­čîč Der Stern zu Bethlehem | Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsgeschichte: Stern ├╝ber Betlehem

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Es war ein d├╝sterer Novembermorgen. Die Uhr der protestantischen Kirche auf dem Marktplatze hatte eben f├╝nf geschlagen. Ein Schutzmann, der die Kriegsstra├če passierte, sah einen schwarzen Packen unter einem der B├Ąume liegen. Es war ein fest schlafendes Kind. Der Mann sch├╝ttelte und r├╝ttelte das magere, im h├Âchsten Grade verkommen aussehende B├╝rschlein wohl eine ganze Weile. Endlich – einen durchdringenden Schrei aussto├čend – fuhr der kleine in die H├Âhe. Er wollte sich frei machen. Er riss und zerrte, sein Jammern war herzzerrei├čend.
„Aber es geschieht dir ja nichts“, sagte der Schutzmann, „soll f├╝r dich gesorgt werden. Sei nur ruhig, sei nur ruhig . . . “
Gleich beim ersten Wort hatte das noch eben tief ge├Ąngstigte Kind freudig aufgehorcht, des Mannes Hand ergriffen und sich wie hilfesuchend an ihn hingedr├Ąngt.
„Bist wohl hungrig?“ fragte er.
„Ja, ja.“ Die Stimme klang ganz hell. Keine Spur von Angst mehr.
„Wie alt bist du, Kleiner?“
„Zehn Jahr.“
„Wo kommst her?“
Schweigen.
„Wer sind deine Eltern?“
Abermaliges Schweigen. Sie waren eine Weile gegangen und hielten nun vor einem gro├čen Hause, das hoch ├╝ber all die geringen H├Ąuslein des „D├Ârfle“, wie man diesen Stadtteil nennt, hinausragte. Der Schutzmann l├Ąutete, und sie traten ein.
Eine Schwester kam ihnen entgegen, jung, in einer wei├čen Haube. Ohne das mehr als die n├Âtigen Worte zwischen ihr und dem Schutzmann gewechselt wurden, nahm sie den Kleinen bei der Hand und f├╝hrte ihn ein paar Treppen hinauf, durch eine Menge dunkler G├Ąnge und Gelasse. In einem kleinen Raume machte sie halt und z├╝ndete das Gas an. Jetzt erst betrachtete sie ihren Sch├╝tzling.
„Lieber Gott,“ rief sie bei seinem Anblick aus, „lieber Gott . . . “
Sie zog einen Schemel herbei: „Da setz‘ dich her!“ Dann z├╝ndete sie den Gasofen an, denn sie befanden sich im Badezimmer, lief rasch davon und kehrte schon nach wenigen Minuten mit einer Tasse Milch zur├╝ck und einem St├╝ck Brot.
Der Junge, der zart und klein f├╝r sein Alter war, lie├č den Blick nicht von der h├╝bschen, rotbackigen Schwester, die kam und ging, alles m├Âgliche herbeischleppte und ihm von Zeit zu Zeit freundlich zunickte.
Sie hatte ein gro├čes Tuch vor ihm ausgebreitet. Kaum, dass er sich’s versah, war er seiner schmutzigen, zerfetzten Kleider entledigt und lag in der wohlig warmen Badewanne.
Er lachte, er hatte so etwas nie erlebt. Nun kam die Schwester mit der B├╝rste und seifte ihn von Kopf bis zu den F├╝├čen ein.
Pl├Âtzlich lie├č sie ihn in Ruhe. Er streckte die Glieder, suchte eine St├╝tze f├╝r den Kopf. Ihm war zum Einschlafen wohl. Aber schon im n├Ąchsten Augenblick lag er in einem warmen Tuch auf dem Tische, wurde abgerieben und davongetragen. Er kam aus dem Verwundern nicht heraus. In eine warmes Bett wurde er gesteckt, f├╝hlte wei├če, unendliche Sauberkeit um sich her, sah wie aus weiter Ferne das rosige, lachende Gesicht der Schwester, die ihm zunickte, und schlief ein.
Erst gegen Mittag erwachte er. Vor seinem Bette stand Schwester K├Ąthchen und die Oberschwester.
„Er hat nur Haut und Knochen,“ h├Ârte er seine Pflegerin sagen, „und ein blaues Mal am andern.“
„Gelt, dir gef├Ąllt’s in deinem Bett?“ wandte sie sich an den Kleinen. „Wie hei├čt du denn?“
Er besann sich einen Augenblick, dann meinte er schelmisch:
„Wei├č nit – “
Die Frauen lachten.
