Ich vertraue dir nicht - das Buch zum erlernen von Vertrauen

Sie taugt nichts – ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen

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Sie taugt nichts - ein MĂ€rchen von Hans Christian Andersen
Novellen - Kurzgeschichten - BĂŒcher - Daniela Noitz

Der Stadtvogt stand am offenen Fenster. Er hatte ein Oberhemd an und eine Brustnadel in der Hemdkrause stecken und war außerordentlich gut rasiert, das hatte er eigenhĂ€ndig getan und sich dabei nur einen kleinen Schnitt zugezogen, doch ĂŒber diesen hatte er ein StĂŒckchen Zeitungspapier geklebt.

„Hörst Du, Kleiner“ rief er.

Der Kleine war aber niemand anderes als der Sohn der Waschfrau, der eben vorbeiging und ehrerbietig seine MĂŒtze zog. Der Schirm war geknickt und auch sonst war sie nach und nach so eingerichtet worden, daß man sie in die Tasche stecken konnte. In seinen Ă€rmlichen aber sauberen und durchaus ordentlich geflickten Kleidern und den schweren Holzschuhen stand der Knabe ehrerbietig da, als ob er vor dem Könige selber stehe.

„Du bist ein guter Junge“ sagte der Stadtvogt, „Du bist ein höflicher Junge Deine Mutter spĂŒlt wohl WĂ€sche unten am Fluß. Dahin sollst Du wohl auch mit dem, was Du in der Tasche hast. Das ist eine schlimme Sache mit Deiner Mutter. Wieviel hast Du da?“

„Ein halb NĂ¶ĂŸel,“ sagte der Knabe mit erschreckter, halb leiser Stimme.

„Und heute morgen bekam sie ebenso viel,“ fuhr der Mann fort.

„Nein, gestern war es“ antwortete der Knabe.

„Zwei halbe geben ein ganzes. – Sie taugt nichts. Es ist traurig mit dieser Volksklasse. – Sag Deiner Mutter, sie sollte sich schĂ€men. Und werde nicht auch zum Trunkenbold, aber das wirst Du ja doch. – Armes Kind.  – Geh nun.“

Und der Knabe ging; die MĂŒtze behielt er in der Hand und der Wind blies durch sein blondes Haar, so daß es sich in langen StrĂ€hnen aufrichtete. Er ging um die Straßenecke in das GĂ€ĂŸchen zum Flusse hinab, wo die Mutter draußen im Wasser neben der Waschbank stand und mit dem WĂ€scheklöpfel auf das schwere Leinen schlug. Es war starke Strömung im Flusse, denn die Schleusen der WassermĂŒhle waren geöffnet. Die Laken wurden vom Strome fortgetrieben und rissen fast die Waschbank mit sich; die Waschfrau mußte sich krĂ€ftig dagegenstemmen.

„Ich bin nahe daran, fortzuschwimmen.“ sagte sie, „es ist gut, daß Du kommst, denn eine Hilfe tut den KrĂ€ften schon not! Es ist kalt hier draußen im Wasser; sechs Stunden habe ich schon hier gestanden. Hast Du etwas fĂŒr mich?“

Der Knabe zog die Flasche hervor und die Mutter setzte sie an den Mund und trank einen Schluck.

„Ach, das tut gut. Wie das wĂ€rmt. Das ist ebenso gut wie warmes Essen, und es ist nicht so teuer. Trink, mein Junge. Du siehst so blaß aus, Du frierst in den dĂŒnnen Kleidern; es ist ja auch Herbst. Hu, Das Wasser ist kalt. Wenn ich nur nicht krank werde. Aber das tue ich nicht. Gib mir noch einen Tropfen und trinke auch, aber nur einen kleinen Tropfen, Du darfst Dich nicht daran gewöhnen, mein liebes armes Kind.“

Sie ging um die BrĂŒcke, auf der der Knabe stand, und trat aufs Land. Das Wasser triefte aus der Schilfmatte, die sie um den Leib gebunden trug und es triefte auch aus ihrem Hemde.

