Bruder aber, Juozapas, sah mit seinen Augen immer zwei Sonnen: am Morgen zur FrĂŒhstĂŒckszeit und gegen Abend zur Zeit der Vesper, sonst sieht er die zweite Sonne nicht. Er bittet seine BrĂŒder, sie möchten ihn die andere Sonne suchen lassen. Die BrĂŒder ließen ihn ziehen und segneten ihn. Er zog in andere LĂ€nder und kam in große WĂ€lder. Da hört er: im Walde ist ein lauter Streit. Er wollte so gerne wissen, wer sich dort zankt. Er sieht: Ein Löwe, ein Habicht, eine Ameise und ein Wolf haben einen Bullen gerissen und wissen nun nicht, wie sie ihn unter sich aufteilen sollen. Da bemerkte der Löwe den Menschen und rief ihn herbei: „Mensch, sei so gut, teile das Fleisch unter uns!“ Da schnitt er den Kopf gesondert ab und gab ihn der Ameise: „Du bist klein, du kannst alle kleinen Löcher leer fressen.“ Das Fleisch gab er dem Löwen, die Knochen dem Wolf, die DĂ€rme dem Habicht. „Seid ihr alle mit meiner Teilung zufrieden?“ – „Ja, sehr zufrieden!“ Jeder gab ihm ein wenig von seinen Haaren, die Ameise gab ihm einen FĂŒhler, der Habicht eine Feder: „Wenn du einmal in Not bist, dann erinnere dich an unsere Gaben – dann wird wahr, was du dir wĂŒnschst!“ Da ging er weiter durch den Wald und wurde hungrig. Er dachte an den Wolf und wurde sogleich zum Wolf, fing sich einen Widder und aß sich satt. Da dachte er an den Habicht. Er wurde zum Habicht und flog schnell in ein fernes Land.

Es fĂŒgte sich so, dass er in das Reich der Mutter der Winde flog. Er geht in ein Haus und grĂŒĂŸt mit dem Lob Gottes. „In Ewigkeit! Was suchst du?“ – „Ich suche die zweite Sonne.“ – „Ich werde ein KnĂ€uel rollen. Folge diesem KnĂ€uel – und du kommst zu meiner Mutter.“ Er fasste mit dem Schnabel, da er ein Habicht war, den Faden, und sehr weit musste er fliegen, bis er dorthin kam.

Er kam zur Mutter der Winde.

Die Mutter stellte ihn in den Obstgarten als WĂ€chter: „Wenn du auf den Garten aufpasst, wirst du morgen von der Sonne hören!“ Sie gab ihm ein Schwert, er ging hinaus in den Obstgarten. Mitten in der Nacht kam ein Mann, die BĂ€ume reichten ihm nicht einmal bis zu den Lenden. Wie nichts steigt der Riese ĂŒber den Zaun, reißt BĂ€ume aus und will sie davontragen. Der Bruder stĂŒrzt sich mit dem SĂ€bel auf ihn und hieb dem Riesen beide HĂ€nde ab, und der Riese ging wieder fort. Nach einer Stunde kam ein anderer, der trat den Wald mit seinen FĂŒĂŸen nieder. Er stĂŒtzte sich auf den Zaun, wollte wieder einen Apfelbaum ausreißen. Da schlug Juozapas ihm den Kopf ab. Da kam ein dritter, den spaltete er mittendurch.
Als es Tag wurde, ging er zur Hausherrin und erzĂ€hlte ihr von den Sorgen und MĂŒhen dieser Nacht. Da ging die Mutter mit ihm in den Obstgarten nachsehen, und sie fand die erschlagenen Riesen. FĂŒr diese gute Tat schenkte sie ihm drei Äpfel. Diese Äpfel waren sehr kostbar. Sie rief ihre Kinder zusammen, die vier Winde, und fragte sie: „Habt ihr nicht irgendwo die zweite Sonne gesehen?“

Der Nordwind antwortete: „Das ist keine Sonne. Ich war heute dort und habe sie gesehen. Das ist eine Jungfrau auf einer Insel im Meere, dort steht ihr Palast. Sie hat Haare wie die Sonne.“ Die Mutter der Winde rollte fĂŒr ihn wieder ein FadenknĂ€uel. Er verwandelte sich in einen Habicht, ergriff mit dem Schnabel den Faden und flog ans Ufer des Meeres.