Des Nachmittags nahm ihn Schwester K├Ąthchen vor. Sie sa├č neben einem Kinderwagen, in dem ein blondes und ein schwarzes Gesch├Âpfchen eintr├Ąchtig nebeneinander lagen.
„Wem geh├Âren denn die?“ fragte der neue Ank├Âmmling, der nun ein sauberer kleiner Kerl war mit Augen die wie Sterne glitzerten.
„Sie geh├Âren niemand,“ sagte Schwester K├Ąthchen, „darum bleiben sie jetzt bei uns.“
„Ich geh├Âr‘ auch niemand,“ sagte der Kleine, „gelt, jetzt bleib‘ ich auch bei dir.“
„Aber du bist doch all die Zeit her mit jemand zusammen gewesen,“ meinte Schwester K├Ąthchen, „du l├Ąufst doch nicht allein in der Welt herum?“
Der kleine besann sich, sah sich scheu um und sagte leise:
„Mit dem Scherenschleifer war ich.“
„Ist das dein Vater?“
Er sch├╝ttelte den Kopf.
„Die Mutter hat mich ihm verkauft f├╝r zehn Mark. Ich hab’s gesehen.“
Die Schwester strich ihm ├╝ber das dunkle Haar.
„Wie lange bist du denn schon mit dem Scherenschleifer gewesen?“
„Wei├č nit. Recht lang. Hab‘ m├╝ssen die Scheren einholen. Hab‘ viel mehr Schl├Ąg‘ als Essen kriegt. Aber bin ihm doch davong’laufen.
Er lachte laut auf vor Vergn├╝gen.
„Wo ist denn deine Mutter?“
„Sag‘ ich nit. Die gibt mich wieder dem Scherenschleifer.“
„Hast du denn keinen Vater?“
„Doch, der ist auch da, und zwei Schwesterln. Aber der mag mich erst recht nit.“
„Geh, sag‘ mir, wie du hei├čest,“ bat die Schwester. „Wei├č nit,“ sagte er wieder. „Also dann nenn‘ ich dich „Wei├č nit“.
Jetzt lachte er so herzlich, dass die beiden kleinen Kinder aus ihrem Hind├Ąmmern auffuhren und die ├ärmchen nach der Schwester ausstreckten.
Sie hatte sie gleich beruhigt.
„Sag‘ mir wenigstens deinen Vornamen, gelt?“
„Fritzl,“ fl├╝sterte er.
Als der Abend kam, fehlte in der Kinderstube eine Menge Dinge. Schwester K├Ąthchen vermisste ihr Portemonnaie, die B├╝rste an der Wand war weg, das Glas auf dem Tisch. Alles fand sich in Fritzls Bett vor, als die Schwester dieses f├╝r den Abend zurecht machen wollte. Der Kleine spielte im G├Ąrtchen des Pfr├╝ndnerhauses mit den andern Kindern. Als er heraufkam, standen ihm die Hosentaschen weit vom K├Ârper ab. die Schwester fand eine M├╝tze, ein paar Taschent├╝cher, einen Wollkn├Ąuel.
„Das – und alles, was ich im Bett gefunden,“ rief sie entsetzt aus, „Fritzl, du stiehlst ja!“
„Er hat mich halbtotgeschlagen, wenn ich nit g’stohlen hab‘,“ gab ihr der Kleine zur Antwort.
„Wei├čt du denn nicht, dass man nicht stehlen darf?“ Er nickte schlau. „Der Polizeimann ist arg hinterher.“
„Fritzl“ – die Schwester kauerte sich zu ihm hin, „sag‘ mir eins: warst du denn nicht in der Schul‘?“
„Nein.“
„Hast gar nichts gelernt, nicht lesen und schreiben?“ „Nein,“ wiederholte er, „aber sonst kann ich viel. Pass auf -“
Er stellte sich in die Mitte der Stube und verbeugte sich nach allen Seiten.
„Herrschaften“, begann er und fing an zu schwatzen, tolles Zeug, R├Ąuber- und M├Ârdergeschichten, alles ohne inneres Verst├Ąndnis bunt durcheinander. Seine Redegewandtheit war au├čerordentlich, und seine Bewegungen waren so drollig, dass die Kinder nicht aus dem Lachen herauskamen.