„Ich quĂ€le und placke mich ab, daß mir das Blut fast unter den NĂ€geln hervor spritzt, aber das tut nichts, wenn ich Dich nur ehrlich durch die Welt bringe, mein Kind.“

Im gleichen Augenblick kam eine etwas Ă€ltere Frau, Ă€rmlich an Kleidung und Gestalt. Sie hinkte auf dem einen Bein und trug ĂŒber dem einen Auge eine mĂ€chtige falsche Locke, das sollte von der Locke verdeckt werden, aber das Gebrechen fiel dadurch nur noch mehr in die Augen. Es war eine Freundin der Waschfrau, „Humpelmaren mit der Locke“ nannten die Nachbarn sie.

„Du Ärmste, wie Du Dich quĂ€len und placken und in dem kalten Wasser stehen mußt. Du hast doch wahrhaftig ein bißchen Warmes nötig, und doch mißgönnt man Dir noch den Tropfen, den Du bekommst!“ Und nun war bald des Stadtvogts ganze Rede zu dem Knaben der Waschfrau zu Ohren gebracht; denn Maren hatte das Ganze mitangehört und es hatte sie geĂ€rgert, daß er zu dem Kinde so von seiner eigenen Mutter und von dem Tropfen, den sie zu sich nahm, sprach, wehrend er gleichzeitig große Essen abhielt, bei denen der Wein flaschenweise floß. „Feine Weine und starke Weine werden da getrunken, auch ein bißchen ĂŒber den Durst bei vielen. Aber das nennt man beileibe nicht trinken! Sie taugen etwas, aber Du taugst nichts!“

„Hat er so zu Dir gesprochen, Kind“ sagte die Waschfrau und ihre Lippen bewegten sich zitternd. „Du hast eine Mutter, die nichts taugt. Vielleicht hat er recht, aber dem Kinde hĂ€tte er das nicht sagen dĂŒrfen. Doch von diesem Hause kommt viel ĂŒber mich.“

„Ihr habt ja dort im Hause gedient, als des Stadtvogts Eltern noch lebten und dort wohnten; das ist viele Jahre her. Seit der Zeit sind viele Scheffel Salz gegessen worden, da kann man schon Durst bekommen!“ und Maren lachte. „Heute ist großes Mittagessen beim Stadtvogt, es sollte abgesagt werden, aber es wurde zu spĂ€t, und das Essen war schon fertig. Ich habe es von dem Hausknechte. Vor einer Stunde ungefĂ€hr ist ein Brief gekommen, daß der jĂŒngere Bruder in Kopenhagen gestorben ist.“

„Gestorben“ schrie die Waschfrau auf und wurde totenbleich.

„Aber ja doch“ sagte die Frau. „Geht es Euch so nahe? Nun ja, Ihr habt ihn ja gekannt von der Zeit an, wo Ihr im Hause dientet.“

„Ist er tot! Er war der beste Mensch auf Erden. Unser Herrgott bekommt nicht viele, wie er war.“ Und TrĂ€nen liefen ĂŒber ihre Wangen. „O, mein Gott. Es dreht sich alles vor mir im Kreise. Das kommt, weil ich die Flasche ausgetrunken habe; ich habe es nicht vertragen können. Ich fĂŒhle mich so krank“ und sie lehnte sich gegen einen Bretterzaun.

„Aber Mutter, Ihr seid ja ganz krank“ sagte die Frau. „Seht nur, daß es vorĂŒbergeht! Nein, Ihr seid wirklich krank. Es wird das beste sein, daß ich Euch nachhause bringe!“

„Aber die WĂ€sche hier.“

„Da laßt mich nur machen. Faßt mich unter den Arm. Der Junge kann hier bleiben und solange aufpassen. Nachher komme ich und wasche den Rest. Es ist ja nicht mehr viel ĂŒbrig.“

Und die Waschfrau schwankte auf ihren FĂŒĂŸen.

„Ich habe zu lange in dem kalten Wasser gestanden. Seit heute morgen habe ich weder etwas Warmes noch etwas Kaltes in den Magen bekommen! Ich fĂŒhle, wie das Fieber in meinem Körper sitzt. O, Herr Jesus, hilf mir nachhause. Mein armes Kind“ und sie brach in TrĂ€nen aus.