Da kam der Nordwind zu ihm geflogen und riet ihm: „Warte jetzt bis zum Abend. Dann kommt der Bulle der Jungfrau mit drei KĂŒhen aus dem Walde nach Hause, und sie schwimmen ĂŒber das Meer zum anderen Ufer. HĂ€nge dich dem Bullen an den Schwanz, er bringt dich zum anderen Ufer hinĂŒber. Aber wenn du drĂŒben bist, dann tauche unter, denn er stĂ¶ĂŸt dich mit den Hörnern zu Tode, wenn er dich sieht. Wenn du aus dem Wasser kommst, wirst du auf der Insel einen Birkenstamm finden. Krieche unter den Stamm, denn der Bulle wird dich suchen. Nach dem FrĂŒhstĂŒck geh in ein Zimmer, dort wirst du die Jungfrau schlafend finden. Sie liegt auf dem Gesicht. Setze dich auf ihren RĂŒcken wie auf ein Pferd, winde ihre Haare um deine HĂ€nde. Sie wird sagen: ‚Lass mich frei! Wenn du mich nicht freilĂ€sst, wird das Land verschwinden und ĂŒberall Meer sein.‘ Sage darauf: ‚Ich werde auf dir zum Ufer schwimmen.‘ Dreimal wird sie das sagen. Danach sagt sie: ‚Du bist mein, ich bin dein.‘ Dann Lass sie frei.“

Und der Bulle kam mit den KĂŒhen aus dem Walde heim. Er hĂ€ngte sich an den Schwanz des Bullen, und der brachte ihn ĂŒber das Wasser. Darauf tat er alles nach dem Rat des Windes. Die Jungfrau ließ er erst frei, als sie gesagt hatte „Du bist mein, ich bin dein!“

Sie beide lebten dort viele Jahre, er als ihr niedriger Diener. Er trieb selber jeden Morgen die KĂŒhe ĂŒber das Meer, der Bulle tat ihm nichts mehr.

Einmal fand er auf einem Dornenstrauch ein Haar der Jungfrau, und er fand eine Haselnuss mit einem Loch. Er wickelte das Haar zusammen, steckte es in die hohle Nuss und warf sie ins Meer. Da leuchtete aus dem Meer ein Strahl zum Himmel auf wie der grĂ¶ĂŸte Stern. Ein Königssohn, der auf dem Meere fuhr, sah den neuen Stern. Er richtete sein Schiff direkt auf den Stern, fuhr nĂ€her heran, schaute durch sein Fernrohr und fand die Haselnuss. So schnell wie möglich fuhr er nach Hause zurĂŒck.

Er hatte eine alte Hexe: „Sage, GroßmĂŒtterchen, was ist das fĂŒr ein Haar?“ – „Es gibt eine Jungfrau mit solchen Haaren!“ – „Könntest du sie nicht hierher schaffen? Ich werde dir dafĂŒr eine goldene HĂ€ngewiege gießen und dich Tag und Nacht schaukeln!“

Die Hexe verwandelte sich in eine Bettlerin und ging zu der Jungfrau, und sie erzĂ€hlte ihr, dass man sie von einem Schiff gejagt und ans Ufer gesetzt hĂ€tte: „Ich arme Bettlerin habe sie gebeten, mich mitfahren zu lassen, doch sie haben mich hier ans Ufer gesetzt. Vielleicht nimmt die gnĂ€dige Herrin mich als Dienerin? Ich will ihr treulich dienen.“

Sie nahm sie auf. Die Hexe war bei der Jungfrau eine Woche, eine zweite – sie erwies sich treu wie eine richtige Dienerin. Was die Herrin sie zu tun hieß, das machte sie zweimal besser, als es gefordert war. Als die Hexe in der Nacht den Königssohn sah, gebot sie ihm, ein goldenes Schiff gießen zu lassen und dorthin zu fahren, wo er ihre Haselnuss gefunden hatte; auch, dass eine silberne BrĂŒcke dort sein sollte.
Am Morgen um die achte Stunde stand die Jungfrau auf, trat aus ihrem Palast und erblickte das neue Schiff. Ein solches Schiff hatte sie noch nie gesehen! Die alte Frau rief die Herrin: „Kommt, wir wollen uns das Schiff ansehen!“ Die Jungfrau war barhaupt aus dem Palast getreten, jetzt wollte sie zurĂŒckkehren, um ein Tuch zu holen. Doch die Zauberin sagte: „Ich werde eines holen!“ Und ihr Mann schlief. Die Hexe nahm ein Messer und schlachtete ihren Mann. Sie nahm die Lunge heraus und die Leber, im VorĂŒbergehen warf sie beides ins Meer. Die Herrin weiß nicht, was sie da getan hat. Sie kommt nahe an das Schiff heran und sieht, dass kein Mensch darin ist. Die Zauberin forderte die Herrin auf, einzusteigen und sich das Schiff anzusehen.