Unerm├╝dlich kramte der kleine Kom├Âdiant seine Geschichten aus.
Der Polizeiagent, der einmal zu solch einer Vorstellung gekommen war, meinte, der Kleine m├╝sse, seiner Betonung nach, aus Bayern sein. Indes alle M├╝he, etwas aus dem Kinde herauszubringen, war umsonst. Der Fritzl war schlau. Er gab auf die Fragen, die man an ihn stellte, immer die gleiche Antwort: „Ich geh├Âr‘ niemand, ich bleib bei der Schwester K├Ąthchen.“
Man schickte ihn mit den andern Kindern in die Schule. Bei den sechsj├Ąhrigen sa├č er, das freudigste Kind, das jemals auf der Schulbank sa├č. Ihm war das Lernen kein muss, sondern eine Verg├╝nstigung. Alles, was bei den andern Kindern etwas Selbstverst├Ąndliches war, kam ihm wie etwas Wunderbares, nie Geahntes vor, bis auf das Zehnuhrbrot, das ihm Schwester K├Ąthchen jeden Morgen zusteckte. Seine Augen gl├Ąnzten in steter Verwunderung.
Es kam auch vor, dass er in der Nacht auffuhr und in ein verzweiflungsvolles Geschrei ausbrach.
Dann musste Schwester K├Ąthchen ihm die Hand geben und ihm solange versichern, dass der Scherenschleifer weit und breit nicht zu sehen sei, bis er ruhig wurde. Meistens schlief er gleich ein, zuweilen fing er an zu plaudern:
„Mit einem dicken Riemen hat er mich g’schlagen. Einmal hab‘ ich viele Tag‘ nichts g’sehn, weil’s ├╝ber die Augen ging. Da hat er mich Hund g’nannt und mir nichts zu essen gegeben. Aber jetzt hab‘ ich nie mehr Hunger. Jetzt tut mir’s nirgends mehr weh. Und bald kann ich lesen und schreiben. Gelt, wenn ich das kann, Schwester K├Ąthchen, da tu‘ ich aber einen Sprung -.“

Schwester K├Ąthchen r├╝ckte ein wenig aus dem Licht der Nachtlampe, damit das Kind die Tr├Ąnen nicht sah, die ihr in die Augen stiegen. Sie war nicht weich, das viele Elend um sie her hatte sie abgestumpft. Nur indem sie die Dinge leicht nahm, konnte sie ihr schweres Werk mit Fr├Âhlichkeit vollbringen. Die Kinder dr├Ąngten sich zu ihr wie zur Sonne, weil ihre Augen lachten. Wenn sie um diese armen Kleinen geweint h├Ątte, w├Ąre ihnen nicht damit gedient gewesen.

Aber dieser tapfere Fritzl, an dessen K├Ârper kein heiler Fleck war, dessen Kindheit wohl im wahren Sinn des Wortes ein Martyrium gewesen, wenn der mit seinen leuchtenden gro├čen Augen nun sein Gl├╝ck pries und alles, was jedes Kind als etwas unermesslich Sch├Ânes empfand und, ohne das er das Wort Dank aussprach, mit jedem Atemzuge, mit jedem freudigen Aufleuchten dankte und immer wieder dankte, da ├╝berkam Schwester K├Ąthchen etwas wie ein Gef├╝hl der Emp├Ârung, der Anklage gegen die ganze Welt, die so etwas zulie├č – die solch ungerechtes Kinderleid duldete.
Er war auch unartig, er stie├č einmal den beiden Kleinen im W├Ągelchen die K├Âpfe so hart zusammen, dass sie br├╝llten. Schwester K├Ąthchen gab ihm eine Ohrfeige.
Da sah er sie strahlend an. Er war ganz andere Schl├Ąge gewohnt; was von Schwester K├Ąthchens Hand kam, d├╝nkte ihm eine Liebkosung.
Sie musste lachen ├╝ber den Misserfolg ihrer Strafe, sie zog ihn zu sich heran.
„Schau, Fritzl, du musst recht lieb mit ihnen sein, es sind gar so arme Fr├Ątzle, die zwei.“ „Sei ruhig,“ sagte er, „ich heirat‘ sie sp├Ąter.“
„Auch noch alle zwei,“ lachte sie auf.
„Sonst blieb ja eins allein,“ meinte er.