Der Knabe weinte und saß bald allein am Flusse neben der nassen WĂ€sche. Die beiden Frauen gingen nur langsam, die Waschfrau schwankend, das GĂ€ĂŸchen entlang, sie bogen um die Ecke am Hause des Stadtvogts vorbei, und gerade vor diesem sank sie auf das Pflaster. Die Leute liefen zusammen.

Humpelmaren lief in das Haus um Hilfe. Der Stadtvogt mit seinen GĂ€sten sah aus dem Fenster.

„Das ist die Waschfrau“ sagte er. „Sie hat wohl eins ĂŒber den Durst getrunken; sie taugt nichts. Es ist schade um ihren hĂŒbschen Jungen. FĂŒr das Kind habe ich etwas ĂŒbrig. Aber die Mutter taugt nichts.“

Dann wurde sie wieder zur Besinnung gebracht und in ihr Ă€rmliches Heim gefĂŒhrt, wo man sie auf das Bett legte. Die brave Maren machte ihr eine Tasse warmes Bier mit Butter und Zucker zurecht, eine Medizin, die sie immer fĂŒr die beste hielt. Und dann ging sie zum Flusse hinunter und spĂŒlte schlecht aber mit viel guter Meinung die WĂ€sche, sie zog das nasse Zeug eigentlich nur ans Land und nahm es mit sich.

Am Abend saß sie in der Ă€rmlichen Stube bei der Waschfrau. Ein paar gebratene Kartoffeln und ein prĂ€chtig fettes StĂŒck Schinken hatte sie von der Köchin des Stadtvogts fĂŒr die Kranke bekommen, daran taten sich der Knabe und Maren gĂŒtlich; die Kranke freute sich am Geruche, der so nĂ€hrend wĂ€re, wie sie sagte.

Und der Knabe kam ins Bett, in das gleiche Bett, in dem die Mutter lag, aber er hatte seinen Platz quer zu ihren FĂŒĂŸen und zog einen alten Fußteppich ĂŒber sich, der aus roten und blauen Streifen zusammengenĂ€ht war.

Der Waschfrau ging es ein wenig besser; das warme Bier hatte sie gestÀrkt und der Duft des feinen Essens ihr wohlgetan.