Als sie eingestiegen war, fuhr es aufs Meer hinaus. Da kam der Königssohn herausgesprungen, ergriff die Herrin und fĂŒhrte sie in sein Gemach: „FĂŒrchte dich nicht, bei mir wirst du es besser haben als hier. Ich habe ein Königreich, ich habe viele Krieger.“ Er fuhr mit ihr in sein Königreich. Er wollte sie sofort heiraten. „Ich kann erst in einem Jahr heiraten! Ich trauere um meinen Vater, er ist vor kurzem gestorben.“ Soviel sie nur immer konnte, zögerte sie die Zeit hinaus, denn sie wollte nicht, dass er sie heiratete.

Alle vier Winde kamen bei ihrer Mutter zusammen, um von ihr Neuigkeiten zu hören. Sie sehen, dass im Obstgarten der Mutter alle ApfelbĂ€ume verwelkt sind. „Warum ist das so, MĂŒtterchen?“ – „Lauft hin und seht nach, vielleicht ist unser Freund nicht mehr am Leben, der unseren Garten bewacht hat.“ Sie fanden ihn abgeschlachtet. Sie fingen an, an den Ufern entlang und ĂŒberall im Wasser seine Lunge zu suchen. Da sahen sie einen sehr großen Krebs, der die Lunge in seine Höhle schleppt. Sie nahmen ihm die Lunge und die Leber weg. Der Nordwind tauchte in das Meer und brachte heilendes Wasser und Wasser des Lebens. Sie bestrichen ihn damit, wuschen ihn, und Juozapas wurde lebendig und gesund. Sie fragen: „Wo ist die Jungfrau geblieben?“ – „Ich weiß nicht. Ich war eingeschlafen.“ – „Du warst abgeschlachtet!“ Er eilt in alle LĂ€nder – nirgends findet er seine Herrin. Er fragte die Winde um Rat: „Was soll ich jetzt tun?“ Der Nordwind: „Geh in ihr Gemach, dort findest du Zaumzeug und einen Sattel. Sattle dir deinen Bullen, er wird sich in ein Pferd verwandeln, dass es im ganzen Königreich keinen zweiten solchen Hengst gibt. Steige auf, ĂŒber das Meer wirst du besser reiten als ĂŒber das Land. Und er wird dich in das Königreich bringen, wo die Jungfrau ist. Dort wird an dem Tage Pferdemarkt sein, und der König wird versuchen, den Hengst zu kaufen. Wenn er anfĂ€ngt zu handeln, dann sage: ‚Wenn ihr kaufen wollt, so kauft, ich habe keine Zeit‘, so lange, bis die Jungfrau herauskommt.“

Da kam die Jungfrau heraus, und sie erkannte ihr Tier. Sie ergriff ihren Mann bei der Hand, trat ihm auf den Fuß und stieg auf. Und sie erhoben sich in die LĂŒfte und flohen zu ihrem Palast. Da fiel der König in Trauer. Er fragt die Zauberin: „Was soll ich jetzt tun?“ – „Da gibt es keine Hilfe mehr!“

Die Jungfrau kam nach Hause und ließ ihren Bullen frei. Der Bulle ließ sich auf seine Knie nieder und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: „Schlage mir den Kopf ab!“ Die Jungfrau wollte ihm den Kopf nicht abschlagen, aber schließlich musste sie es doch tun. Sie schlug ihm den Kopf ab, und es verschwand der vierte Teil des Meeres, an seiner Stelle war nun Land. Und aus dem Bullen wurde ihr Bruder. Sie schlug allen drei KĂŒhen die Köpfe ab, sie wurden ihre Schwestern. Da verschwand das ganze Meer, es war dafĂŒr ĂŒberall Land. Da begannen dort Menschen zu leben. Und sie wurde die Königin in diesem Lande, und ihr Mann der König. Ihr Mann hatte fĂŒr ihren Bruder und fĂŒr ihre Schwestern gelitten. Sie lebten glĂŒcklich und froh.

Und so endet das MĂ€rchen.

aus Litauen 

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