Weihnachten war in Sicht, und Schwester K├Ąthchen sa├č in der gro├čen Kinderstube zwischen ihren Sch├╝tzlingen – Kinder, die nie Elternliebe gekannt hatten oder den Misshandlungen ihrer Eltern entrissen worden waren. Nun sa├čen oder lagen oder standen sie um Schwester K├Ąthchen herum, die einen Haufen Kinderw├Ąsche zum ausbessern vor sich hatte und vom Christkind erz├Ąhlte. „Traurig war die Welt und dunkel. Ach, so dunkel und kalt. Kein Mensch war froh. Auch kein Tier. Es war ein so gro├čes Frieren. Da hatte der liebe Gott Erbarmen. Er schickte das Christkind. Und das Christkind kam. Vom Himmel hoch kam’s herab und z├╝ndete das B├Ąumlein an mit tausend lustigen Lichtern, dass es warm wurde auf der kalten Erde und hell und froh, dass alle Kinder jauchzten und sch├Âne Lieder sangen und niemand mehr traurig war auf Erden.“
So sprach sie und noch vieles andere. Dass sie nun alle brav sein m├╝ssten und folgsam. Nicht mit leeren H├Ąnden d├╝rften sie vor den Christbaum treten.
„Ich habe meine Suppe aufgegessen,“ m├╝ssten sie zum Christkind sagen k├Ânnen. „Ich habe meine Sch├╝rze reingehalten.“ „Ich war nicht gefr├Ą├čig.“
Solche Dinge m├╝ssten sie dem Christkind bringen. Auch die heiligen drei K├Ânige, die von weither dem Stern zu Bethlehem nachgezogen seien, h├Ątten dem Christkind eine Menge sch├Âner Sachen mitgebracht.

Die kleinen M├Ądchen sa├čen l├Ąngst um die Perlenschachtel, um Kr├Ąnzlein zu machen f├╝r den Weihnachtsbaum.
Der Fritzl aber wollte immer noch von den heiligen drei K├Ânigen erz├Ąhlt haben.
„War er sehr gro├č, der Stern zu Bethlehem?“ lauteten seine Fragen.. „Ich hab‘ viele Stern‘ schon g’sehn. War er viel gr├Â├čer, viel sch├Âner? Glaubst, dass er noch manchmal am Himmel steht, wenn auch die heiligen drei K├Ânige jetzt tot sind? Gelt, sag‘ mir, wenn er am Himmel steht, und ich sollt‘ grad schlafen.“
Schwester K├Ąthchen versprach ihn zu wecken. Da gab’s ein gro├čes Geschrei. Sie wollten alle geweckt sein. Wollten alle den Stern sehen.
Ach, so gro├č wie die Seligkeit in der armen Kinderstube, so hei├č die Erwartung – eine Erwartung und Sehnsucht, wie sie jene Hirten und K├Ânige einstens empfanden, dass sie kamen von allen Seiten und nichts wollten, und nichts begehrten als anzubeten, niederzusinken vor dem Heile der Welt, das endlich gekommen. Aber so wie den Fritzl, so gewaltig ergriff die Erregung keins der Kinder. Er st├Ârte sie alle. Er wusste nicht, was anstellen vor m├Ąchtiger Freude. Er schwatzte den ganzen Tag.
Ihm hatte das Christkind noch nie einen Baum angesteckt. Ihm war das alles so neu, so wunderbar neu. Eine Sehnsucht ergriff ihn, etwas zu geben, Schwester K├Ąthchen eine Freude zu machen.
„Wei├čt, jetzt will ich dir’s sagen, wo meine Mutter wohnt,“ begann er, den Arm um den Hals der Schwester schlingend, „in M├╝nchen wohnt sie bei einer gro├čen Wiese. Siehst, jetzt sag‘ ich dir alles. Und dass sie mich auf die Gass‘ gejagt, wie sie den Schwesterln einen Baum g’macht. Hab‘ die Lichter durchs Fenster g’sehn. Hast eine Freud‘ jetzt?“
Nein, sie hatte keine, sie hatte keine! Wie oft hatte sie ihn gefragt, wo er zu Hause sei, ihm gedroht, er m├╝sse ihr sagen, wo er zu Hause sei, wo seine Eltern wohnten. Immer wieder war nachgefragt worden, ob man nichts von ihm wisse, ob er noch immer nicht gesprochen. Und jetzt gerade vor Weihnachten, hatte er’s getan. Wenn sie es nun sagte, so w├╝rde man ihn am Ende holen und heimbringen zu jener Mutter, die ihn auf die Gasse gejagt, w├Ąhrend sie ihren andern Kindern einen Baum angesteckt.