„Dank, Du gute Seele“ sagte sie zu Maren. „Wenn der Junge schlĂ€ft, will ich Dir auch alles sagen. Ich glaube, er tut es schon. Wie sĂŒĂŸ und lieb er doch aussieht mit den geschlossenen Augen. Er weiß nicht, wie schlecht es seiner Mutter geht. Der liebe Gott möge ihm ein anderes Schicksal bescheren! – Als ich bei Gerichtsrats, den Eltern des Stadtvogts diente, traf es sich, daß der JĂŒngste von den Söhnen, der damals Student war, heimkam; damals war ich jung, wild und warmblĂŒtig, aber anstĂ€ndig, das kann ich auch vor Gott getrost behaupten!“ sagte die Waschfrau. – „Der Student war so lustig und fröhlich, ein prachtvoller Mensch. Jeder Blutstropfen in ihm war rechtschaffen und gut. Einen besseren Menschen gab es auf der ganzen Welt nicht. Er war der Sohn des Hauses und ich nur das DienstmĂ€dchen, aber wir wurden uns einig in Zucht und Ehren. Ein Kuß ist doch keine SĂŒnde, wenn man einander richtig lieb hat. Und dann sagte er es seiner Mutter, die fĂŒr ihn der Herrgott hier auf Erden war. Und sie war auch so klug, so liebevoll und so gut. – Dann reiste er fort und setzte mir seinen goldenen Ring auf den Finger. Als er fort war, rief mich meine Dienstherrin in ihr Zimmer. Ernst und doch so mild stand sie da und sprach mit mir, wie der liebe Gott auch hĂ€tte sprechen können. Sie erklĂ€rte mir den Abstand in Geist und Bildung zwischen ihm und mir. Jetzt sieht er noch, wie hĂŒbsch Du aussiehst, aber die Schönheit vergeht! Du bist nicht in dem Stande erzogen wie er, Ihr seid in den Reichen des Geistes nicht gleich, und darin liegt das UnglĂŒck. Ich achte den Armen, sagte sie, bei Gott erhĂ€lt er vielleicht einen höheren Platz als mancher Reiche, aber auf Erden darf man nicht in der verkehrten Spur fahren, wenn man vorwĂ€rts will, sonst schlĂ€gt der Wagen um, und Ihr beiden wĂŒrdet umschlagen! Ich weiß, daß ein braver Mann, ein Handwerker, um Dich gefreit hat, es ist der Handschuhmacher Erik. Er ist Witwer, er hat keine Kinder und steht sich gut; denke darĂŒber nach.“ – „Jedes Wort, was sie sagte, schnitt mir wie ein Messer ins Herz, aber die Frau hatte recht. Und das drĂŒckte mich und lastete auf mir. Ich kĂŒĂŸte ihr die Hand und weinte meine bittersten TrĂ€nen und noch mehr, als ich dann in meiner Kammer war und mich ĂŒbers Bett warf. Es war eine schwere Nacht, die dieser Stunde folgte; der liebe Gott weiß es, wie ich gelitten und gestritten habe. Dann ging ich am Sonntag zum Abendmahl, um innere Klarheit zu finden. Da geschah es wie in einer FĂŒgung, daß ich gerade den Handschuhmacher Erik traf, als ich aus der Kirche kam. Da war es mit meinen Zweifeln vorbei, wir paßten zu einander in Stellung und VerhĂ€ltnissen, ja, er war sogar ein wohlhabender Mann, und so ging ich gerade auf ihn zu, nahm seine Hand und sagte: Sind Deine Gedanken immer noch bei mir? – Ja, ewig und immer werden sie das sein, sagte er. – Willst Du ein MĂ€dchen haben, das Dich achtet und ehrt, wenn es Dich auch nicht liebt? Aber auch das kann wohl noch kommen. – Das wird kommen sagte er, und dann gaben wir einander die Hand. Ich ging heim zu meiner Dienstherrin. Den Goldring, den der Sohn mir gegeben hatte, trug ich auf meiner bloßen Brust, am Tage konnte ich ihn nicht auf meinen Finger setzen, aber jeden Abend, wenn ich mich ins Bett legte, setzte ich ihn auf. Ich kĂŒĂŸte den Ring, daß meine Lippen dabei bluteten. Und dann gab ich ihn meiner Dienstherrin und sagte, daß ich in der nĂ€chsten Woche von der Kanzel herab mit dem Handschuhmacher aufgeboten werden wĂŒrde. Da nahm sie mich in ihre Arme und kĂŒĂŸte mich – sie sagte nicht, daß ich nichts tauge, aber damals war ich vielleicht auch noch besser, obgleich ich noch nicht so viel Widerstand im Leben hatte durchmachen mĂŒssen. Zu Lichtmeß fand dann die Hochzeit statt. Das erste Jahr ging es gut, wir hielten einen Gesellen und einen Burschen, und damals dientest Du auch bei uns, Maren.“

„Ach, Ihr wart mir eine gute Dienstherrin“ sagte Maren. „Niemals werde ich vergessen, wie freundlich Ihr und Euer Mann zu mir waret.“

„Das waren die guten Jahre, in denen Du bei uns warst – Kinder hatten wir da noch nicht. – Den Studenten sah ich niemals mehr. – Doch, ich sah ihn, aber er sah mich nicht. Er kam zu seiner Mutter BegrĂ€bnis. Ich sah, ihn am Grabe stehen, er war kreideweiß und tiefbetrĂŒbt, aber es war um der Mutter willen! Als spĂ€ter der Vater starb, war er in fremden LĂ€ndern und kam nicht her, auch spĂ€ter ist er nicht mehr hier gewesen. Niemals hat er sich verheiratet, das weiß ich; er war wohl Rechtsanwalt. – An mich dachte er nicht mehr und hĂ€tte er mich gesehen, so hĂ€tte er mich wohl nicht mehr erkannt, so hĂ€ĂŸlich bin ich geworden. Und das ist ja auch gut so!“

Und sie sprach von den schweren Tagen der PrĂŒfung, wie das UnglĂŒck geradezu ĂŒber sie hergefallen war. Sie besaßen fĂŒnfhundert Reichstaler, und da in der Straße ein Haus fĂŒr zweihundert zu haben war und es sich gelohnt hĂ€tte, es nieder zu reißen und ein neues zu bauen, wurde das Haus gekauft. Der Maurer und der Zimmermann machten einen Überschlag, wonach das weitere noch eintausendzwanzig Mark kosten wĂŒrde. Kredit hatte der Handschuhmacher, das Geld bekam er in Kopenhagen geliehen, aber der Schiffer, der es bringen sollte, ging unter und das Geld mit.