Nein, nein, sie wollte sein Geheimnis nicht verraten. Er sollte seine Weihnacht noch haben, ehe er in die Heimat ausgeliefert wurde.
Sie schwieg. Sie war doppelt gut zu ihm.
Und endlich kam der heilige Abend, und Fritzl trat mit den Kindern vor den Baum mit den vielen Lichtern und dem gl├Ąnzenden Stern obenan.
„Da ist er ja, da ist ja, der Stern,“ schrie er ganz au├čer sich vor Freude.
Aber er wurde zur├╝ckgehalten. Die Kinder sangen mit den Schwestern, und die alten Pfr├╝ndnerinnen sangen mit und verga├čen ein wenig ihre Gebrechlichkeit.
Der Fritzl aber konnte fast nicht stillhalten. All das Singen, all das Reden dauerte ihm viel zu lang. Er war der erste, der vor der Krippe mit dem Christkind stand. Und siehe da, einen Haufen Sachen zw├Ąngte er aus seinen Taschen, lauter entwendetes Gut, und legte es stolz und gl├╝ckselig vor das Christkind hin, r├╝hmte sich noch damit, hielt die Kinderh├Ąubchen, schmutzige Taschent├╝cher, Griffel, Bleistifte hoch, hoch – „Und das – und das – schau alles, das schenk‘ ich dir -“
Nein, es konnte keiner zanken. Man konnte nichts sagen vor Lachen.
Schwester K├Ąthchen meinte entschuldigend: „Er hat mich ein wenig missverstanden. Ich wird’s ihm schon klarmachen,“ und nahm ihn beim Kopf.
„Wei├čt, Fritzl, Gestohlenes darf man dem Christkind nicht bringen.“
„Aber sonst hab‘ ich ja nichts,“ meinte er.
Die Tage vergingen und Schwester K├Ąthchen hatte noch immer nichts gesagt. Sie konnte es nicht ├╝bers Herz bringen.
Der Januar ist so kalt, kam sie mit sich ├╝berein, ich will noch ein wenig abwarten.
Der Februar war auch noch kalt.
Jetzt wurde der Polizeiagent dringend.
Also dann sprach sie.
Und eines Morgens richtete sie ein kleines B├╝ndel zusammen. Der Gendarm stand schon vor der T├╝re. Schnell befestigte sie eine Schnur mit einem Medaillon um den Hals ihres Lieblings, k├╝sste ihn und schob ihn ├╝ber die Schwelle. Sie zitterte, sie hielt die T├╝re fest zu. Im n├Ąchsten Augenblick h├Ârte sie ihn schreien, markersch├╝tternde T├Âne waren’s.
Schwester K├Ąthchen warf sich ├╝ber ihr Bett und schluchzte und schwor und schwor: „Ich werde kein Kind mehr lieben – ich werd‘ kein Kind mehr lieben – “ Aber es kamen neue Kleine und mit ihnen neues Elend. Sie hatte keine Zeit, ihrem Schmerz nachzuh├Ąngen. Die ihr anvertrauten Kinder verlangten ihre Gegenwart, verlangten st├╝rmisch nach ihrer Heiterkeit.
Und so wurde sie wieder die alte. Sie verga├č ihn nicht, den Fritzl, aber sie hatte sich beruhigt, und bald vergingen Tage und Wochen, ohne dass sie seiner gedachte.
Als aber Weihnacht wieder vor der T├╝r stand, ging’s ihr ganz seltsam. Sie wehrte sich, sie wollte nicht, aber der Fritzl ging ihr nicht aus dem Sinn. Eine gro├če Unruhe erfasste sie. Die Frage lie├č sie nicht los: Wie wird es ihm gehen – wie wird es ihm gehen?
Wieder verfertigten die kleinen M├Ądchen Perlenkr├Ąnzlein f├╝r den Weihnachtsbaum, und wieder erz├Ąhlte die Schwester die alte und ewig neue Geschichte vom Christkindlein, das in die dunkle kalte Welt das Licht und die Freude gebracht.