„Damals war es, daß mein lieber Junge, der hier schlĂ€ft, geboren wurde. – Der Vater fiel in eine schwere langwierige Krankheit. Dreiviertel Jahr lang mußte ich ihn aus- und anziehen. Es ging immer weiter rĂŒckwĂ€rts mit uns; wir liehen und liehen, all unser Eigentum ging verloren und der Vater starb. – Ich habe mich gequĂ€lt und geplagt, habe gestritten und gestrebt um des Kindes willen, habe Treppen gescheuert und WĂ€sche gewaschen, grobe und feine. Aber Gott wollte, daß ich es nicht besser haben sollte, aber er wird mich wohl einmal erlösen und fĂŒr den Knaben sorgen.“

Dann schlief sie ein.

Am Morgen fĂŒhlte sie sich gekrĂ€ftigt und, wie sie glaubte, stark genug, wieder an ihre Arbeit zu gehen. Sie war eben in das kalte Wasser gestiegen, als ein Zittern, eine Ohnmacht sie befiel. Krampfhaft griff sie mit der Hand nach vorwĂ€rts, machte einen Schritt an das Land und fiel dann um. Der Kopf war auf dem Trockenen, aber die FĂŒĂŸe lagen draußen im Fluß. Ihre Holzschuhe, mit denen sie auf dem Grunde gestanden hatte – in jedem von ihnen war eine Strohlage – trieben in der Strömung; hier wurde sie von Maren aufgefunden, die mit Kaffee herunterkam.

Vom Stadtvogt war eine Bestellung zuhause, daß sie sogleich zu ihm kommen möge, er habe ihr etwas zu sagen. Das war zu spĂ€t. Ein Barbier wurde geholt, um sie zur Ader zu lassen; aber die Waschfrau war tot.

„Sie hat sich totgetrunken!“ sagte der Stadtvogt.

In dem Briefe, der die Nachricht vom Tode des Bruders brachte, war der Inhalt des Testaments angegeben und darin stand, daß sechshundert Reichstaler der Handschuhmacherswitwe vermacht waren, die einmal bei seinen Eltern gedient habe. Nach bestem Gewissen sollte das Geld in kleineren oder grĂ¶ĂŸeren Teilen ihr und ihrem Kinde ĂŒbergeben werden.

„Da hat einmal so ein Techtelmechtel zwischen meinem Bruder und ihr stattgefunden!“ sagte der Stadtvogt. „Gut: daß sie aus dem Wege ist, nun bekommt der Knabe das Ganze. Ich werde ihn zu braven Leuten geben, daß ein guter Handwerker aus ihm wird.“ – Und in diese Worte legte der liebe Gott seinen Segen.

Der Stadtvogt rief den Knaben zu sich, versprach, fĂŒr ihn zu sorgen und sagte zu ihm, wie gut es sei, daß seine Mutter gestorben wĂ€re, sie taugte nichts.

Sie wurde auf den Kirchhof gebracht, auf den Armenfriedhof. Maren pflanzte einen kleinen Rosenstrauch auf das Grab – und der Knabe stand an ihrer Seite.

„Meine liebe Mutter“ sagte er und seine TrĂ€nen strömten: „Ist es wahr, daß sie nichts taugte?“

„Ja, sie taugte!“ sagte das alte MĂ€dchen und sah zum Himmel auf. „Ich weiß das seit langen Jahren und seit der letzten Nacht noch mehr. Ich sage Dir, sie taugte. Und unser Herrgott im Himmelreich sagt es auch. Laß die Welt nur ruhig sagen: sie taugt nichts!“

Hans Christian Andersen 
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