Im Kinderwagen lagen zwei neue Gesch├Âpfchen, und die vom letzten Jahr krabbelten auf dem Boden herum. Schwester K├Ąthchen sah sich unter ihren Sch├╝tzlingen um, und es fuhr ihr durch den Sinn: So wie ├╝ber den Fritzl hab‘ ich doch nie wieder ├╝ber ein Kind lachen m├╝ssen. Wie w├Ąr’s doch schad‘ um ihn, wenn er zugrund‘ gehen m├╝sste.
Der Schnee schlug gegen die Fensterscheiben. Es war ganz still auf der Gasse, so tief und weich war die Decke ├╝ber dem Erdboden.
„Wird sie ihn am End‘ wieder hinausschicken, wenn sie ihren andern Kindern beschert?“ murmelte Schwester K├Ąthchen vor sich hin.
Eine Magd erschien unter der T├╝re.
„Ein Bub‘ verlangt nach Ihnen, Schwester K├Ąthchen. Er ist so schmutzig, dass ich ihn nicht reingelassen habe.“ Schon war sie drau├čen. Sie fragte nicht lange, wer das zitternde, weinende Gesch├Âpf da in der Ecke war – sie nahm’s in ihre Arme.
Eine Stunde sp├Ąter lag der Fritzl wieder in seinem alten sauberen Bett mit noch gr├Â├čeren Augen als fr├╝her und einen Appetit, der nicht zu stillen war. Die Oberschwester kam, und alle Schwestern und Kinder umstanden sein Bett.
„Gelt aber, ich bin noch recht kommen,“ nickte er ihnen zu, „hab‘ immer denkt, wenn ich nur zur heiligen Nacht daheim bin.“
„Willst du uns nicht erz├Ąhlen, wie dir’s ergangen ist?“ fragte Schwester K├Ąthchen.
„Freilich,“ nickte er, „o, `s ist mir gut gangen, nur wie ich in M├╝nchen ankommen bin, hat mich die Mutter an der Hand packt wie ein St├╝ck Holz. Die Schwesterln haben sich auch nit g’freut. Der Vater hat g’sagt: „Ich geh‘ auf den Abend ins Wirtshaus.“ Dann hat die Mutter g’sagt, sie woll‘ mich in der K├╝ch‘ f├╝ttern. Hat mir auch recht sch├Ân’s Essen geben. Aber der Vater ist doch ins Wirtshaus. Die Mutter hat g’heult, ich glaub‘, er hat sie g’schlagen. Ich sei an allem schuld, hat sie g’sagt.“ „Bist auch in die Schul‘ gangen?“ fragte Schwester K├Ąthchen.
„Freilich“, nickte er, „er war recht zufrieden, der Lehrer, hat mich nie g’hauen. Kann’s Einmaleins fast -“ „Aber warum bist denn von daheim fort?“ erkundigte sich die Oberschwester.
„Ja, das war – das war halt so -: Am Tisch sind wir g’sessen, die Schwesterln und ich, ohne Licht. Aber ich seh‘ auch im Dunkeln. Die Mutter ist reinkommen, bin erschrocken ├╝ber ihr Gesicht. Da setz‘ dich her,“ hat sie zu mir g’sagt und mich unten an‘ Tisch zogen. Drauf ist sie wieder gangen. Die Schwesterln waren ganz still und ich auch. Eine Angst hab‘ ich gehabt wie vor dem Scherenschleifer. Da bin ich schnell ├╝ber den Tisch weg ans Fenster. Die Mutter ist gleich reinkommen mit einer dampfenden Sch├╝ssel. ├ťber den Stuhl, wo ich g’sessen bin, hat sie die Sch├╝ssel fallen lassen. Hab‘ sie laut schreien h├Âren. Weit schon war ich, drau├čen auf der Gass‘, hab‘ ich sie noch immer schreien h├Âren. – Da bin ich g’laufen – “
Er schwieg. Die Kinder lachten. Es lag so viel Lustigkeit in seiner Stimme. Sie merkten nicht, wie sich Schwester K├Ąthchen ├╝ber die Augen wischte.
„Wer hat dir denn das Geld zum Herfahren gegeben?“ fragte die Oberschwester.
Er sah sie lachend an: „Mit hat kei‘ Mensch Geld geben, hab‘ halt ein Fu├č vor den andern g’setzt. Vorw├Ąrts marsch, wie der Scherenschleifer g’sagt hat‘.“ Die Kinder jubelten.
Schwester K├Ąthchen schlug die H├Ąnde zusammen: „Zu Fu├č von M├╝nchen bis hierher! Ist das m├Âglich!“
„Ist sogar recht sch├Ân gewesen,“ behauptet Fritzl, „bin immer der Eisenbahn nach. Hab‘ auch oftmals zu essen kriegt unterwegs, manchmal eine Supp‘ und einmal einen Pfannenkuchen. In der Nacht bin ich in die Heustadel gekrochen oder in Stall. Einmal hab‘ ich g’meint, ich seh‘ den Scherenschleifer. Da bin ich vor Angst zu einem Hund in die H├╝tt‘. Er war aber recht gut und hat mich g’leckt. Die ganze Nacht hab‘ ich bei ihm g’schlafen, und in der Fr├╝h haben mir seine Leut‘ Kaffee geben.“ „Und dann? Und dann?“ riefen die Kinder. Ganz eng umstanden sie das Bett. „Dann hab‘ ich einen Purzelbaum g’schlagen und dann noch einen,“ prahlte Fritzl.
„Wie lang‘ warst du denn unterwegs?“ fragte die Oberschwester.
„Wei├č nit,“ meinte er achselzuckend, „vielleicht war’s zweimal Sonntag. Nur haben die Sohlen nit g’halten. Da haben mir die F├╝├č‘ halt weh g’tan. Hol’s der Teufel, hab‘ ich denkt.“
Das jugendliche Publikum schrie vor Vergn├╝gen. Er schnitt eine Grimasse: „Hol’s der Teufel,“ wiederholte er zwei-, dreimal.
Jetzt dr├Ąngte die Oberschwester: „Und dann?“
„Dann – ja dann hat mit eine Frau ein Paar Schuhe geben. Jetzt haben die auch wieder nit g’halten. Wenn s‘ mich gar so brennt haben, die F├╝├č‘, hab‘ ich an den Stern von Bethlehem denkt, dem die heiligen drei K├Ânig‘ nach sind bis hin zum Christkindl. Da hab‘ ich denkt, was die heiligen drei K├Ânig‘ k├Ânnen, das muss doch der Fritzl auch k├Ânnen.“
Schwester K├Ąthchen streichelte ihm die Wangen: „Dass du alles so sch├Ân behalten hast, was ich dir vom Christkind erz├Ąhlt.“
Er machte ein h├Âchst pfiffiges Gesichtchen: „Will dir’s verraten – nit ein einziges Mal hab‘ ich g’stohlen – und wei├čt warum? Dass mich halt `s Christkindl daf├╝r bei dir lasst. – Glaubst, `s ist so g’scheit?“ setzte er fragend hinzu.
Schwester K├Ąthchen setzte noch in der gleichen Stunde eine frische Haube auf und nahm ihren Kragen um. Spornstreichs ins Schloss rannte sie. – Die Landesherrin hatte sich der allzeit heiteren Schwester von jeher gn├Ądig gezeigt. Es verging keine Woche, ohne dass die hohe Frau das Armenheim besuchte. Als sie Schwester K├Ąthchen, nachdem ihr der Fritzl entrissen worden war, mit rotgeweinten Augen antraf, musste das M├Ądchen beichten, und von diesem Augenblick an wurde sie erst recht von der Landesherrin ausgezeichnet. Zu ihr nun eilte Schwester K├Ąthchen. Und kam selig und strahlend von ihrem Wege zur├╝ck. Eben trat der Polizeiagent mit der Oberschwester aus der Kinderstube.
„Schwester, Schwester,“ schrie der an allen Gliedern zitternde Kleine der Eintretenden entgegen, „er will mich wieder fortnehmen – o Schwester, wie war der Weg so weit – und jetzt seh‘ ich ihn am End‘ doch nit, den drei heiligen K├Ânigen ihren Stern . . . “
Da kniete sie neben ihm hin: „F├╝rcht‘ dich nicht, Fritzl, sei froh, es darf dich keiner mehr von hier wegnehmen. Ich hab’s f├╝r dich in der Tasche zum Weihnachtsgeschenk. Fritzl bleibt unser Kind. Darfst es aber dem Christkinde nicht verraten, dass ich dir’s vorher gesagt hab‘.“
Er l├Ąchelte, indem er tief, wie von einer schweren Last befreit, aufatmete. Schon im n├Ąchsten Augenblick schlief er, seligen Frieden auf dem blassen, von Leiden und Entbehrungen so hart gezeichneten Kindergesicht.

Hermine Villinger 

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